Kundenrezension

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5.0 von 5 Sternen Und das Wort ward Kleid mit tiefergelegter Taille, 21. September 2007
Rezension bezieht sich auf: Herz auf Taille (Taschenbuch)
"Herz auf Taille" -- schon der Titel dieses Gedichtbands gibt Erich Kästners Tonart vor: Er klingt wie wortgewordenes Charleston-Kleid mit tiefergelegter Taille und spiegelt den Geist der Zeit wider wie kaum ein anderer. Schnoddrig und geistreich, nicht wenig sarkastisch und bissig, mit unverstelltem Blick.
Erstmals verlegt wurden diese Gedichte im Buch 1928; alle waren sie zunächst in verschiedenen Zeitungen erschienen, bis ein junger Verleger Kästner dazu aufforderte, eine Auswahl für einen Gedichtband zusammenzustellen. Ein weiterer damals noch Unbekannter steuerte die Illustrationen bei, die den Geist der Zeit genauso aufgreifen wie Kästner: Erich Ohser, besser bekannt als "e.o.plauen" (Genau! Der geistige Vater von "Vater und Sohn"!). Was den heraufbeschworenen Geist der Zeit angeht: Der war schon 1928 nicht so koscher, wie die ach so glorreichen "Goldenen Zwanziger" oft gelten; bereits in der zweiten Auflage (immer noch 1928) mussten sie wegen ihrer angeblichen Unsittlichkeit gestrichen werden...

Aber zurück zu den Gedichten: Es handelt sich um Kästners lyrisches Frühwerk, aber das heißt beileibe nicht, dass er sein Handwerk nicht bereits beherrscht hätte.
Kästner verfügt bereits 1928 über ein veritables Repertoire an Formen: Moritaten und Bänkelsang hat er auf Lager, Couplet und Kabarett-Tonfall, Elegien und Kinderlied (mit alles andere als unschuldigem Inhalt), und was noch alles.
Und nicht nur enthält dieser Band einige von Kästners berühmtesten Gedichten ("Kennst Du das Land, wo die Kanonen blühen?", "Chor der Fräuleins", "Weihnachtslied, chemisch gereinigt" u.a.) -- auch die weniger berühmten sind Meisterwerke. Kästners lakonischer Ton täuscht im ersten Moment darüber hinweg, dass er seine Zeit nicht in ihrer glanzvollen Vorderseite präsentiert. In seinen Gedichten geht es wider den wiederauferstehenden Militarismus, dessen Konsequenzen sie nachgerade prophetisch andeuten ("Jahrgang 1899", "Stimmen aus dem Massengrab" u.a.), und sie beleuchten die Schattenseiten der Goldenen Zwanziger, thematisieren den tristen Hinterhof von Zeit und Gesellschaft: Enthusiastisch gefeierter Fortschritt und Vereinsamung sind hier verschwistert, das Rotlichtmilieu wird bar jeglicher Stilisierung präsentiert, und soziale Not samt ihren Konsequenzen, wie Verelendung, Vergewaltigung, minderjährige Prostituierte, Gefühlsarmut oder Verrohung, ist immer gegenwärtig.
Kästners Kunst zeigt sich nun gerade darin, dass er nicht vordergründig anklagt, sondern ganz einfach (einfach...) genau hinschaut. Er spricht in den Zungen seiner lyrischen Ichs, lässt Dienst- und Tippmädchen, Hinterhaus-Bewohner und Kriegsinvaliden zu Wort kommen -- in vollendeter Gedichtform, im Ton mal abgeklärt und mal frivol, mal naiv und dann wieder zynisch, und natürlich nicht mit den klassischen Themen und Wortschätzen.

Bereits diese frühen Gedichte sind waschechte "Kästners": Seine Bilder sind nicht barock überladen, sondern sie verpassen falscher Sentimentalität einen gezielten Tritt in den Allerwertesten: "Und die Blumen blühn, als wüßten sie's" -- auch so kann man jedem Leser klarmachen, was den Dichter am Jardin du Luxembourg so fasziniert. Gelegentlich trifft man schon auf den Ton seiner "Dreizehn Monate", etwa wenn es in "Besagter Lenz ist da" heißt "Das ist schon so. Der Frühling kommt in Gang. / Die Bäume räkeln sich. Die Fenster staunen. / Die Luft ist weich, als wäre sie aus Daunen."
Herzlos sind sie also bei aller Ironie und bei allem Sarkasmus nicht, diese Gedichte: Wer genauer hinguckt, erkennt viel echte Sentimentalität, viel Anrührendes und viel Mitleid.

Der dtv-Ausgabe von 1988 (und ebenso der zugrunde liegenden Ausgabe beim Atrium-Verlag 1985) liegt der Originaltext der Erstausgabe 1928 zugrunde, inklusive Ohsers Illustrationen, und zusätzlich enthalten sind auch jene Gedichte, die Kästner in der 2. Auflage an die Stelle der herauszensierten Illustrationen einfügte.

Man nannte Kästners Lyrik "Gebrauchslyrik", auf dass die literarischen Platzanweiser wieder in Ruhe ihrem Geschäft nachgehen konnten, wie Kästner in seinem Vorwort zum Neudruck 1965 das so schön auf den Punkt brachte.
Dabei ist die Bezeichnung garnicht so ohne, denn diese Gedichte kann man immer gut gebrauchen.
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