Kundenrezension

53 von 62 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Teils Teils, 22. November 2007
Rezension bezieht sich auf: Ich bin dann mal weg: Meine Reise auf dem Jakobsweg (Gebundene Ausgabe)
Es kommt darauf an, unter welchen Voraussetzungen man sich dieses Buch zu Gemüte führt. Ein tiefreligiöser Pilgerfreund, für den der Jakobsweg ein ganz besonderer Ausdruck seines Glaubens ist - der wird voraussichtlich enttäuscht werden. Dazu ist das Buch zu oberflächlich im Bezug auf die Spiritualität des Weges, beziehungsweise die Spiritualität des Buches ist unglaubwürdig und macht sich hier und da lächerlich. Wer sich zuvor wenig mit dem Camino beschäftigt hat, nicht tiefreligiös ist und wer keine literarische Meisterleistung erwartet (Was ich von Hape auch nicht erwartet habe, er ist nun mal Komiker), dem könnte das Buch gefallen.

Zum Thema Entbehrungen auf dem Jakobsweg: Mehr Respekt hätte ich vor dem Buch, wenn Hape tatsächlich den kompletten Camino gelaufen wäre. Stattdessen nimmt er oft Bus und Zug, nimmt sich oft eine Auszeit und macht mal einen Tag Urlaub. Und immer, wenn er damit prahlt, er hätte seinen persönlichen Rhythmus gefunden und wäre nun Gott näher - braucht er wieder eine Auszeit. Er speist gut, er sagt, er kann sich die besseren Hotels leisten, er duscht warm und schläft gut ... von Entbehrung kann da wenig die Rede sein, abgesehen davon, dass ihm die Füße weh tun.

Was das Religiöse angeht: Die Bedeutung des Jakobsweges bleibt auf der Strecke. Wenn es im Buch zum Thema Gott kommt, wird es in meinen Augen meist lächerlich. Diese Gottbegegnungen kann ich kaum glauben, so wie sie dargestellt sind (Hape sieht eine Aufschrift "Ich und du" und läuft ein paar Kilometer grübelnd und hinterher erzählt er, er habe dabei seine ganz persönliche Begegnung mit Gott gehabt. Aha.) Eine "Rückführung" in sein vorheriges Leben wird von Hape beschrieben und natürlich war er ein Mönch, der im Kloster eine jüdische Familie versteckt hält und dafür von den Nazis erschossen wird. Ich verstehe, dass Hape das gerne glauben möchte, das würde mir auch so gehen. Unglaubwürdig bleibt es für mich als Leser trotzdem.

Zum Thema Biografie: es konnte schwerlich ausbleiben, dass aus dieser Pilgerreise gleich Memoiren werden. Da auch mir ein gewisser Voyeurismus inne wohnt, freute ich mich am Anfang, als Hape erzählte, wie er seine Karriere begann und wie sein Aufstieg aussah. Als sein Beruf im Laufe des Buches jedoch zur Selbstbeweihräucherung ausartete, freute ich mich nicht mehr. Er wird nicht müde zu betonen, wie oft er irgendwo erkannt wird. Wird nicht müde, abfällig darüber zu reden, wenn Mitpilgerer ihn deswegen anstarren. Gleichzeitig erzählt er ausländischen Pilgerfreunden gern, dass er in Deutschland ein bekannter Komiker ist. Dann wieder will er alles geheimhalten und nicht erkannt werden. Das ist dann aber mehr eine Kokettierung mit seinem Status als ehrliche Bescheidenheit. Er nimmt sich selbst als "Berühmtheit" wenig zurück. Er legt dieses "Ich bin ein bekannter Komiker aus Deutschland" nicht ab und genau das hätte ich aber erwartet nach den ersten Seiten, auf denen steht, er wolle einmal weg aus dem Trubel. Andererseits hätte ich auch von einem Bäcker auf dem Pilgerpfad nicht erwartet, dass er plötzlich kein Bäcker mehr ist und anderen gegenüber alles geheim hält. Wie soll man also Hape verbieten, das zu sein, was er ist, und darüber zu sprechen, nur weil es zufällig ein Pilgerweg ist, auf dem er wandelt?

Wenn es im Buch moralisch wird, wird es langatmig und verworren. Am besten gefällt mir das Buch, wenn tatsächlich etwas Witziges vorkommt (was so oft nicht vorkommt). Im Nachdenklich-Sein ist Hape nicht so gut, vielleicht fehlt ihm die Poesie in Gedanken und Worten. Er ist gut, wenn er die Gespräche von Mitreisenden belauscht und wiedergibt, über die sich auch viele von uns köstlich amüsieren würden.

Dass Hape keine Ahnung wieviele Sprachen spricht, ist schön und gut, aber nervt auch etwas im Buch. Steht ja sogar auf dem Buchumschlag, was er alles spricht. Was macht dann einer, der nicht fließend alle möglichen Sprachen spricht und nicht so kultiviert auf allen Pfaden plaudern kann? Witziger mutet da eine Stelle im Buch an, als eine Brasilianerin auf portugiesisch auf ihn einschwatzt und er nicht die Bohne versteht. Diese Stelle wirkte weitaus menschlicher auf mich und wesentlich nachfühlbarer.

Nun endlich die Begründung, warum ich dem Buch trotzdem drei Sterne gebe: ich gehöre zu denen, die es ohne jede Voraussetzung gelesen haben. Den Jakobsweg kannte ich vorher kaum und von Hape kenne ich nur wenige Shows und Sketche. Ich bin gläubig, aber nicht tiefreligiös. Ich war völlig unbedarft und konnte mich amüsieren bei der Lektüre. Ich habe keinen religiösen Tiefsinn erwartet und keine Witzesammlung und keine literarische Meisterleistung. So konnte ich es als das nehmen, was es ist: eine Reiseerzählung mit Anekdoten und persönlichen Erinnerungen.

Das Buch hat mich neugierig gemacht auf den Jakobsweg, ich möchte nun mehr darüber lesen und ich kann mir zum ersten Mal vorstellen, so etwas eines Tages auch zu machen. Auch wenn mich tiefreligiöse Wanderfreunde nun als einen von diesen deutschen Jakobswegtouristen bezeichnen könnten, die nur wegen dem Kerkeling durch Spanien marschieren.

Das Buch hat mich streckenweise amüsiert, zumindest der Anfang, als es sich noch nicht in verworrene Überlegungen verlor.

Letzten Endes kenne ich jetzt einen Menschen besser, den ich mir im Fernsehen höchstens mal als Horst Schlämmer bei Günther Jauch zu Gemüte geführt habe. Man mag ihm verzeihen, dass er sich in den Vordergrund stellt und nicht den Jakobsweg. Dass er lieber in Hotels schläft als in Gruppenschlafsälen. Das ist wohl menschlich und ich kann schlecht beurteilen, ob ich es nicht genauso tun würde. Über die Lektüre des Buches bin ich irgendwie froh und ich kann jeden verstehen, der es genauso sieht und jeden, der es aus tiefschürfenden Gründen nicht so sieht.

Es hat mir ein paar graue Wintertage bunter gemacht und in mir die Lust auf die Welt entfacht.
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1-3 von 3 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 22.09.2012 18:44:04 GMT+02:00
Lieber Zilpzalp.
Dem Geschriebenen kann ich nur zustimmen! Mich störte sehr oft bei dem Kerkeling die selbstgefällige und teilweise hochnäsige Art den Mitpilgern-und auch in seinen Erzählungen bezüglich seines bisherigen Lebensweges getroffenen Leuten gegenüber.-Oft ein sprichwörtliches Tuntenverhalten...
Die Sache mit der Reinkarnation, seinen Kariereschüben und wen er alles kennt,seiner Selbstgefälligkeit fand ich ebenfalls nicht sehr glaubwürdig, löste teiweise bei mir Fremdschämen aus und hat in diesem Buch eigentlich überhaupt nichts zu suchen!
Gut haben mir die Episoden auf seinen Stationen gefallen, das hat er wirklich gut hingekriegt.
Drei Sterne halte ich nach dem Revue-Passieren des Buches für angemessen, mehr auch nicht.
MFG:
Martin

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 22.09.2012 19:09:35 GMT+02:00
Zilpzalp meint:
Hallo Martin, das ist zwar nett, dass du mir zustimmst, aber ich distanziere mich ausdrücklich von deinem Spruch mit dem "Tuntenverhalten". Damit hat meine Rezension nichts zu tun, ich schätze Hape Kerkeling und das Wort Tuntenverhalten finde ich sehr störend und unpassend.

Veröffentlicht am 17.09.2013 20:22:36 GMT+02:00
Nina0906 meint:
Tolle Rezension, vielen Dank dafür!

Liebe Grüße
Nina
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