Kundenrezension

11 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Verschenkte Potentiale, 18. Oktober 2013
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Rezension bezieht sich auf: Capote (DVD)
[ACHTUNG: SPOILER - soweit das bei diesem Film so zu nennen ist]
Am 15. November 1959 wird am Rande einer Kleinstadt in Kansas die Farmersfamilie Clutter ermordet. Der Schriftsteller und Partylöwe Truman Capote (Philip Seymour Hoffman), der mit dem Romanen "Die Grasharfe" und "Frühstück bei Tiffany" große Erfolge gefeiert hat, will für den "New Yorker" eine Reportage darüber schreiben, welche Auswirkungen ein solches Verbrechen auf eine kleine, konservative und gottesfürchtige Gemeinde hat. Dazu reist er mit seiner Jugendfreundin Nelle Harper Lee (Catherine Keener), der späteren Autorin des Megasellers "To Kill a Mockingbird", in die Kleinstadt Holcomb. Nach und nach gelingt es Capote, die meisten Beteiligten des Falles - Freunde der ermordeten Familie, Ermittler des Falles und ganz allgemein die Menschen des Ortes - dazu zu bringen, mit ihm, einem offensichtlich homosexuellen Dandy von der Ostküste, nicht nur Fakten, sondern auch Gefühle zu teilen. In einer atemberaubenden Mischung aus Hypersensibilität, äußerster Egozentrik, Einfühlsamkeit, einem niemals zu unterschätzendem Charme, Skrupellosigkeit und dem dafür nötigen psychologischem Gespür schafft Capote es, selbst abstruseste Situationen aufzufangen, aufzubrechen und zu lockern. Schließlich gelingt ihm dies auch mit den Tätern, nachdem die gefasst wurden. Vor allem der Gefangene Perry Smith (Clifton Collins jr.) hat es ihm in seiner menschlichen Hilflosigkeit und Naivität angetan. Die beiden freunden sich miteinander an. Doch Capotes Privatleben beginnt zu leiden, sein Lebensgefährte fühlt sich vernachlässigt und den Menschen, denen Capote etwas bedeutet, fällt immer stärker auf, daß er sich monströs zu verändern beginnt. Er will seinen "Tatsachenroman" fertig stellen und dafür müssen die beiden Täter endlich hingerichtet werden...

Truman Capote war ein Egozentriker erster Güte. Das wusste man. Sein Ego war monströs, sein Glaube ans eigene Genie ungetrübt. Seine Sottisen waren gefürchtet, seine Kommentare ebenso; er konnte fürchterlich verletzen und sich damit zugleich Liebkind bei allen denen machen, die gerade nicht gemeint waren. Doch er verfügte eben auch über die Gabe der Sprache. Sein Schreiben war großartig. Und sein Denken scharf. Eben in seiner Rolle eines Südstaatenabkömmlings hatte er ein waches Bewußtsein für Außenseiter, Ausgestoßene und Minderheiten. Und sein Tatsachenroman "In Cold Blood" begründete ein vollkommen neues Genre literarischen Schaffens. Wobei das, was Capote beschrieb, maßgeblich dazu beitrug, in der amerikanischen Rechtssprechung psychologische Gutachten zuzulassen, ja, es half, generell das Vorleben und die Sozialisation von Tätern mitzubedenken. 1967 schuf Richard Brooks einen kongenialen Film, dem es erstaunlich gut gelang, vor allem die ausdifferenzierte Psychologie zwischen Perry Smith und seinem Kompagnon Richard "Dick" Hickock (hier: Mark Pellegrino; allerdings wird diese Figur im Film gnadenlos runtergespielt) darzustellen, die ausgesprochen wichtig für das Motiv der Tötungen selbst war. Auch Capotes Buch legt starkes Gewicht auf das Verhältnis der beiden. Seine Zuneigung zu Smith war wohl echt, doch läßt er auch im Buch keinen Zweifel aufkommen, daß er es mit zwei wirklich kaltblütigen Mördern zu tun hatte.

All das scheint "Capote" als Film nicht zu interessieren. Regisseur Bennett Miller offeriert dem interessierten Publikum ein Psychogramm äußerster Schärfe. Am Ende dieses fast zweistündigen Films bleibt der Zuschauer mit einem madigen Geschmack zurück und sieht einen Menschen vor sich, der vollkommenen moralischen Bankrott erlitten hat. Hier - das allerdings merkt der Zuschauer erst nach geraumer Zeit - geht es nur um die psychologische Betrachtung des Autors und eine Analyse seines Verhaltens in diesem besonderen Fall. Gleichsam ein Gegenstück zu Capotes Buch, daß sich stark um psychologisches Feingefühl für die beiden Täter generell, aber auch und vor allem für die spezifische Situation und das spezifische Verhältnis der beiden untereinader müht, wird hier der Autor als Teil eines Ensembles untersucht. Sein Verhalten, sein Mittun. Allein - es geht nicht auf. Der Film liefert dafür nicht genügend Belege, im Grunde immer nur ein und denselben in unterschiedlichem Gewand.

Truman Capote als Figur hatte ungemein viele Facetten und sein Wirken als öffentliche Figur reichte bis weit in die 70er Jahre und selige Studio-54-Zeiten, neben Andy Warhol et al. Sein Verhältnis zu Harper Lee und sein Anteil an deren Erfolg. Man könnte viele Einzelheiten seines Lebens herausgreifen und darauf basierend seinen Charakter untersuchen (ein homosexueller Südstaatenmann, worauf der Film einige Male anspielt, aber dann schlicht als Hinweis stehen läßt, ohne daraus etwas greifbares zu machen) - doch es muß diese Geschichte um den Mord an den Clutters sein, vermeintlich die aufregendste Episode dieses Lebens. Je nach Standpunkt. Doch was wir dann sehen, ist die zwar delikate, doch letztlich eindimensionale Darstellung dieses Mannes. Philip Seymour Hoffman spielt Capote durchaus tuntig, doch er übertreibt es nicht und schafft damit Differenz. Das ist in einigen Szenen wirklich atemberaubend, doch kann er das nicht durchhalten, allein das Drehbuch verfällt zu häufig darauf, sich zu wiederholen und das ewig gleiche auszustellen. Immer wieder sehen wir Capote in Gesprächen, in denen er das Geschehen - egal, ob da jemand sitzt, der gerade die beste Freundin verloren hat oder ein leidender Freund - an sich zieht, auf sich be-zieht und darum anfängt von sich zu erzählen. Das ist ein, zwei Mal gut ausgespielt, doch dann verflacht es, weil wenig hinzukommt.

Ab etwa der Mitte des Films sehen wir also auch keiner schauspielerischen Analyse eines zutiefst Verstörten zu (der Capote sicherlich auch war, der Film zeigt es, aber wenn er es zeigt, trägt er es auch besonders dicke auf), sondern wir erleben den Skandal: Da macht einer Hoffnung und zieht sich dann zurück, da hat einer die materiellen Möglichkeiten, gute Anwälte hinzuzuziehen und tut so, als fände er keine, schließlich erbittet sich da einer den Tod zweier Menschen, damit er endlich, endlich das Buch beenden kann, das von diesen beiden handelt - doch an dem Punkt angelangt, haben wir es längst kapiert: Capote war ein Schweinehund, was das anging.

So wiederfährt diesem Film, der nicht mal ein wirkliches Biopic ist, stellt er doch wirklich nur dreieinhalb Jahre im Leben seiner Titelfigur aus, das Schicksal der meisten Biopics: Irgendwo verflacht das alles, mangelnder Tiefgang wird mit erlesenem Dekor und famoser Schauspielkunst übertüncht und man denkt, was Wunder das alles toll ist und fragt sich erst später, warum einem der Film dann doch so lang vorkam? Hier kann man einem sehr guten Schauspieler bei der Darstellung eines leidlich interessanten Falles von Omnipotenz zusehen. Viel mehr ist es nicht.
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Von 1 Kunden verfolgt

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1-10 von 10 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 19.10.2013 09:51:47 GMT+02:00
Orca meint:
Guten morgen Gavin,
ich kann nur " sagen" wieder einmal eine tolle Rezi von Dir.
Wenn ich zusammenfasse, ist ( war) Capote also ein homosexueller Egoist, der sogar das Töten von Menschen befürwortet, da er es für sein Buch nutzen möchte. Das da ein madiger Geschmack bleibt, ist logisch.

Ich wünsche Dir ein schönes Wochenende.
NG Orca

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 19.10.2013 10:03:08 GMT+02:00
Gavin Armour meint:
Hallo Orca!

Grüß Dich und danke für das Lob!

Ja, wenn man dem Film folgen mag, dann war Capote genau das - ein homosexuelles Egomonster, das letztendlich den Tod der Menschen in Kauf nahm (oder sogar herbeisehnte), die er zumindest eine Zeit lang als "Freunde" bezeichnete...

Ich denke, er war weitaus mehr, und dieses Mehr - das sich v.a. in seiner Sprachkunst darstellte - kann der Film nicht zeigen.

Dir ebenfalls ein schönes Wochenende!
Grüße,
Gavin

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 19.10.2013 15:17:17 GMT+02:00
[Vom Autor gelöscht am 25.10.2013 14:47:32 GMT+02:00]

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 19.10.2013 18:02:17 GMT+02:00
Hallo Gavin,

Respekt, Respekt, Du hast wieder ungeheuer viel - und tiefsinnig - geschrieben! Hier allerdings kann ich Deiner Kritik nicht ganz folgen, denn mich hat dieser Film sehr stark beeindruckt, gerade weil immer wieder auf Capotes Egozentrik und Gewissenlosigkeit herumgeritten wurde. Heute scheint man ja infolge dieser flachbrüstigen und moralinsaueren Gutmenschenideologie der Meinung zu sein, daß jeder Künstler auch ein anständiger Mensch sein müsse. Deshalb fand ich es gut, daß der Film deutlich macht, daß der Mann, der Bücher wie "Die Grasharfe" geschrieben hat, eben auch ein Schwein sein konnte - und es in zentralen Augenblicken seines Lebens wohl auch war. Aber auch der Gedanke, daß etwas, auf das man die ganze Zeit lang gehofft hat, einem schließlich auch angst machen kann, ein Gedanke, der der Tenor dieses Filmes ist, trug "Capote" für mich sehr gut.

LG,
Tristram

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 20.10.2013 10:57:42 GMT+02:00
Gavin Armour meint:
Hallo Sabaga,

ja, "To Kill a Mockingbird" ist der Originaltitel des Buches von Harper Lee. Ein wunderbares Buch, doch als damals, vor ca. 15 Jahren, die ersten Zwiefel aufkamen, ob sie es wirklich allein geschrieben habe (es blieb ja auch ihr einziges), da wunderte mich das nicht. Die Eleganz des Buches erinnert schon sehr an Capotes Schreiben. Ich will nicht sagen, daß er es allein war, der es geschrieben hat, doch daß er beteiligt war, glaube ich sofort!

"Kaltblütig", also das Buch, das Capote dann über den Fall schrieb, ist ein absoluter Klassiker und ein brilliantes Buch, keine Frage! Und es ist fast ein Horrorstück, derart kalt ist die Beschreibung jener Nacht, da die Clutters sterben mussten....meine Schwester hasste es und verlangte von mir, daß ich es nie mit der Vorderseite zu unterst legen dürfe, da auf dem Rückblatt ein Grundriß des Clutterschen Anwesens abgedruckt war, auf dem die Fundorte der Leichen eingezeichnet waren - sie hasste das und meinte, allein das sehen zu müssen, würde ihr Angst machen. Literarische Wirkungsmächtigkeit....

Der Film...nun ja.

Dir alles Liebe, sei gegrüßt,
Gavin

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 20.10.2013 11:16:46 GMT+02:00
Gavin Armour meint:
Hallo lieber Tristram!

Ich glaube, irgendwo waren wir schon mal kurz auf den Film zu sprechen gekommen und hatten schon festgestellt, daß er bei uns ganz unterschiedliche Reaktionen hervorgerufen hatte.

Also, daß Capote ein "anständiger" Mensch gewesen wäre - davon würde ich eh niemals ausgehen ;-) Deshalb fühle ich mich da auch nicht angesprochen. Ich finde auch nicht, daß Kunst und Künstler zu einer Deckungsgleichheit kommen müssten, keinesfalls. Bedenke, Du hast es mit einem einstmalig überzeugten Anhänger der Barthesschen Theorie vom "Tod des Autors" zu tun ;-)

Nein, was mir an dem Film nicht gefällt, ist diese monothematische Verengung auf seine Egozentrik. Interessanter war da sein "Warten auf die Hinrichtung", damit er "endlich" das Werk beenden könne. Aber dies alles bleibt im Film eindimensional, finde ich.

Und dann gibt es so Momente, in denen ich mich gefragt habe, was die eigentlich erreichen wollten? Denn reißerisch ist der Film ja nun wirklich nicht. Aber den Mord dann eben doch zu zeigen, statt auf die Darsteller zu setzen und lediglich durch Capotes Reaktion zu zeigen, wie widerlich das war, trauen sie sich nicht(?) oder sie wollen es nicht - um eben DOCH ein wenig Spektakel zu bieten - aber dafür sind die Szenen dann wieder zu verhuscht. Und last but not least denke ich, daß Capote doch weitaus tiefer in die Psyche der beiden (v.a. auch in Dick Hickocks Seele) eingedrungen ist, als der Film suggeriert. Im Buch wird das derart differenziert dargestellt, v.a. auch die Psychologie des eigentlichen Tötungsmotivs - dem Großmaul Dick einmal selbiges zu stopfen und ihm zu zeigen, wie man "sowas" wirklich macht - daß ich mich während des Films gefragt habe, warum die da praktisch gar nicht drauf eingehen. Warum zeigt man ausgerechnet DIESE Episode in Capotes an Episoden und Ereignissen so reichen Leben, wenn man sich mit Wesentlichem darin gar nicht beschäftigen will?

Aber man kann das natürlich und wie immer so oder so sehen. Hoffmans Darstellung ist superb, auch Keener gibt eine glaubwürdige Harper Lee, die in ihrer Fürsorglichkeit gegenüber ihrem Jugendfreund durchaus auch anfängt, an diesem zu zweifeln. Diese Entwicklungen stellt der Film schon ganz gut dar.

Egal, man muß ja nicht immer exakt einer Meinung sein!

Dir ein schönes Wochenende,
Grüße,
Gavin

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 25.10.2013 14:44:07 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 25.10.2013 14:46:16 GMT+02:00
christine meint:
Hallo Gavin, nach und nach muss ich mal wieder bei Dir nachlesen, hatte in den letzten Wochen viel anderes um die Ohren.
Da ich vollkommen unvoreingenommen an den Film herangegangen war (ich kannte bis dahin nur die "Grasharfe" und die geschönte Verfilmung des "Frühstücks"), so dass mich der Film einfach umgehauen hat. Weder habe ich eine Verfilmung des Buches, noch eine vollständige Biopic erwartet. Ich muss gestehen, dass mir solche Momentaufnahmen (Du magst es monothematische Verengung nennen) besser gefallen als Filme, die eine Person als Ganzes spiegeln wollen.
Demnächst mehr- LG, Christine

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 25.10.2013 14:44:10 GMT+02:00
[Vom Autor gelöscht am 25.10.2013 14:45:06 GMT+02:00]

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 05.11.2013 16:32:07 GMT+01:00
Gavin Armour meint:
Hallo Christine!

Sehe Deinen Eintrag gerade erst, entschuldige!!

Nein, ich würde einen zeitlichen Ausschnitt ebenfalls bevorzugen, bin alles andere als ein Freund des Biopics (und habe auch nur sehr wenige gesehen, die zumindest mich überzeugen konnten). Hier, bei "Capote" sind es schon die Spezifika dieses Films, die mich stutzen ließen und ihn mir etwas verleiden. Ich finde Capote einfach zu eindimensional dargestellt. Zwar gibt es Nuancen, aber dieses reine "auch der war ein Schwein" mag zwar zutreffen, doch dann hat man es eben einfach mit einem Schwein zu tun - derer es Tausende gibt...da könnte man dann sozusagen über jeden berichten. Hm, weiß nicht, ob deutlich wird, was ich meine...

Dir einen schöne Abend,
Grüße,
Gavin

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 05.11.2013 21:56:25 GMT+01:00
christine meint:
Doch, doch, ich verstehe Dich, aber über irgend ein Schwein zu berichten, wäre nicht so unterhaltsam gewesen, ;-)
LG, Christine
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