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123 von 148 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Spielbergs anspruchsvollster Film - Man sollte nicht zu schnell urteilen!, 8. Februar 2013
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Rezension bezieht sich auf: Lincoln (DVD)
Das Thema dieses Films teilt Spielberg in der ihm eigenen überaus anspruchsvollen Weise visuellen Erzählens gleich in einer der ersten Szenen mit. Wir sehen Lincoln mit dem Rücken zu uns gekehrt in derselben Pose, die er als Denkmal innerhalb des Lincoln Memorial in Washington einnimmt: sitzend und die Hände auf den Oberschenkeln. Die Soldaten, die ihm gerade ihr alltägliches Leid klagen, erscheinen gegenüber der mächtigen Gestalt zwergenhaft. Die Kamera nähert sich und wir werfen einen ersten Blick in Lincolns Gesicht und einen winzigen Augenblick erscheint es fast, als würde eine steinerne Figur zum Leben erweckt. Das ist Visualierungskunst der Extraklasse und verweist den aufmerksamen Zuschauer auf das eigentliche Thema des Films: die Visualisierung der im historischen Rückblick bis zur Unkenntlichkeit verklärten Person als Mensch. Ein Denkmal soll zum Leben erweckt werden. Und aller Hickhack um den 13. Verfassungszusatz ist dabei nur Kulisse, um diesen außergewöhnlichen Charakter zornig, liebevoll, humorvoll und gedankenverloren zu zeigen. Und - um das Ergebnis vorwegzunehmen - dies gelingt auf höchstem Niveau.

Ein deutscher Zuschauer ist aber gleich in dieser ersten Szene überfordert. Er bermerkt nicht, dass die Soldaten aus Lincolns "Gettysburg Address" zitieren. Und es stellt sicher keine Bildungslücke dar, wenn ihm der Begriff "Gettysburg Address" so wenig sagt wie deren Inhalt. Amerikanische Zuschauer hingegen haben die wenigen Sätze dieser Rede auswendig gelernt und erkennen sich daher in den zwergenhaft wirkenden Soldaten sofort wieder: Für sie bietet sich also sofort eine Identitizierungsmöglichkeit, die der deutsche Zuschauer leider nicht hat. Spielberg inszeniert hier schlicht meisterhaft.

Ausnahmsweise - ich bin auch kein großer Spezialist - war ich diesmal im Vorteil, weil ich das fantastische Buch von Donald Lincoln kurze Zeit zuvor gelesen hatte (eine Empfehlung auch dafür). Ich kann deshalb beurteilen, warum man überhaupt auf den Gedanken verfallen kann, Lincoln als Mensch so visualisieren zu wollen und wie sorgfältig sein Portrait in diesem Film gezeichnet ist. Bei Donald ist nämlich zu lesen, dass Lincoln auf keinem der überlieferten Fotos auch nur einmal lächelt. Immer vermittelt er dasselbe rabengleiche Image und wirkt - seien wir ehrlich - eher wie ein verbitterter Bibelprediger. Tatsächlich war er jedoch ein überaus humorvoller Zeitgenosse. Ich erinnere mich etwa an ein ironisches Selbstprotrait. Während einer Wahlkampfreise rief er dem Publikum zu, dass seine Auftritte im Wesentlichen darin bestünden, dass er sich die Leute besehe und dass sich die Leute ihn näher ansehen würden und dass er selbst dabei immer das bessere Geschäft mache. Nichts von diesem launigen, volksnahen Charakter findet sich in den Fotos. Auch fällt es einem Leser schwer zu verstehen, wie ein so unkomplizierter und uneitler Mensch zugleich so melancholisch und geistesabwesend sein konnte. Ich stellte mir bereits als Leser die Frage, wie all diese Charaktereigenschaften in einem Menschen zusammenpassen könnten. Daniel Day-Lewis und Spielberg geben darauf eine faszinierende Antwort für denjenigen, der das Leben von Lincoln genau kennt. Denn der Film macht keine Kompromisse gegenüber dem Massengeschmack, obwohl das Leben Lincolns (der in einem Blockhaus ohne Fenster und festen Boden geboren wurde, insgesamt überhaupt nur den Zeitraum von 1 Jahr in ganz unterschiedlichen Schulen verbrachte und nie eine Universität von innen sah) den klassischen amerikanischen Traum verkörpert.

Denn der Film basiert auf gründlichster Recherche aller Details der Persönlichkeit. So wird beispielsweise erwähnt, dass der Vater den Staat Kentucky verlassen musste, weil er als einfacher Farmer mit den Sklavenbetrieben nicht konkurrieren konnte. Der daraus resultierende Hass auf die Sklaverei hatte nichts mit Religion und Ethik zu tun. Die sklavenbetriebenen Farmen waren nur ein Vorbote der Industrialisierung, die die Lebensgrundlage der einfachen Yankee-Bauern infrage stellten. Dies setzt etwa auch Donald dem Leser im Detal auseinander. Dort ist auch zu lesen, dass Lincoln in seiner Jugend vor allem Shakespeare und die Bibel tagelang und schweigend studierte. Ein Höhepunkt des Films besteht deshalb in der Szene, in der Lincoln sich mitten in einer konkreten politischen Auseinandersetzung zurückzieht und die Worte Banquos zitiert: "If you can look into the seeds of time and say which grain will grow and which will not, speak then to me". Dem Zuschauer, der von diesen Zusammenhängen weiß, verursacht es eine Gänsehaut. Der Film aber ist so elitär angelegt, dass er den anderen Zuschauern keinen Hinweis gibt, was Lincoln gerade zitiert. Und so geht es in einem fort.

Spielberg hat sich hier schlicht einen Regietraum gegönnt, der nur ihm wegen seiner zahlreichen kommerziellen Erfolge finanziell möglich war: Er hat ohne Kompromisse einmal, das schwer visuell Vorstellbare meisterhaft in Bilder umgesetzt. Die schlaksigen Bewegungen des 1,93-Meter Mannes; seine melancholische Versunkenheit, sein volksnaher Witz, seine Verschlagenheit usw. Dazu hat er alle vorhandenen Fakten in den Film eingearbeitet und einen Meisterschauspieler wirken lassen. Für mich war das Ergebnis schlicht großartig! Den nicht näher informierten Zuschauer lässt dieser Film jedoch gnadenlos hinter sich. Dies wirkt elitär und abgehoben. Ich habe das Werk in einem großräumigen Kino mit ca. 15 Zuschauern erlebt. Zwei davon erhoben sich deutlich protestierend und verließen den Saal nach einer halben Stunde. Ich kann das verstehen, habe mich selbst aber an Spielbergs Visualisierungskunst berauscht.

Denn ehrlich: Die Dotcom-Krise um die Jahrtausendwende und Finanzmarktkrise des Jahre 2009 haben in den USA das Genre des Biopics und der Comicverfilmungen gleichermaßen ins Kraut schießen lassen. Diese Filme haben aber die ewig gleichen Botschaften und man winkt mittlerweile müde ab. Dies Botschaften lauten stets: Auch Du kannst es aus dem Elend heraus schaffen (Biopics) und: Keine Angst, Amerika hat mächtige Retter, die ihm in aller Not beistehen (Comic-Verfilmungen). Dieser Film ist eine erfrischende Aufnahme. Auch wenn man ihn persönlich nicht mag, sollte man die hinter ihm stehende Leistung respektieren.
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21-21 von 21 Diskussionsbeiträgen
Antwort auf einen früheren Beitrag vom 13.10.2013 17:45:03 GMT+02:00
Zur Sklavenfrage und Lincoln: Alles korrekt. Lincoln hätte diese nicht angefasst, wenn es nicht notwendig gewesen wäre, um den Krieg zu gewinnen und die Einheit der USA wiederherzustellen.

Dennoch - und hierin liegt meiner Meinung nach Lincolns Größe:
Er HAT die Frage der Sklaverei als das erkannt, was sie war - Sprengsatz an der Einheit des Landes.
Er HAT sie dann (schrittweise, um die Sklavenhalterstaaten des Nordens nicht zu verprellen) abgeschafft.
Darin besteht das historische Verdienst Lincolns und daran gibt es qua factum auch nichts zu rütteln. Dass er (wie im übrigen auch nicht wenige Schwarze) eine Rückkehr der Schwarzen nach Afrika für wünschenswert oder notwendig erachtete hat und er, obgleich wohl eher kein Freund der Sklaverei (aber auch kein Abolitionist), sicherlich Schwarze nicht für gleichwertig hielt, steht auf einem anderen Blatt.
Immerhin haben ihn persönliche Vorbehalte nicht von der Abschaffung der Sklaverei abhalten lassen.
Und wer kann schon von sich sagen, dass er bereitwillig, sehenden Auges und als treibende Kraft über seinen Schatten gesprungen ist? - Auch ein Indiz für Größe m.M.n.
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