Kundenrezension

10 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Verkanntes Meisterwerk!, 22. September 2009
Rezension bezieht sich auf: Their Satanic Majesties Request (Audio CD)
Es gibt ungefähr fünf Menschen auf der Welt, die an den Stones etwas anderes noch mehr schätzen als das allseits Geschätzte; und einer davon bin ich. Natürlich liebe ich auch deren „normalen“ Output; also die Richards-Riffe; die starren Geradeaus-Rock-Felsen im Ozean der Musikgeschichte. Vor allem in mein Herz geschlossen habe ich die Anfänge der Band mit Brian Jones an einer göttlich gespielten Mundharmonika (Man höre nur einmal „Look What You've Done“). Aber noch mehr verinnerlicht hat sich bei mir das geniale psychedelische Experiment von 1967, das von vielen (nicht zuletzt von den Stones selbst) heute verachtete „Their Satanic Majestis Request“.

Damals, Ende der Sechziger Jahre, war mein 10 Jahre älterer Bruder ein Rolling-Stones-Fan, der es ablehnte, Musik der Beatles auf sein Spulentonband der Serie „Smaragd, BG 20“ zu integrieren (na ja, „Let it be“ und „The Ballad of John and Yoko“ schafften es irgendwie). In der DDR war es sehr schwer, an diese Musik zu kommen, wenn man sie nicht gerade aus dem West-Radio mitschnitt. So hatte mein Bruder leider nur zwei vollständige Scheiben der Stones auf Tonband, und es waren jene des Jahres 1967. „Between The Buttons“ und „Their Satanic Majestis Request“ prägten sich für immer in mein Ohr, in mein Denken, in mein Herz. Obwohl: Die Quelle meines Bruders war hier nicht die jeweilige Original-LP, sondern eine andere Tonband-Überspielung; eine sogenannte ping-pong-Tochter als fünfzigste Kopie der fünfzigsten Kopie, weitergereicht von DDR-Musikliebhaber zu DDR-Musikliebhaber. Die Qualität war grausam: Beinah keine Höhen mehr zu hören, alles ein dumpfer Brei. Mir, dem Kind, machte das nichts aus. Es war eine Zauber-Klangwelt, in die ich mich versetzen konnte; eine Hexensuppe, aus der bald dieses, bald jenes an die Oberfläche meiner akustischen Wahrnehmung trieb. Und märchenhaft verflocht sich alles mit allem: Der Titel „Citadell“ gab mir die akustische Untermalung zum Digedags-Mosaik-Comic NR. 83 vom Oktober 1965, in dessen Handlung die Helden der Serie, die Digedags, mit einer frühen, nicht funktionierenden Flugmaschine unbefugt in die Magdeburger Zitadelle eingedrungen waren. Als ich 1984 dann erstmals Magdeburg (aus Anlass des Kirchentages) besuchte, war ich richtig traurig; dass die Amerikaner die Zitadelle nach 1945 gesprengt haben. Das die Stones hier natürlich And Warholes berühmte Wohn-Festung in New York besingen – woher sollte ich als Kind dies erfahren haben?

Sicher; die Platte ist nicht perfekt. Die Rhythmen holpern; statt der Stones selbst spielen allzu oft Gastmusiker, Richards bekommt an der Gitarre beinah nichts mehr zustande; sodass Dave Mason aushelfen muss. Brian Jones spielt schon lange keine Gitarre mehr im Studio. Den Kampf an diesem Instrument gegen Keith hat er verloren; also zieht er sich auf ein Territorium zurück; das jenem verschlossen bleibt: Harfe, Sitar, Dulcimer (eine Art Zither), diverse indische Klangkörper …
Viele werden jetzt empört aufschreien oder aufhören zu lesen, ab für mich ist "Their Satanic Majestis Request!" mit Abstand die beste Platte der Rolling Stones und mit Sicherheit die letzte, auf der diese Band jemals experimentierte und fortschrittlich, teils sogar avantgardistisch dachte und arbeitete. Danach kam, mit "Beggars Banquet" ein großes Kunstwerk heraus, aber dies war dann leider auch der definitive Rückzug in die sicheren Gefilde des Blues- und Countryrock unter sehr langsamer, aber Jahr für Jahr deutlicherer Verflachung (dies allerdings auf hohem Niveau).

Zugegeben, es ist eher eine Plate für Psychedelic-Freaks und Science-Fiction-Fans als für den durchschnittlichen Rockkonsumenten. Mit dem Satanic-Kram als zeitgemäßes Image wollte man wohl eher so eine Art Identitäts-Hilfe für das Album aufbauen zur (eigentlich albernen) Sgt.Pepper-Pseudo-Gebrochene-Herzen Blaskapellenband, die uns die Beatles einreden wollten. Die sind die Guten, also müssen wir die Bösen sein - das war ja von Anfang an das Motto der Stones bzw. die Strategie ihres Managers Andrew Oldham . Ernstgemeint war das jedenfalls nicht Natürlich ist "Satanic" inspiriert von "Sgt. Pepper"- aber solchen Tralala-Durchschnitt wie "When I'm Sixty Four", "Good Morning" oder "Lovely Rita" enthält es nicht - so kann man es nämlich AUCH sehen. Noch mehr inspiriert scheint mir die Platte vom gerade erschienenen Meisterwerk von Pink Floyd "The Piper At The Gates Of Dawn" (Astronomie Domine und vor allem Interstellar Overdrive) und überhaupt der Science-Fiction-Welle der Zeit am Vorabend der (sogenannten) ersten Mondlandung. Natürlich wird der "normale" Rolling Stones-Fan mit dieser Platte kaum etwas anfangen können und nur schwer einsehen wollen, warum "Their Satanic Majestic Requests" das mit Abstand beste, weil visionärste und künstlerisch ambitionierteste Album der Band ist ...

Bereits 1966 fingen die Stones (natürlich beeinflußt von den Beatles) an, mit barocken Klängen zu experimentieren (Cembalo bei Lady Jane, Right On Baby, Con Le Mie Lacrime); Klassische Gitarren (Sittin` On a Fence) und wagten sich mit mit "Paint It, Black" und "Cool, Calm & Collected" an asiatische Klänge (Brian spielt die markante Melodie doch eher auf seinem elektrisch verstärkten Dulcimer, anstatt der so oft beschworenen, nur im Hintergrund abgemischten Sitar). Diese Tendenzen wurden auf "Satanic" zur höchsten Form weiterentwickelt - aber damit auch abgeschlossen. Diese Platte hätte die große Chance für Brian Jones werden können, wenn sogar Bill Wyman mit 'Another Land' einen selbstgeschriebenen Titel darauf unterbrachte (Jagger und Richards hatten nicht genug Material zusammen, saßen kurzzeitig wegen Drogenbesitzes im Gefängnis und hatten enervierende Gerichtstermine). Doch der overdresste Hippie par excellance, Lewis Brian Hopkin Jones, blieb den Sessions über weite Strecken fern und gab später an, dieses vermeintliche Sergeant-Pepper-Plagiat nicht zu mögen und eher ein Fan der Blues-Reunion im Stil von Cream, CCR oder der frühen Fleetwood Mac zu sein. Er begnügte sich, abgesehen vom Mellotron bei 'We Love You' (der Single zum Album) nebst dem Einsatz von Blasinstrumenten und einer Harfe mit dem "Herumalbern auf asiatischen Instrumenten" (so der Moll-Akkord-Vermeider Ian Stewart, Pianist und Stones-Gründungs-Mitglied).

Die Stones selbst und beinah die gesamte Musik-kritische Fachwelt bewerten die beiden Alben von 1967 heutzutage ja ziemlich vernichtend; aber für mich waren und blieben sie zwei der besten Alben aller Zeiten und Gruppen überhaupt. Letztmalig wagten sich die Stones hier an Experimente; und mit '2000 Light Years From Home' lieferten sie zumindest ein Resultat ab, an dem Stockhausen und Holst ihre Freude gehabt hätten. 'She`s A Rainbow' bezaubert noch immer durch ein wunderbar verträumtes Klavier und seine verspielte Melancholie; und im Instrumental-Teil von 'Gomper' erzählt uns Brian Jones ausführlich von seinen Marokko-Trips. Ich denke, er hat hier auch einige von ihm in Joujouka auf seinem Uher-Spulentonband mitgeschnittene Sequenzen der Musik der Dorfbewohner eingeflochten. Harfen, ein verträumtes Piano, asiatische Percussions-und Saiteninstrumente, elektronische Verfremdungen und Weltraumsimulationen machen diese Platte zu einem Geheimtip!

Wyman wurde bei seinem Song "In Another Land" und den beiden anderen, beinah ebenso guten, aber leider von den Stones nicht verwendete Songs "Shades Of Orange" und "Loving, Sacred Loving'", die er für dieses Album komponierte und mit den oder zumindest einigen Stones von Ronnie Laine nebst Steve Marriott von den Small Faces unterstüzt; bei 'In Another Land' hatten dann Jagger und Richards den Refrain 'nachgebessert'. 'Was this some kínd of joke?" singt Jagger verärgert; und wir können erahnen, dass dies der nunmehr unvermeidbaren Tatsache eines Wyman-Songs auf einem Stones-Album galt. Allerdings, und das macht nachdenklich, steuerten die markanten spielerischen Highlights nicht die Stones selbst, sondern Gastmusiker wie Nicky Hopkins (früher oft bei den Kinks am Piano zu hören, hier spielt er das Cembalo; das Klavier bei 'She`s A Rainbow, das präparierte Klavier bei '2000 Light Years From Home"), und John-Paul Jones, der spätere Led-Zeppelin-Mann (die Streicher-Arrangements und das Mellotron bei "2000 Lightyears" bei. Man sollte sich das Album allerdings selbst neu erfinden und den atonalen, schlampig erdachten und schlampig gespielten Tiefpunkt der Platte "Sing This All Together (See What Happens)" an das Ende derselben versetzen und statt seiner die Single '"We Love You"' und deren B-Seite '"Dandelion'" einfügen (beide Titel enthalten John Lennon und Paul McCartney als Backround-Sänger).

"On With The Show" gehört für mich eher zu den wenigen, echten Schwachpunkten der Scheibe. Als ich Ende der 70er Jahre zum Genesis-Fan wurde; und "The Ballad Of The Decomposing Man" auf Steve Hacketts genialer Solo-Platte "Spectral Mornings erstmals hörte, dachte ich sofort; dass da jemand einen Song aufgenommen hat, der mich sofort an "On With The Show" erinnerte. Alles verflocht sich mit allem!

Ergänzen kann man sich die CD mit den dann abschließenden Bonus-Tracks '"Shades Of Orange"', "'Loving, Sacred Loving" (Nicky Hopkins spielt Cembalo, Charlie Watts trommelt auf indischen Klangkörpern; und Bill singt selbst, wie man als Kenner unschwer bemerkt; zu finden auf der endlich wieder veröffentlichten Scheibe der von Wyman produzierten Band „The End. Diese wurde 1967 eingespielt, aber erst 1969 auf LP herausgebracht – und galt dann als bereits hoffnungslos musikalisch überholt vom Woodstock-Klang“) und der alternativen Fassung von "Sing This All Together (See What Happens)" namens "Cosmic Christmas". Obgleich das ein Jahr später entstandene '"Child Of The Moon" zwar noch den Geist der Flower-Power-Zeit atmet hat es auf dieser Platte entschieden nichts zu suchen (einige Fans empfehlen ja; es bei privaten Zusammenstellungen dazu zu nehmen; ich aber nicht.

Ab der nächsten LP 'Beggars Banquet', so genial sie auch ist, bestreiten die Stones dann für den Rest ihrer Karriere den sicheren, zumindest bis 'Tattoo You' (1982) noch sehr hörenswerten, aber immer flacheren Weg des amerikanischen Country-Rock, durchsetzt mit gelegentlichen Blues- und Reggae-Floskeln.

Zur remasterten Ausgabe der Hybrid SACD: Dieses Mastering wurde in Frankreich entdeckt, und soll angeblich besser sein, als das bisher verwendete. Für mich bei weitem nicht. Es ist für mich eindeutig schlechter (wie auch das von Aftermath) im Vergleich zur "alten" ; es fehlen über weite Strecken die Höhen, die Bläser sind "geglättet" und zu leise, "2000 Man" ist zu laut, alles ein wenig zu dumpf und beschnitten, schade.

Ich habe mir das Album so zusammengestellt - vor allem, um der Ermüdung durch „Sing This All Together (See what happens) zu entgehen; und den Mehrwert der parallel erschienen Single, deren beide Titel ja zu derselben Aufnahme-Session gehören, zu integrieren:

01. Sing This All Together
02. Citadell
03. In Another Land
04. 2,000 Man
05. We Love You
06. Dandelion
07. She's A Rainbow
08. The Lantern
09. Gomper
10. 2.000 Light Years From Home
11. On With The Show
12. Sing This All Together (See What Happens)
13. Loving, Sacred Loving
14. Shades Of Orange
15. Cosmic Christmas (alternative, längere Sequenz der Coda von
Sing This All Together (See What Happens).
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein

Schreiben Sie als erste Person zu dieser Rezension einen Kommentar.

[Kommentar hinzufügen]
Kommentar posten
Verwenden Sie zum Einfügen eines Produktlinks dieses Format: [[ASIN:ASIN Produkt-Name]] (Was ist das?)
Amazon wird diesen Namen mit allen Ihren Beiträgen, einschließlich Rezensionen und Diskussion-Postings, anzeigen. (Weitere Informationen)
Name:
Badge:
Dieses Abzeichen wird Ihnen zugeordnet und erscheint zusammen mit Ihrem Namen.
There was an error. Please try again.
">Hier finden Sie die kompletten Richtlinien.

Offizieller Kommentar

Als Vertreter dieses Produkt können Sie einen offiziellen Kommentar zu dieser Rezension veröffentlichen. Er wird unmittelbar unterhalb der Rezension angezeigt, wo immer diese angezeigt wird.   Weitere Informationen
Der folgende Name und das Abzeichen werden mit diesem Kommentar angezeigt:
Nach dem Anklicken der Schaltfläche "Übermitteln" werden Sie aufgefordert, Ihren öffentlichen Namen zu erstellen, der mit allen Ihren Beiträgen angezeigt wird.

Ist dies Ihr Produkt?

Wenn Sie der Autor, Künstler, Hersteller oder ein offizieller Vertreter dieses Produktes sind, können Sie einen offiziellen Kommentar zu dieser Rezension veröffentlichen. Er wird unmittelbar unterhalb der Rezension angezeigt, wo immer diese angezeigt wird.  Weitere Informationen
Ansonsten können Sie immer noch einen regulären Kommentar zu dieser Rezension veröffentlichen.

Ist dies Ihr Produkt?

Wenn Sie der Autor, Künstler, Hersteller oder ein offizieller Vertreter dieses Produktes sind, können Sie einen offiziellen Kommentar zu dieser Rezension veröffentlichen. Er wird unmittelbar unterhalb der Rezension angezeigt, wo immer diese angezeigt wird.   Weitere Informationen
 
Timeout des Systems

Wir waren konnten nicht überprüfen, ob Sie ein Repräsentant des Produkts sind. Bitte versuchen Sie es später erneut, oder versuchen Sie es jetzt erneut. Ansonsten können Sie einen regulären Kommentar veröffentlichen.

Da Sie zuvor einen offiziellen Kommentar veröffentlicht haben, wird dieser Kommentar im nachstehenden Kommentarbereich angezeigt. Sie haben auch die Möglichkeit, Ihren offiziellen Kommentar zu bearbeiten.   Weitere Informationen
Die maximale Anzahl offizieller Kommentare wurde veröffentlicht. Dieser Kommentar wird im nachstehenden Kommentarbereich angezeigt.   Weitere Informationen
Eingabe des Log-ins
 


Details

Artikel

Rezensentin / Rezensent

Polter, Rainer
(VINE®-PRODUKTTESTER)    (REAL NAME)   

Top-Rezensenten Rang: 2.039