Kundenrezension

20 von 29 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Manierierte Selbstverwirklichung ohne gesellschaftliche Relevanz, 13. November 2013
Von 
Rezension bezieht sich auf: Im Stein: Roman (Gebundene Ausgabe)
Neben dem Waffen- und Drogenhandel ist das Geschäft mit dem käuflichen Sex der lukrativste Wirtschaftszweig der Welt, und nach der Liberalisierung des deutschen Prostitutionsgesetzes wurde Deutschland zur Drehscheibe des europäischen Menschenhandels. Seitdem werden in unserem Land massiv Menschenrechte verletzt - keinen interessiert's. Auch Clemens Meyer nicht.

Für ihn ist das Milieu ein etwas anderer Wirtschaftszweig, der auf seine Art auf die Zwänge der Globalisierung reagiert. Die Zuhälter, pardon, Wohnungsvermieter sind einfach nur eine andere Art von Geschäftsleuten, die nach der Wende auszogen, Deutschlands wilden Osten zu erobern.

Meyer unternimmt es, das (ost-)deutsche Rotlichtmilieu zu kartographieren und verleiht Huren, Freiern, aufrechten und korrupten Bullen und verzweifelten Angehörigen eine Stimme. Er konzentriert sich dabei auf die mehr oder minder selbstbestimmte Prostitution und blendet alles andere als Randerscheinung aus. Am überzeugendsten gelingen ihm dabei die Momentaufnahmen der Huren, womit er eine verblüffend sensible Einfühlungsgabe beweist. Aber: Was bewegt Frauen, sich "freiwillig" in die Prostitution zu begeben? Hier gibt es nicht nur wirtschaftliche, sondern auch gesellschaftliche und psychologische Tiefen zu ergründen. Die aber interessieren Meyer nicht; dem Chor der Unterwelt fehlen die Untertöne. Seine Figuren bleiben flach, ihre Motivation reduziert sich auf das leichtverdiente Geld. Leicht für wen?

Zwar werden viele weitere Themen oberflächlich angerissen - versklavte Ausreißerinnen, Prostituiertenmord, Kinder- und Drogenstrich, die Freierkultur, Zwangsprostitution - aber dann so belassen. In erster Linie gibt er den "anständigen" Zuhälterfiguren ein Forum; Meyer lässt sie über BWL, Karl Marx, Fairness, Ehre und den freien Willen philosophieren. Zwar führt er seine Luden auch vor; ihre Ignoranz, ihre Gier, ihre prollige Schlauheit, ihren Geltungsdrang, ihren moralischen Selbstbetrug. Aber in seiner liberalen Toleranz und dem Bemühen, sich spießiger Vorurteile zu enthalten, geht er zu weit - oder nicht weit genug. Seine Darstellung verharmlost das Geschehen. Ein ganzes Kapitel dient gar der Ehrenrettung der Hell's Angels, eins der brutalsten Menschenhandelssyndikate der Welt schon vor der Globalisierung, aber, wie er jemand anlässlich einer Razzia im Haus eines Hell's Angel bemerken lässt: "Es scheint mir, dass man als Mitglied der Engel GmbH elementare Rechte verliert in diesem Land."

Zu den inhaltlichen Schwächen kommen formale und eine Sprache, die ärgerlich mühsam zu lesen ist: Es gibt immer wieder zerfasernde rote Fäden, aber keine Handlung. Manche Fäden lösen sich irgendwann ganz auf. Immer wieder Bewusstseinsströme, die fast unstrukturiert dahinfließen. Dann wird der Text extrem erratisch; Zeitebenen, Orte und Personen wechseln stellenweise von Satz zu Satz und mehrfach auf einer Seite. Nicht immer ist klar, wer gerade spricht. Diese Zusammenhanglosigkeit hat keine Funktion, sie ist Prinzip, denn Meyer hält lineares Erzählen für unzeitgemäß. Drei Leichen werden gefunden, nur zwei Tode werden zugeordnet. Vielleicht aber auch drei, nur verließ mich ab etwa der Hälfte die Lust, zurückzublättern. Nach dem zweiten Drittel hatte ich den Eindruck, dass der Autor seinem Schattenpanorama nichts Neues hinzuzufügen hatte; ich war die vielen unverbundenen Versatzstücke, die angerissenen Themen, die sprunghaften Gedanken, Wiederholungen und verschwurbelten Dialoge leid. Was habe ich mich durch die letzten 200 Seiten gequält: Der Text wurde einschläfernd langweilig, ein echtes Kunststück bei dieser Thematik.

Dem von der Kritik hochgelobten, für den deutschen Buchpreis nominierten Roman fehlt es aus meiner Sicht formal, stilistisch, psychologisch und moralisch an Tiefenschärfe. Es fehlt ihm an Handlung, an Lesbarkeit, vor allem aber an gesellschaftlicher Relevanz. Er kommt mir vor wie die manierierte Selbstverwirklichung eines Autors, der offenbar dem obskuren Reiz der Halbwelt erlegen ist.

Fazit: Verwenden Sie ihre Lebenszeit auf ein anderes Buch. Dieses muss man nicht gelesen haben.
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1-10 von 16 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 16.11.2013 16:47:14 GMT+01:00
Nobodaddy meint:
Sie haben die richtigen Worte gefunden. Korrekter kann man nicht wiedergeben, was einen erwartet.
Hätte ich ihre Rezension nur früher gelesen … Trotzdem Danke.

Veröffentlicht am 30.11.2013 11:03:59 GMT+01:00
Tilli Vanilli meint:
Wie Sie behaupten können, dass Meyer die Schattenseiten der Prostitution ausblendet, ist mir völlig schleierhaft. Haben Sie das Buch überhaupt gelesen? Das Kapitel "Kolumbusfalter" etwa ist das berührendste, verstörenste Meisterstück Literatur, das ich in meinem Leben bisher lesen durfte. Von Verharmlosung oder Oberflächlichkeit kann da überhaupt keine Rede sein. Und die "mühsame Sprache", die sie bemängeln, finde ich im Gegenteil ganz wunderbar - es ist ein absolutes Kunstwerk bei diesem Thema so treffsicher zwischen poetischen und doch messerscharfen Ausdrucksformen zu oszillieren. Und zu guter Letzt: kennen Sie den Autor privat oder wie kommen Sie zu Ihrem abstrusen Manierismus-Vorwurf? Ich würde mir niemals anmaßen, von einem literarischen Text auf die private Persönlichkeit des Schriftstellers zu schließen - das ist doch nun wirklich ein Anfängerfehler.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 30.11.2013 23:12:29 GMT+01:00
Zuletzt vom Autor geändert am 30.11.2013 23:12:59 GMT+01:00
alasca meint:
Wer Ihre Meinung nicht teilt, kann das Buch nicht gelesen haben? :-) Der Hype der Kritiker um manche Autoren/Bücher geht mir schon lange auf die Nerven. Dagegen zu halten und zu polarisieren war daher exakt die Absicht meiner Rezension.

Gut zu wissen, dass es funktioniert! ;-)

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 04.12.2013 01:37:30 GMT+01:00
Zuletzt vom Autor geändert am 04.12.2013 01:37:49 GMT+01:00
Dauerleser meint:
also die "rezension" ist wirklich ein witz. ohne gesellschaftliche Relevanz? worüber wird denn permanent gesprochen und verhandelt und debattiert?
und manieriert? weiß der Verfasser/die verfasserin dieser "Rezension" überhaupt was das wort meint? anscheinend nicht.
und weil einem ein hype auf die nerven geht ein buch zu verreißen... da stimmts wohl nicht ganz im Oberstübchen. polarisieren?
das macht anscheinend das buch, so wie es sich für gute kunst gehört. das Geschreibsel hier ist nichts weiter als wortmüll.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 04.12.2013 10:53:48 GMT+01:00
Zuletzt vom Autor geändert am 04.12.2013 10:57:46 GMT+01:00
alasca meint:
Bedeutung von "manieriert" laut Duden: erstarrt, gekünstelt.

Und gekünstelt ist Meyers Stil meiner Meinung nach; er hat keine Funktion, ist Selbstzweck. Aber haben Sie gern Ihre eigene Meinung - und sparen Sie sich übergriffige Unterstellungen. Ganz schlechter Stil.

Veröffentlicht am 04.12.2013 11:11:58 GMT+01:00
Tilli Vanilli meint:
Nein. Schlechter Stil ist es, einen Schriftsteller aufgrund seiner Resonanz bei Presse und Publikum zu verreissen - und sich damit auch noch zu brüsten.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 04.12.2013 11:25:55 GMT+01:00
Zuletzt vom Autor geändert am 04.12.2013 11:28:52 GMT+01:00
alasca meint:
Der Grund für meine negative Rezension ist, dass ich "Im Stein" für ein katastrophal schlechtes Buch halte. Gepostet habe ich sie, um dem Kritikerhype entgegenzuhalten.

Wenn Ihnen so viel an der Ehrenrettung dieses Buches liegt, warum schreiben Sie keine eigene Rezension?

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 04.12.2013 14:10:37 GMT+01:00
Zuletzt vom Autor geändert am 04.12.2013 14:12:14 GMT+01:00
wandablue meint:
@Dauerleser: Ihr Kommentar ist beleidigend. Könnten Sie nicht ihre Kritik an der Kritik höflich verfassen? Oder möchten Sie nicht? Was nicht für Sie spräche. Oder vermögen Sie es nicht? Was auch nicht für Sie spräche. Oder war es ein "Ausrutscher", der aber nicht vorkommen sollte. Seid nett zueinander. Wie man selber behandelt werden möchte, so auch die anderen.
Freundliche Grüsse von wanda blue

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 05.12.2013 10:33:08 GMT+01:00
Zuletzt vom Autor geändert am 05.12.2013 10:34:35 GMT+01:00
Tilli Vanilli meint:
@alasca:
Es gibt hier bereits sehr fundierte und kluge Kritiken, denen ich nichts hinzuzufügen habe. Wenn aber jemand Unwahrheiten (siehe "verharmlostes Geschehen") und Mutmaßungen (siehe "Selbstverwirklichung") in die Welt setzt, ist Widerspruch durchaus angebracht. So oder so: eine "Ehrenrettung", glauben Sie mir, hat dieses Buch sicher nicht nötig.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 05.12.2013 14:48:46 GMT+01:00
[Vom Autor gelöscht am 05.12.2013 14:51:17 GMT+01:00]
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