Kundenrezension

18 von 23 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Kooperation, 6. November 2012
Rezension bezieht sich auf: Zusammenarbeit: Was unsere Gesellschaft zusammenhält (Gebundene Ausgabe)
Beim vorliegenden Buch "Zusammenarbeit: Was unsere Gesellschaft zusammenhält" handelt es sich um den zweiten Band einer auf 3 Bände angelegten Reihe über das Funktionieren der Gesellschaft und des Alltagslebens. Dabei nimmt Sennett - wie er behauptet - Abstand von abstrakten Theorien, die man heranziehen könnte um die Gesellschaft zu erklären und versucht aus einer genaueren Betrachtung praktischer Handlungsvorgänge (z.B. des Handwerks) Ansätze zum besseren Verständnis der Gesellschaft abzuleiten. Es geht ihm dabei nicht nur um analytische Mittel, gesellschaftliche Zusammenhänge besser zu verstehen, wie das für viele wissenschaftliche Bereiche der Soziologie gilt. Er sucht explizit nach Mitteln zur besseren Gestaltung des Zusammenlebens.

Im ersten Band der Reihe ("Handwerk") befasste sich Sennett mit der Vorgehensweise der Perfektion und Entwicklung von Handlungsvorgängen die auch um ihrer selbst willen vollzogen werden. Beim Betrachten des Handwerks konstatierte Sennett ein aktuelles Fehlen an Wertschätzung gegenüber Genügsamkeit und Qualität im begrenzten Arbeitsfeld. Dabei ging es nicht um - wie man vielleicht vermuten könnte - Sozialromantik, sondern um Sennetts Versuch, über eine Betrachtung von pragmatischen Arbeitsvorgängen einen Blick für den Zusammenhang zwischen Geist und Kulturentwicklung (und deren Reziprozität) zu entwickeln. Die Beförderung von Kulturleistungen beruhe in vielerlei Hinsicht auf der schlichten Wiederholung und Perfektionierung handwerklich sauberer Tätigkeiten.

Im zweiten Band überschreitet Sennett nun die Betrachtung der Leistungen des Einzelnen hin zu einer Untersuchung der Kooperation, über die er Hinweise auf das Funktionieren der Gesellschaft und der Wirtschaft zu erlangen glaubt. Dabei besichtigt er Gesellschaftsarbeiter, Handwerksbetriebe und Social-Networks um seine Theorie vom dialogischen Prinzip der Zusammenarbeit herauszuschälen.

Das Buch ist in 3 Teile aufgegliedert, die durchaus Wiederholungen aufweisen und trotzdem an manchen Stellen etwas unzusammenhängend daherkommen. In der Einleitung entwickelt Sennett die für die 3 folgenden Teile grundlegende Unterscheidung zwischen Dialektik und Dialogizität (etwas verschoben auch mit der Unterscheidung Sympathie/Empathie verbunden), wobei Sennett klar ersichtlich dieser den Vorzug gibt um sein Gesellschaftsbild darzustellen und jene als oftmals unbrauchbar verwirft. Diese Unterscheidung baut Sennett nun auf drei verschiedenen Ebenen aus. Teil 1 enthält eine vorwiegend geschichtliche Darstellung dieser Unterscheidung anhand einer skizzenhaften Erzählung über die politische/soziale Linke. Die dialektische Form von Zusammenarbeit steht an dieser Stelle für die idealistisch und von oben herab geprägte politische Linke, während die dialogische Form für die soziale Linke steht, die über Gesellschaftsarbeiter und pragmatische Vorgehensweise im Kleinen, die Gesellschaft von unten nach oben zu prägen versucht. Sennett bezeichnet sich dabei als "unverbesserlicher Linker", der sich jedoch eindeutig für die soziale Linke (Dialogizität) in die Bresche springt. Marx und andere Theoretiker des Kommunismus werden durchwegs verworfen. Sennetts Vorbilder sind pragmatischere Gesellschaftstheoretiker wie Rober Owen oder Saul Alinsky.
Teil 2 enthält stark gesellschaftskritisch geprägte Abhandlungen über die Ungleichheit in der Gesellschaft, die bereits im Kindesalter über den Konsum von Spielwaren und den Gebrauch von Social-Networks wie Facebook zum Ausdruck komme. Weiters werden die Strukturveränderungen der Zusammenarbeit in Unternehmen dargestellt und Vermutungen darüber aufgestellt, ob diese Strukturveränderungen für die aktuelle Wirtschaftskrise verantwortlich sein könnten. Im dritten Kapitel dieses Teils setzt Sennett aus diesen gesellschaftskritischen Betrachtungen das "unkooperative Ich" zusammen, das er als Grundlage für die Probleme des Zusammenlebens und der Wirtschaft in unserer Zeit versteht. Man kennt Sennetts Positionen in diesem Teil schon aus seinen früheren Werken. An der Argumentationsweise hat sich nicht allzu viel geändert und manch einem wird der gesellschaftskritische und manchmal etwas pessimistische Impetus, der von "Der flexible Mensch" oder von "Die Kultur des neuen Kapitalimus" her direkt Anschluss nimmt, nicht behagen.
Teil 3 befasst sich wiederum mit Lösungsformen, die Sennett aus den zuvor gebrachten Untersuchungen dialogischer Zusammenarbeit nun kapitelweise darstellt. Die zuvor schon oft erwähnten Werkstätten werden in ihrer positiven Wirkungsform genauer betrachtet. Weiters beschreibt Sennett seine Vorstellung von einem Gegenmodell zum "unkooperativen Ich", das er durch Engagement und Partizipation im Gegensatz zur Vereinzelung und Überindividualisierung realisiert sieht.

Was Sennetts Fähigkeit betrifft, Unterscheidungen wie Dialektik/Dialogizität auf verschiedenste Felder anzuwenden, gerät man als Leser durchaus ins Staunen über so viel Kunstfertigkeit. Die biographisch gefärbten Darstellungen sind immer sehr unterhaltsam und Teile mancher Abhandlungen z.B. über die Reformation oder über die Entwicklung der Diplomatie sind wirklich beeindruckend und informativ. Trotzdem kann das nicht darüber hinwegtäuschen, dass Sennett eindeutig zu viele Themen anreißt und zu viele Dinge mit seiner Grundunterscheidung zu erklären versucht, was den Zusammenhang der drei Teile manchmal nur schwer erkennbar macht. Öfters findet man sich bei der wirklich interessanten Lektüre eines Textes z.B. über religiöse Rituale wieder und weiß erst garnicht, was das überhaupt mit Sennetts Thema zu tun haben soll. Natürlich werden die Zusammenhänge im Großen und Ganzen durchaus deutlich, wenn man sich die Texte nach abgeschlossener Lektüre noch einmal ansieht. Das ändert aber nichts daran, dass manche Verbindungen zwischen den Textteilen allzu fadenscheinig und künstlich wirken. Auch wenn eine bloße Kategorisierungsform nichts an der Qualität mancher Gedanken ändert, wäre doch ein monothematischer Aufsatzband hier vielleicht die besser Wahl gewesen.
Manchmal schießt Sennett über das Ziel hinaus und zieht Vergleiche - etwa in Bezug auf den Umgang Jugendlicher mit dem Internet oder bestimmten Kommunikationsmitteln -, die schon etwas weit hergeholt, wenn nicht sogar unfreiwillig komisch, wirken. Außerdem macht er am Ende des Buches zwar klar, dass er zwischen den Charityvorstellungen Neokonservativer und der sozialen Linken einen Unterschied sieht, auch wenn die Vorstellungen beider Seiten bezüglich der Gemeinswesensarbeit konvergieren. Ganz glaubwürdig will diese Abgrenzung dann aber nicht mehr erscheinen, wo die makropolitischen Vorstellungen der Linken zuvor noch als beinahe unbrauchbar dargestellt wurden.
Nach der Lektüre fragt man sich außerdem, wo denn, neben einigen interessanten Gedankengängen, der eigentliche Erkenntnisgewinn des Buches liegt. Die Mittel, die Sennett aus den ersten beiden Teilen entwickelt, lassen sich im dritten Teil als ziemlich banale Kommunikationstipps und Selbsthilferatschläge lesen, mit denen sich wirklich nichts an der - zuvor von Sennett selbst so dargestellten - desaströsen Wirtschafts- und Arbeitssituation in der Welt ändern lässt. An den Arbeitsbegriffen stellt sich gegen Ende außerdem zusehends der Eindruck fehlender Trennschärfe ein. Die Unterscheidung zwischen Dialektik und Dialogizität wird über die Darstellung des Vorganges bei der Ausbildung tragfähiger Rituale zur informellen Kooperation ad absudrum geführt, weil Sennett hierzu einen dialektischen Dreischritt zur Anwendung bringt, was er schlicht und einfach verschweigt.

Ob die Lektüre eines noch folgenden Bandes zur Stadtentwicklung sich wirklich auszahlt, sollte man sich noch genauer überlegen.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein

[Kommentar hinzufügen]
Kommentar posten
Verwenden Sie zum Einfügen eines Produktlinks dieses Format: [[ASIN:ASIN Produkt-Name]] (Was ist das?)
Amazon wird diesen Namen mit allen Ihren Beiträgen, einschließlich Rezensionen und Diskussion-Postings, anzeigen. (Weitere Informationen)
Name:
Badge:
Dieses Abzeichen wird Ihnen zugeordnet und erscheint zusammen mit Ihrem Namen.
There was an error. Please try again.
">Hier finden Sie die kompletten Richtlinien.

Offizieller Kommentar

Als Vertreter dieses Produkt können Sie einen offiziellen Kommentar zu dieser Rezension veröffentlichen. Er wird unmittelbar unterhalb der Rezension angezeigt, wo immer diese angezeigt wird.   Weitere Informationen
Der folgende Name und das Abzeichen werden mit diesem Kommentar angezeigt:
Nach dem Anklicken der Schaltfläche "Übermitteln" werden Sie aufgefordert, Ihren öffentlichen Namen zu erstellen, der mit allen Ihren Beiträgen angezeigt wird.

Ist dies Ihr Produkt?

Wenn Sie der Autor, Künstler, Hersteller oder ein offizieller Vertreter dieses Produktes sind, können Sie einen offiziellen Kommentar zu dieser Rezension veröffentlichen. Er wird unmittelbar unterhalb der Rezension angezeigt, wo immer diese angezeigt wird.  Weitere Informationen
Ansonsten können Sie immer noch einen regulären Kommentar zu dieser Rezension veröffentlichen.

Ist dies Ihr Produkt?

Wenn Sie der Autor, Künstler, Hersteller oder ein offizieller Vertreter dieses Produktes sind, können Sie einen offiziellen Kommentar zu dieser Rezension veröffentlichen. Er wird unmittelbar unterhalb der Rezension angezeigt, wo immer diese angezeigt wird.   Weitere Informationen
 
Timeout des Systems

Wir waren konnten nicht überprüfen, ob Sie ein Repräsentant des Produkts sind. Bitte versuchen Sie es später erneut, oder versuchen Sie es jetzt erneut. Ansonsten können Sie einen regulären Kommentar veröffentlichen.

Da Sie zuvor einen offiziellen Kommentar veröffentlicht haben, wird dieser Kommentar im nachstehenden Kommentarbereich angezeigt. Sie haben auch die Möglichkeit, Ihren offiziellen Kommentar zu bearbeiten.   Weitere Informationen
Die maximale Anzahl offizieller Kommentare wurde veröffentlicht. Dieser Kommentar wird im nachstehenden Kommentarbereich angezeigt.   Weitere Informationen
Eingabe des Log-ins
 

Kommentare


Sortieren: Ältester zuerst | Neuester zuerst
1-3 von 3 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 07.04.2013 15:24:19 GMT+02:00
Max Barrett meint:
Danke für die Rezension, wobei sie mir den Buchkauf nun eher schwer macht. Schade, da ich damals zum Erscheinungsdatum mit "The corrosion of caracter" ein wunderbares Buch von Sennett vorfand. (Dem US-Amerikaner ist/war darin seine Distanz zu Marx noch verzeihlich.)

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 09.04.2013 13:29:44 GMT+02:00
Polystyrol meint:
Danke für den "positiven" Kommentar, auch wenn ich Sie jetzt vielleicht von der Lektüre abgehalten habe.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 14.04.2014 19:54:24 GMT+02:00
[Vom Autor gelöscht am 15.04.2014 06:35:55 GMT+02:00]
‹ Zurück 1 Weiter ›

Details

Artikel

3.9 von 5 Sternen (7 Kundenrezensionen)
5 Sterne:
 (3)
4 Sterne:
 (2)
3 Sterne:
 (1)
2 Sterne:    (0)
1 Sterne:
 (1)
 
 
 
EUR 24,90
In den Einkaufswagen Auf meinen Wunschzettel
Rezensentin / Rezensent


Ort: Santo Poco

Top-Rezensenten Rang: 4.069.244