Kundenrezension

9 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "They Call Me M i s t e r Tibbs!", 8. September 2011
Rezension bezieht sich auf: In der Hitze der Nacht (DVD)
Vielleicht nicht ganz in der Liga von "Here's looking at you, kid", so ist Virgil Tibbs' (Sidney Poitier) Antwort auf Sheriff Gillespies Frage, wie man ihn denn oben in Philadelphia nenne, doch eines der geflügelten Worte des Kinos geworden, und auch heute noch vermag Norman Jewisons Krimi "In the Heat of the Night" (1967) den Zuschauer in seinen Bann zu schlagen, was sicherlich vor allem daran liegt, daß der Regisseur es verstanden hat, eine ausgewogene Balance zwischen dem kritischen Anliegen des Films und seinem Potential, Spannung zu erzeugen und bis zum Schluß zu halten, zu schaffen.

In einer fiktiven Kleinstadt namens Sparta im Bundesstaat Mississippi wird eines Nachts ein wohlhabender Industrieller ermordet aufgefunden. Auf der Suche nach verdächtigen Personen trifft der Polizist Sam Wood (Warren Oates) am Bahnhof auf einen gutgekleideten Mann, der auf seine Zugverbindung wartet, und da es sich um einen Afroamerikaner handelt, nimmt Wood den Mann kurzerhand fest, zumal er auch über eine gutgefüllte Brieftasche verfügt. Nach einer demütigenden Befragung durch den rassistischen Redneck-Sheriff Gillespie (Rod Steiger) weist sich der Fremde schließlich als Virgil Tibbs, Polizeibeamter und Spezialist für Mordfälle, aus. Auf telefonische Weisung seines Vorgesetzten und auf Bitte Gillespies bleibt Tibbs widerwillig eine Weile in der Stadt, um der örtlichen Polizei bei der Klärung des Verbrechens zur Hand zu gehen. Dies liegt zwar vor allem im Interesse der Einwohner Spartas, da die erboste Witwe des Getöteten damit droht, den Bau einer wichtigen Fabrik abzubrechen, sollte man nicht schnellstens den Mörder finden. Doch allerorten begegnet man Tibbs mit Verachtung, Haß und Rassismus - so weigert sich der Verkäufer in einem Diner, Tibbs zu bedienen, ein Gefangener empfindet es als Zumutung, mit dem Detective die Zelle teilen zu müssen, ein anderer Mann möchte nicht, daß seine unehelich geschwängerte Schwester ihre Aussage vor dem Detective macht, da ein Afroamerikaner nicht von der "Schande seiner Schwester" erfahren dürfe, ein Plantagenbesitzer ohrfeigt Tibbs, als dieser ihn verhören will, und eine Bande Halbstarker macht schließlich auch noch Jagd auf ihn. Dennoch gelingt es Tibbs am Ende, den wahren Täter zu ermitteln und seiner Bestrafung zuzuführen, während sich Sheriff Gillespie vor allem dadurch auszeichnet, daß er, nur halb zu Ende gedachten Theorien folgend, willkürlich einen Tatverdächtigen nach dem anderen einsperrt.

"In the Heat of the Night" befaßt sich eindringlich mit den Mechanismen rassistischen Denkens im Süden der USA, ohne jedoch in seinem didaktischen Anliegen zu versumpfen. Hierzu sind die Nuancierungen, mit denen die Charaktere gezeichnet sind, einfach zu fein. So entwickelt der eher einfach gestrickte Gillespie zwar nach und nach Achtung und vielleicht sogar auch Sympathie für seinen Kollegen aus dem Norden, doch kann er sich bei einer Fahrt durch Baumwollfelder, die von afroamerikanischen Arbeitern abgeerntet werden, nicht des boshaften Kommentars enthalten, daß diese Arbeit wohl nichts für Tibbs sei. Sehr deutlich wird, daß Gillespies Rassismus vor allem seine Wurzeln in nur schlecht verhohlenen Minderwertigkeitsgefühlen hat. So neidet er Tibbs ganz offensichtlich dessen höhere Gehaltsstufe und seinen gesellschaftlichen Aufstieg. Ein Farbiger kann in seiner Welt nur deshalb viel Geld in seiner Brieftasche haben, weil er es einem Weißen geraubt haben muß. Dieser Minderwertigkeitskomplex sorgt denn auch dafür, daß Gillespie Tibbs mit rassistischen Beleidigungen verprellt, als er das Gefühl bekommt, Tibbs könne ihn sogar wegen seiner Lebensumstände - Gillespie hat keine Familie und ist in der Stadt nicht eben wohlgelitten - bemitleiden. Aber auch sexuelle Motive des Rassismus werden von Jewison beleuchtet - etwa wenn Purdy sich an Tibbs dafür rächen will, daß dieser die peinliche Aussage seiner Schwester mit angehört hat, oder wenn Wood zu verhindern versucht, daß Tibbs ein junges weißes Mädchen in einer kompromittierenden Situation sehen könnte. Ein intellektuell peinliches Gut-Böse-Schema wird vom Regisseur dadurch vermieden, daß in einer Situation auch Tibbs seinen Vorurteilen zu erliegen droht, als es darum geht einzuschätzen, ob Mr. Endicott (Larry Gates), der Plantagenbesitzer, der ihn geohrfeigt hat, etwas mit dem Mord zu tun hat oder nicht. Ein einziges Mal scharfsichtig, erkennt Gillespie Tibbs' Geisteshaltung sofort und höhnt triumphierend, Tibbs sei ja genauso wie die Weißen. Ironischerweise ist es aber gerade diese Erkenntnis, die jemand wie Gillespie ansonsten um keinen Preis wahrhaben möchte.

Die berühmte Ohrfeigeszene, in der Tibbs Endicotts Schlag sofort mit einem Konter quittiert und einen fassungslos getroffenen Rassisten zurückläßt, war es übrigens, die den Film beim zeitgenössischen Publikum so berühmt machte, denn sie schien anzudeuten, daß Langston Hughes' Prophezeiung aus seinem Gedicht "I, too, sing America" endlich wahr geworden war. Ganz so weit war es allerdings doch noch nicht, denn im Jahre 1967 waren die Errungenschaften der Bürgerrechtsbewegung bei weitem noch nicht gefestigt, und bezeichnenderweise fand sich Poitier aus Sicherheitserwägungen auch nicht bereit - mit Ausnahme einer Szene - für die Dreharbeiten die Mason-Dixon-Linie zu überqueren, so daß der Film, der in Mississippi spielte, in Illinois gedreht werden mußte. Auch war es im Drehbuch, wie in der Romanvorlage von John Ball, ursprünglich gar nicht vorgesehen gewesen, daß Tibbs Endicott zurückschlägt, doch wollte sich Poitier mit einer solchen Reaktion seitens seiner Figur nicht abfinden und bestand darauf, daß Tibbs den Schlag erwiderte. Gut so - denn man stelle sich einmal vor, wie Uncle-Tom-haft diese Szene ansonsten gewirkt hätte.

Eine weitere Stärke des Filmes liegt in der Behutsamkeit, mit der angedeutet wird, wie einige der Charaktere - etwa der Polizist Ed Wood und manche seiner Kollegen, der Tatverdächtige, der zunächst nicht seine Zelle mit Tibbs teilen wollte, und auch Gillespie selbst - nach und nach ihre Vorurteile ansatzweise revidieren. Am Ende verabschiedet der Sheriff seinen Kollegen an der Zugtür mit einem warmen "You take care now, Virgil", und es scheint, als wünsche hier der Regisseur selbst der Bürgerrechtsbewegung alles Gute für ihre Zukunft.
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Kommentare


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1-1 von 1 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 09.09.2011 13:52:19 GMT+02:00
jury meint:
Auch ein wenig märchenhaft, das Ende - aber so lieben wir "Guten" es ja. Die Geschichte mit der Ohrfeige war mir neu, das gibt schon zu denken.

Schön, dass Du wieder schreibst, T. S.!

Welcome back! - Jury
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