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35 von 38 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein Meisterwerk der Geschichtsschreibung..., 27. Oktober 2011
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Rezension bezieht sich auf: Krimkrieg: Der letzte Kreuzzug (Gebundene Ausgabe)
... hat Orlando Figes mit seinem voluminösen Werk Krimkrieg. Der letzte Kreuzzug" geschaffen.

Wer die kurze, prägnante und sehr sachliche Darstellung liebt, sollte von diesem umfassenden, mit erzählerischer Leichtigkeit geschriebenen, umfassendem Details sowie zahlreichen Zusatzinformationen stark angereicherten Werk Abstand nehmen. Figes, ein profunder Kenner der russischen Geschichte, schlägt einen großen Bogen in dem er Vorgeschichte, den Krieg an sich und Nachwirkungen im europäischen Gesamtzusammenhang auf knapp 680 Seiten ausführlich darstellt.

Der Krimkrieg ist in der deutschen Historiographie bisher kaum betrachtet worden, vermutlich auch der fehlenden Beteiligung geschuldet. Gerade mal in einem neueren militärhistorischen Werk zur Geschichte des Krieges allgemein, dem Sammelband Wie Kriege entstehen", findet sich ein Aufsatz über den Krimkrieg. Ob die zeitgenössischen preußischen und österreichischen Militärs die Erkenntnisse der Franzosen, Engländer, Osmanen und Russen des Krimkrieges ausgewertet und in ihre zukünftigen militärischen Überlegungen einbezogen haben ist aus der Literatur auch kaum nachvollziehbar, aber unwahrscheinlich, finden sich doch im Krimkrieg zahlreiche Elemente des I. Weltkrieges, die bei einem sorgfältigen Lessons Learned" auf allen Seiten vermieden hätten werden können.

Für Figes selbst ist der Krimkireg der I. moderne Krieg der Weltgeschichte in dem nicht nur für damalige Zeiten moderne Waffen wie Hinterladergewehre, gezogene Kanonen mit deutlich höherer Reichweitegenutzt wurden, sondern in dem auch die Kriegsberichterstattung ausführlich und Dank der Nutzung des Telegraphen es schnell ermöglichte, Ereignisse von der Krim in den Hauptstädten der beteiligten europäischen Mächte Frankreich und England sehr schnell verfügbar zu machen. Hinzu kommt das gerade die Presse in England in der Vorgeschichte des Krieges erheblichen Einfluss auf die öffentliche Meinung und damit auch auf die Politik ausübte und sowohl der Russophobie der Engländer Auftrieb gab, als auch danach rief, durch die Unterstützung der offenkundlich Schwachen Osmanen die Prinzip von Freiheit, Freihandel und Zivilisation zu verteidigen.
Ausführlich stellt Figes in den ersten vier Kapiteln die Vorgeschichte des Krimkrieges in der Entwicklung nach 1815 dar und geht dabei im Schwerpunkt auf die Motivation der beteiligten Mächte ein.
Russland, ein zutiefst religiös geprägtes Land, war auch primär religiös motiviert und sah sich als Schutzmacht der orthodoxen Christen im Osmanischen Reich und Schutzmacht der Rechte der orthodoxen Christen in Jerusalem an, nicht von ungefähr beginnt das Buch mit der Darstellung der Entwicklung in Jerusalem einige Jahre vor Ausbruch des Krimkrieges. Russlands Akt der Besetzung der Donaufürstentümer, begründet durch den Schutz der christlichen Minderheit, und die Weigerung diese wieder zu räumen war dann auch Anlass für die Kriegserklärung
Englands Interessen waren primär geostrategisch, um den Russischen Einfluss auf das osmanische Reich und in Zentralasien zu beschränken und vor allem den Zugriff auf die Dardanellen zu verwehren. Die fortschreitende russische Expansion lies die Engländer fürchten, auch Indien sei bedroht und eine russische Kontrolle der Dardanellen würde diesen die Expansion ins Mittelmeer erlauben und somit den englischen Handel bedrohen. Somit war man englischerseits bereit die erste Koalition von christlichen und muslimischen Mächten einzugehen, um diese Gefahr abzuwehren.
Frankreichs Kaiser Napoleon III. war vor allem an einer Revanche gegen die Russen interessiert, die maßgeblich die Verantwortung für Napoleons Niederlage hatten und den Platz Frankreichs als dominierende Macht auf dem Kontinent nach 1815 eingenommen hatten.

Die folgenden sieben Kapitel widmet Figes der ausführlichen Darstellung des Krimkrieges. Unter Verwendung zahlreicher Briefe und Erinnerung der beteiligten Soldaten, Offiziere und Kriegsberichterstatter vermag er eine erschütternde Darstellung von Schlachten, Kämpfen, Waffenwirkung, stümperhaften militärischen Planungen sowie den mangelhaften Lebensbedingungen der Soldaten während der fast einjährigen Belagerung Sewastopols zu geben. Die Masse der Toten des Krimkrieges fiel nicht durch Kämpfe sondern durch Krankheiten vor allem den unzureichenden hygienischen Lebensbedingungen und der schlecht organisierten und durchgeführten Verwundetenversorgung zum Opfer. Figes zeichnet durch seine bildhafte Sprache ein den Leser erschütterndes Gemälde des menschlichen Elends auf beiden Seiten. Das verantwortungslose Handeln der militärischen Führer in diesem Krieg ist aus heutiger Sicht nahezu unbegreiflich.
Im abschließenden Kapitel resümiert Figes die Folgen des Krimkrieges, die neben den politischen Auswirkungen innerhalb des europäischen Mächtekonzertes vor allem in Europa auf gesellschaftlicher Ebene stattfanden. Gerade in England rückte durch die horrenden Verluste und die zahlreichen Verstümmelten der einfache Soldat in den Focus, wie man an dem ersten Kriegerdenkmal für einfache Soldaten und der Stiftung des Victoriakreuzes als allen Soldaten zugängliche Tapferkeitsauszeichnung und zahlreichen Armeereformen nachweisen kann.
Russland wandte sich in seinem Expansionsdrang mehr nach Zentralasien, war an der Revision des für dieses Land demütigenden Friedensvertrages interessiert und näherte sich immer mehr Preußen an und sollte durch seine Position maßgeblich dazu beitragen, Bismarks Einigungskriege möglich zu machen. Innenpolitische Reformen wurden durch den Krimkrieg beschleunigt, wie etwa die Abschaffung der Leibeigenschaft unter Zar Alexander II.

Napoleon III. hatte für Frankreich seinen außenpolitischen Triumpf geschafft, der seine Popularität erheblich steigerte. Frankreich, dass im Zuge der Friedensverhandlungen die Engländer auf Mäßigung drängte und Russland gegenüber Entgegenkommen zeigte, verschaffte sich in der folgenden siegreichen Auseinandersetzung mit Österreich in Italien die nötige russische Rückendeckung, um Frankreich wieder als Hegemonialmacht auf dem Kontinent zu etablieren.

Figes umfangreiche Erklärung von Ursachen, Verlauf und Auswirkung des Krimkrieges überzeugen auf ganzer Linie. Seine lebhafte und bildreiche Sprache machen dieses umfassende Buch zu einem echten Lesevergnügen und wenn man solche umfangreichen historischen Darstellungen mag und die notwendige Zeit aufbringen möchte ist das Buch mehr als nur zu empfehlen.
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