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3.0 von 5 Sternen "Hundejahre" - unrhythmisch vertrommelt, 24. Oktober 2002
Rezension bezieht sich auf: Hundejahre: Roman (Taschenbuch)
Ich will eines im vornhinein klarstellen: „Die Blechtrommel" ist, in Hinblick auf den literarischen Einfall und die poetische Komposition, besser als die „Hundejahre", die fünf Jahre später, nämlich 1964, erschienen. Freilich klopft Grass auch in den „Hundejahren" sein einmaliges Vermögen ab, mit der Sprache virtuos, gewaltig und mit ausufernden und scheinbar unerschöpflichen Wortkaskaden souverän umzugehen. Grass ist ein wahrhaftiger Fabulierer, ein detailverliebtes Strukturgenie, das Wortpuzzle für Wortpuzzle zu einem ereignis- und phantasiereichen Poesiepuzzle zusammenfügt. Und freilich entpuppen sich die „Hundejahre" auch als Medium morbider Sexualphantasien, die, wie ich leider feststellen muss, unmotiviert sind und explizit bzw. konkret gezeigt werden und somit, unzweifelhaft, voyeuristisches Klientel bedienen. Dennoch: Fabulierkunst, Sprachspiele, Wortkaskaden. Der Mikrokosmos Danzig, Kritik am Faschismus, Vergegenwärtigung der Vergangenheit und die für Grass unvermeidliche Sozial- und Gesellschaftskritik, Grass, der Moralist und Didaktiker eben: All diese Elemente finden sich auch in den „Hundejahren", sogar teilweise besser umgesetzt und akzentuiert als in der „Blechtrommel." Leider fehlt aber die sogenannte „Handlungsstringenz". Dem Autor geht das lineare Erzählen völlig ab. Jede „Frühschicht", jeder „Liebesbrief", jede „Materniade" (so die Einteilung der Kapitel in den drei Büchern), die jeweils einem Buch subsumiert werden, stehen meistens völlig isoliert da und führen den Leser nicht selten in die Orientierungslosigkeit. Nicht so in der Blechtrommel, wo der grobe Zeitumriss von Oskars Geburt bis zu seinem Aufenthalt im Irrenhaus logisch nachgezeichnet werden kann. In den „Hundejahren" ist dieser formale Bogen zwar auch gespannt, aber zu stark konstruiert und verschwommen. Zum Ende hin, wird Grass' Diktion so was von um- und unverständlich, dass ich nach jeder Zeile die Lust verspürte, das Buch einfach wegzulegen. Selbstverständlich habe ich durchgehalten. Grass hat seinen sprachlichen und kritischen Trommelwirbel zwar nicht gebändigt, aber er kommt in den „Hundejahren" seltsam unrhythmisch daher. „Herr Grass: sie haben sich zwar nicht ausgetrommelt, dafür vertrommelt!"
Doch warum dieses Buch als Buchtipp? Wegen folgendem Satz, der Grass' eigentümliches und besonderes literarisches Handwerk fulminant illustriert. Ein literarisches Handwerk, das zu Recht mit dem Nobelpreis honoriert wurde. Für mich hat Grass allein wegen dieses Satzes den Preis verdient. Was dafür spricht? Nun, ich habe ihn mir während des Lesens spontan unterstrichen und ihn immer wieder gelesen und bei der anschließenden Durchforschung der Sekundärliteratur habe ich oft diesen Satz exemplarisch für das ganze Buch wiederentdeckt. Ich setze diesen Satz in Zusammenhang mit dem Literaturnobelpreis. Es mag naiv klingen: dieser Satz hätte mich dazu verleitet, ihn, Günter Grass, den Preis schon 1964 zu verleihen. Wobei ich mir nicht anmaßen will, die Autorität für die Vergabe eines solchen Preises zuzuschreiben, nur um das mal klarzustellen, es ist nur meine persönliche Meinung!
Zunächst eine kleine Verständnisvoraussetzung:
Friedrich Liebenau, Vater Harry Liebenaus, und Tischlermeister in Danzig ist der Prototyp des blinden und gehorsamen Deutschen während des Dritten Reiches. Desillusioniert angesichts der sich abzeichnenden Niederlage des Hitlerregimes und desillusioniert durch die Vergiftung seines Lieblingshundes Harras, der, fungierend als Deckrüde, Hitlers Lieblingsschäferhund Prinz zeugte, entlädt der Tischlermeister seinen Frust in nun folgender Ersatzhandlung. Eine Ersatzhandlung freilich, die für das beschränkte Bürgertum die einzige Möglichkeit war, sich gegen den durch Krieg und Einzelschicksale hervorgerufenen Frust zu wehren:
„Als aber der Tischlermeister eines Tages sein Portemonnaie verlor, in dem sich außer Kleingeld ein Büschel abgestorbener Hundehaare [die von Harras] befunden hatte; als aber der Tischlermeister des Führers Lieblingshund, den Harras gezeugt hatte, in der Wochenschau sehen wollte, doch vor seinen Augen schon die neueste Wochenschau ohne des Führers Hund abrollte; als aber der Soldatentod des vierten ehemaligen Gesellen der Tischlerei Liebenau gemeldet wurde; als an des Tischlermeisters Hobelbänken nie mehr schwereichenes Buffets, keine Nussbaumkredenzen, keine ausziehbaren Esstische auf reichprofilierten Beinen angefertigt werden durften und nur noch nummerierte Kiefernbretter zusammengeklopft wurden: Einzelteile für Militärbaracken; als das Jahr vierundvierzig im vierten Monat stand; als es hieß: „Nun haben sie auch den alten Herrn Brunies [Ziehvater von Harrys Freundin Jenny] geschafft [getötet]"; als Odessa geräumt wurde und das eingeschlossene Tarnpopol nicht mehr gehalten werden konnte, als der Gong zur vorletzten Runde schlug; als die Lebensmittelkarten nicht mehr hielten, was sie versprachen; als der Tischlermeister Liebenau erfuhr, dass sein einziger Sohn sich freiwillig zur Marine gemeldet hatte; als dieses zusammen eine Summe ergab: das verlorene Portemonnaie und die flimmernde Wochenschau, der gefallene Tischlergeselle und die elenden Barackenteile, das geräumte Odessa und die lügenhaften Nährmittelmarken, der alte Herr Brunies und sein kriegswilliger Sohn - als dieses Summe rund war und abgebucht werden wollte, verließ der Tischlermeister Friedrich Liebenau sein Kontor, griff sich eine Axt, die neu war und noch eingefettet, überquerte am zwanzigsten April [übrigens: Hitlers Geburtstag!] neunzehnhundertvierundvierzig um zwei Uhr nachmittags den Tischlereihof, pflanzte sich breitbeinig vor die leere Hundehütte des vergifteten Schäferhundes Harras und zerschlug den Bau mit gleichmäßig geführten Rundschlägen wortlos und einsam zu Kleinholz.
Die Kriegsrealität dringt in den Mikrokosmos Danzig ein, ohne dass diese Realität besiegt werden könnte. Die Ersatzhandlung führt zu keiner (gesellschaftlichen oder wie auch immer gearteten) Veränderung. Sie bleibt folgenlos und dient lediglich als ein wutentbranntes Abreagieren.
Nun mag jemand vielleicht einwenden: „Wenn ich diesen Satz gelesen habe, dann brauche ich doch nicht das ganze Buch zu lesen!" Um aber die volle Tragweite jenes Satzes zu erfassen, bedarf es allerdings der kompletten Lektüre. Ein Grass-Buch lesen, heißt auch immer: euphorisches Lesen und verärgertes Lesen. Träumerisches Lesen und fragendes Lesen. Und schließlich verlierendes Lesen sowie entdeckendes Lesen. Wer, so frage ich entgegnend, möchte solch ein abwechlungsreiches und dazu einzigartiges Leseerlebnis missen?
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