Kundenrezension

28 von 33 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Kein zweiter Farinelli, 17. September 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Arias for Farinelli (Deluxe Edition) (Audio CD)
Die vor 5 Jahren erschienene Carestini-CD von Philippe Jaroussky gehört für mich zu den wenigen Cds für die einsame Insel. Mit Sorge sah ich daher, welch ungeheures Arbeitspensum der junge Countertenor seit Jahren auf sich genommen hat, unterstützt (oder besser ausgenützt) von einer gnadenlosen Medienpräsenz und Vermarktungsmaschinerie. Sein Händel-Sesto bei den letztjährigen Salzburger Festspielen (eigentlich keine besonders schwere Partie) machte dann klar, dass der Star stimmlich ziemlich angestrengt war. Seine längere Auszeit, die er sich schließlich nach den Artaserse-Aufführungen nahm, ließ eine veritable Stimmkrise befürchten- das Schreckgespenst Villazon tauchte am Horizont auf.
Umso gespannter durfte man auf die neue CD des mittlerweile 35-jährigen sein (ein kritisches Alter besonders für Countertenöre), die ausschließlich Farinelli-Arien von Porpora enthält. Um es gleich vorweg zu sagen: Ein glänzendes Comeback auf alter Höhe ist es nicht geworden, allerdings auch kein trauriges Dokument vokalen Verfalls, was zu befürchten war.
Zunächst fällt auf, dass sich der nie besonders große Stimmumfang des Sängers noch etwas verkleinert hat. Die tiefe Lage ist matt und dünn, Töne oberhalb des e2, also die genuine Sopranlage, werden schnell hart und eng. Der höchste Spitzenton as2 wird zwar innerhalb von schnellen Läufen sauber erreicht, aber man hört deutlich, dass Jaroussky (anders etwa als die etwas jüngeren Konkurrenten Fagioli oder Hansen) keine wirkliche Kontrolle über das hohe Register hat. Innerhalb der Mittellage gelingen nach wie vor schöne und teils berührende Leistungen, besonders in den sanften und zurückhaltenden Stücken wie den beiden Orfeo-Arien, die auch kompositorisch im Gegensatz zu manch anderer recht schablonenhaft geschriebener Dacapoarie auf höchstem Niveau sind. Martialisch-heroische Stücke wie die von Blechbläserfanfaren begleitete Aci-Arie oder virtuose Sturmesarien sind für seine Stimme denkbar ungeeignet. Sehr bedauerlich ist außerdem, dass sich bei den langen pathetischen Arien schnell eine gewisse Gleichförmigkeit, wenn nicht gar Langeweile einstellt, was auch an der reichlich uninspirierten Begleitung des venezianischen Barockorchesters liegen mag.
Warum mußte es also gerade der legendäre Farinelli sein, der besonders für seinen immensen Stimmumfang von drei Oktaven berühmt war? Es gibt genug allerbeste, weniger anspruchsvolle Musik für andere Kastraten , die Jarousskys Stimme in ihrer momentanen Verfassung besser zur Geltung gebracht hätte. Offenbar wollte man vermarktungstechnisch mit Hansen und Fagioli im Sinne von "Wer kommt dem berühmteren Kastraten nahe" gleichziehen, was m.E. nicht funktioniert hat. In direktem Vergleich mit den beiden Kollegen kommt Jaroussky, der früher zu meinen absoluten Topfavoriten zählte, leider nur auf Platz drei. Wenn es derzeit einen Countertenor gibt, der sich in Nachfolge der großen Kastraten des 18. Jahrhunderts sehen darf, dann ist das Franco Fagioli. Es bleibt zu hoffen, dass der hochbegabte und sympathische Philippe Jaroussky in den nächsten Jahren klug der Versuchung zu widerstehen vermag, sich von einer erbarmungslosen und profitgierigen Marketingmaschinerie verheizen zu lassen und einen Weg findet, der für seine immer noch schöne Stimme optimal ist.
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Von 2 Kunden verfolgt

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1-6 von 6 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 17.09.2013 22:44:47 GMT+02:00
Pebbles23 meint:
Dieser Rezension kann ich voll zustimmen. Besonders die langsamen, ruhigeren Stücke sind nach wie vor wunderschön gesungen, wie man es von Philippe Jaroussky kennt. Man bekommt hier, was man bereits kennt, aber keine künstlerische Weiterentwicklung oder einen besonderen Aspekt, sondern eben "noch eine" Farinelli CD, vielleicht weil die noch im Portfolio fehlte? Die Bravurarien sind m.E. weniger gelungen - und auch wenn die Stimmen so sehr unterschiedlich sind, kommt man doch kaum um einen Vergleich mit Franco Fagioli herum, der einen insbesondere in den Bravurarien mit offenen Mund dasitzen lässt. Wie dem auch sei, Fans werden diese CD dennoch mögen, und ich bin gespannt, welchem Repertoire sich Philippe Jaroussky, den ich auch sehr mag und schon oft im Konzert erleben durfte, sich in Zukunft widmen wird, denn in einem Interview hat er kürzlich bereits angedeutet, dass er sich bald vom typischen Kastratenrepertoire verabschieden wird.

Veröffentlicht am 19.09.2013 18:01:43 GMT+02:00
Lilienthal meint:
Ihre Rezensionen sind oft sehr interessant zu lesen und zutreffend. Was das hier sein soll, ist mir allerdings schleierhaft. Jaroussky hat vor vier Jahren beschlossen, ein Sabbatical zu nehmen; das ist allgemein bekannt. Sowohl bei den Salzburger Festspielen als auch bei den Konzerten in der zweiten Jahreshälfte hat seine Stimme sich im üblichen Glanz präsentiert (dies können Sie sämtlichen Rezensionen entnehmen). Jarousskys tiefes Register präsentiert sich in Arien wie "Mira in ciel" bis zum a kraftvoll, seine Höhe bis zum a strahlend, wobei er manchmal in Bravourarie diese hohen Töne forte singt - das hätten Sie persönlich vielleicht anders gemacht? Jaroussky ist außerdem bekannt dafür, seine Projekte jahrelang vorzubereiten und dabei sämtliche künstlerischen Entscheidungen selbst zu treffen. Wie Sie den Booklets entnehmen können, ist das bei Fagioli und anderen nicht der Fall; wer hier ggf. ausgebeutet oder nur von der Publicity hochgejubelt wird, sollten Sie also vielleicht noch einmal reflektieren. Andererseits ist "Oh, what noble mind/voice is here oerthrown" natürlich immer ein beliebter Topos; schade nur - ich dachte bislang, Sie dächten eigenständig.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 20.09.2013 11:40:45 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 20.09.2013 12:13:36 GMT+02:00
Ich denke nach wie vor sehr eigenständig und bleibe hoffentlich meinem Spitznamen des "kritischen Ohres" treu. Mag sein, dass Sie den m.E. stimmlich und darstellerisch angestrengten und intonationsmässig teils sehr unsicheren Auftritt in Salzburg als strahlend empfunden haben- ich habe mir danach echte Sorgen gemacht. Ich denke eine große Vielfalt von eigenständigen Rezensionen unterschiedlichen Inhalts ist sehr demokratisch und einer der besten Aspekte im ansonsten teils recht zwiespältigen Amazon-Verkaufssystem. Wir sollten uns daher besser persönlicher Polemik enthalten und akzeptieren, dass die Beurteilung von Kunst und Sängern immer individuell verschieden ausfallen wird. Beste Grüße aus dem tiefen Bayern!

Veröffentlicht am 20.09.2013 18:03:46 GMT+02:00
[Vom Autor gelöscht am 23.09.2013 17:40:11 GMT+02:00]

Veröffentlicht am 27.09.2013 04:31:41 GMT+02:00
Abert meint:
[Die meisten Kunden meinen, dass dieser Beitrag nicht zur Diskussion gehört. Beitrag dennoch anzeigen. Alle nicht nützlichen Einträge anzeigen.]

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 24.11.2013 11:36:57 GMT+01:00
Nic meint:
Der Abend in Berlin gab gewiss keinen "Anlass zur Sorge" - gerade in den schwierigen Passagen, bei denen ich nach den Eindrücken der CD nicht sicher war, ob es mir live wirklich gut gefallen kann, war ich positiv überrascht, sogar begeistert: Tief so gut wie zu erwarten und absolut sichere Höhen.
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