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Verkaufszahlen als das Maß aller Dinge?, 13. Juni 2009
Rezension bezieht sich auf: Über das Schreiben (Taschenbuch)
Doch, ja, zugegeben, das Buch enthält einige nützliche Aussagen zum Schreiben von Büchern, von fiktionalen und nichtfiktionalen Texten. Und es enthält einige interessante Erkenntnisse: daß der an Filme gewohnte Leser mit den Beschreibungen, wie sie im 19. Jahrhundert üblich waren, nur noch wenig anfangen kann (was mit dem Schreiben von Büchern nur bedingt was zu tun hat, aber immerhin eine Erkenntnis ist). Und, nein, ich will keinen Verriß schreiben. Aber ich fürchte, ich muß. Die Liste der Mängel ist lang: ungeordnet und ohne Gewähr der Vollzähligkeit sind es die folgenden: 1. Die Verkaufszahlen eines Buches in den Vereinigten Staaten im letzten Drittel des vergangenen Jahrhunderts sind nicht das Maß aller Dinge. Daß ein Buch in einen amerikanischen Buchclub aufgenommen wurde (kein Qualitätsmerkmal) und Millionenauflagen erreichte (vielleicht eine Folge des Buchclubs?) hat für die Qualität von Text und Inhalt nur eine sehr bedingte Aussagekraft. 2. Im letzten Drittel dachte ich, ich werde verrückt, wenn ich noch einmal eine Wendung lesen muß, die sich so anhört: "Als ich den Roman ... schrieb, kam mir der unglaublich geniale Gedanke, das dritte Kapitel wie folgt zu beginnen: ..." (kein wörtliches Zitat, könnte es aber sein). Ich habe mal gelernt, Eigenlob habe einen strengen Geruch. Der Verfasser dieses Buches scheint dies nicht zu wissen. 3. Schon in der letzten Hälfte hat Herr Stein die eigenen Regeln gebrochen: es zieht sich nämlich, einem ausgelutschten Kaugummi gleich; um interessant zu sein, wäre die zweite Hälfte besser ein Drittel, noch besser ein Viertel geworden. 4. Die Welt, Herr Stein, ist nicht schwarz und weiß. Er glaubt, nur Bücher verkaufen zu wollen, in dem die Antagonisten "nicht nur ein bißchen boshaft, sondern richtiggehend bösartig" (S. 422) sind, denn "im allgemeinen ist ein durch und durch verderbter Charakter für den Leser interessanter" (S. 423). Das ist möglich, der Realismus bleibt dabei halt ein wenig auf der Strecke. Scheint aber egal zu sein. 5. Für den Protagonisten gilt das gleiche: "Im allgemeinen empfiehlt es sich aber für einen Autor, seine Figuren nicht als gewöhnliche Menschen zu zeichnen, sondern als Personen, die sich so deutlich wie möglich vom Mittelmaß abheben." (S. 98) Abgesehen davon, daß er in der Zeile vorher Stephen King erwähnt, der mit der gegenteiligen Einstellung auch ein paar Millionen Bücher verkauft hat: der Rat ist gut, wenn ich eine Biographie über Einstein schreiben will, sonst nicht. 6. Es wird aber noch besser: "Nehmen wir zunächst einmal den Helden, der nicht heldenhaft ist, dem die notwendige Energie und Willensstärke zur Verfolgung seiner Ziele fehlt. Seien wir ehrlich, die Leser interessieren sich nicht für solche Schwächlinge. Ihr Interesse gilt der selbstbewußten Person, die etwas will, die es unbedingt und auf der Stelle will." (S.94) Willkommen im amerikanischen Traum. 7. "Seit Menschengedenken werden Geschichten um einen Helden gesponnen, der allen Widrigkeiten und mächtigen Feinden zum Trotz schier unüberwindliche Hindernisse meistert. Sofern Sie einen anderen Kurs eingeschlagen haben, ist Ihr Handlungsgerüst vielleicht nicht tragfähig genug, um das Interesse des Lesers bis zum Schluß aufrechtzuerhalten" (S.424) - Oh weh, dem Land, das Helden nötig hat, möchte ich dem etwas plakativ entgegensetzen, und etwas differenzierter: wenn das alles ist, dann lesen wir die Odyssee und lassen es damit gut sein. Ich wiederhole mich: wenn das die Lösung ist, bleibt der Realismus dabei halt ein wenig auf der Strecke... 8. Die Handlungsanweisungen, die der Autor zur Verwendung von Vergleichen und Metaphern gibt, kommen mir am Ende doch vor wie aus einer anderen Dimension entsprungen. Die Handlungsanweisung, damit sparsam umzugehen, unterschreibe ich, die gegenteilige, sie doch zur Steigerung des allgemeinen Ausdrucks wirkungsvoll einzusetzen, führt, sorry, in aller Regel zu unerträglich platten Texten. Die sich vielleicht gut verkaufen mögen, aber, siehe oben. 9. "Ein Autor muß den Mut haben, das zu sagen, was andere Menschen manchmal denken, aber nicht aussprechen. Oder was sie vielleicht nicht einmal zu denken wagen." (S. 245) und "Er hat die Aufgabe, das zu schreiben, was andere Menschen denken, aber nicht aussprechen." (S.117) Hat er? Muß er? Das Apodiktische daran ist das erste, was mich stört. Müssen tut keiner was. Und sollte nicht ein Autor in erster Linie das aussprechen, was er selbst denkt? Sofern "andere Menschen" etwas anderes denken, mögen sie es selbst sagen, oder etwa nicht? Ich habe, reiner Zufall, parallel mit diesem Buch (wenn es mir mal wieder ein paar Fragezeichen zu viel rausgehauen hat) Erich Kästner gelesen. Der was zu sagen hatte und der das nie anders als treffend gesagt hat. Sol Steins Kriterien an den "Fabian" angelegt, haben wir ein komplett unverkäufliches und vollkommen unmögliches Buch. Nur so als Beispiel. Was ich damit sagen will? Es kommt auf das Ziel an. (Auch) die amerikanische Literatur zwischen dem Ende des zweiten Weltkriegs und dem 11.September 2001 hat einiges hervorgebracht, was schon lange zu Recht als unlesbar in den Bücherschränken vor sich hin staubt, damals aber modern und angesagt war. Könnte es sein, daß der Autor einen Teil der Entwicklung verpasst oder einfach ignoriert hat. Möglich wäre es. Ich weiß es nicht. Aber eines weiß ich: ich will nicht hin, wo Herr Stein hin will. Weder als Lesende noch als Schreibende. Dessen bin ich mir sicher.
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Über das Schreiben 3861509083
Sol Stein
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Doch, ja, zugegeben, das Buch enthält einige nützliche Aussagen zum Schreiben von Büchern, von fiktionalen und nichtfiktionalen Texten. Und es enthält einige interessante Erkenntnisse: daß der an Filme gewohnte Leser mit den Beschreibungen, wie sie im 19. Jahrhundert üblich waren, nur noch wenig anfangen kann (was mit dem Schreiben von Büchern nur bedingt was zu tun hat, aber immerhin eine Erkenntnis ist).
Und, nein, ich will keinen Verriß schreiben. Aber ich fürchte, ich muß.
Die Liste der Mängel ist lang: ungeordnet und ohne Gewähr der Vollzähligkeit sind es die folgenden:
1. Die Verkaufszahlen eines Buches in den Vereinigten Staaten im letzten Drittel des vergangenen Jahrhunderts sind nicht das Maß aller Dinge. Daß ein Buch in einen amerikanischen Buchclub aufgenommen wurde (kein Qualitätsmerkmal) und Millionenauflagen erreichte (vielleicht eine Folge des Buchclubs?) hat für die Qualität von Text und Inhalt nur eine sehr bedingte Aussagekraft.
2. Im letzten Drittel dachte ich, ich werde verrückt, wenn ich noch einmal eine Wendung lesen muß, die sich so anhört: "Als ich den Roman ... schrieb, kam mir der unglaublich geniale Gedanke, das dritte Kapitel wie folgt zu beginnen: ..." (kein wörtliches Zitat, könnte es aber sein). Ich habe mal gelernt, Eigenlob habe einen strengen Geruch. Der Verfasser dieses Buches scheint dies nicht zu wissen.
3. Schon in der letzten Hälfte hat Herr Stein die eigenen Regeln gebrochen: es zieht sich nämlich, einem ausgelutschten Kaugummi gleich; um interessant zu sein, wäre die zweite Hälfte besser ein Drittel, noch besser ein Viertel geworden.
4. Die Welt, Herr Stein, ist nicht schwarz und weiß. Er glaubt, nur Bücher verkaufen zu wollen, in dem die Antagonisten "nicht nur ein bißchen boshaft, sondern richtiggehend bösartig" (S. 422) sind, denn "im allgemeinen ist ein durch und durch verderbter Charakter für den Leser interessanter" (S. 423). Das ist möglich, der Realismus bleibt dabei halt ein wenig auf der Strecke. Scheint aber egal zu sein.
5. Für den Protagonisten gilt das gleiche: "Im allgemeinen empfiehlt es sich aber für einen Autor, seine Figuren nicht als gewöhnliche Menschen zu zeichnen, sondern als Personen, die sich so deutlich wie möglich vom Mittelmaß abheben." (S. 98) Abgesehen davon, daß er in der Zeile vorher Stephen King erwähnt, der mit der gegenteiligen Einstellung auch ein paar Millionen Bücher verkauft hat: der Rat ist gut, wenn ich eine Biographie über Einstein schreiben will, sonst nicht.
6. Es wird aber noch besser: "Nehmen wir zunächst einmal den Helden, der nicht heldenhaft ist, dem die notwendige Energie und Willensstärke zur Verfolgung seiner Ziele fehlt. Seien wir ehrlich, die Leser interessieren sich nicht für solche Schwächlinge. Ihr Interesse gilt der selbstbewußten Person, die etwas will, die es unbedingt und auf der Stelle will." (S.94) Willkommen im amerikanischen Traum.
7. "Seit Menschengedenken werden Geschichten um einen Helden gesponnen, der allen Widrigkeiten und mächtigen Feinden zum Trotz schier unüberwindliche Hindernisse meistert. Sofern Sie einen anderen Kurs eingeschlagen haben, ist Ihr Handlungsgerüst vielleicht nicht tragfähig genug, um das Interesse des Lesers bis zum Schluß aufrechtzuerhalten" (S.424) - Oh weh, dem Land, das Helden nötig hat, möchte ich dem etwas plakativ entgegensetzen, und etwas differenzierter: wenn das alles ist, dann lesen wir die Odyssee und lassen es damit gut sein. Ich wiederhole mich: wenn das die Lösung ist, bleibt der Realismus dabei halt ein wenig auf der Strecke...
8. Die Handlungsanweisungen, die der Autor zur Verwendung von Vergleichen und Metaphern gibt, kommen mir am Ende doch vor wie aus einer anderen Dimension entsprungen. Die Handlungsanweisung, damit sparsam umzugehen, unterschreibe ich, die gegenteilige, sie doch zur Steigerung des allgemeinen Ausdrucks wirkungsvoll einzusetzen, führt, sorry, in aller Regel zu unerträglich platten Texten. Die sich vielleicht gut verkaufen mögen, aber, siehe oben.
9. "Ein Autor muß den Mut haben, das zu sagen, was andere Menschen manchmal denken, aber nicht aussprechen. Oder was sie vielleicht nicht einmal zu denken wagen." (S. 245) und "Er hat die Aufgabe, das zu schreiben, was andere Menschen denken, aber nicht aussprechen." (S.117) Hat er? Muß er? Das Apodiktische daran ist das erste, was mich stört. Müssen tut keiner was. Und sollte nicht ein Autor in erster Linie das aussprechen, was er selbst denkt? Sofern "andere Menschen" etwas anderes denken, mögen sie es selbst sagen, oder etwa nicht?
Ich habe, reiner Zufall, parallel mit diesem Buch (wenn es mir mal wieder ein paar Fragezeichen zu viel rausgehauen hat) Erich Kästner gelesen. Der was zu sagen hatte und der das nie anders als treffend gesagt hat. Sol Steins Kriterien an den "Fabian" angelegt, haben wir ein komplett unverkäufliches und vollkommen unmögliches Buch. Nur so als Beispiel.
Was ich damit sagen will? Es kommt auf das Ziel an. (Auch) die amerikanische Literatur zwischen dem Ende des zweiten Weltkriegs und dem 11.September 2001 hat einiges hervorgebracht, was schon lange zu Recht als unlesbar in den Bücherschränken vor sich hin staubt, damals aber modern und angesagt war. Könnte es sein, daß der Autor einen Teil der Entwicklung verpasst oder einfach ignoriert hat. Möglich wäre es. Ich weiß es nicht.
Aber eines weiß ich: ich will nicht hin, wo Herr Stein hin will. Weder als Lesende noch als Schreibende. Dessen bin ich mir sicher.
Beatrice Berger
13. Juni 2009
- Insgesamt:
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Ort: zur Zeit in Berlin
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