Kundenrezension

18 von 19 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Losgelöst, unfassbar, unendlich, 18. Februar 2010
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Spirit of Eden (Audio CD)
Mit dem kommerziell erfolgreichen und künstlerisch überaus beeindruckendem "The colour of spring" erreichten Talk Talk den Höhepunkt ihrer Karriere. Einer erfolgreichen Welttournee folgte dann ein 14-monatiger Aufnahmeprozess in einer verlassenen Kirche in Suffolk. Bereits der Gedanke an Aufnahmen in einem Gotteshaus hätten manchen Anlass zur Sorge geben können. Das Entsetzen der Labelbosse folgte dann bei der erstmaligen Vorführung des Materials, nachdem Hollis zuvor mehrfach Einsicht in das neue Werk verweigert hatte.

In der Tat: "Spirit of Eden" fällt völlig aus dem Rahmen - damals und auch heute. Vieles in einem. Sparsamkeit und Opulenz, überragendes Meisterwerk und kommerzieller Selbstmord zugleich. Hier zählt jede Note und jede Pause, jeder noch so sparsame Instrumenteneinsatz. Mögen Melodie und die ausschließlich akustische Instrumentierung zunächst einfach wirken - sie sind es nicht! Ein Album, das dem Hörer Disziplin aufzwingt. Disziplin, genau hinzuhören, jedem noch so kleinem Detail zu lauschen, dem Fluss von Noten, dem Einsetzen und Ausscheiden einzelner Instrumente zu folgen, die Bedeutung der Einordnung einzelner Tonspuren innerhalb eines Titels zu erkennen. Erst wenn diese Disziplin aufgebracht ist, wenn Geduld und innere Ruhe hergestellt sind, wird Sparsamkeit zu Opulenz, vermeintliche Langeweile zu grenzenloser Spannung. Hier gelang Hollis das, was u.a. in der modernen bildenden Kunst zu beobachten ist: durch vermeintliche Zurückhaltung in der Umsetzung bzw. Darstellung werden neue Perspektiven geschaffen. Das Werk gibt nicht mehr alle Antworten, vielmehr lassen Ruhe und Zurückhaltung, der Verzicht auf Noten und Instrumente, die einzusetzen man versucht ist, die scheinbare Unvollkommenheit ein ganzes Universum neuer Interpretations- und Denkanstöße entstehen. Es ist, als sprenge diese Art der Musik die Zweidimensionalität gewöhnlicher Populärmusik, in der das was zu sagen ist, bereits komplett in den Werken zu finden ist. Die sehr kryptischen, christliche Motive beinhaltenen Texte tun dabei ein übriges.

Dass diese Art von Musik weder damals noch heute eine Chance auf kommerziellen Erfolg hatte, liegt auf der Hand. Schon die zweieinhalb Minuten, bis, nach leisen vorsichtigen Tönen, "The Rainbow" beginnt, dürften den meisten der damaligen Hörern zu viel abverlangt haben. Die sich langsam steigernde Spannung, die sich über "Eden" zu "Desire" entwickelt, wird vielen ebenfalls entgangen sein. Auch wird es erst im Refrain von "Desire" richtig laut. Aber das ist kaum mehr als ein kurzes Aufflackern eines starken (weil lauten) Lichts in einer scheinbar unendlichen Dunkelheit. Alle drei Titel werden jeweils ineinander übergeleitet und stellten auf der LP die zusammenhängende A-Seite dar.

Apropos Dunkelheit: Eigentlich wirkt das Album melodisch auf mich nicht durchgehend dunkel. Die ersten Drei Titel führen von warmer Düsternis (The rainbow) über Ungewissheit und Depression (Eden) zu gespanntem, manchmal laut ausbrechendem Optimismus (Desire). Die längere Pause zum folgenden "Inheritance" markiert gut die Zweiteilung des Albums. "Inheritance" zelebriert Melancholie und Hoffnung zugleich; es ist von verstörender Schönheit. Zugleich ist seine Struktur nicht ganz so weit von bekanntem entfernt, wie die seiner Vorgänger. Das sich ihm anschließende "I believe in you" führt dann ins Licht, beinahe wie das Herauskommen aus einem dunklem, unendlich großen Gewölbe auf ein weites Feld an einem frühen Sommerabend. Zugleich ist es sicher der am leichtesten zu erfassende Titel des Albums. Sanft wird man von Melodie und Instrumenten dahin getragen, der behutsame Ausklang erzeugt fast Wehmütigkeit. Die längere Pause zu "Wealth" ist sehr wichtig, sie federt den Wechsel der Instrumente ab und lässt dem Hörer Zeit, sich von dieser Sommerstimmung zu verabschieden. Nun geht es mit Orgelklängen wieder in die Dunkelheit, einer warmen angenehmen Dunkelheit, die sich mit dem langsamen (über 2 minütigen) Ausklang der Instrumente schließlich im Nichts verliert.

Was bleibt für den Hörer? Am wahrscheinlichsten sind zwei Optionen: Einmal, die Welt von Eindrücken und Perspektiven, die ihm eröffnet wurde, zu rekapitulieren, oder aber, auf die Repeat-Taste zu drücken und das Werk noch einmal zu genießen. Seine ganze Größe zu begreifen, könnte sehr lange dauern, der Vorrat an Inspiration sehr lange vorhalten. Ermüdung oder gar Überdruss sind bei mir auch nach 8 Jahren nicht abzusehen.
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Kommentare

Von 1 Kunden verfolgt

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1-5 von 5 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 01.06.2010 22:26:14 GMT+02:00
Hervorragende und absolut zutreffende Rezension, vielen Dank.

Veröffentlicht am 18.05.2011 21:43:00 GMT+02:00
Nero Thal meint:
kann mich nur anschließen.
danke!

Veröffentlicht am 25.08.2012 17:09:08 GMT+02:00
fianna meint:
Und auch ich möchte mich für diese aussergewöhnliche, und aussergewöhnlich gute Rezension bedanken, ich kann nur zustimmen!

Diese Musik bringt mich zu mir selbst zurück, sie vertreibt die negativen Auswirkungen der täglichen Reizüberflutung, sie hilft sich zu sammeln wenn man zu viel erlebt, gehört und gesehen hat was einem nicht gut getan hat.. sie ist sehr "privat oder auch persönlich" (auch wenn sich das komisch anhört, aber ich weiss nicht wie ich es ausdrücken soll), speziell, eigenwillig, sie hält sich an nichts "Vorgegebenes", und ist darum so unglaublich authentisch und bahnbrechend.
Ein sehr sehr besonderes Album, für das ich sehr dankbar bin! :-)

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 25.08.2012 22:47:39 GMT+02:00
[Vom Autor gelöscht am 10.09.2012 10:41:31 GMT+02:00]

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 19.10.2012 12:01:45 GMT+02:00
Ja genau. Das Wort "Persönlich" ist schön gewählt. Es ist, als wenn jemand zu einem spricht, zu einem ganz allein. Die Musik fordert nicht zum Tanzen auf, sie fordert nicht zum Hören in einer Gruppe auf. Sie ist eigentlich für nur einen Menschen zum Zuhören gedacht, weil es eben "privat" klingt, Dinge, die man mit keinem teilen will, weil sie vielleicht so schmerzlich oder traurig sind. Es ist wie eine Beichte, die im Beichtstuhl bleiben soll, nicht nach draußen dringen soll.

Insofern finde ich Ihre Wortwahl sehr treffend.

jojim
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