Kundenrezension

73 von 86 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Verkaufszahlen als das Maß aller Dinge?, 13. Juni 2009
Rezension bezieht sich auf: Über das Schreiben (Taschenbuch)
Doch, ja, zugegeben, das Buch enthält einige nützliche Aussagen zum Schreiben von Büchern, von fiktionalen und nichtfiktionalen Texten. Und es enthält einige interessante Erkenntnisse: daß der an Filme gewohnte Leser mit den Beschreibungen, wie sie im 19. Jahrhundert üblich waren, nur noch wenig anfangen kann (was mit dem Schreiben von Büchern nur bedingt was zu tun hat, aber immerhin eine Erkenntnis ist).

Und, nein, ich will keinen Verriß schreiben. Aber ich fürchte, ich muß.

Die Liste der Mängel ist lang: ungeordnet und ohne Gewähr der Vollzähligkeit sind es die folgenden:

1. Die Verkaufszahlen eines Buches in den Vereinigten Staaten im letzten Drittel des vergangenen Jahrhunderts sind nicht das Maß aller Dinge. Daß ein Buch in einen amerikanischen Buchclub aufgenommen wurde (kein Qualitätsmerkmal) und Millionenauflagen erreichte (vielleicht eine Folge des Buchclubs?) hat für die Qualität von Text und Inhalt nur eine sehr bedingte Aussagekraft.

2. Im letzten Drittel dachte ich, ich werde verrückt, wenn ich noch einmal eine Wendung lesen muß, die sich so anhört: "Als ich den Roman ... schrieb, kam mir der unglaublich geniale Gedanke, das dritte Kapitel wie folgt zu beginnen: ..." (kein wörtliches Zitat, könnte es aber sein). Ich habe mal gelernt, Eigenlob habe einen strengen Geruch. Der Verfasser dieses Buches scheint dies nicht zu wissen.

3. Schon in der letzten Hälfte hat Herr Stein die eigenen Regeln gebrochen: es zieht sich nämlich, einem ausgelutschten Kaugummi gleich; um interessant zu sein, wäre die zweite Hälfte besser ein Drittel, noch besser ein Viertel geworden.

4. Die Welt, Herr Stein, ist nicht schwarz und weiß. Er glaubt, nur Bücher verkaufen zu wollen, in dem die Antagonisten "nicht nur ein bißchen boshaft, sondern richtiggehend bösartig" (S. 422) sind, denn "im allgemeinen ist ein durch und durch verderbter Charakter für den Leser interessanter" (S. 423). Das ist möglich, der Realismus bleibt dabei halt ein wenig auf der Strecke. Scheint aber egal zu sein.

5. Für den Protagonisten gilt das gleiche: "Im allgemeinen empfiehlt es sich aber für einen Autor, seine Figuren nicht als gewöhnliche Menschen zu zeichnen, sondern als Personen, die sich so deutlich wie möglich vom Mittelmaß abheben." (S. 98) Abgesehen davon, daß er in der Zeile vorher Stephen King erwähnt, der mit der gegenteiligen Einstellung auch ein paar Millionen Bücher verkauft hat: der Rat ist gut, wenn ich eine Biographie über Einstein schreiben will, sonst nicht.

6. Es wird aber noch besser: "Nehmen wir zunächst einmal den Helden, der nicht heldenhaft ist, dem die notwendige Energie und Willensstärke zur Verfolgung seiner Ziele fehlt. Seien wir ehrlich, die Leser interessieren sich nicht für solche Schwächlinge. Ihr Interesse gilt der selbstbewußten Person, die etwas will, die es unbedingt und auf der Stelle will." (S.94) Willkommen im amerikanischen Traum.

7. "Seit Menschengedenken werden Geschichten um einen Helden gesponnen, der allen Widrigkeiten und mächtigen Feinden zum Trotz schier unüberwindliche Hindernisse meistert. Sofern Sie einen anderen Kurs eingeschlagen haben, ist Ihr Handlungsgerüst vielleicht nicht tragfähig genug, um das Interesse des Lesers bis zum Schluß aufrechtzuerhalten" (S.424) - Oh weh, dem Land, das Helden nötig hat, möchte ich dem etwas plakativ entgegensetzen, und etwas differenzierter: wenn das alles ist, dann lesen wir die Odyssee und lassen es damit gut sein. Ich wiederhole mich: wenn das die Lösung ist, bleibt der Realismus dabei halt ein wenig auf der Strecke...

8. Die Handlungsanweisungen, die der Autor zur Verwendung von Vergleichen und Metaphern gibt, kommen mir am Ende doch vor wie aus einer anderen Dimension entsprungen. Die Handlungsanweisung, damit sparsam umzugehen, unterschreibe ich, die gegenteilige, sie doch zur Steigerung des allgemeinen Ausdrucks wirkungsvoll einzusetzen, führt, sorry, in aller Regel zu unerträglich platten Texten. Die sich vielleicht gut verkaufen mögen, aber, siehe oben.

9. "Ein Autor muß den Mut haben, das zu sagen, was andere Menschen manchmal denken, aber nicht aussprechen. Oder was sie vielleicht nicht einmal zu denken wagen." (S. 245) und "Er hat die Aufgabe, das zu schreiben, was andere Menschen denken, aber nicht aussprechen." (S.117) Hat er? Muß er? Das Apodiktische daran ist das erste, was mich stört. Müssen tut keiner was. Und sollte nicht ein Autor in erster Linie das aussprechen, was er selbst denkt? Sofern "andere Menschen" etwas anderes denken, mögen sie es selbst sagen, oder etwa nicht?

Ich habe, reiner Zufall, parallel mit diesem Buch (wenn es mir mal wieder ein paar Fragezeichen zu viel rausgehauen hat) Erich Kästner gelesen. Der was zu sagen hatte und der das nie anders als treffend gesagt hat. Sol Steins Kriterien an den "Fabian" angelegt, haben wir ein komplett unverkäufliches und vollkommen unmögliches Buch. Nur so als Beispiel.

Was ich damit sagen will? Es kommt auf das Ziel an. (Auch) die amerikanische Literatur zwischen dem Ende des zweiten Weltkriegs und dem 11.September 2001 hat einiges hervorgebracht, was schon lange zu Recht als unlesbar in den Bücherschränken vor sich hin staubt, damals aber modern und angesagt war. Könnte es sein, daß der Autor einen Teil der Entwicklung verpasst oder einfach ignoriert hat. Möglich wäre es. Ich weiß es nicht.

Aber eines weiß ich: ich will nicht hin, wo Herr Stein hin will. Weder als Lesende noch als Schreibende. Dessen bin ich mir sicher.
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Kommentare


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1-4 von 4 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 28.06.2009 23:39:04 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 28.06.2009 23:43:29 GMT+02:00
Enrico Quaas meint:
Im Großen und Ganzen hast du Recht, wenn du Steins "amerikanischen Hintergrund" negativ heraushebst; er kommt eben aus einer anderen "Welt", die der europäischen nicht gleichkommt - dort herrschen andere Werte. Aber diese müssen bei uns nicht unbedingt das A und O darstellen, sondern können gleichzeitig einen neuen Wind in unsere Traditionen fließen lassen. Dass Stein "schwarz und weiß malt" ist etwas oberflächlich/pauschal dahingesagt von dir: Er zeigt es lediglich an exemplarischen (und zugegebenermaßen übertrieben konstruierten) Beispielen - sie sind jedoch kein Muss.

Bitte eines nicht zu wörtlich nehmen: "Ein Autor muß den Mut haben, das zu sagen, was andere Menschen manchmal denken, aber nicht aussprechen. Oder was sie vielleicht nicht einmal zu denken wagen." (S. 245) und "Er hat die Aufgabe, das zu schreiben, was andere Menschen denken, aber nicht aussprechen." (S.117) Hat er? Muß er? Das Apodiktische daran ist das erste, was mich stört. Müssen tut keiner was. Und sollte nicht ein Autor in erster Linie das aussprechen, was er selbst denkt? Sofern "andere Menschen" etwas anderes denken, mögen sie es selbst sagen, oder etwa nicht?

Wenn du nur das hören willst, was der Autor denkt ("Und sollte nicht ein Autor in erster Linie das aussprechen, was er selbst denkt?"), dann könnte niemand wohl mehr als ein oder zwei Bücher schreiben, die sich noch minimal voneinander unterscheiden. Da schreibst du eher eine Autobiographie; und wer will schon eine AB von einem (noch erfolglosen) Autor lesen?
Stein möchte eben etwas sagen, was heutzutage durch den Einheitsbrei der Medien (v.a. dem TV und in der Folge der Literatur) hervorgebracht wird: Jeder redet dem anderen nach dem Mund, denkt jedoch vollkommen anders. Und genau dieses "anders" sollst du als Autor als Thema in deiner Literatur anschneiden: Aussprechen, was andere sich nicht trauen zu benennen.

Nichtsdestotrotz versteht Stein sein Handwerk, auch wenn er - aber das ist ein obligatorisches Übel - in seinem eigenen Musterbeispiel zäh wird und es sich hinzieht. Bei theoretischen Erklärungen ist dies jedoch m.E. unvermeidlich.
Ich sage, dass etwa 95% der Tips Steins als gute Ansatzpunkte nicht außer Acht gelassen werden sollten, auch wenn man in der Folge keine so genannte "engagierte Literatur" (Probleme aufwerfen, etc. sind nicht Steins Intentionspunkte) wie die Nouveaux Romanciers erschafft (Sarraute, Robbe-Grillet, tlw. Vian), sondern "nur" Literatur, die die Leser nicht langweilt und über Kurz oder Lang (wahrscheinlich) auch einem noch unbekannten Autor zur Bekanntheit verhilft.
In dieser Hinsicht versteht sich auch der Ansatz, den du als "Verkaufszahlen als Maß aller Dinge" betitelst. Dafür sind seine Ansätze eben Gold wert.

Schreibe jeder, wie er es für richtig hält. Aber will man kommerziell erfolgreich sein, halte ich die Tips für sehr nützlich. Auch wenn es immer wieder Ausnahmen gibt (Stephen King, Dan Brown, etc.)
Ein großer Teil, der den Erfolg beschert, stellt eben auch die Aufarbeitung aktueller gesellschaftlicher und sozialer Tendenzen in der Welt dar - also: aktuelle Themen, die die Welt bewegen, bewegen die Leser dazu, auch noch so grottenschlecht geschriebene Romane zu kaufen und sie für gut zu befinden.

Jeder muss seinen Weg suchen und finden. Jeder muss eben wissen, was er verarbeiten will. Steins Strategien zielen eindeutig nicht auf weltbewegende Literatur ab. PUNKT.

Veröffentlicht am 15.11.2009 11:03:01 GMT+01:00
Boliver meint:
Was bitte soll falsch daran sein, mit Blick auf das Interesse der Leser zu schreiben? Was die Menschen lesen wollen, das kaufen sie auch. Die amerikanische Unterhaltungsliteratur ist qualitativ hochwertiger und intelligenter konstruiert, als es oft den Anschein hat.

Menschen interessieren sich nun einmal für das Außergewöhnliche, nicht das Normale und Wohlbekannte. Der "american way" entspricht jedenfalls eher der menschlichen Natur als diese künstliche europäische Wohlfühlmentalität. Diese typisch deutsche Unterscheidung in U-Literatur und E-Literatur ist nicht hilfreich, denn Romane mit uninteressanten Menschen will wirklich keiner Lesen. Sind sie außergewöhnlich gut geschrieben, finden sie vielleicht als angeblich "ernsthafte Literatur" Beachtung, aber die meisten hochgelobten Bücher können der angeblich "billigen" Unterhaltungsliteratur in handwerklicher Hinsicht nicht das Wasser reichen.

Auch ich empfinde Steins immer wieder eingestreute Hinweise auf den (angeblichen) eigenen Erfolg als störend, das ändert aber nichts daran, dass das Buch eine ganze Flut von hilfreichen Erkenntnissen enthält, die dem Leser helfen, bessere Texte zu schreiben.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 21.11.2009 21:16:24 GMT+01:00
Pardon, Boliver, aber ich erinnere mich nicht, den Unterschied zwischen U-Literatur und E-Literatur in die Diskussion eingebracht haben: in erster Linie deswegen, weil mein aktiver Wortschatz und mein Denken diese Begriffe nicht enthalten, in zweiter Linie vielleicht, weil ich viel zu genau weiß, wie sehr sich die Maßstäbe im Laufe der Zeit (ich denke in Jahrhunderten, das ist nun mal mein Ansatz) verschieben. Von daher bitte ich um Verständnis, aber ich sehe keinen Grund, eine Position zu verteidigen, die ich niemals vertreten habe.

Veröffentlicht am 10.08.2010 23:43:24 GMT+02:00
Daniel meint:
Leider sind fast alle Beispielsätze der Rezension aus dem Zusammenhang gerissen, so dass die eigentlichen Ideen und Tipps von Stein, aus denen diese Sätze hervorgehen, leider völlig unbeachtet bleiben. Entweder ist die Rezensentin so sehr von dem Gedanken besessen, dass sich kommerziell und literarsich bei Büchern gegenseitig ausschließen oder sie hat Stein einfach nicht verstanden. Steins Buch ist jedenfalls eine wunderbare Anleitung für all jene Autoren, die ein gleichsam erfolgreiches wie anspruchsvolles Buch schreiben wollen, und die sich darüber im klaren sind, dass ein gutes Buch harte Arbeit ist und eine erste Rohfassung kein Bestseller werden kann.
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