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12 von 25 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Streitbares Nachdenken über Gott und die Vernunft, 27. März 2008
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Rezension bezieht sich auf: Der aufgeklärte Gott: Wie die Religion zur Vernunft kam (Taschenbuch)
"Der aufgeklärte Gott" ist eine gelungene Streitschrift, ungestüm angriffslustig und leidenschaftlich vernünftig. Kissler nimmt die Attacke der so genannten Neuen Atheisten als Steilvorlage auf, geht temperamentvoll zum Gegenangriff über, beschwört offensiv die Liaison von Religion und Vernunft, schmettert damit die ganz anders lautenden Thesen zurück, die Dawkins und Co. KG mut- und böswillig in den Ring der Weltanschauungskämpfe geworfen haben. Nein, nach diesem Buch kann keiner mehr behaupten, dass Religion Wahn oder Verblendung oder zumindest reichlich unvernünftig sei. Der Konter überzeugt und bringt jenen Atheismus deutlich in Erklärungsnot, der sich für allein vernünftig ausgibt.

Schon die begriffliche Klarstellung am Anfang, was nicht alles vernünftig oder unvernünftig genannt wird oder wurde, ist sehr erhellend und löst über manche Äußerungen der Vernunftgläubigen bei mir jetzt ein heiteres Schmunzeln aus. Denn auch was als vernünftig gilt, ist eben sehr relativ. Und sehr historisch bedingt.

Gediegen, kenntnisreich und konstruktiv die historisch gesponnenen Fäden der Christentums- und Religionskritik seit dem Altertum: die schon antiken Vorwürfe gegen das Judentum, die Glaubenskritik des Philosophen Celsus (nichts ist neu bei den neuen Atheisten), die Antworten eines Justin oder Augustin ("zwei Köpfe für ein Halleluja"), Reformation, Aufklärung (Lessing und Goeze in neuer Bewertung), Romantik und Bürgertum.

Immer wieder gibt es kluge Beobachtungen: Wussten Sie zum Beispiel, dass Atheismus immer schon einen Hang zu latentem oder offenkundigem Antijudaismus hatte, weil mit Moses angeblich das Unheil des Monotheismus über die Welt kam? Inklusive im übrigen Schillers Darstellung von Moses (aber Schiller entschuldigt immerhin die frühe Geburt, dass nämlich die Hieroglyphen damals noch nicht lesbar waren).

Positiv finde ich, dass Kissler in seinem furiosen historischen Abriss nie die Gegenwart aus den Augen verliert, sondern immer Bezüge zum Heute schafft. Mehr noch, dass er sich nicht nur negativ mit der Religionskritik auseinandersetzt, sondern dass er positiv darstellt, wie Judentum und Christentum von Anfang an mit der Vernunft nicht nur keine Schwierigkeiten hatten, sondern die Vernunft und die philosophischen Auseinandersetzung gesucht und gefunden und geführt haben. Religion und Vernunft in einem Boot.

Der historische Durchgang endet in aktuellster Literatur (Gotteswahn, Der Herr ist kein Hirte, Wo bitte geht's zu Gott? u.a.). Die Auseinandersetzung ist heftig konsequent, klar und verständlich.

Und am Ende stehen zwei Bonbons. Die letzten beiden Kapitel sind eigenständiges, bestes Feuilleton und können gerne als Appetithappen vorab gelesen werden:
"Richard Dawkins und ich: 26 Minuten auf dem blauen Sofa", eine Erzählung, wie Kissler Dawkins zu interviewen hatte und was aus der Begegnung zu folgern ist.
"Die 'Neuen Atheisten' und die Zukunft der Vernunft", eine kritische Auseinandersetzung mit dem utopischen "heidnischen Ideal vom einfachen und rationalen Weg zur Vollkommenheit" und ein Plädoyer für eine "neue Allianz von Vernunft und Glaube - von jenem Glauben, der der Vernunft sich öffnet, weil er sie in sich trägt, und von jener Vernunft, die den Glauben verstehen will, weil auch sie aus Freiheit geboren ist und Wahrheit sucht."

Es gibt kleinere Ungenauigkeiten zu vermerken. Z.B.: es bleibt letztlich unklar, welche Meinung der Autor zum Antimodernismusstreit hat. Oder: Schleiermacher wird zu einseitig mit der Verbürgerlichung des Protestantismus verknüpft - hat er doch gerade einen sehr vernünftigen (!) Ausweg aus dem Dilemma zwischen aufklärerischem Moralismus und orthodoxem Dogmatismus gesucht und gefunden (überhaupt kommt der Protestantismus etwas zu schlecht weg). Und: Der Satz "Ich glaube, hilf meinem Unglauben" stammt nicht von Paulus, sondern vom Vater des fallsüchtigen Knaben (Markus 9).

Ferner gibt es einige Schnellschlüsse, z.B.: führt der Versuch der Aufklärungstheologen, modern zu glauben, wirklich zwingend in die Sackgasse des Unglaubens? Oder: Sind die eingestreuten apokalyptischen Prognosen wirklich zwingend logisch? Oder wird Kissler Hans Küng wirklich gerecht?

Diese Schnellschlüsse und Ungenauigkeiten sind zwar im Eifer des Gefechts erklärbar, bedeuten für mich dennoch einen Stern Abzug.

Alles in allem ist es also ein ausgesprochen gelungenes und lesenswertes Buch. Wer mitreden will im jetzt recht fetzig gewordenen Diskurs über Atheismus und Religion, sollte das Buch meines Erachtens kennen, auch als Atheist - und nicht nur die zu erwartende Rezension des humanistischen Pressedienstes der Giordano-Bruno-Stiftung.

P.S. Der Autor ist mehrfach angeregt durch J.K. Chesterton. Chesterton, der Erfinder des tiefsinnigen Father Brown (Achtung, das Original Father Brown hat mit den Pater-Brown-Filmen mit Heinz Rühmann wenig zu tun!), ist eine Entdeckung wert - einige seiner Zitate im Buch bringen Wahrheiten genial konzentriert auf den Punkt. Meines Erachtens ist er weit interessanter als der berühmtere C.S. Lewis und lohnt zum Weiterlesen (Literatur von Chesterton gibt es bei amazon ...).

P.P.S. Dass es durchaus einen vernünftigen (!) Diskurs geben kann zwischen (von Freud her kommender) Religionskritik und Religion, belegt etwa der Sammelband "Religion und Politik im Zeichen von Krieg und Versöhnung" von Manfred Zimmer (zur Frage von Religion und Gewalt, siehe Religion und Politik im Zeichen von Krieg und Versöhnung: Beiträge und Materialien zur Jahrestagung der Internationalen Erich-Fromm-Gesellschaft, Bad Marienberg/Westerwald, 27. bis 29. Mai 2005). Denn der Diskussion mit ihren Kritikern hat sich die Religion natürlich zu stellen.
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1-6 von 6 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 29.03.2008 12:21:30 GMT+01:00
kpoac meint:
habe an anderer Stelle ebenso die Empfehlung. Werde wohl zugreifen.
Nun eine Empfehlung zurück (etwas anderes gelagert, weniger Kritik als Übernahme biblischer Mythen und Deutungen in die Literatur)
ISBN-10: 3518580868
Die heiligen Wahrheiten stürzen: Dichtung und Glaube von der Bibel bis zur Gegenwart
bei Amazon

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 29.03.2008 15:09:32 GMT+01:00
helmpr. meint:
Danke, hochinteressant - werde es weiter verfolgen.

Veröffentlicht am 29.03.2008 21:42:58 GMT+01:00
Zuletzt vom Autor geändert am 29.03.2008 21:43:27 GMT+01:00
kpoac meint:
es freut mich, dass Sie es interessant finden. Im übrigen schätze ich Ihre Kommentare, leider sind sie mit der Löschung der Ferkelrez auch untergegangen.
Stelle auch fest, dass Sie in alter humanistischer Tradition von der Antike bis zur Neuzeit bewandert sind. Möchte nicht anmaßend sein in Empfehlungen, aber eine mit einer neuen Sichtweise könnte Sie auch interessieren:
Die Zukunft der Religion

Prüfet alles, behaltet das beste. Nehmen wir Paulus Brief an die Thess als Motivator.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 02.04.2008 21:45:53 GMT+02:00
[Vom Autor gelöscht am 05.04.2008 00:16:37 GMT+02:00]

Veröffentlicht am 29.04.2008 09:56:06 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 29.04.2008 09:57:10 GMT+02:00
helmpr. meint:
Zur Information:
Aufmerksame Leser/innen könnten bemerkt haben, dass ich meine Rezension fundamental überarbeitet habe. Ich hatte sie nach der Lektüre ziemlich schnell gestrickt, weil ich vom Buch begeistert war - und nun erst habe ich Zeit gefunden, sie inhaltlich zu füllen und differenzierter anzulegen, auch was den Stern-Abzug anbelangt.
Dafür bitte ich um Verständnis.
Aber vor allem: viel Freude oder zumindest viel Anregungen durch das Buch selbst!
W.Th.H.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 29.04.2008 23:28:24 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 29.04.2008 23:42:16 GMT+02:00
kpoac meint:
Interessante und lesenswerte Ergänzung, bin noch nicht zum lesen des Buchs gekommen, Spaemanns Moral in Grundbegriffen hat abgehalten. (werden Sie kennen)
Zum Ferkel: ich las Ihre vermutliche gewollt ironische Glosse als Hoch auf die Naturwissenschaft mit Vergnügen ;-)

Ihnen einen schönen Abend

PS
da Sie Spass an Sprache und Philosophie haben - ein kleines Essay
http://www.amazon.de/review/R3KG0DC2NIRFU2/ref=cm_cr_rdp_perm
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