Kundenrezension

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Meisterwerk mit Schauplatz Heidelberg, 15. April 2013
Rezension bezieht sich auf: Der Vorleser (Taschenbuch)
Dass Bernhard Schlinks "Vorleser" nicht nur ein Bestseller, sondern ein literarisches Meisterwerk ist, braucht wohl nicht eigens betont zu werden. Wie und warum dann überhaupt noch eine eigene Rezension schreiben? Vielleicht, um ein paar persönliche Eindrücke wiederzugeben.

Der "Vorleser" liest sich ausgesprochen gut. Die Sprache ist einfach, verständlich, schnörkellos, der Satzbau ist schlicht, auf komplizierte Stilmittel verzichtet der Autor. Auch der Umfang des Buches ist nicht allzu groß. Das Buch ist übersichtlich in drei Teile, und diese wiederum in kurze Kapitel, gegliedert. Ich habe es an einem Wochende, und zwar mit Interesse und Anteilnahme, gelesen.

Jeder Roman sollte, das ist zumindest meine Meinung, eine "Story" haben und diese intelligent und spannend erzählen. Nun, dieser Anforderung wird der "Vorleser" ohne Zweifel gerecht. Der Ich-Erzähler berichtet in der Rückschau von einer eigenartigen und einzigartigen Liebesbeziehung. Im Jahre 1959 - das Datum wird nicht genannt, lässt sich aber aus anderen mitgeteilten Daten erschließen - lernt der 15jährige Gymnasiast Michael Berg die 36jährige Straßenbahnschaffnerin Hanna Schmitz kennen. Es entsteht ein mehr oder weniger aufs Sexuelle beschränktes Liebesverhältnis, in dem sich ein besonderes Ritual herausbildet: Vor dem Sex muss der Schüler Michael seiner Geliebten Hanna Werke der Weltliteratur vorlesen. Doch nach einem Jahr ist Hanna plötzlich verschwunden.

Erst Jahre später, Michael ist inzwischen Jura-Student, sieht er Hanna wieder, und zwar in einem völlig unerwarteten Zusammenhang: Sie ist eine der Angeklagten in einem großen Strafprozess gegen Nazi-Verbrecher. Hanna gehörte zu einer Wachmannschaft, die in einem Außenlager von Auschwitz weibliche Häftlinge bewachte und diese bei einem Todesmarsch in einer brennenden Kirche umkommen ließ. Im KZ hatte sie immer einen junge und schwache Frau einen Monat lang als "Liebling" behandelt, bevor die Gefangene nach Auschwitz geschickt wurde: Nicht etwa, wie die anderen mutmaßten, um eine sexuelle Beziehung zu unterhalten, sondern um sich vorlesen zu lassen. Im Laufe des Verfahrens begreift der Erzähler plötzlich: Hanna kann nicht lesen und schreiben. Deshalb hat sie, als sie Arbeiterin bei Siemens war, das Angebot der SS angenommen, im "Wachdienst" tätig zu werden, um nämlich einer Beförderung zu entgehen, bei welcher ihr Handicap offenbar geworden wäre. Deshalb ist sie plötzlich verschwunden, als sie die Möglichkeit bekam, sich als Straßenbahnfahrerin ausbilden zu lassen, denn auch hier wäre ihr Analfabetismus erkannt worden. Und deshalb nimmt sie im Prozess die Hauptschuld auf sich, als sie durch ein angeblich von ihr verfasstes Schriftstück schwer belastet wird, denn um sich zu entlasten, hätte sie erklären müssen, dass sie nicht lesen und schreiben kann.

Hanna wird zu lebenslanger Freiheitstrafe verurteilt. Nachdem sie sieben Jahre Haft verbüßt hat, nimmt der Ich-Erzähler, dessen Ehe ebenso gescheitert ist wie seine sonstigen Liebesbeziehungen, zu ihr wieder Kontakt auf: Er bespricht Tonbandkassetten mit Werken der Weltliteratur und sendet ihr diese ins Gefängnis. Mit diesen Kassetten lernt Hanna jetzt doch noch lesen und schreiben. Doch eine persönliche Begegnung lehnt Michael ab, auch, als nach 18jährigem Strafvollzug Hanna begnadigt wird und er auf Bitten der Anstaltsleiterin ihre Haftentlassung vorbereitet. Erst eine Woche vor dem Entlassungstermin kommt es zu einer persönlichen Begegnung des inzwischen als Rechtswissenschaftlter tätigen Michael Berg mit seiner ehemaligen Geliebten. Doch in der Nacht vor ihrer Entlassung erhängt Hanna sich.

Das Buch ist nicht eine Geschichte vom Holocaust, sondern eine Geschichte von der ersten Generation der Nachgeborenen und ihrem Umgang mit dem furchtbaren Erbe, welches die Elterngeneration ihr hinterlassen hat. Es wäre daher völlig verfehlt, dem Roman geschichtsrevisionistische Tendenzen oder eine unangemessene Einfühlung in eine Nazi-Verbrecherin vorzuwerfen: Hanna ist als Person gar nicht greifbar, wir erfahren nur, wie der Ich-Erzähler sie erlebt und was er von ihr und über sie hört. Wie jedes anspruchsvolle Kunstwerk ist der Roman vielschichtig und lässt sich nicht auf eine einfache Formel bringen. Insbesondere der Grund von Hannas Selbstmord bleibt offen und zwingt den Leser zum Nachdenken. Ebenso bleibt offen, weshalb Hanna die Beziehung zu Michael Berg überhaupt angefangen hat: Liebte sie ihn wirklich, suchte sie sexuelle Befriedigung oder brauchte sie bloß einen "Vorleser"?

In der reformorientierten Gefängnisdirektorin mag man die liberale Juristin Helga Einsele erkennen. Für den antifaschistischen Heidelberger Strafrechtsprofessor, bei dem Michael Berg das Seminar über Nazi-Prozesse besucht, kann ich hingegen kein unmittelbares Vorbild ausmachen. Man mag hier durchaus an Gustav Radbruch denken. Wie Michael Bergs Professor war dieser Antifaschist, Außenseiter in seinem Fach, von den Nazis aus dem Lehramt gedrängt und 1945 zurückgerufen. Auch ist dieser wie Michael Bergs Professor auf dem Heidelberger Bergfriedhof begraben. Doch war Gustav Radbruch nicht in der Emigration und verstarb auch bereits 1949.

Für mich ist eine sicher eher nebensächliche Seite des Romans besonders interessant, nämlich das Heidelberger Lokalkolorit. Auch wenn Heidelberg immer nur "meine Heimatstadt" genannt wird, ist die Zuordnung eindeutig (Weststadt, Neuenheimer Feld, Heiligenberg, Philosophenweg, Bergfriedhof etc.). Der Schriftsteller und Heidelberg-Kenner Michael Buselmeier hat ja auch betont, dass der Roman etwas von der Atmosphäre der "alten Weststadt" der 1950er Jahre bewahre.

Das Buch lohnt sich zu lesen allein schon als bedeutendes literarisches Werk und als Auseinandersetzung mit den Erfahrungen einer ganzen Generation von Menschen, die geprägt war durch die Verstrickung ihrer Elterngeneration ins Nazi-Regime. Doch ein besonderes Vergnügen kann man auch darin finden, den Wegen Michal Bergs in und durch Heidelberg nachzuspüren.
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Von 1 Kunden verfolgt

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1-2 von 2 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 22.04.2013 17:09:43 GMT+02:00
weiser111 meint:
Zwar finde ich Schlinks "Vorleser" für einen überschätzen schriftlichen Unfug -- ein so wichtiges Thema derart sperrholzliterarisch aufzuarbeiten und dafür auch noch allseitig gelobt zu werden (dem Thema sei Dank, argwöhne ich), das ist schon wieder beeindruckend.
Aber gut dargelegte Argumente, auch wenn sie mich nicht überzeugen, müssen verteidigt werden. Hilfreich also (in dubio pro reo). Freilich -- auch ich kenne mich gut aus in Heidelberg, und dass Schlink wenigstens d a s nicht auch noch versemmelt hat, hat mich damals beim Lesen gewundert. Sogar die namenlose Bergheimer Straße ganz am Anfang war zu identifizieren... Die Romanhandlung retten kann das freilich auch nicht, finde ich.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 26.04.2013 08:04:22 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 26.04.2013 08:04:52 GMT+02:00
Danke für die Blumen. Über die Qualität des Romans kann man natürlich, wie bei jedem Kunstwerk, unterschiedlicher Meinung sein. Die Bergheimer Straße ganz am Anfang des Buchs habe ich übrigens nicht identifiziert.
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