Kundenrezension

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4.0 von 5 Sternen Thymos und Hybris., 21. April 2011
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Rezension bezieht sich auf: Nemesis: Roman (Gebundene Ausgabe)
"Was ist Wahrheit? - Man kann tausend Gründe dafür finden, nur das für die Menschen
als wahr gelten zu lassen, was ihrer menschlichen Bedürftigkeit entspricht."
(Lou Andreas-Salomé)

"Alles ist besser als ein Leben, das nicht gelebt ist, [...]." So Max Frisch in seiner sehr persönlichen "Erzählung aus den Bergen". Diesen Topik findet man bei Philip Roth ebenfalls. Ihm gelingt hier ein Meisterwerk verschiedener Schichtungen des Lebens. In seinen drei Kapiteln entfaltet er einen Mann, Mr. Cantor, der jung, sportlich, zielstrebig, verliebt ins Gelingen, sich die Zukunft vorstellt. In einem Newark im Jahre 1944, es ist Kriegszeit in Europa und Virenzeit in Newark. Mr. Cantor kann wegen Kurzsichtigkeit nicht wie seine Freunde in den Krieg in Europa eingreifen, daheim greift Polio immer mehr um sich bis ins epidemische Ausmaß. Kinder sterben, Kinder der Sportgruppe, die Mr. Cantor täglich trainiert. Gleichzeitig ist seine Freundin Marcia im Sommercamp in Indian Hills, fern ab und in Sicherheit. Newark wird zur Sinnfrage der Existenz, zur erneuten Frage der Theodizee, des Glaubens an einen gerechten Gott und letztendlich zur Frage, wie ein eigenes Leben in neuen Situationen gemeistert werden kann.

Aufgewachsen ohne Vater (wegen Diebstahl verhaftet), aufgewachsen ohne Mutter, sie starb bei der Geburt und erzogen von den Großeltern, einem Großvater, dem die Pflicht Religion war und einer Großmutter, die mit mütterlicher Liebe den Enkel groß zog. In allem, was Bucky Cantor tat, wusste er um die Zustimmung seines Großvaters, weil er ihm verehrend folgte. Ihm und seiner Sicht auf diese Welt galt das gelebte Leben, oder anders: alles, was kam, war am Ideal zu messen. Sein Leben war das, was aus fremder Seele erwuchs.

So lag es nicht fern, zu hadern mit den Fragen der Schuld während der Epidimie, des Krieges, mit der großen Frage: WARUM? und sich anzumaßen, ein Sieger im Lebens sein zu wollen, der er im Sport immer war. Sein Ziel, die Verantwortung der Liebe vorzuziehen, scheiterte im Wunsche von Marcia. Für ihn war die Flucht aus Newark ein Gewissensbiss und für Marcia eine Beteuerung der Liebe. Aber auch diese lässt Roth scheitern im Himmel von Indian Hills. Selbst Bucky Cantor, der Held und Sieger, wird krank und nichts bleibt, wie es war.

Überall herrscht Krieg, die Amerikaner in der Normandie, die Viren in Newark und letztendlich ein Indianerspiel in Indian Hills. Roth schreibt das zweite Kapitel zur Persiflage auf den Krieg, auf ein Spiel, das an die Ureinwohner Amerikas erinnert und letztendlich zeigt, dass jede Idylle aus Bösem sich entstanden zeigen kann. Das Camp erinnert daran, dass heute noch 1% der Ureinwohner leben, eine wenig ruhmreiche Geschichte und doch wird wieder Mr. Cantor in die Welt der Siege gehievt, bis er sich selbst dort als Unheilbringender entlarvt. Die Welt von Gott verstoßen, sollte durch Bucky Cantor gerettet werden. Welch eine Hybris treibt diesen Mann, dem sein Großvater die Pflicht und die Selbstaufgabe zu Gunsten anderer aufgetragen hatte? Gekreuzigt durch eine ihm fremde Wahrheit zieht er sich zurück in eine eigene Welt, fern ab aller Lieben und Freundschaften. Seine Religion der Lebensdienlichkeit ist verfallen, seine vom Großvater initiierte Täuschung konvertiert in einen Selbstbetrug, den er, trotz intensiven Gesprächs mit einem ehemaligen Schüler Jahre später nicht offensichtlich ablegen wollte oder konnte.

Sein Bild nach außen war die Kopie einer Statue, eines Speerwerfers, der im Wurf die Kraft, die Leidenschaft, den Willen verkörperte zu wollen, zu schaffen und zu siegen. Dieses Bild bleibt ein Stand-Bild der Vergangenheit, das im Roman zuletzt gezeichnete Ich das eines Verlierers. Cantor hat sein Leben verloren an die Illusion einer Pflicht. Seine Produktivkraft ist in dem Moment zerfallen, als er die Lüge entdeckte. Wahrhaftig sei nur derjenige, so Nietzsche im Zarathustra, der sein verehrendes Herz zerbrochen hat und in götterlose Wüsten geht. Cantor zerbricht zwar sein Gottesbild mit den Fragen der modernen Theodizee und verklärt den gerechten Zorn (Nemesis), nicht jedoch den Abgott 'Großvater'; auf dem Wege zur Wahrheit bleibt er stehen, weil er sich selbst und seine Schwäche vergisst in der Idealisierung von Pflicht und Verantwortung gegenüber Allem außerhalb seines Selbst.

Ein wirklich lesenswerter Roman.
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