Kundenrezension

64 von 78 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Der Kommunismus ist wie der Glaube der alten Azteken: Er frißt Blut.", 25. September 2011
Rezension bezieht sich auf: In Zeiten des abnehmenden Lichts: Roman einer Familie (Gebundene Ausgabe)
Kann es so etwas wie ein positives Vermächtnis aus 40 Jahren DDR Unterdrückungsstaat geben, entstanden aus einem vermeintlich utopischen Gesellschaftsexperiment, gescheitert an Unfreiheit, Mangelwirtschaft und geistigem Stillstand? 20 Jahre nach dem Ende des kommunistischen Staates auf deutschem Boden, ist die vergangene DDR als Kulisse einer blühenden Romanliteratur wieder allgegenwärtig. Eugen Ruges "In Zeiten des abnehmenden Lichts" setzt fort was bereits in Tellkampfs "Turm" und Zanders "Dingen" zu bewundern war: Zeitliche Distanz, die einen Stoff reifen läßt, und die Basis für differenzierte Geschichtsbewältigung mit den Mitteln der Literatur bildet.

Ruge schildert vier Generationen des Powileit-Umnitzer Clans, für die die Idee des Kommunismus sukzessive an Strahlkraft verliert. Wilhelm und Charlotte sind überzeugte Kommunisten der ersten Stunde, vor den Nazis bis nach Mexiko ins Exil geflüchtet, immer treu auf Moskauer Linie geblieben, auch noch nachdem beide Söhne in die Mühlen der Stalinistischen Säuberungen geraten waren. Sohn Werner verschwindet für immer, Kurt kehrt nach über einem Jahrzehnt Lagerhaft und Verbannung in die DDR zurück, in der inzwischen seine Eltern zur neuen Elite gehören. Trotz Karriere als Historiker vergißt er die Erfahrungen in der UDSSR nicht, schon gar nicht, nachdem er in den 60er Jahren bei einer Parteiveranstaltung auf einen seiner Vernehmer aus den Moskauer Folterkellern trifft.

Paßt sich Kurt äußerlich noch in die DDR Gesellschaft ein, ist sein Sohn Alexander zu solcherlei Kompromissen auf Dauer nicht mehr zu bewegen, schon gar nicht nachdem er die Realität der innerdeutschen Grenze aus nächster Nähe erleben mußte: "... niemals würde er die Roling Stones live erleben, niemals würde er Paris oder Rom oder Mexiko sehen, (...) noch nicht einmal Westberlin (...) weil zwischen hier und dort, (...) zwischen der kleinen, engen Welt, in der er sein Leben würde verbringen müssen, und der anderen, der großen, weiten Welt, in der das große, das wahre Leben stattfand - weil zwischen diesen Welten eine Grenze verlief, die er, Alexander Umnitzer, demnächst auch noch bewachen sollte." (S 212)

Als die DDR bereits bedrohlich im Gebälk knirscht, steuern diese drei Generationen der Powileit-Umnitzers anläßlich des 90igsten Geburtstags des Familienpatriarchen auf den großen Knall zu. Wilhelm verachtet Gorbatschow genauso sehr wie den ersten "Tschow", Nikita Chruschtschow. Nach Stalin ging es in seinen Augen nur noch bergab, dass Stalin Werner auf dem Gewissen hat, spielt für den starrsinnigen Alten keine Rolle. Kurt setzt seine letzten Hoffnungen auf Glasnost und Perestroika. Doch Alexander ist schon einen Schritt weiter. Er wählt den Ehrentag des Großvaters, um über Ungarn in den Westen zu flüchten. Dass Wilhelm den nächsten Morgen nicht mehr erleben wird und somit auch verpaßt wie sein Enkel im Westen ankommt und der Urenkel Markus schließlich im vereinigten Deutschland aufwächst, rundet den Handlungsstrang eines großartigen Romans ab.

Allein die Schilderungen der Geburtstagsfeier im Oktober 1989 wären bereits den Deutschen Buchpreis 2011 wert, absurde Alltagsszenen eines absurden Staates, die einerseits brüllend kommisch sind, andererseits aber tragischer Endpunkt eines totalen Scheiterns des vermeintlich besseren Gesellschaftssystems. Ruge wird es im Kulturbetrieb allerdings schwer haben mit seiner schonungslosen Abrechnung mit den Verirrungen des Kommunismus, welche drei Generationen Hoffnungen und schlußendlich Lebensoptionen (wenn nicht gar das Leben selbst) gekostet haben. Die Diskussion um das Unrechtswesen des DDR Staates hat bereits angedeutet, dass die Verklärung der Vergangenheit bereits wieder um sich greift und insbesondere unter den vermeintlich Kulturbeflissenen Utopien von gesellschaftlichen Alternativen zur Marktwirtschaft Konjunktur haben. Es wird spannend sein zu sehen, ob es Ruges Roman über die Shortlist hinaus auch aufs Podium schafft oder ob die politisch weniger klare Kante zeigende Konkurrenz vorbeiziehen wird. Nur gut, dass es keines offiziellen Preises bedarf, um als gelungener Roman gefeiert zu werden.
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