Kundenrezension

5 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Heidegger meets Beckett, 13. September 2010
Rezension bezieht sich auf: Ein Hemd des 20. Jahrhunderts: Roman (Gebundene Ausgabe)
Daß der Autor von >Schiffbruch mit Tiger< nicht vor großen Themen zurückschreckt, hat er mit seinem ersten erfolgreichen Roman bewiesen, und sein oft als Naivität getarnter Mut ist auch der Hauptzug seines neuesten Werkes. Ging es beim >Tiger< um die Frage, ob ein Mensch mit religiösen Überzeugungen in letzter Konsequenz glücklicher lebt als ein Ungläubiger, nimmt Martel sich nun das heikle Thema des Faschismus vor - genauer gesagt fragt er, wie wir Heutigen diesem Thema, das aktueller ist denn je, begegnen können. Das tut er - hier kommt der Mut ins Spiel - in durchaus Brechtscher Verfremdung in Gestalt einer Tiergeschichte, und die Geschichte spielt in einem Land, das zugleich ein Hemd ist. Wir erfahren nicht, wer dieses Hemd auf dem Rücken trägt, aber wir dürfen vermuten, daß es niemand geringeres ist als die Menschheit, die gebeugt unter der Last des historischen Holocaust ihrem Ende entgegenschlurft. In wunderbar surreal-kargen Dialogen, in denen Martel einem der ganz Großen des zwanzigsten Jahrhunderts, Samuel Beckett, seine Reverenz erweist, räsonnieren ein Affe und ein Esel, was sie tun können, um das zu ertragen, was ihnen widerfahren ist und was sie >>die Greuel<< nennen. Es sind schreckliche Dinge, die sie erlebt haben, Dinge, die, gerade weil ein liebenswerter Esel und ein possierlicher Affe sie erzählen, uns mit der ganzen Wucht des Unglaublichen, Unerhörten, (Un)Menschlichen treffen - Dinge, die ihre Parallelen in jüngerer oder womöglich auch jüngster Geschichte haben. Aber nicht um Nazis, Juden und den historischen Holocaust geht es hier, sondern um etwas viel, viel Schlimmeres - um den alltäglichen Faschismus, den Faschismus in den Köpfen, den Faschismus als Lebenshaltung. Man braucht schon einen Affen und einen Esel, um das klarzumachen, sonst verstellt die zur Schauerfolklore gewordene Historie immer wieder neu den Blick. Längst kriechen sie wieder aus den Schößen, und wem bisher nicht klar war, was da kriecht, der kann sich mit diesem Roman die Augen öffnen lassen.
Wie im >Tiger<, wo der Leser in einem langen Spannungsbogen vom realistischen Anfang über immer surrealere Szenen an einen Punkt gebracht wird, an dem er nur noch die Wahl zwischen dem Kierkegaardschen Sprung und dem nicht minder mutigen Akzeptieren der nackten, bedrückenden Fakten hat, so führt Yann Martel im >Hemd des 20. Jahrhunderts< seinen Leser von skurrilen Anfängen über dramatische Entwicklungen in eine immer kargere, immer abstraktere Welt, in der die Greuel immer weiter reduziert werden, bis am Ende das Wesen des Faschismus bloßliegt. So endet der Roman in zwölf >>Spielen<<, Karteikarten mit kurzen Fragen, so brechtsch wie beckettsch, und die Ironie der Bezeichnung unterstreicht noch die Grausamkeit des Spiels. >>NUMMER NEUN: Hinterher, als alles vorbei ist, begegnest du Gott. Was sagst du zu Gott?<<
Zwölf kleine Tests (tatsächlich sind die Spiele psychologischen Tests nachgebildet), mit denen Sie als Leser beweisen können, ob Sie fit sind für den Faschismus kommender Tage. Zwölf Fragen, mit denen Sie feststellen können, wie wohl Ihre Chancen gewesen wären, Auschwitz zu überleben. Die dreizehnte Karteikarte ist leer.
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1-1 von 1 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 09.01.2014 06:03:34 GMT+01:00
Birgitta Volz meint:
Der Unterhaltungswert dieses Buchs bleibt trotzdem unter Null!
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