Kundenrezension

77 von 83 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Kauz und Schelm, 23. August 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Another Self Portrait (1969-1971): The Bootleg Series Vol. 10 (Audio CD)
Es ist bei Volume 10 der insgesamt nur zu lobenden Bootleg Serie von Bob Dylan (die seit 1991 alle zwei bis drei Jahre versetzt zu seinen regulären neuen Alben eine Art Parallel-Diskographie des Meisters aus den Archiven auftauchen lässt), wie schon so häufig davor auch: Nachdem man die opulente Ausstattung der Doppel-CD bestaunt hat, die von einem großzügigen Kartonschuber ummantelt ist, sodass zusätzlich zur CD auch noch das 60seitige mit Bildern und Informationen gesättigte Hochglanz-Booklet bequem mit hinein passt, dann die erste CD einlegt und den ersten Archiv-Fund hört, dass man sich kopfschüttelnd fragt, warum um alles in der Welt lag dieses Juwel solange verschütt in muffigen Archiven?

"Went to see the Gypsy" eröffnet diese Sammlung bisher unveröffentlichter Songs und alternativer Versionen, hier in der Demo-Fassung aufgenommen am 03.03.1970, also während der Sessions zum Album "Self portrait" (VÖ:06/1970). Die endgültige offizielle Version erschien erst auf dem Nachfolge-Album "New morning" (VÖ:10/1970), die unterschiedlicher aber hätte kaum ausfallen können. War es später ein kompletter, für Dylan-Verhältnisse beinah ungewöhnlich glatter Band-Song, kommt die hier die Sammlung eröffnende Version des Songs mit nur zwei akustischen Blondinen aus. Eine von Dylan selbst gestreichelt, die andere von David Bromberg. Und es mutet nicht wie ein hingehuschtes Demo an, sondern wie ein so und nie anders gedachter feiner melodischer Folk-Klassiker, dem nur 43 Jahre lang verwehrt wurde ein Klassiker wie meinetwegen "Chimes of freedom" oder "Blowing in the wind" zu werden. Ob ich übertreibe? Ganz bestimmt. Ob der Song in dieser Version damals so veröffentlicht und Single geworden, dann auch ein ebensolcher Klassiker geworden wäre ist natürlich hypothetisch, aber er hat das Zeug dazu. Die klangliche Aufbereitung anno 2013 tut ihr übriges, der Staub blieb in den Archiven, heraus kamen nur kristallklare Töne - zumindest überwiegend.

Nicht alle 35 hier zusammengefassten unveröffentlichten Songs oder alternativen Versionen der Jahre 1969-1971 sind von der Güte des Openers. Und dennoch, in diesen drei Jahren veröffentlichte Dylan vier Alben, aus deren Sessions hier nun auf "Another self portrait" sehr viel Material veröffentlicht wird, was das damals von Dylan für die LPs ausgewählte zum Teil weit übertrifft. Der ewige Kauz begann sich in jenen Jahren so richtig zu entfalten. Nachdem seine ersten acht Alben nahezu lückenlos vom geneigten Publikum wie das Evangelium in Empfang genommen wurden und die Ehrerbietung für den damals noch nicht 30jährigen sich uferlos steigerte, beschloss er selbst diesen Huldigungs-Auswüchsen entschlossen entgegen zu wirken. Partiell durchaus mit Erfolg, zumindest lösten seine Veröffentlichungen jener Phase bei einigen Anhängern heftigen Widerspruch und Entsetzen aus, langfristig aber trug er mit dieser Überbetonung des Kauztums so wohl ganz erheblich selbst zur Bildung des Mythos Dylan bei - ob gewollt oder ungewollt, bleibt wohl eine der Fragen, die er nie beantworten wird, was den Mythos wiederum weiter steigert.

Zunächst legte er 1969 mit "Nashville Skyline" ein amtliches Country-Album vor. Unter den stets zum Klassenkampf bereiten Linksideologen unter seinen eifrigen Fans hatte es zwar durchaus eine desillusionierende Wirkung, weil Country damals in den ausklingenden 1960er Jahren klar eher republikanisch-konservativen Kreisen zugeordnet wurde, dem Erfolg aber tat es keinen Abbruch. Nur zwei der hier versammelten Songs stammen aus diesen Sessions (gelungene alternative Versionen von "I threw it all away" und "Country pie"). Hier liegt auch die einzige Enttäuschung von "Another self portrait", wofür das Bootleg-Album wahrscheinlich gar nichts kann. Das '69er Album wurde mit einem Duett mit dem wunderbaren Johnny Cash eröffnet. Dylan und Cash spielten damals aber (mindestens) zwölf weitere Stücke ein (hauptsächlich Cash-Klassiker), die mir bisher nur in fast unzumutbar schlechter Qualität bekannt sind und nie offiziell veröffentlicht wurden. Dass sie nun auch hier fehlen, lässt gemächlich die letzten Reste Hoffnung schwinden, dass dieses Material je in guter Qualität auf den Markt kommt. Offenbar ist es nicht restaurierbar.

Im Juni 1970 schickte Dylan dann das mit 24 Songs bepackte Doppel-Album "Selfportrait" ins Rennen, von dem er der Legende nach sagte: Ich habe ein Album gemacht, das man unmöglich mögen kann". Die Aussage ist zwar nicht verifiziert, Dylan hat sie aber auch nie dementiert. Und unter den Fans herrscht diesbezüglich auch ungewöhnliche Einigkeit. Welches der bisher 35 Studio-Alben das beste ist, dürfte kaum auszumachen sein. Fragt man aber nach dem schlechtesten, wird man von Dylanologen wohl fast ohne Ausnahme "Self portrait" genannt bekommen, neben vielleicht ein, zwei klang-technisch verhunzten Produktionen in den unrühmlichen 80's.
Im Vorfeld der neuen "Bootleg Series Vol.10", habe ich die vier Alben der hier umfassten Zeitspanne um 1970 mit dem offiziellen Material gezielt gehört, und in der Tat: "Self portrait" bleibt ein Problemfall.
Die hier nun aufgetauchten insgesamt 17 Exponate dieser Session lassen den Dylan zugeschrieben Satz oben glaubhaft scheinen. Denn beinah alle 17 alternativen Versionen oder gar gänzlich unveröffentlichten Songs, die "Another self portrait" nun präsentiert, überbieten das damals veröffentlichte Material bei weitem. Allein die Versionen ohne Overdubs (die 1970 das offizielle Album über weite Strecken einfach nur fürchterlich zugekleistert haben), machen deutlich, dass die Songs in Ihrer Substanz Dylan-Niveau hatten. Jetzt, 43 Jahre danach, kommen sie ungeschminkt zur Geltung und offenbaren wahre Schönheit und Klarheit. Die späte Rehabilitation eines zurecht geächteten Albums.

Noch im selben Jahr, nur vier Monate später, schickte Dylan sein nächstes ordentliches Album hinterher: "New morning". Kein Überalbum, aber ein solides Werk. Zehn Stücke aus diesen Sessions sind hier integriert, acht davon alternative Versionen der offiziellen Albumtracks. Nicht besser oder schlechter als die endgültigen Versionen, meist einfach erstaunlich anders und für Fans ein wahres Fest. Neben dem eingangs schon erwähnten "Went to see the Gypsy", läßt auch die völlig anders gedachte Version von "If not for you" den Hörer einen alten Bekannten noch einmal völlig neu kennenlernen.

Im Folgejahr 1971 erschien dann mit "More Greatest Hits" (oder auch "Greatest Hits 2") zwar nur eine Hit-Kompilation, die allerdings zusätzlich sechs exklusiv eigens dafür eingespielte Stücke enthielt. Auch aus diesen 71er Sessions tauchen hier nun noch drei Outtakes auf. Entdeckenswert, wenn auch sehr gewöhnungsbedürftig, ist vor allem die nur am Piano eingespielte Version von "When I paint my masterpiece". Es ist zwar eindeutig die auf "More Greatest Hits" veröffentlichte Full-Band-Version im Ergebnis vorzuziehen, aber die Nummer hier als Ausklang der knapp zweistündigen Archiv-Ausbeute zu hören, hat mehr als nur seine Berechtigung.

Wer mitgezählt hat, kommt auf 32 Songs aus den Sessions zu den vier Alben. Auf 35 Titel aufaddiert wird "Another self portrait" durch zwei mit The Band 1969 beim Isle of Wight Festival aufgenommen Versionen von "I'll be your Baby tonight" und "Highway 61 revisited". Schon auf "Selfportrait" waren 1970 zwei andere Stücke aus diesem Konzert veröffentlicht worden, eins davon war die seltsame Version von "Like a rolling stone". Das gesamte Konzert ist übrigens nun erstmalig der Deluxe-Ausgabe von "Another self portrait" als Bonus-CD beigelegt.

Bleibt nur noch ein Song, der mir hier allerdings in jeder Hinsicht Fehl am Platz scheint: eine schauerliche Version von "Minstrel boy". Abgesehen davon, dass Dylan die Nummer in der vorliegenden Version so lustlos nölt, dass man schon sehr Fan sein muss, um dem noch etwas abzugewinnen, fällt die Aufnahme auch nicht in den Zeitraum der hier zusammengefassten Session-Outtakes, sondern stammt aus den Basement-Tapes-Sessions, die 1967 stattfanden und damals schon zunächst unter Verschluss blieben, um dann 1975 doch als mehr oder weniger reguläres Studio-Album zu erscheinen. Die Nummer wäre hier aus jeder Hinsicht entbehrlich gewesen.

David Bowie veröffentlichte 2012/13 (sehr dürftige) 40th Anniversary-Editions seiner legendären Alben "Ziggy Stardust" und "Alladin Sane", beide Alben waren zehn Jahre zuvor auch schon (damals in sehr üppigen) Jubel-Editionen erschienen. Elton Johns legendäres '73er Doppel-Album "Goodbye yellow brick road" wird im Laufe dieses Jahres noch gebührend gefeiert werden, wie auch schon 2003 mit einer edlen Neuauflage. Wie oft Paul McCartney nun schon "Band on the run" und Pink Floyd ihr "Dark side of the moon" mit Juhu-Jubiläums-Ausgaben veredelt haben, ist nur noch für beinharte Fans überschaubar. Und all das ist auch völlig legitim. Wer erinnert sich nicht gern an besondere Momente im Leben, wo einfach alles glückte und irgendwie alles gepasst hat.
Bob Dylan hat derlei Anniversary-Editions bisher nie veröffentlicht, obwohl er mindestens ein Dutzend musikhistorisch relevanter Alben vorweisen kann. Dass er nun ausgerechnet diesem nicht zu Unrecht wenig gemochten Album seiner Karriere eine besondere Würdigung zuteil werden lässt, das Cover-Konzept aufgreift und sich am Titel anlehnt, ist wieder einmal typisch Dylan. Es gibt viele Gründe, warum man Bob Dylan verehren und bewundern kann, für diese schrullige Kauzigkeit allerdings, muss man ihn fast schon lieben. Und letztlich beweist er damit 43 Jahre später, dass er auch in dieser umstrittenen Karrierephase sein Talent nicht verloren hatte. Er wollte damals offenbar wirklich ein Album machen, was man unmöglich mögen kann. Und liefert heute das Album nach, was das Augenzwinkern von damals unterstreicht und was man um ein Vielfaches lieber hören will.
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Kommentare

Von 1 Kunden verfolgt

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1-7 von 7 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 23.08.2013 12:41:02 GMT+02:00
Danke für diese Rezension. Alles richtig, was hier über die Originalscheibe zu lesen ist. Die Rezension hat die Vorfreude gesteigert, danke dafür. Ich habe Self Portrait selbst nie gemocht. Aber gerade hat der Postbote die Limited Edition von Another Self Portrait gebracht und ich freue mich auf das Anhören wie 1969 auf Weihnachen.

Veröffentlicht am 23.08.2013 20:05:43 GMT+02:00
Mal wieder großartig aufgetischt. Danke!

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 23.08.2013 21:43:14 GMT+02:00
Herr Heilen, Herr Beßler,
ich danke für die freundlichen Worte.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 26.08.2013 17:38:50 GMT+02:00
Anzumerken ist noch, dass das Doppel-Album zurzeit (26.8.2013) im Verbund mit dem Mitschnitt des legendären Konzerts von der Isle of Wight für ¤15,99 als Download erhältlich ist:
<http://www.amazon.de/Another-Self-Portrait-1969-1971-Bootleg/dp/B00DZETYH8/ref=cm_cr-mr-title>

Veröffentlicht am 02.09.2013 16:02:52 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 02.09.2013 16:04:53 GMT+02:00
Zunächst vielen Dank für diese ausführliche und fundierte Rezension! Ich hatte eigentlich gehofft, als ich die erste Anzeige für die CD sah, dass damit auch ein Großteil des raren 1973er Albums "Dylan" (A Fool Such As I) veröffentlicht würde, das es 1991 einmal kurzzeitig als offizielle CD gab, die nun zu Höchstpreisen gehandelt wird. Das Album wurde ja aus Outtakes von "Self Portrait" und "New Morning" zusammengestellt und veröffentlicht, als Dylan kurzzeitig die Plattenfirma gewechselt hatte. Nur "Spanish Is The Loving Tongue" ist von den 9 Songs des Dylan-Albums hier enthalten. - Zähneknirschend hab ich über den amazon-marketplace nun halt doch eine "Import"-Version des "Dylan" (1973)- Albums erworben; immerhin gibts als Bonus 12 Duette der Nashville-Sessions mit Cash (ohne den auf Nashville-Skyline veröffentlichten Song) und ein Duett Dylans mit George Harrisson von "Yesterday", das sich so anhört, als hätten die beiden damit Paul McCartney ärgern wollen. Das 1973er Album enthält für meinen Geschmack einige sehr schöne Aufnahmen, die über dem durchschnittlichen Level von "Self-Portrait" liegen. "Can't Help Falling In Love", "Mr. Bojangles" oder "Lily Of The West" hätten diese Sammlung hier geziert.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 02.09.2013 20:59:10 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 02.09.2013 21:00:51 GMT+02:00
Diese Hoffnung hatte ich ebenfalls, und außer Ihnen und mir wohl noch einige zigtausend weitere Menschen rund um den Globus.
Die Pressung des '73 veröffentlichten "Dylan (A fool such as I)" die Sie erwähnten, hab ich ebenfalls im Regal (und selten im Player), daher kenne ich auch die Sessions mit Cash. Es ist nur so jammerschade, dass diese Songs in so unzumutbarer Klangqualität vorliegen. Ich hatte so gehofft, dass dieses Material irgendwann einmal in restaurierter Form aufgelegt wird, denn so, wie auf dieser inoffiziellen Pressung, ist es leider schlicht eine Zumutung, unhörbar.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 03.09.2013 10:53:36 GMT+02:00
Für meine Ansprüche noch hörbar (auf Kopfhörer sollte man verzichten), aber sicherlich absolut kein Grund, sich nicht am Erstverkaufstag auf eine offizielle Veröffentlichung zu stürzen ;-)
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