Kundenrezension

6 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Ein amerikanisches Gangsterepos, 30. März 2014
Rezension bezieht sich auf: In der Nacht (Gebundene Ausgabe)
Dennis Lehane - Autor des Meisterwerks "Mystic River" und des gnadenlosen Thrillers "Shutter Island" - legt hier den 2 Teil einer Trilogie vor, deren erster Band, "Im Aufruhr jener Tage" bereits erschienen ist und welche die frühen Jahre des 20. Jahrhunderts in Boston beschreibt. Hier nun begegnen wir einem Abkömmling der Coughlin-Familie wieder, die auch im Vorgänger eine wichtige Rolle spielte.

Joe Coughlin, Sohn des stellvertretenden Bostoner Polizeichefs Tom Coughlin, sieht sich als Gesetzlosen - in Abgrenzung zu Gangstern - und bereitet seinem Vater dadurch verständlicherweise Kopfschmerzen. Als er sich in eine junge Frau verliebt, kommt es zu einem Rivalitätsstreit mit Albert White, einem der örtlichen Gangsterbosse. Joe wird während eines Überfalls Opfer eines Verrats und muß schließlich feststellen, daß es seine Geliebte war, die ihn ausgeliefert hatte. Während Joe nun ins Gefängnis geht, stirbt die Frau seiner Träume bei einer Autoverfolgungsjagd. Im Gefängnis gerät Joe unter die Fittiche eines der großen Mafiabosse der Gegend, der ihn als einen seiner Stellvertreter aufbaut. Aus dem Gefängnis entlassen, wird Joe nach Florida geschickt, wo er den Rumschmuggel aus Kuba neu organisieren und verbessern soll. Es sind die Jahre der Prohibition und mit Alkohol ist eine Menge Geld zu verdienen. Joes Aufstieg zu Floridas führendem Schmuggler und Gangsterboss, seine Liebe zu einer Kubanerin und schließlich sein Fall, werden dem Leser auf nahezu 600 Seiten episch geschildert.

Dennis Lehane greift in seiner Geschichte auf die Topoi der vielen amerikanischen Gangsterepen zurück. Ob literarische oder filmische Vorbilder - er weiß sich in guter Gesellschaft, er weiß sich dieses großen Fundus zu bedienen und er versteht es, dieser Tradition doch auch wieder Neues hinzuzufügen. Denn seine Protagonisten stellen sich zusehends einer moralischen Verantwortung, reflektieren ihr Tun und fragen sich, ob sie die feine Differenzierung, die ihnen so wichtig ist - Gangster oder Gesetzloser? - wirklich aufrecht halten können. Denn je weiter sie nach Süden gehen, je mehr sie dort schalten und walten, je deutlicher sie sich durchsetzen - ihre Methoden werden ebenso immer härter, brutaler und maßloser und Joe, anfangs ein zwar selbstverliebter aber durchaus sympathischer 20jähriger entwickelt zusehends eben jene Maßlosigkeit, eben jene Arroganz und eben jene Egozentrik, die seinesgleichen ausmachen und mehr und mehr in Monster verwandeln. Der alte Boss Meso, den wir schon während Joes Jahren im Gefängnis kennenlernen und der ohne Skrupel töten läßt, um die eigene Vorteile auszuspielen, die eigenen Pfründe zu sichern, ist ein warnendes Beispiel dafür, was dieses Leben voller Annehmlichkeiten einerseits, voller Gewalt, Angst und Unterdrückung andererseits aus einem Menschen machen kann. Und Joe Coughlin verfolgen wir bei seinem Weg in genau diesen Zustand.

Lehane gelingt es, seinen epischen Text spannend und kurzweilig zu halten. Man kann diese Geschichte als reine Unterhaltung lesen und bekommt ein Gangsterepos, daß an DER PATE erinnert, ansatzweise auch an einen Film wie GOODFELLAS. Rasant treibt es die Handlung voran, die sich immerhin über einen Zeitraum von nahezu zehn Jahren erstreckt. Dabei bekommt der Leser viel Lokalkolorit geboten, es gibt ein gerüttelt' Maß an Action und auch derber Gewalt, ohne daß das Buch zu einem Actionthriller verflachen würde, es gibt eine zu Herzen gehende Liebesgeschichte und jede Menge kumpelige Gespräche zwischen Kerlen, die uns bei all ihren Fehlern natürlich immer noch sympathischer sind, als ihre Gegenspieler.

Man kann das Buch allerdings auch als einen historischen Roman über eine wilde Zeit der jüngeren amerikanischen Geschichte lesen. Dann bleiben die oben genannten Vorzüge zwar immer noch dieselben, doch kommt hinzu, daß es dem Autoren gelingt - allerdings ohne allzu tiefe Tiefen anzupeilen - diese Jahre der Prohibition, der beginnenden und sich dann immer weiter ausbreitenden Depression, die Jahre, in denen Gangster wirklich zu Volkshelden aufsteigen konnten, die Zeiten, als Amerika trotz der Armut der meisten zu prosperieren begann und langsam zu dem wurde, was es heute ist, all dies einzufangen und nicht nur in die bekannten Zusammenhänge zu stellen, sondern auch Zusammenhänge noch einmal aufzuzeigen und zu knüpfen, die heute nicht mehr so bekannt und naheliegend sind.

So ist uns Kuba - als der amerikanischen Politik verhasste Insel des gottlosen Kommunismus sowieso - ja vor allem als jenes Land der Korruption bekannt, das der Diktator Batista den großen Gangstern wie Lansky und Luciano zur Verfügung stellte, damit diese dort ihre Casinos und Bettenburgen als Geldwaschanlagen erbauen und Abenteurer, Machos und Spieler wie Hemingway oder Huston ihre Männerträume ausleben konnten. Lehane erzählt von dem agraischen Kuba aus der Zeit vor Batista, erzählt, wie das Augenmerk Amerikas erstmals intensiver auf Kuba fiel.

Ähnliches gelingt ihm mit Florida, das uns heute aus Serien wie MIAMI VICE und vor allem Brian De Palmas Gangsterfilm SCARFACE (1983) als kokainverseuchtes Gangsterparadies im Bewußtsein verankert ist. Da er Tampa, dort den Stadtteil Ybor, zum Schauplatz der Geschehnisse macht, unterläuft er bewußt dieses Image und kann ein anderes Florida zeichnen, eines, das noch ländlich geprägt ist, das teils erst erschlossen wird und eines, wo die Sezession, der Südstaatenmythos, noch zu spüren ist. Auch den Gegensatz zwischen einem "echten" Yankee - also jemandem aus Neuengland - und den Südstaatlern weiß Lehane sich zunutze zu machen, um dem Leser zu vermitteln, wie groß dieses Land ist, das Amerika heißt, und was für enorme Zerreißproben es zu bestehen hatte. Aber auch, um daraus Spannung(en) zu generieren. So entsteht schon ein recht differenziertes Bild dieser Zeit und ihrer inneren Widersprüche.

Wirklich geschickt jedoch ist die Figurenzeichnung und wie diese Figuren ihre Zeit reflektieren, aber IN diesen Figuren das Genre selbst reflektiert wird. Dennis Lehane ist ein zu gewiefter Autor und ein durch die Verfilmungen seiner Werke auch mit der Filmindustrie zu verbandelter Schriftsteller, als daß er sich nicht voll bewußt wäre, daß man anfangs des 21. Jahrhudnerts eine solche Geschichte nicht erzählen kann, ohne daß jeder potentielle Leser vor allem filmische Vorbilder und Referenzen vor Augen hat. Erzählt der moderne Gangsterfilm eines Francis Coppola oder eines Martin Scorsese von relativ modernen Gangstern, so wissen wir, daß Filme wie Howard Hawks Original zu SCARFACE von 1932 genau von der Zeit berichten, derer sich auch Lehane annimmt - den Jahren der Prohibition, in denen Typen wie Capone groß werden konnten. Ohne Referenz auf diese Geschichten und ihre Protagonisten wird man heute keinen ernsthaften Gangsterroman schreiben, keinen klassichen Gangsterfilm mehr drehen können. Also verabreicht er seinen Figuren genug Klischee, um an ihre Vorbilder/Vorgänger zu gereichen, gibt ihnen jedoch so viel eigenes, daß sie im Kosmos des amerikanischen Gangsterpantheons durchaus eigenständig bestehen können.

Dabei ist es v.a. die moralische Reflexion, die Lehane seine sympathischeren Figuren immer wieder anstellen läßt, die gefallen. Zwar ist Joe uns schon allein deshalb ein Guter, weil er kein Rassist ist (und den damals allenthalben vorherrschenden Rassismus läßt Lehane nun wahrlich nicht außen vor), weil er ein soziales Gewissen hat (und nicht erst entwickelt), weil er eine Frau liebt, die als Kubanerin (natürlich) auf der richtigen Seite der unterdrückten Landarbeiter steht usw. - darin gerinnt ihm diese Figur manches Mal dann doch auch etwas zu holzschnittartig und oberflächlich - doch wirklich interessant wird uns Joe aufgrund seiner Reflexionen und auch sein schließlich von ihm eingestandener moralischer Bankrott (und die Erkenntnis, schlicht ein Gangster zu sein, kein romantischer, romantisierter "Gesetzloser"), machen ihn zu einer weitaus spannenderen Figur, als man erwarten würde.

Und mit dieser Figur stellt Lehane eine Menge dessen in Frage, was die amerikanische Populärmythologie aus den amerikanischen Gangstern und Gesetzlosen - seien es die Jamesbrüder im 19. Jahrhundert, seien es Capone und Typen wie er gerade im frühen 20. Jahrhundert - gerne gemacht hat: Helden. Helden, die in gewisser Weise den Pioniergeist der Vorväter weitertrugen: entweder weil sie sich nicht geschlagen gaben, als sie längst geschlagen waren (Die Gebrüder James), oder weil sie den Urwald, den die einstigen echten Pioniere durchquerten, nur um dann an die großen Flüsse und die weiten Ebenen zu gelangen, ins Dickicht der Großstädte übertrugen und dort ein Geflecht bürokratischer Fallstricke schlicht durchschlugen, sich von einer als zusehends diktatorisch empfundenen Staatsmacht wenig sagen ließen und das puritanische Arbeitsethos zwar moralisch nicht einwandfrei, allerdings immerhin mit Furor auslebten und befeuerten. Sie machten Dollars - und das hat in Amerika noch immer imponiert. Dieser Joe Coughlin nun entspringt zwar der Tradition, unterläuft sie jedoch auch, da er zwar Dollars anhäuft, allerdings weiß, daß er sowohl vor der Geschichte, ebenso aber vor seinen hart arbeitenden, sich abstrampelnden und dennoch im Leben viel zu kurz gekommenen Zeitgenossen moralisch schlicht versagt hat.

Wie es Dennis Lehane dabei gelingt, bei aller Sympathie, die wir für diesen Kerl empfinden, leise und still und sozusagen durch die Hintertür davon zu erzählen, wie der bei zunehmender Macht und Verantwortung auch zunehmend zynisch, brutal und skrupellos wird, das ist schon ein literarisches Bravourstück. Es lohnt sich, dieses Buch zu lesen, das ebenso zu unterhalten weiß, wie es uns etwas über die amerikanische Verfasstheit zu erzählen hat.
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Von 1 Kunden verfolgt

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1-2 von 2 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 31.03.2014 12:21:05 GMT+02:00
Eddie Lomax meint:
Hallo Gavin

eine sehr ausführliche und treffende Rezension zu diesem Mittelteil von Dennis Lehane's neuer Trilogie, bei der mir doch ein wenig Kritik zum Kontext mit dem ersten Teil fehlt. Mit IM AUFRUHR JENER TAGE legte Dennis Lehane seinen bislang größten Roman, ein komplexes, in mehreren Erzählebenen angelegtes Gesellschafts-Epos vor, an dem er sich zukünftig messen lassen muss, während IN DER NACHT "nur" ein spannendes Gangster-Epos ist, zur Zeit der Prohibition angesiedelt, welches Lehane's Opus Magnum IM AUFRUHR JENER TAGE lose fortsetzt, ohne jedoch dessen erzählerische Kraft zu entfalten oder gar dessen Tiefe zu erreichen. Das war mir persönlich etwas zu wenig und passt daher auf die Vier-Punkte-Wertung. Mal sehen wie er sich mit dem dritten Teil anstellt. Gespannt bin ich hingegen auf die anstehende Verfilmung von IN DER NACHT durch Regisseur Ben Affleck, der ja schon einmal einen Lehane (GONE BABY GONE) erfolgreich verfilmte.

Herzliche Grüße, Eddie.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 03.04.2014 08:22:30 GMT+02:00
Gavin Armour meint:
Hallo Eddie,

vielen Dank für das Lob! Interessant, daß Du den ersten Teil der Trilogie so lobst. Ich fand das Buch ebenfalls sehr gelungen, es hat sicherlich mehr Tiefgang als dieses und bleibt dennoch (oder gerade deshalb?) sperrig. Schwer zugänglich. Lehanes eigentliches Meisterwerk, so finde ich, ist "Mystic River", in dem er die Charaktere mit einer Tragik ausstattet, die der Geschichte, der Situation vollkommen angemessen sind. Zugleich gelingt es ihm, leise Töne, Zwischentöne, anzuschlagen.

Daß "In der Nacht" nun verfilmt werden soll, wirkt geradezu folgerichtig, bietet das Buch an sich ja schon regelrechte Anweisungen, wie es auf ddie Leinwand umzusetzen sei. Man darf, da hast Du recht, sehr gespannt sein (zumal Affleck seine eigentliche Bestimmung eher HINTER der Kamera zu finden scheint, seine letzten Sachen fand ich wirklich gut)...

Dir einen lieben Gruß,
Gavin
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