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Kundenrezension

15 von 15 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Musik-Luxus in Luxus-Verpackung, 20. November 2011
Rezension bezieht sich auf: Love Part One & Part Two (Deluxe Edition) (Audio CD)
PROLOG: Angels & Airwaves sind eine der ganz wenigen Bands, die mich aus der Recyle- und Retro-Langeweile der bislang wohl ödesten Halbdekade der Popgeschichte erlöst haben. Die Amerikaner um Tom de Longe sind fantasievoll genug, zwischen all dem banalisierten David-Guetta-Kirmes-Techno-Zeugs auf der einen und der Amy-Adele-Sixties-Welle auf der anderen Seite ihr ganz eigenes Ding zu positionieren. Rock'n Roll-Postpunk trifft auf ganz eigen klingende Sample-Grooves, kombiniert mit einer fast an Prog-Rock-Bands erinnernden flächigen Synthie-Seligkeit. Das klappt nicht immer ganz nahtlos und folgt mitunter einem Wiederholungsmuster, aber dennoch hat alleine dafür jedes A&A-Werk fünf Sterne verdient. Möglicherweise ist "I-Empire" das bisher immer noch schlüssigste Album, allerdings ist das hier vorliegende "Love Pt.1 & Pt.2" (plus "Love"-Film in der schön verpackten Luxus-Edition) eine ganze Ecke ambitionierter und mutiger, da sind ein paar kleinere Hänger absolut verzeihbar.

HAUPTTEIL: Gar nicht so einfach, bei diesem Doppelalbum den Überblick zu behalten. "Pt.1" ist bereits fast zwei Jahre als Download-Version erhältlich und liegt nun endlich als CD in voller 44kHz-Pracht vor, dazu kommen elf neue Songs auf Teil 2 und als DVD-Beigabe der gleichnamige Film, der allerdings weniger mit A&A und ihrer Musik zu tun hat, als es die jahrelange Ankündigungs-Politik suggerierte.

Und so ist und bleibt der erste "richtige" Song, "The Flight of Apollo", (nach dem schönen Intro "Et ducit...") für mich einer der stärksten A&A-Titel überhaupt. Ein extrem kraftvolles Strophenthema wechselt sich mit einem wunderbar gebremst-melodischen Refrain ab, das Finale treibt dann nur noch nach vorne. "Young London" ist mir eigentlich zu schrubbig, aber wenn man so gekonnt Hardrock-Riffs alter Schule einbaut, ist das schon wieder einmalig. "Shove" und vor allem "Epic Holiday" mit dem Soundtrack-Intro hätten Hitpotential haben müssen, "Hallucinations" gönnt uns Arpeggio-Läufe von den Keys, wie man sie kaum noch hört. Track 7 und 8 gehören irgendwie zusammen und zeigen die ganze sphärische Phantasie von A&A: Nach balladesken ersten zwei Dritteln ein fast progrockiger Bruch; "The Moon Atomic" blubbert und schrabbelt nahtlos in "Clever Love" hinein, vielleicht unterm Strich der schwächste Track. "Soul Survivor" und "Letters to God, Part II" wärmen mit jeweils mit epischem Chorus, bevor "Some origins of fire" Teil eins aufs Schönste beschließt: ein prächtig arrangiertes Intro und eine delaygitarrengeschwängerte (:-)) mächtige Strophe führen in den zum Niederknien schönen Chorus "We all are love and love is hard". Und dann passiert noch etwas: Tom de Longe entdeckt in einer kurzen, sehr weichen Vocal-Bridge beinah den Soul - und lässt dann einem für A&A ungewöhnlichen Gitarrensolo Raum bis zum viel zu schnellen Fade Out.

Aber das war ja erst die Hälfte. Zweite CD, zweite Portion "Liebe": "Saturday Love" folgt dem bewährten Muster aus mächtigem Intro und schneller Strophe mit den Echogitarren und bildet für mich mit "Surrender" und "Anxiety" eine hymnische Dreiereinheit, wobei "Anxiety" mit den besten melodischen Einfällen überzeugt. Dennoch, diese Anfangstrilogie klingt manchmal etwas oberflächlich, bleibt unter den Möglichkeiten. "My heroine" nimmt dann auf starke Art ein, zwei Gänge raus, andere könnten froh sein, so eine "Ballade" hinzubekommen. "Moon as my witness" passt eigentlich besser zum Charakter des ersten Teils, wieder die ureigenen Samples, führt dann aber mit Snarewirbel und aufbauenden Riffs nicht in den erwarteten Songausbruch, sondern in die Irre: urplötzlich gibt's knapp zwei Minuten pure Weltraumatmo (wieder ein bewährter A&A-Trick), der als Intro für den nächsten Song, in diesem Falle "Dry your Eyes" dient. Zwei immer wieder auftauchende, genial unpassende Gitarrennoten geben diesem Powersong einen neuen, schrägen Anstrich. "The Revelator" lebt vom treibenden Effektbass, "One last thing" passt schnell und gitarrenbetont gut dazu, ein bischen "Blink" schimmert hier durch. "Inertia" kommt sehr innovativ daher: diesmal werden Seventies-Rockriffs (irgendwo zwischen "Sweet" und "Deep Purple"!) mit fast atonalen Synthielinien kombiniert. "Behold a pale horse" macht mächtig gute Laune, es orgelt, rifft und drummt nur so, bitte aufdrehen! Bleibt der Schluss-Track. Mit gut fünfeinhalb Minuten der längste und vielleicht (?!) schönste auf "Pt.2". "All that we are" erfüllt fast all meine Hoffnungen auf eine A&A-Evolution: mehr Ruhe im Songaufbau, (noch) mehr Seele im Gesang und mehr Groove. Das (sehr songdienliche) Gitarrensolo auf schweren Drums hat Platz und Raum und besteht nicht nur aus Delays.

EPILOG: 22 Songs, von denen keiner richtig schwächelt und einen ganz eigenen Musikstil kreieren. Texte, die (natürlich) von Liebe im weitesten Sinne handeln, nicht immer richtig greifbar sind und dafür für viele Lebenslagen passen. Eine Art modernes Konzeptalbum, obwohl es keine durchgehend erzählte Geschichte gibt, dafür hängt inhaltlich alles zusammen und einige der Songs gehen, "wie damals", ganz klassisch ineinander über.

Und da wäre noch der Film. Optisch brilliant, thematisch sehr dehn- und vielleicht nicht immer nachvollziehbar. Ein Festival-Film eben. Allerdings mit erstaunlich wenig A&A-Soundtrack. Manchmal hört man hier und da einen modifizierten Titel des Albums heraus. Aber wenn ich ehrlich bin, geht es mir bei "Love" vor allem um die Musik, um die Songs. Leider müssen wir bei so viel beschäftigten Musikern wohl wieder ein Weilchen aufs nächste Album warten. Dann mit dem neuen Schlagzeuger Ilan Rubin. Viele weinen ja dem Abgang des Ex-Drummers "Atom" eine Träne hinterher, der tatsächlich sehr charismatisch spielt, auch wenn er für meinen Geschmack etwas zu oft Rock'n Roll getrommelt hat. Vielleicht bringt der Nachfolger hier ja im wahrsten Sinne eine neue Note ein.
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