Kundenrezension

8 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Ein wirklich guter, psychologischer und kritischer Roman, 19. November 2001
Von Ein Kunde
Rezension bezieht sich auf: Homo faber (Gebundene Ausgabe)
Max Frisch, Homo faber. Ein Bericht (1957)
In diesem Roman gibt Max Frisch eine Zeitspanne aus dem Leben Walter Fabers, eines Technikers der UNESCO, in Form eines scheinbar nüchternen Berichtes wieder. Aus dem Aufbau des Romans ist eine strenge Chronologie ersichtlich, die allerdings von Rückblenden, Vorausdeutungen und Rechtfertigungsversuchen Fabers immer wieder unterbrochen ist. Für Walter Faber gelten nur die Mathematik und die Wissenschaft, die Mystik findet keinen Platz in seinem Denken. Irrationale Empfindungen und Sentimentalität lassen sich nämlich nicht mit Technik und Statistiken ausdrücken.
Faber war 20 Jahre zuvor mit einer Halbjüdin namens Hanna zusammen. Sie trennten sich jedoch auf ihren Wunsch, da sie von Faber enttäuscht war. Sein rationales Denken verunmöglichte in ihren Augen eine echte Beziehung, auch zum ungeborenen Kind. Auf Grund seiner Arbeit ist Faber heute - er ist unterdessen 50 Jahre alt -- viel unterwegs. Auf einer Schiffsreise begegnet er dann der 20-jährigen Sabeth. Aus dieser Begegnung entwickelt sich etwas Sonderbares. Faber begleitet das Mädchen auf ihrer Reise durch Europa zurück zu ihrer Mutter nach Athen. In Athen muss er feststellen, dass Sabeth, die auf der Reise seine Geliebte geworden ist, seine und Hannas Tochter ist. Schon früher gab es Anzeichen dafür, die Faber sich jedoch so zurechtlegte, bis sie zeitlich (Zeitpunkt der Trennung von Hanna und der Geburt Sabeths) unmöglich stimmen konnten. Er ging den Problemen und Konsequenzen aus dem Weg. Doch das Wegschauen brachte ihn nicht weiter, denn die Realität holt ihn in Athen ein, tragische Momente folgen.
Das Buch besteht aus zwei Teilen: dem Bericht über die Ereignisse in Ich-Erzählform und einem Kommentar, später einem Tagebuch. Der Kommentar dient Faber dazu sich vor sich selbst zu rechtfertigen. Erst in Teilen des Tagebuchs setzt er sich ehrlich mit sich auseinander.
Die Sätze sind kurz, präzise und rational. Man kann sagen, dass die Sprache des Buches der Walter Fabers, des Technikers, entspricht.
Der Charakter Fabers lässt sich schon aus dem Buchtitel ableiten: „homo", der Mensch, und „faber" wie Handwerker - der Mensch als Techniker. Walter Faber entspricht etwa diesem Bild eines Menschen. Wenn man nun gewisse Aspekte genauer betrachtet, merkt man jedoch, dass Fabers Gedankengänge, Aussagen und Handlungen irrational sind; er versteckt das nur vor sich selbst hinter einer Sprache, die rational und technisch wirkt.
Seine Angst vor der Zukunft verleitet ihn dazu, alle Ereignisse seines Lebens durch Berechnungen und Statistiken zu erklären. So gibt es für ihn keine Zufälle, denn diese sind statistisch unmöglich. Durch seine Angst vor Bindungen und jeglicher Körperlichkeit sieht er Frauen nur als Sexualobjekte. Die einzige Frau, die er bisher liebte, war Hanna. Sie ist sozusagen sein Gegenbild. Als er auf dem Schiff die 20-jährige Sabeth kennenlernt, erinnert ihn diese an Hanna. Dass sie seine Tochter sein könnte, glaubt er nicht. Nach seiner Berechnung, die er sich zu seinem Wohl zurechtgelegt hat, ist es nämlich unmöglich. Seine Vatergefühle für Sabeth interpretiert er falsch und meint, es sei Liebe.
Sein Leben besteht im Grunde aus Ketten von Zufällen: Infolge einer Notlandung in der Wüste erfährt er vom Tod seines früheren Freundes Joachim, auf der Schiffsreise lernt er Sabeth kennen und in Athen gibt es ein Wiedersehen mit Hanna -- eigentlich statistisch gesehen mehr oder weniger unmögliche Zufälle. Da Faber nicht an Zufälle glaubt, wirkt dies auf mich wie eine gewisse Ironie, die dieses Buch noch spezieller macht.
Ein weitere Punkt scheint mir die sexuelle Begegnung von Walter und Sabeth zu sein. Durch den Tod werden sie beide sozusagen von ihrer Schuld, dem Inzest, erlöst. Faber bezahlt noch mehr mit seinem Leben, denn erst vor seinem Tod sieht er, dass er alles falsch gemacht hat -- aber da ist es schon zu spät.
Mir hat das Buch sehr gut gefallen. Dieser Roman verliert nie an Aktualität, da das Problem von Wahrscheinlichkeit und Schicksal immer da sein wird. Auch die gewisse Ironie des Buches hat mir gefallen: Ein blind rational denkender Mensch, der zum ersten Mal richtig mit Gefühlen konfrontiert wird, und als er versucht sich darauf einzulassen, wird er enttäuscht und verletzt. Man sollte jedoch berücksichtigen, dass er bisher, was die Liebe angeht, nicht sehr erfolgreich war: Seine erste sexuelle Begegnung hatte er mit einer todkranken Lehrergattin in seiner Schülerzeit - diese Erfahrung wird ihn in seinem Frauenbild beeinflusst haben - und die einzige Frau, die er bis auf Sabeth geliebt hat, verliess ihn - dies wird ihn dazu geführt haben Gefühlen gegenüber skeptisch zu sein. Faber versucht Problemen aus dem Weg zu gehen und drängt dafür seine Gefühle in den Hintergrund.
Was mich ebenfalls beeindruckt hat, ist die Art und Weise, wie Max Frisch den Charakter dieses Menschen zur Geltung bringt. Er zeigt, wie Faber denkt, handelt und Entscheidungen trifft. Fabers persönliche Tragik ist, dass stets das Unberechenbare eintritt, das, was er immer ausschloss. Alles in allem ein wirklich guter, psychologischer und kritischer Roman.
Corinne Bonifazi,
Bündner Kantonsschule, Chur
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