Kundenrezension

5 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Für die Ewigkeit, 10. Januar 2011
Rezension bezieht sich auf: Requiem (Audio CD)
Einen "Fall für die Ewigkeit" nannte Wolfram Goertz in der ZEIT vom 20. April 2000 dieses Mozart-Requiem unter Hermann Scherchen von 1958: "Das Tuba Mirum hört man mit einem Kloß im Hals. Das Rex Tremendae zwingt einen nieder. Im Recordare wird man von Scherchen mit allem Trost, der Musik zu Eigen sein kann, wieder aufgerichtet." In den späten 1990er Jahren waren zahlreiche bedeutende Aufnahmen von Scherchen in der "Millennium Classics"-Reihe im Handel - inzwischen sind diese Veröffentlichungen leider nur noch in Antiquariaten erhältlich.

Was ist dran an diesem Dirigenten, der zu Lebzeiten als cholerischer Workaholic bekannt war und sehr kontrovers wahrgenommen wurde, unermüdlich im Einsatz für die Avantgarde, und bald nach seinem Tod in Vergessenheit geriet? Seine Schallplatten verschwanden vom Markt, als die kleine Firma Westminster sich 1965 auflöste und niemand ihre Hinterlassenschaft übernehmen wollte. Scherchen wurde zum Geheimtipp für Enthusiasten. Die meisten seiner Aufnahmen wurden erst auf CD wieder in kleinen Auflagen zugänglich gemacht.

Das Beiheft zu diesem Requiem schildert einige Jugenderlebnisse des aus bescheidenen Verhältnissen stammenden Musikers, dessen Ausbildung sich auf Geigenunterricht beschränkte, und führt uns schlagartig etwas vor Augen, was wir uns kaum vorstellen können: Scherchen gehört noch zu einer Generation, die ohne Radio und Schallplatte aufgewachsen ist. Um Musik zu hören, musste man Konzerte besuchen - das dürfte für den Sohn eines kleinen Berliner Kneipenwirts nicht allzu oft möglich gewesen sein. Um Musik genauer kennen zu lernen, musste man sie selbst spielen und Partituren lesen. Aber gedruckte Noten waren teuer. Der neunjährige Scherchen bekam von Bekannten einen Stimmensatz von Mozarts d-Moll-Klavierkonzert geschenkt und schrieb sich daraus selbst eine Partitur. Mozarts Klarinettenkonzert arrangierte er sich für Violine und Klavier, um es selbst spielen zu können. Scherchen musste sich seinen Zugang zur Musik hart erarbeiten, ohne bildungsbürgerliches Elternhaus und größtenteils ohne Lehrer, nur mit seinem Talent ausgestattet, und er tat es mit einer unbändigen Energie und unerschütterlichen Disziplin, die ihm - mit Arnold Schönbergs Hilfe - den Aufstieg vom Kaffeehausgeiger zum Dirigenten ermöglichte. So hat er als solcher nie einfach das nachgemacht, was er von anderen hörte. Seine Aufführungen folgten keiner Tradition. Hatte er als Kind Musik vor allem durch das Abschreiben von Partituren kennen gelernt, so hat das gewiss lebenslang eine intensive Konzentration auf den Notentext geprägt. In seinem Lehrbuch des Dirigierens von 1929 (bis heute ein Klassiker) fordert Scherchen vom Dirigenten, sich allein aus der Partitur, ohne alle Hilfsmittel, eine Idealvorstellung von der Musik zu bilden, sie innerlich zum "idealen Leuchten" zu bringen. Und Musik hatte für Scherchen eine absolut existenzielle Bedeutung: Musik ermöglichte ihm den Ausgang aus den beengten Verhältnissen seiner Herkunft und den Zugang zu einer geistigen Welt. Scherchens beste Aufführungen zeichneten sich in all ihrer unsentimentalen Strenge durch eine ungeheure Intensität aus.

Auch Scherchens Lesart von Mozarts Requiem irritiert, weil sie sich keiner Schulrichtung zuordnen lässt. Sie entspricht weder dem, was man in den 50er Jahren gewohnt war, noch dem heute zunehmend als unhinterfragbare Norm geltenden "Originalklang"-Stil. Auf Anhieb überraschen vor allem die extremen Tempi: Der Introitus ist unglaublich langsam, das Dies irae furios schnell. Dabei ist der Klang, gemäß Scherchens Devise "Alles hörbar machen", ausgesprochen schlank und transparent, niemals auf vertikale Masse, sondern immer auf lineare Spannung ausgerichtet - und deshalb werden auch die gewagtesten Tempodehnungen niemals langweilig. Das Recordare beispielsweise dauert siebeneinhalb Minuten - das sind sage und schreibe zwei Minuten mehr als bei Karajan 1962, und doch merkt man gar nicht, dass es langsam ist.

Sicher kam es Scherchen zugute, dass die Mitwirkenden überwiegend junge Leute waren: Der Wiener Akademie-Chor bestand aus Gesangsstudenten, das "Orchester der Wiener Staatsoper" größtenteils aus Musikern von der Volksoper, wo Berufsanfänger in Wien damals ihren ersten Arbeitsplatz fanden. Mit ihnen konnte Scherchen seine unkonventionellen Ideen sicher besser realisieren als mit routinierten Traditionalisten. Unter den Solisten beeindruckt insbesondere Sena Jurinac, aber auch die weniger prominenten anderen Sänger (Lucretia West, Hans Löffler, Frederick Guthrie) singen mit Geschmack und Charakter.

Der Gesamteindruck dieser Interpretation ist absolut außergewöhnlich: Die Musik klingt ungemein schwer und ernst - und doch niemals schwerfällig und träge, sondern überirdisch schwebend und vergeistigt. Übrigens hat Scherchen sich sehr wohl ausgiebig mit historischen Quellen zur Aufführungspraxis des 18. Jahrhunderts beschäftigt. In allen Lehrbüchern aus jener Zeit steht übereinstimmend: Kirchenmusik ist mit großer Ernsthaftigkeit zu spielen. Der Marxist Scherchen, der fest an den Fortschritt glaubte, wird dieser Forderung gerecht.
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Kommentare

Von 1 Kunden verfolgt

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1-3 von 3 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 12.12.2013 22:07:28 GMT+01:00
vattaunsa meint:
Dieser Kommentar gehört nicht zur historischen Aufnahme von Hermann Scherchen, sondern zu der von 2011 mit den New Siberian Singers unter Teodor Currentzis. Die hat auch Wolfram Goertz besprochen, u.a. am 16.4.2011 in der RP http://goo.gl/kcgRtl

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 19.12.2013 14:23:28 GMT+01:00
Damit meinen Sie aber nicht diese Rezension von Henning Böke, sondern die weiter oben stehende von "sagittarius". Amazon scheint hier ein veritables Zuordnungschaos angerichtet zu haben, da alle diese Rezensionen unter der Bruno-Kittel-CD der DG stehen.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 14.01.2014 09:31:39 GMT+01:00
Sagittarius meint:
Genau ,ist wieder mal eine Spitzenleistung, alles durcheinander zu bringen.
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