Kundenrezension

18 von 22 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Parzingers Skythen - wohlbemerkt, 16. April 2010
Rezension bezieht sich auf: Die Skythen (Beck Reihe Wissen) (Taschenbuch)
Schon mit dem Titel fangen ja die Schwierigkeiten an. DIE Skythen...? Eigentlich falsch. Aber nur mit diesem Titel versteht man, worum es hier gehen soll.
Parzinger kann mit Abstand als "der Skythenspezialist" schlechthin im Rahmen deutschsprachiger archäologischer Forschungsarbeit angesehen werden. Von einem renommierten Archäologen kann man auf jeden Fall Fakten erwarten, deren Korrektheit nicht zu kurz kommen wird. Alles, was über die nomadischen Reitervölker der eurasischen Steppen [so müsste man eigentlich korrekt die Skythen bezeichnen) in irgendeiner Art wissenschaftlich fundiert vorlegbar ist, kann man in diesem kleinen Büchlein komprimiert und doch vielseitig und facettenreich vorfinden. Anspruchsvolles archäologisches Vorwissen kann einem Leser dabei nur zugute kommen. Doch auch ein Laie braucht nicht zurückzuschrecken; Der Autor versteht es, auch die antiken literarischen Texte so viel wie möglich zu Rate zu ziehen, um ein möglichst vollständiges Bild seiner Thematik vorzulegen. Leider folgt er der "guten alten Tradition" in dem er mehr Herodot, als andere schriftliche Quellen zitiert und ein kritischer Leser sollte da aufmerken. Herodot ist gerade aufgrund seiner Sonderstellung als "Vater der Geschichtsschreibung" mit besonderer Vorsicht zu genießen, denn vor allem er vermischt gern Mythos und Wahrheit, wie jede andere antike Quelle auch. Die Herodotlastikeit der Zitate mag einen kleinen, kritischen Nörgler wie mich natürlich muffelig stimmen. Doch selbst Archäologie ist nimmer bare Münze, dahinter stehen ebenfalls interpretierende, wenn auch qualifizierte Menschen.
Meiner Meinung nach geht Parzinger völlig korrekt vor, indem er Überblickartig einen Abriss aller verfügbaren Daten über Skythen liefert, die man Schriftquellen entnehmen kann. Als Ausgräber verschedener Grabstäten skythischer Fürsten weiß er aus eigener Erfahrung zu berichten. Karten haben mir allerdings gefehlt, zwei an den Innenseiten des Umschlags fand ich einfach zu wenig in Anbetracht dessen, welche Zeiten und Räume der Autor differenzieren muss - vom 2. Jt. v. Chr. und den Alt-Vorderorientalischen Gesellschaften Mesopotamiens bis zu den Warägern des Frühmittelalters und der Kiewer Rus hat sich im betrachteten Teil der Welt eine Menge getan.
Anhand einer gelungenen Synthese zwischen Archäologie und Philologie versucht er gar ein annäherndes Bild von materieller und geistiger Kultur, der Gesellschaft und des Habitus der Skythen zu entwerfen; er geht besonders auf Bestattungsriten und Austattung von Grabstätten ein, was auch zu seinem Hauptforschungsgebiet gehört.
Bei allen neu gewonnenen Ansichten muss der Themenkreis um "die Skythen" jedoch als nach wie vor sehr problematisch konstatiert werden - vieles lässt sich nicht miteinander vereinbaren, wie so oft, die Textquelle mit dem archäologischen Befund, und das archäologische, materielle Faktum mit dem sogenannten gesunden Menschenverstand. An den Skythen stoßen sich verschiedene Gesellschaftsmodelle, zwei Extreme: Nomadentum und Hochkultur. Wie konnten umherziehende Viehzüchter hochwertige Kunstwerke aus Gold und Edelsteinen im charakteristischen, originell ästhetischen Tierstil erschaffen, um ihre Fürsten so prächtig auszustatten? Kunstsinn, Kunsthandwerk, Know-How und saisonaler Nomadismus? Eine endlose Reihe von Widersprüchen und doch Tatsachen, die für sich sprechen. Die wissenschaftlichen Geister scheiden sich da in ihren Meinungen ebenso, wie mit ihrem Kulturbegriff. Ungelöste Rätsel jedoch bleiben...
Das Buch ist auf jeden Fall ein aussagekräftiger, fundierter Überlblick, führt sowohl in die Problematik ein, als auch in die gesicherten Ergebnisse intensiver, interdisziplinärer Forschungsarbeit und verdient meine 4 Sterne; die Punkte, die ich besonders problematisch finde, habe ich angesprochen und vor dem Hintergrund der gelungenen Konzeption des Buches, die ich nur loben kann, stellen sie Grundsatzprobleme der Forschung dar, und nicht des Stoffes an sich.
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1-1 von 1 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 17.04.2010 10:42:36 GMT+02:00
Rheinfranke meint:
Zitat: "Alles, was über die nomadischen Reitervölker der eurasischen Steppen [so müsste man eigentlich korrekt die Skythen bezeichnen).."

- Das stimmt nicht, denn in diesem Büchlein geht es nicht um Hunnen, Awaren, Gök-Türken, Chasaren, Magyaren, Polowzer, Petschenegen, Mongolen und alle anderen ural-altaischen Nomadenvölker, sondern nur um Skythen und frühe Sarmaten.
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