Kundenrezension

7 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Erstaunlich aktuelle Tragödie, 27. März 2002
Rezension bezieht sich auf: Faust I: Mit Materialien (Taschenbuch)
Johann Wolfgang von Goethe, Faust, Der Tragödie erster Teil (1808)
Der von Goethe anfangs des 19. Jahrhunderts geschriebene „Faust“ ist in vielerlei Hinsicht ein faszinierendes Werk. Es handelt vom ewigen Machtkampf zwischen Gut und Böse. Gut und Böse sind aber in Goethes Drama nicht mehr dem früheren kirchlichen Wertesystem verpflichtet, sondern erhalten eine neue Dimension. Gut wird gleichgesetzt mit dem ruhelosen Streben, das Böse mit dem der unbedingten Ruhe. Ausgetragen wird das Machtspiel von einer Figur namens Faust, einer von Goethe universal und zugleich vieldeutig gemachten Gestalt, frei von jeglichen einseitigen Vorurteilen. Faust ist ein Mensch voller Gegensätze. Er ist einerseits hochintelligent und besitzt überdurchschnittliche intellektuelle Fähigkeiten, anderseits aber hat er auch menschliche Züge, Emotionen und Schwächen. Er will sich aus der existentiellen Bedingung aller Menschen, unbedingt und bedingt in einem zu sein, befreien, denn er leidet unter dieser Gespaltenheit, und er setzt sich selbst als absoluten und autonomen Massstab. Er verkörpert so den Menschen, der als richtungsgebende Werte das Gute, das Wahre und das Schöne sieht und der an die freie Selbstbestimmung und Selbstvollendung des Menschen glaubt. Die ständige Suche nach Erkenntnis führt ihn von einem Irrtum zum anderen („Es irrt der Mensch, solang er strebt“). Das immerwährende Streben als etwas Positives rechtfertigt jedoch jede Verirrung, im schlimmsten Fall auch ein Verbrechen.
Aus heutiger Sicht sehen wir das gar nicht so anders, denn Faust handelt eigentlich nur menschlich. Er repräsentiert zwar bestimmt nicht den Durchschnittsmenschen, aber trotz allem ist und bleibt er ein Mensch, der irgendwann – auch wenn er sich noch so dagegen wehrt („Werd’ ich zum Augenblicke sagen: / Verweile doch! du bist so schön! / Dann magst du mich in Fesseln schlagen, / Dann will ich gern zugrunde gehn!“) – der Verführung, das Erreichte als abgeschlossen zu betrachten, verfällt..
Völlig verzweifelt, enttäuscht von der Unmöglichkeit vertieften, grundsätzlichen Wissens und vor allem Verstehens will Faust Selbstmord begehen. Das Läuten der Osterglocken, die ihn an seine naive Unbefangenheit als Kind erinnern, hält ihn aber davon ab. Mephistopheles, der Geist der Verneinung, tritt auf und schlägt Faust vor, mit ihm einen Pakt einzugehen. Das Wesen Mephistos gestaltet Goethe, anders als das Volksbuch, neu: Er versucht den Erkenntniswillen des Menschen durch Illusionen irrezuleiten und dessen Selbsterniedrigung im animalischen Genuss zu erzwingen. Doch seine Macht ist begrenzt, wie es sich in der Kerkerszene der „Gretchen-Tragödie“ zeigt. Mit Mephisto eröffnet sich Faust eine neue Möglichkeit, Unterstützung zu finden für seinen unbefriedigten Wissensdrang. Auf elegante Art macht er jedoch aus dem Pakt eine Wette, da er nicht an die Mächte Mephistos glaubt („Kannst du mich mit Genuss betrügen - /das sei für mich der letzte Tag! / Die Wette biet ich!“). Es kümmert ihn nicht, was nach seinem Tod mit der Seele passiert. Für das Erlangen der “Welterkenntnis“ verschreibt er mit grosser Unbekümmertheit Mephisto seine Seele.
Auf der Reise mit Mephisto, der ihn mit urmenschlichen Bedürfnissen wie der Liebe und dem Zorn vom Wissenwollen abhalten will, entdeckt Faust an sich selbst Züge, die auch für einen Durchschnittsmenschen typisch sind. Er sehnt sich beispielsweise nach ewiger Jugend, damit er in jugendlicher Spannkraft forschen und erkennen kann. Zu diesem Zwecke bekommt er von Mephisto einen Zaubertrank, der sich jedoch als eine Falle erweist, denn er macht Faust vor Liebe toll, sodass er sich nach der Frau im Zauberspiegel sehnt.
Infolge dieser rücksichtslosen sexuellen Begierde nimmt er es hin, dass Mephisto ihn zu Sachen verführt, die ihn schaudern lassen. Dass dabei Menschen in seinem Umfeld – allen voran Gretchen – ins Unglück, ja sogar in den Tod gestürzt werden, nimmt Faust in Kauf. Er lässt alles zu, weil er sich vom Begehren nicht lossagen kann. Dem Ehrgeizigen (so wie es Faust ist) aber werden nach dem klassischen Menschenbild im Sinne Goethes diese Konsequenzen verziehen, während der Nicht-Strebende (wie Gretchen ihn verkörpert) zum Spielball des aktiven Typs wird.
Es ist schwierig, dieses Werk einer bestimmten literarischen Gattung zuzuordnen. Obwohl es der Autor selbst als eine „Tragödie“ bezeichnet, enthält es viele gattungsfremde Merkmale, wie z.B. Komödie, Epik, Spiel im Spiel u.a., die es der Tragödie entfremden.
Das Lesen des „Faust“ erfordert grosse Konzentration, weil die Sprache anspruchsvoll und zum Teil von der heutigen Ausdrucksweise verschieden ist; ausserdem ist das Stück in Versform verfasst. Trotzdem bleibt es vom formalen Aspekt her auch für jüngere Leserinnen und Leser durchaus verständlich. Die Qualitäten, die möglicherweise das Verständnis des „Faust“ erschweren, liegen viel mehr im Inhaltlichen.
Wir empfinden die Tragödie trotz ihres Alters als erstaunlich aktuell. und zwar sowohl wegen ihres Inhalts als auch wegen der Sprache. Das Stück behandelt Themen, die auch uns heutige Menschen noch beschäftigen: Das Thema Macht und Erfolg um jedem Preis, ohne Rücksicht auf Moral und Ethik, die Egozentrik des Helden (auf das Wissenwollen bezogen) und das Problem des Alterns. „Faust“ ist ausserdem in der Alltagssprache gegenwärtig, da manche prägnanten Stellen zu geflügelten Worten geworden sind wie zum Beispiel „des Pudels Kerns“ und die „Gretchenfrage“.
Gaudenz Heeb und Anna Ostini,
Bündner Kantonsschule, Chur
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