Kundenrezension

9 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Verkanntes Meisterwerk!, 22. September 2009
Rezension bezieht sich auf: Their Satanic Majesties Request (Audio CD)
Viele werden jetzt empört aufschreien oder aufhören zu lesen, ab für mich ist das mit Abstand die beste Platte der Rolling Stones und mit Sicherheit die letzte, auf der diese Band jemals experimentierte und fortschrittlich, teils sogar avantgardistisch dachte und arbeitete.
Danach kam, mit "Beggars Banquet" ein großes Kunstwerk heraus, aber dies war dann leider auch der definitive Rückzug in die
sicheren Gefilde des Blues- und Countryrock unter sehr langsamer, aber Jahr für Jahr deutlicherer Verflachung (dies allerdings auf hohem Niveau).
Zugegeben, es ist eher eine Plate für Psychedelic-Freaks und Science-Fiction-Fans als für den durchschnittlichen Rockkonsumenten. Mit dem Satanic-Kram wollte man wohl eher so eine Art Identitäts-Hilfe für das Album aufbauen zur (eigentlich albernen) Sgt.Pepper-Pseudo-Gebrochene-Herzen Blaskapellenband, die uns die Beatles einreden wollten. Die sind die Guten, also müssen wir die Bösen sein - das war ja von Anfang an das Motto der Stones bzw. die Strategie ihres Managers Andrew Oldham . Ernstgemeint war das jedenfalls nicht Natürlich ist "Satanic" inspiriert von "Sgt. Pepper"- aber solchen Tralala-Durchschnitt wie "When I'm Sixty Four", "Good Morning" oder "Lovely Rita" enthält es nicht - so kann man es nämlich AUCH sehen. Noch mehr inspiriert scheint mir die Platte vom gerade erschienenen Meisterwerk von Pink Floyd "The Piper At The Gates Of Dawn" (Astronomie Domine und vor allem Interstellar Overdrive) und überhaupt der Science-Fiction-Welle der Zeit am Vorabend der (sogenannten) ersten Mondlandung. Natürlich wird der "normale" Rolling Stones-Fan mit dieser Platte kaum etwas anfangen können und nur schwer einsehen wollen, warum "Their Satanic Majestic Requests" das mit Abstand beste, weil visionärste und künstlerisch ambitionierteste Album der Band ist....

Bereits 1966 fingen die Stones (natürlich beeinflußt von den Beatles) an, mit barocken Klängen zu experimentieren (Cembalo bei Lady Jane, Right On Baby, Con Le Mie Lacrime); Klassische Gitarren (Sittin` On a Fence) und wagten sich mit mit "Paint It, Black" und "Cool, Calm & Collected" an asiatische Klänge (Brian spielt doch eher seinen Dulcimer anstatt der so oft beschworenen Sitar). Diese Tendenzen wurden auf "Satanic" zur höchsten Form weiterentwickelt - aber damit auch abgeschlossen. Diese Platte hätte die große Chance für Brian Jones werden können, wenn sogar Bill Wyman mit 'Another Land' einen selbstgeschriebenen Titel darauf unterbrachte (Jagger und Richards hatten nicht genug Material zusammen, saßen kurzzeitig wegen Drogenbesitzes im Gefängnis und hatten enervierende Gerichtstermine). Doch der overdresste Hippie par excellance, Lewis Brian Hopkin Jones, blieb den Sessions über weite Strecken fern und gab später an, dieses vermeintliche Sergeant-Pepper-Plagiat nicht zu mögen und eher ein Fan der Blues-Reunion im Stil von Cream, CCR oder der frühen Fleetwood Mac zu sein. Er begnügte sich, abgesehen vom Mellotron bei 'We Love You' (der Single zum Album) nebst dem Einsatz von Blasinstrumenten und einer Harfe mit dem "Herumalbern auf asiatischen Instrumenten" (so der Moll-Akkord-Vermeider Ian Stewart).

Die Stones selbst und beinah die gesamte musikkritische Fachwelt bewerten die beiden Alben von 1967 heutzutage ja ziemlich vernichtend; aber für mich waren und blieben sie zwei der besten Alben aller Zeiten und Gruppen überhaupt. Letzmalig wagten sich die Stones hier an Experimente; und mit '2000 Light Years From Home' lieferten sie zumindest ein Resultat ab, an dem Stockhausen und Holst ihre Freude gehabt hätten. 'She`s A Rainbow' bezaubert noch immer durch ein wunderbar verträumtes Klavier und seine verspielte Melancholie; und im Instrumental-Teil von 'Gomper' erzählt uns Brian Jones ausführlich von seinen Marokko-Trips. Harfen, ein verträumtes Piano, asiatische Percussions-und Saiteninstrumente, elektronische Verfremdungen und Weltraumsimulationen machen diese Platte zu einem Geheimtip!
Wyman wurde bei seinem Song "In Another Land" und den beiden anderen, beinah ebenso guten, aber leider unveröffentlichen Songs ('"Shades Of Orange"' und "Loving, Sacred Loving'"), die er für dieses Album komponierte und mit den oder zumindest einigen Stones von Ronnie Laine nebst Steve Marriott von den Small Faces unterstüzt; bei 'In Another Land' hatten dann Jagger und Richards den Refrain 'nachgebessert'. 'Was this some kínd of joke?' singt Jagger verärgert; und wir können erahnen, dass dies der nunmehr unvermeidbaren Tatsache eines Wyman-Songs auf einem Stones-Album galt. Allerdings, und das macht nachdenklich, steuerten die markanten spielerischen Highlights nicht die Stones selbst, sondern Gastmusiker wie Nicky Hopkins (Cembalo; das Klavier bei 'She`s A Rainbow, das präparierte Klavier bei '2000 Light Years' '), und John-Paul Jones, der spätere Led-Zeppelin-Mann (die Streicher-Arrangements und das Mellotron bei "2000 Lightyears" bei. Man sollte sich das Album allerdings selbst neu erfinden und den atonalen, schlampig erdachten und schlampig gespielten Tiefpunkt der Platte "Sing This All Together (See What Happens)" an das Ende derselben versetzen und statt seiner die Single '"We Love You"' und deren B-Seite '"Dandelion'" einfügen (beide Titel enthalten John Lennon und Paul McCartney als Backround-Sänger). Ergänzen kann man die CD mit den dann abschließenden Bonus-Tracks '"Shades Of Orange"', "'Loving, Sacred Loving"' (leider nur in sehr schlechter Qualität aufzutreiben) und der alternativen Fassung von "Sing This All Together (See What Happens)" namens "Cosmic Christmas". Obgleich das ein Jahr später entstandene '"Child Of The Moon" zwar noch den Geist der Flower-Power-Zeit atmet hat es auf dieser Platte entschieden nichts zu suchen.
Ab der nächsten LP 'Beggars Banquet', so genial sie auch ist, bestreiten die Stones dann für den Rest ihrer Karriere den sicheren, zumindest bis 'Tattoo You' (1982) noch sehr hörenswerten, aber immer flacheren Weg des amerikanischen Country-Rock, durchsetzt mit gelegentlichen Blues- und Reggae-Floskeln.

Zur remasterten Ausgabe der Hybrid SACD: Sie ist für mich eindeutig schlechter (wie auch Aftermath) im Vergleich zur "alten" ; es fehlen über weite Strecken die Höhen, die Bläser sind "geglättet" und zu leise, "2000 Man" ist zu laut, alles ein wenig zu dumpf und beschnitten, schade. Die Sterne also für die reine Musik!
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Rezensentin / Rezensent

Polter, Rainer
(VINE®-PRODUKTTESTER)    (REAL NAME)   

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