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4.0 von 5 Sternen R.E.M.s Frühwerk: Hier gibt's noch was zu entdecken!, 24. November 2009
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Rezension bezieht sich auf: Reckoning - The I.R.S. Years Vintage 1984 (Audio CD)
R.E.M. waren zu Beginn ihrer Karriere, sprich in den frühen bis mittleren 80ern, zwar längst nicht so allseits beliebt und bekannt wie sie es spätestens seit Beginn der 90er durch Hitalben wie "Out of Time" und "Automatic for the People" geworden sind, jedoch standen und stehen die Berrys, Bucks, Mills' und Stipes der Frühphase nach wie vor für einen unverwechselbaren und wunderbar melancholischen Rocksound, der kraftvolle Gitarrenriffs und treibende Beats mit mystisch-betörenden, immer leicht herbstlich anmutenden Melodielinien zu verbinden weiß.
Mit "Reckoning" legte die Band im Jahr 1984 den Nachfolger ihres Erstlingswerk "Murmur" aus dem Vorjahr vor, und dokumentierte damit ihre Entschlossenheit, sich musikalisch weiterzuentwickeln und sich mehr und mehr ins Bewusstsein einer immer breiteren, aber stets qualitätsbewussten Hörerschaft vorzuarbeiten - und zwar mit Erfolg! Mittlerweile ist es zwar schon ein Vierteljahrhundert her, dass diese Platte auf dem Markt erschien, aber dennoch verdient sie es nach wie vor, von möglichst vielen Hörern immer wieder neu entdeckt zu werden.
Wer wie ich (und wahrscheinlich die allermeisten Hörer) R.E.M. in den 90ern oder noch später kennen gelernt hat und mit perfekt produzierten Rock-Perlen wie "Losing my Religion", "Man on the Moon" oder "The Great Beyond" seine Liebe für diese faszinierende (und so gar nicht typische) Südstaatenband entdeckt hat, wird beim ersten Höreindruck geneigt sein, ein Frühwerk wie "Reckoning" als interessantes, nettes musikhistorisches Dokument anzusehen, dass man sich allerdings nicht allzu oft anhören muss: Zu wenig eingängig-melodisch scheint der Gesang, zu unspektakulär die Struktur der Songs, zu seicht und ohne den charakteristischen "Wumms", der einem bei späteren Stücken wie "The One I Love" so unter die Haut geht, mutet der Sound an. Doch sobald man sich von diesen Quervergleichen löst und beginnt, die frühen R.E.M. quasi als für sich stehendes musikalisches Projekt zu betrachten, um so mehr entdeckt man die Vorzüge eines so wunderbar ungeschliffenen und atmosphärischen Meisterwerks wie "Reckoning". Kraftvolle Up-Tempo-Nummern wie der Opener "Harborcoat", das extrem eingängige Byrds-Tribute "Pretty Persuasion" oder "Second Guessing" reißen einen richtig mit, vor allem, wenn man die Songs laut hört und sich so richtig in Peter Bucks großartigen Gitarrenriffs verliert, die in unvergleichbarer Form gleichzeitig so richtig rockig auf dem Punkt gespielt sind, aber zugleich etwas unheimlich sphärisches, klangteppichartiges an sich haben. Diesem Mann macht, bei aller gepflegten Einfachheit seines Spiels, in Sachen Eingängigkeit, Power und Effizienz kein anderer Gitarrist etwas vor. Der bewusste Verzicht auf die allseits beliebten, aber oft austauschbaren Gitarrensoli lässt sich an Frühwerken wie "Reckoning" ebenfalls sehr schön nachvollziehen. Man hat nicht das gefühl, dass sie fehlen, wenn auch Bucks Soli auf den späteren, "mainstreamigeren" R.E.M.-Alben natürlich nicht fehlen dürfen. Aber hier auf "Reckoning" stehen die Songs für sich, klar und einfach strukturiert, atmosphärisch, und mit einem wahren Mystiker am Mikrophon. Michael Stipes mal murmelnder, mal herzzerreißend klagender Gesang prägt dabei vor allem die ruhigen Stücke. So ist das Highlight des Albums, "South Central Rain", mit Stipes packendem "I'm Sorry"-Mantra im Refrain, bis heute einer der beliebtesten R.E.M.-Songs überhaupt unter dne Fans, und das mit Recht; eine solch atmosphärische, herbstlich-melancholische Midtempo-Nummer ist einfach nur einzigartig zu nennen. Aber auch andere Tracks überzeugen mit sanfteren Tönen; so etwa "Time after Time" oder "Camera". Das ironische, durch Mike Mills' Spilunkenpiano geradezu klischeehaft "südstaatlerisch" anmutende "Don't Go Back to Rockville" mit seinem zum Mitsingen einladenden Stadion-Rock-Refrain sorgt für das genau richtige Maß an Abwechslung und rundet dieses ansonsten eher schwelgend und sphärisch gehaltene Album gekonnt ab.
Abzüge gibt es von meiner Seite jedoch für die noch etwas fehlende Konstanz in Sachen songschreiberischer Qualität. So stechen doch einige Songs wie etwa "South Central Rain" und "Pretty Persuasion" sehr hervor, während Nummern wie "Letter Never Sent" oder "Little America" eher zu den Stücken gehören, die, bei aller Liebe zu diesem atmosphärischen Frühwerk, nicht mal im Gedächtnis des größten R.E.M.-Fans einen festen Platz beanspruchen können. Doch dies ist in einem so frühen Stadium der Entwicklung einer Band völlig normal.
Abschließend bleibt festzuhalten, dass "Reckoning" als ein kleines, wenn auch aus heutiger Sicht vielleicht eher unauffälliges, Meisterwerk einer jungen Band bezeichnet werden kann, die sich später zu einer der besten Rock-Bands aller Zeiten entwickeln sollte, aber zu Beginn ihrer Karriere einen von dem späteren Werk klar abzugrenzenden Stil pflegte, den zu kennen es sich lohnt und den lieben zu lernen leicht ist, wenn man sich auf Alben wie "Reckoning" einlässt und sich Zeit für das Kennenlernen dieser verträumten, herbstlichen Klänge nimmt.
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