Kundenrezension

149 von 155 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Faszinierendes Buch für die gesamte Generation "Danach", 24. Januar 2011
Rezension bezieht sich auf: Kriegsenkel: Die Erben der vergessenen Generation (Gebundene Ausgabe)
Weshalb behandelte mich mein Vater ein Leben lang verächtlich, fast wie eine Sache, in jedem Fall jedoch ohne jegliche Spur von Empathie? Unvergessen einer seiner typischen "Auftritte", als ich mich als Jugendlicher in einer schweren Krise befand, er sich ohne jede Kenntnis oder Nachfrage vor mir aufbaute und mir sein übliches "Du weißt ja gar nicht, wie gut du es hast" mit voller Wucht um die Ohren schlug.
Eine Szene von so vielen. Aber wiederum auch eine, die unvergesslich bleibt, da mich seine Interessen- und Verständnislosigkeit, seine Missachtung, vor allem aber sein nicht einmal marginal vorhandenes Einfühlungsvermögen in jenem Moment besonders vernichtend trafen. Diese Eigenschaften wogen umso schwerer, da sie sich mit einer Egozentrik paarten, die ihresgleichen sucht.

Was hat dies nun mit Sabine Bodes Buch "Kriegsenkel" zu tun? Sehr, sehr viel. Ich bin ein solcher, der 5 Jahrzehnte lang vergeblich nach einem Schlüssel suchte, der sich als nützlich dahingehend erweisen könnte, das schwere, stählerne Portal zu den Ursachen der erlebten Eiseskälte des Vaters zu öffnen, unter der ich noch heute, vier Jahre nach seinem Tod, leide. Bis zur Lektüre dieses faszinierenden Buches suchte und verwarf ich tausende von Versatzstücken zur Erklärung des Unverständlichen, um anschließend den Versuch zu unternehmen, aus den Trümmern neue Erklärungsmuster zusammenzusetzen. Vergeblich. Eins plus eins ergab niemals zwei.

In diesem Buch mit seinen diversen Fallbeispielen fand ich mich in allen mehr oder wenig, in einem aber gar zu 90% wieder. Gleich Schuppen, die von den Augen fallen, lichtete sich der so undurchdringliche Nebel, begriff ich, weshalb mein Vater wurde, wie er war, weshalb er verletzend und in sich gebrochen durchs Leben ging, warum er die Demontage anderer benötigte, um vor sich selber stark zu sein, bestehen zu können.
Entschuldigen kann ihn diese Erkenntnis nicht, doch scheint mir das sich anbahnende Verständnis für das Handeln ein erster Schritt zur Aussöhnung zu sein.

In jedem anderen der von Bode beschriebenen Fälle treten Verhaltensmuster auf, mit denen ich ich in meiner Erziehung ebenfalls konfrontiert wurde und die als bezeichnend für die Weitergabe erlittener Traumata an die "Kriegsenkel" gesehen werden müssen. Grundsätzlich sind natürlich auch individuelle, d.h. von Kriegsschrecken unbefleckte Charaktereigenschaften in die Persönlichkeitsausprägung mit einzubeziehen; der einzige Aspekt, den ich in Sabine Bodes Buch nicht ausreichend gewürdigt vorfinde.
Vergleicht man jedoch den grundlegenden Tenor all ihrer berührend offenen Interviews, so bleibt kein anderes als dieses Fazit: Die eingekerkerten, sorgfältig unter Verschluss gehaltenen Traumata der Generation der Kriegskinder enden eben NICHT mit der Existenz derselben, sondern lebt in ihren Nachkommen fort. Leider verfügen die Kriegsenkel im Gegensatz zu der vorangegangenen Generation nicht über die naheliegende Möglichkeit einer entsprechenden Zuordnung, da dieser Weg in der Regel versperrt bleibt.

Ebendiesen freigelegt, Verständnis für das rätselhaft empathielose Erziehungsverhalten der Eltern initiiert zu haben, ist und wird das große Verdienst der Autorin bleiben. Sie bahnt Erkenntnisse an, die ich dergestalt nie für realisierbar gehalten hätte.
Danke, Frau Bode, für dieses teils befreiende, in jedem Fall jedoch in seinen bisher kaum beleuchteteten Facetten ungemein wichtige Buch, das ich aus tiefstem Herzen einem Jeden meiner Generation weiterempfehlen möchte, der in welcher Form auch immer unter seinen Eltern litt und den Mut aufzubringen imstande ist, sich mit den möglichen Ursachen zu konfrontieren.
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Von 3 Kunden verfolgt

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1-10 von 12 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 01.08.2012 02:16:42 GMT+02:00
C. Mathieu meint:
Ich las gerade das Buch "Seelische Truemmer" von Bettina Alberti und suchte nach weiteren Buechern zu diesem Thema. Ihre Rezension hat mich ueberzeugt, dass ich "Kriegsenkel" lesen sollte. Vielen Dank!

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 03.08.2012 22:19:46 GMT+02:00
Ulrich Groh meint:
Vielen Dank für Ihre freundliche Zuschrift!

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 30.03.2013 20:04:59 GMT+01:00
Aletheia meint:
das buch ist auch echt gut. die vergessene generation auch.
es macht zwar nichts ungeschehen, aber man entwickelt verständnis-man weiß nicht, ob man selbst nicht ein ähnlich mensch geworden wär in den selben umständen

Veröffentlicht am 10.04.2014 23:21:57 GMT+02:00
P. Brigitte meint:
Ich habe das Buch bei einer Bekannten am Tisch liegen sehen, die Buchbeschreibung überflogen und war so tief berührt, dass mir die Tränen kamen. Es betrifft auch mich und ich werde heute das Buch bestellen. Ich danke für Ihre offenen Worte.
Brigitte P.

Veröffentlicht am 10.05.2014 08:36:18 GMT+02:00
kba meint:
Vielen Dank für eine so ausführliche und sehr persönliche Bewertung - ich habe mir das Buch auch bestellt! Wir haben in der Familie seit einigen Jahren, ähnlich "abstruse, verwirrende" Missstände, die wir versucht haben durch viele Gespräche zu klären, um dann enttäuscht aufzugeben, auf Distanz zu gehen, weil wir feststellten, dass unsere Elterngeneration nicht "kommuniktionsfähig" zu sein scheint... Wir können noch so viele Anläufe einer Kommunikation machen, noch so oft uns anders erklären, um auf eine Kommunikationsebene zu kommen.... Und es fruchtet nicht. Es schein alles an einer Wand abzuprallen, kein Verständnis zu erzeugen, Kopfschmerzen und Herzschmerzen zu bereiten, so dass wir auf Distanz gehen, um damit umgehen zu können.
Vielleicht ist uns dieses Buch eine Hilfe dabei!

Veröffentlicht am 21.05.2014 11:24:12 GMT+02:00
Ursula Fiebig meint:
Eine wunderbare Rezension, vielen Dank!

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 22.05.2014 23:39:51 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 22.05.2014 23:40:27 GMT+02:00
C. Mathieu meint:
Es ist halt fraglich, ob die Eltern dazu bereit sind, ein Buch ueber dieses schwierige Thema zu lesen. Die meisten verdraengen doch bis heute immer noch alles, was mit dem WW II zu tun hat.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 23.05.2014 19:40:18 GMT+02:00
Ulrich Groh meint:
Liebe Frau Fiebig, ich danke herzlich für Ihre freundlichen Worte!

Veröffentlicht am 14.06.2014 08:15:47 GMT+02:00
Carfax meint:
Bei mir war es "Wenn man uns das damals geboten hätte", "Du kannst froh sein, daß Du überhaupt dies und das hast/darfst. WIR hatten/durften das nicht" und natürlich "Du weißt gar nicht wie gut Du es hast". Ich bin 69er und habe als Kind immer geglaubt der Krieg sei unmittelbar vor meiner Geburt gewesen, Kriegsgräuel und Vertreibung waren für mich Tagesgeschehen, wobei meine Mutter mehr gelitten hatte als mein Vater. Noch heute kann ich Kriegsgeschichten erzählen als sei ich dabei gewesen. Ich schätze mal, ich sollte das Buch lesen......

Veröffentlicht am 22.07.2014 10:25:53 GMT+02:00
Sehr geehrter Herr Groh,

vielen Dank für diese sehr persönliche Rezension. Besonders die ersten beiden Absätze waren der Auslöser für mich dieses Buch zu bestellen. Ich hab noch 3 andere zu diesem Thema geordert. Mein Vater ist jetzt auch fast 5 Jahre tot und die Mauer steht immer noch. Meine Mutter ist vorgestern gestorben. Wir haben unseren Frieden miteinander noch machen können in den letzten Jahren und sie hat sogar noch manches erzählt, was sie ihr Leben lang vorher nie erwähnt hatte. Vor 3 Jahren stand sie schon einmal kurz davor aus dem Leben zu gehen. Wochenlang hat sie vor sich hingedämmert und war nur unglücklich und unruhig und mußte festgeschnallt werden, damit sie sich nicht ständig sämtliche Schläuche usw. raus riss. Als es soweit war, kam sie zu sich und sagte: "Ich sterbe jetzt, hol einen Pfarrer". Sie fand dann die Kraft der Seelsorgerin mit mir an der Seite zu sagen, was sie noch bewegt und was sie gerne klären möchte, um in Ruhe gehen zu können. Ich hatte eher aktuelle Konflikte erwartet. Tatsächlich waren es aber Dinge aus dem 2. Weltkrieg und von der Flucht aus Ostpreußen, die ihr widerfahren waren. Bis dahin hatte sie nie darüber gesprochen. Vieles konnte sie auch nur andeuten, aber wagte sich nicht, es auszusprechen. Danach ging es aufwärts. Sie ist noch mal vom "Totenbett" aufgestanden und hat noch diese 3 Jahre weitergekämpft, aber konnte dann viele Dinge anders sehen und hat trotz all ihrer schweren Krankheiten doch noch das Leben auf ihre Art und Weise genießen können, bis auf die letzten 6 - 8 Wochen.

Vielleicht komme ich jetzt mit Hilfe dieses Buches auch an die Stelle, meinen Vater zu verstehen.

Nochmals vielen Dank.

Heike Jackstädt-Fleck
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