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5.0 von 5 Sternen Brandaktuell auch heute – das vielleicht beste Buch über das Kriegsende 1945, 17. März 2013
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Rezension bezieht sich auf: Notabene 45 (Gebundene Ausgabe)
Notabene 45 ist ein Buch, das mich nicht mehr losgelassen hat.

Kästner gelingt mit dieser ungeheuer fesselnden Beschreibung der letzten Kriegswochen, die als harmloses Tagebuch daherkommt, ein Meisterwerk. Das Buch ist von einer zeitlosen sprachlichen Kreativität und ironischen Finesse, auch wenn einem das Lachen oft im Hals stecken bleibt. Kästner ist in Hochform, so schrecklich die Umstände und so jämmerlich sein eignes Befinden in jener Zeit auch waren.

Sein Tagebuch ist ein Dokument der Zeitgeschichte, das auch aus heutiger Rückschau unglaublich viele kleine und große, immer erhellende und oft verstörende Details aus jener Zeit ins Gedächtnis ruft. Es dokumentiert, wie sich Menschen unter dem Druck von Krieg und Gesinnungsterror verbiegen und dann nach Kriegsende im Buhlen um die Gunste der neuen Herren reflexartig in Lüge und Heuchelei verfallen.

Kästner beginnt seine Aufzeichnungen im Februar 1945, als Berlin sich langsam im Chaos der alliierten Bomben auflöst. Weil jeder hingerichtet werden kann, der am "Endsieg" des Dritten Reichs zweifelt, führt Kästner sein Tagebuch zunächst verkürzt und in Steno, getarnt in einem sogenannten "Blindband": Einem fertig gebundenen, aber leeren Buch, wie es als Muster für die Produktion verwendet wird. Nachdem es zunächst unerkannt zwischen „tausend anderen“ in Kästners Berliner Bücherregal steht, geht es Mitte März 1945 unverhofft mit seinem Autor auf die Reise.

Grund ist die vielleicht bizarrste Episode der deutschen Filmgeschichte. Kästner hat sich auf Einladung eines Regisseurs mit seiner Partnerin Luiselotte (Lotte) Enderle einer kuriosen Reisegruppe von einhundert "Filmschaffenden" der Ufa angeschlossen. Ziel ist das österreichische Zillertal, wo ein Film mit dem Titel „Das verlorene Gesicht“ gedreht werden soll. Die Genehmigung dazu hat man den Nazi-Kulturbonzen mitten im Chaos des Endkampfes um Berlin mit einer raffinierten Fangfrage abgenötigt: Wenn der "Endsieg" gewiss ist, muss man dann für die Zeit "danach" nicht auch Filme produzieren? Die düpierte Behörde kann nicht hinter Göbbels' dröhnende Propaganda zurück, und so machen sich alle auf den Weg.

Dem Tross aus Schauspielern, Kameraleuten, Beleuchtern, Kostüm- und Maskenbildnern, Regisseuren und Produzenten fehlt dabei nur eins: Es ist kein Film in der Kamera. Denn Filmmaterial ist zu teuer und nicht mehr zu beschaffen. Doch daran darf das Unternehmen auf keinen Fall scheitern, denn die vorgeblichen Dreharbeiten dienen in Wahrheit nur dazu, möglichst viele aus dem umkämpften Berlin herauszuholen und die Männer vor dem Einzug zum "Volkssturm" und damit dem fast sicheren Tod bewahren.

Im idyllischen Mayrhofen angekommen, verändern sich die Dinge jedoch sehr schnell. Die „Dreharbeiten“ ohne Film gehen lustlos vonstatten, die Ufa zahlt nicht mehr, der Kontakt nach Berlin ist abgerissen, und die Einheimischen versuchen mit allen Mitteln, die Filmleute wieder loszuwerden, die mit ihnen um die immer knapper werdenden Nahrungsmittel konkurrieren. Zudem kommen täglich neue Flüchtlinge in den überfüllten Ort. Die meisten werden weitergeschickt, es sei denn, sie haben Geld.

Mit dem Kriegsende und den amerikanischen Besatzungstruppen kommt dann der plötzliche „Gesinnungswandel“ der Dorfbevölkerung hinzu. Den rasanten Umschwung von überzeugten Nazis zu leidenschaftlichen Widerstandskämpfern dokumentiert Kästner bissig und meisterhaft. Auch er selbst, dessen Bücher seit 1933 verboten waren, gerät ins Visier eines misstrauischen amerikanischen Offiziers: „Er bohrte an mir herum wie ein Dentist an einem gesunden Zahn. Er suchte eine kariöse Stelle und ärgerte sich, dass er keine fand.“

Das Filmteam löst sich auf, kann aber mangels Passierscheinen den Ort lange Zeit nicht verlassen. Die nachfolgenden Wirren lassen Kästner schließlich im Juli 1945 in München landen. Hier endet das Tagebuch abrupt, nachdem Kästner die fürchterlichen Schilderungen eines befreiten KZ-Häftlings notiert hat. Dieser Eintrag ist ein interessanter Beleg dafür, dass dass Kästner ebenso wie die meisten Deutschen zwar den öffentlichen Nazi-Terror gegen die Juden sehr genau wahrgenommen hat, und auch ahnen musste, dass in den KZs fürchterliches geschah. Das volle Ausmaß an Mord und Grausamkeit wurde ihm aber erst nach Kriegsende bekannt.

In jüngster Zeit hat Kästners „notabene 45“ erneut an Aktualität gewonnen, nämlich zum 75. Jahrestag des „Anschlusses“ Österreichs ans Dritte Reich. Kostprobe: „Sie [die Deutschen] wollen ganz einfach nicht begreifen, daß die Österreicher, nach 1933 mit der liberalen Welt und deren Presse noch fünf Jahre in engem Kontakt, d.h. sehenden Auges, 1938 dem Hitler zujubeln konnten. Jetzt, 1945, begreifen es die >Ostmärker< selber nicht mehr. Und was fangen sie mit ihrem sträflichen und irreparablen Irrtum an? Sie nehmen ihn uns übel. Nicht sie sind schuld, daß sie den Krieg mitverlieren und daß ihre Söhne mitfallen, sondern wir.“
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