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4.0 von 5 Sternen Verteidigungsschrift der Synthetischen Evolutionstheorie, 25. Januar 2010
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Rezension bezieht sich auf: Evolutionsbiologie (Uni-Taschenbücher L) (Gebundene Ausgabe)
Ulrich Kutschera, Inhaber des Lehrstuhles für Pflanzenphysiologie und Evolutionsbiologie am Institut für Biologie der Universität Kassel, ist der wohl bekannteste Evolutionsbiologe im deutschen Sprachraum und Vorsitzender der AG Evolutionsbiologie im Verband Deutscher Biologen. Dies ist ein zahlenmäßig eher bescheidener, aber sehr kämpferischer Verband für Biologie auf der Basis eines weltanschaulichen Naturalismus und Atheismus.

Kutscheras "Evolutionsbiologie" ist einerseits die z.Zt. vielleicht beste deutschsprachige Zusammenfassung der evolutionsbiologischen Standardtheorie (Synthetische Theorie), andererseits ist sie eine durchgehende kämpferische Auseinandersetzung mit einem evolutionskritischen Konkurrenzwerk, nämlich Reinhard Junker / Siegfried Scherer: Evolution - ein kritisches Lehrbuch, 6. Aufl., Gießen 2006. Siegfried Scherer, Inhaber des Lehrstuhls für Mikrobielle Ökologie am Department für Grundlagen der Biowissenschaften der TU München, ist der vielleicht bekannteste Repräsentant evolutionskritischer Positionen in Deutschland. Er ist Theist und steht der evangelikalen Studiengemeinschaft Wort und Wissen nahe.

Kutschera und Scherer sind also beide Autoren bzw. Koautoren von Handbüchern zur Evolution, welche für die jeweiligen Lager Leitfunktion haben und Standards gesetzt haben. Auch in den Medien sind beide Autoren zu prominenten Vordenkern ihrer Lager geworden (z.B. in dem Geo-Spezial Schöpfung contra Evolution von 2007).

Man sollte daher sinnvoller Weise beide Bücher parallel lesen. Man wird so automatisch Zeuge einer der heftigsten und spannendsten Debatten der Gegenwart, ohne die man z.B. die US-amerikanische Gesellschaft und die sie tragenden Strömungen nicht versteht.

Um vollständig orientiert zu sein, sollte man jedoch unbedingt noch ein weiteres, drittes Buch lesen, nämlich Joachim Bauer: Das kooperative Gen: Abschied vom Darwinismus, Hamburg 2008. Man kann das Buchs Bauers, welcher ein bekannter Genforscher und zugleich Psychiater ist, am besten als aktuelle Programmschrift der konstruktionistischen oder auch konstruktivistischen Evolutionstheorie einordnen, welche den Schwerpunkt auf epigenetische selbstorganisatorische (autopoietische) Prozesse legt (Piaget, v. Förster, v. Glasersfeld, Maturana).

Der moderne evolutionsgenetische Konstruktionismus, über den Bauers Buch informiert, beansprucht, zum ersten Mal eine sehr weitgehende Erklärung der Komplexität der Lebensformen zu bieten: "Die erst in den letzten Jahren gelungene Aufdeckung dieses kreativen evolutionären Potentials lebender Systeme macht jetzt erstmals verständlich, wie und warum die Evolution von einem Komplexitätszuwachs lebender Organismen begleitet war und ist. Mittels der (neo)darwinistischen Prinzipien der Evolution, nämlich Zufallsmutationen und natürliche Auslese, ließ sich das Phänomen des Komplexitätszuwachses nie erklären. Die Annahme, Zufallsmutationen hätten aus einem einzelligen Lebewesen einen vielzelligen, vermehrungsfähigen Organismus mit Körperbauplan entstehen lassen, gleicht der Erwartung, es bilde sich - nach dem Zufallsprinzip - schließlich ein Wolkenkratzer, wenn man die dazu nötigen Komponenten nur oft genug auf einen Haufen schütte." (2008, 125-126)

Die Genetik bringt in der Tat erdrückendes Material herbei, das diese neue Sicht stützt. So bestehen nur 1,2 % des menschlichen Erbgutes aus klassischen Genen, aber 43% des Genoms bestehen aus kreativen Modulen im Dienst der binnen- und zwischenzellulären Wahrnehmung, Kommunikation und kreativen, aktiven (autopoietischen) Konstruktion, aber auch Kontrolle und Überwachung. Bauer nennt sie Transpositionselemente (v.a. sog. Mikro-RNS aus der genetischen Gattung der sog. Repeat-Sequenzen).

Der genetische Ansatz der konstruktionistischen Theorie der Entwicklung des Lebens ist sich bewusst, dass er in Konkurrenz zu dem von Kutschera vertretenen (neo)darwinistischen Ansatz steht und folgerichtig einen evolutionsbiologischen Paradigmenwechsel fordern muss: "Wir sollten ... beginnen, unser Denken über das, was <Leben> und was ist, an die beobachtbaren Realitäten anzupassen, und uns von den Scheuklappen des Darwinismus zu befreien." (Bauer 2008, 48)

Bauers Buch ist daher durchgängig im Blick auf Kutscheras "Evolutionsbiologie", aber auch im Blick auf Scherers evolutionskritisches Lehrbuch geschrieben. Damit ergibt sich für den interessierten Leser ein Glücksfall: Er kann mittels dreier allgemeinverständlicher Überblicksdarstellungen, welche noch dazu systematisch auf einander Bezug nehmen, einen vollständigen Überblick über die gegenwärtige Forschungslage und Theoriebildung in Sachen Evolutionsbiologie gewinnen.
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