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Kundenrezension

24 von 30 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein Kunstwerk aus Worten!, 20. Dezember 2012
Rezension bezieht sich auf: Schiffbruch mit Tiger: Roman (Taschenbuch)
Als Yann Martel vor 10 Jahren für sein Buch »Life of Pi« in Indien unterwegs war, Moscheen & Kirchen besichtigte und sich intensiv mit verschiedenster Recherchearbeit beschäftigte, ahnte er wohl noch nicht wirklich, dass sein Buch solch ein Bestseller werden würde. Millionenfach verkaufte sich sein Buch weltweit und galt lange als unverfilmbar. Doch Ang Lee nahm sich des Buches an und schuf ein farbenprächtiges spirituelles Meisterwerk, ein Genuss für Auge & Ohr und ein Film, der sich sehr nah am Stoff des Buches bewegt. Dieses Buch möchte ich euch heute vorstellen, denn es ist eines meiner absoluten Lieblingsbücher geworden, das ich mit Sicherheit auch noch einmal lesen werde!

Wir sitzen alle im selben Boot!

Piscine Molitor Patel ist ein Kind indischer Eltern und wächst in einem Zoo in Pondycherry auf, inmitten zwischen faszinierenden Kreaturen aus der Tierwelt. Im Laufe seines jungen Lebens, geprägt von den Gedanken der drei großen Weltreligionen Hinduismus, Muslime und Christentum setzt sich de junge Pi mit dem Leben, dem Glauben und der Existenz der Menschen auseinander. Pis Eltern beschließen schließlich, ihre Zootiere im Huckepack, aus Indien nach Amerika auszuwandern. Das Schiff mit seiner kostbaren Fracht an Bord gerät in einen heftigen Sturm und sinkt. Pi überlebt und findet sich auf einem Rettungsboot wieder, unter dessen Plane sich ein bengalischer Tiger in Sicherheit gebracht hat…

Inspiration pur

Bevor ich mich über die anderen beiden Abschnitte des Romans äußere, möchte ich noch auf das Cover dieser Ausgabe ein wenig eingehen. Wie ihr mitbekommen habt, wird Pi’s Leben dieses Jahr auf den Kinoleinwänden erstrahlen, daher hat der Fischer Verlag eine Neuauflage gestartet und das Cover mit dem prachtvollen Filmplakat verschönert. Ein Tiger mustert den Betrachter mit stechendem Blick und gelben Augen, darunter ist ein in goldenes Licht getauchtes Meer zu sehen, das Rettungsboot – der Haupthandlungsort des Buches – sowie eine im Wasser schwimmende Dose Trinkwasser. Das Cover ist ein Eyecatcher, ich muss aber auch sagen, dass mir das originale Cover ebenso gut gefällt, vor allem da das Bild der blauen Taschenbuchausgabe ebenfalls aus dem Fischer Verlag im Kinofilm später exakt so zu sehen ist. Den deutschen Titel “Schiffbruch mit Tiger” finde ich allerdings unpassend, denn er geht am Kernthema des Buches vorbei. Es dreht sich nicht nur alles um den Schiffbruch, der Plot geht viel tiefer.

Yann Martels Buch ist eines meiner liebsten Bücher im Bücherregal geworden. Ich lese viel, doch bisher ist mir ein Buch nicht sehr oft so nahe gegangen wie dieses intensive, eloquente literarische Schmuckstück. Der Kanadier schreibt farbig, intelligent, metaphorisch, spirituell, inspirierend. Der Roman ist in drei Abschnitte eingeteilt, wobei der erste vor allem der Einführung des Protagonisten und seiner Lebensweise und -einstellung gewidmet ist. Manch einer kam mit diesem besagten ersten Abschnitt nicht so gut klar, fand es als langweilig oder zu vollgestopft mit Informationen. Ich betrachtete das aus einem anderen Blickwinkel, denn ich empfand die ersten 119 Seiten als sehr informativ. »Life of Pi« ist kein Mainstream, es sticht aus der Masse heraus, für mich ist es ein ganz besonderes Buch. Yann Martel schuf ein Werk, das nachhaltig im Gedächtnis bleibt, über das man nachdenkt und reflektieren kann.

Bis ins Herz…

Es ist eine Reise ins Ich, die mitten ins Herz trifft. Eine Reise, welche tiefe Urängste, Instinkte und den Glauben an etwas weckt, das Kraft zum Weiterleben spendet. Natürlich spielt der Großteil des Buches auf einem kleinen weißen Rettungsboot mitten auf dem Ozean, in welchem sich der indische junge Mann mit einem bengalischen Tiger arrangieren muss. Das ist ein ungleicher Kampf, denkt man sich. Doch wie ich im Laufe der Handlung festgestellt habe, findet Pi einen Weg, um sein Überleben und auch das des prachtvollen, majestätischen, aber auch gefährlichen Raubtieres zu gewährleisten, ohne Achtung vor diesem König der Tierwelt zu verlieren. Es ist kein Buch à la Disney, in welchem der Tiger irgendwann die Lefzen hochzieht und fröhlich drauflos plappert. Das ist auch gut so. Ich liebe Disney und seine Filme, aber in diesem Buch wäre das völlig deplaziert gewesen.

"Zwischen meinen Füßen, unter der Bank, sah ich den Kopf von Richard Parker. Er war gigantisch. Meinem verwirrten Sinn schien er groß wie der Planet Jupiter. Seine Pranken waren wie Bände der Encyclopaedia Britannica." – Seite 164

Das Buch wirft Fragen auf, manche werden beantwortet, manche nicht. Manche Fragen kann sich nur der Leser selbst beantworten, seinen Schluss daraus ziehen und das macht »Life of Pi« so interessant. Gerade weil es konträr ist, gerade weil es eine eigene Meinung jenseits des Gedankenstroms der Allgemeinheit hervorhebt, ist es eine besondere Lektüre. Bestes Beispiel ist die Thematik »Zootierhaltung« im ersten einführenden Abschnitt des Romans.
Kapitelweise springt die Erzählperspektive immer wieder mal zwischen der des erwachsenen Piscine und der Erzählersicht hin und her, das stört jedoch nicht sehr, denn diese Abschnitte gehen nahezu fließend ineinander über, hervorgehoben durch Kursivdruck. Manchmal jedoch störten mich manche Passagen, da ich das Gefühl hatte, der Erzähler muss sich nun gerade an dieser Stelle “einmischen”. Andererseits trug es dazu bei, das Bild Pi’s abzurunden und in sein alltägliches Leben einzutauchen. Erfrischend empfand ich den Humor, den Yann Martel mit einbrachte; nicht aufdringlich, nein – dezent und auf eine intelligente, am ehesten als Galgenhumor zu bezeichnende Art & Weise brachte er mich mit seinen Anekdoten zum Schmunzeln…

"Wer in müßiger Hoffnung auf Hilfe wartet, der vertut sein Leben mit Träumerei." – Seite 208

Der Glaube an sich selbst

Ich bin kein gläubiger Mensch, aber ich konnte etwas mitnehmen, nachdem ich das Buch zugeklappt hatte. Das Leben ist nicht immer einfach, große Hindernisse liegen im Weg, große Steine die weggerollt werden müssen. Jeder Mensch glaubt dabei an etwas, und wenn es nur an sich selbst ist. Der Glaube lässt Bilder vor dem inneren Geist entstehen, Bilder, die das Leben ein wenig erträglicher machen können. Ich habe mir für »Life of Pi« Zeit gelassen, denn es ist kein Buch für mal eben zwischendurch. Man sollte es öfter weglegen und evtl. darüber nachdenken. So ging es mir. Heute, ein paar Wochen nachdem ich zu Lesen begann, bin ich froh, dass ich auf Yann Martels Bestseller aufmerksam gemacht wurde – danke Karla – und die Geschichte des jungen Inders wie einen Schwamm aufsaugen konnte. Überzeugter Christ bin ich nun nicht geworden, auch wenn Yann Martel sich evtl. diesen Vorsatz zu Herzen nahm, den Leser tief in einen Glauben hineinziehen zu können. Das hat er nicht geschafft, aber er darf sich in meinem Bücherregal dennoch wohl fühlen, weil er ein Stück Lebensfreude in dieses Buch gepackt hat. Yann Martel schrieb ehrlich, offen, beschrieb mit einer Ehrfurcht Tier & Natur, schuf ein farbenfrohes Bild vor Augen, ließ in das blaue Wasser des Ozeans eintauchen und den Gesang und den Zauber der Natur – liebenswert und bewahrenswert wie sie ist – im Ohr vernehmen. Er schaffte es wie kein zweiter, an sich trockene Information in ein Gewand zu packen, das farbenfroher und erzählerisch interessanter nicht sein kann. Ich beziehe mich bezüglich letzterem auf den ersten Teil des Buches, der manch einem eher wie eine Enzyklopädie der Tierwelt denn wie ein Roman vorkommen mag. Herr Martel, danke für diese erhebenden Einblicke in das Leben eines Dreifingerfaultieres!

"[...] Und nun ist es soweit, Applaus für PI PATELS INDO-KANADISCHEN TRANSPAZIFISCHEN SCHWIMMENDEN ZIRKUSSSSS!!!!" – Seite 204

Er hat ein Lächeln auf mein Gesicht gezaubert, mich zu Tränen gerührt und mich inspiriert. Seite Worte waren so klar wie Perlen und so bunt wie die Schuppen der Fische, die schillernd im Sonnenlicht um das Boot schwammen. »Life of Pi« ist ein Buch zum Träumen. Der philosophische Aspekt des Romans wird mich nachhaltig begleiten, ich habe sehr oft zu meinem Moleskine gegriffen, um mir das eine oder andere Zitat herauszuschreiben. Am meisten berührt hat mich darunter dieses, das mir aus tiefster Seele spricht:

"Was für ein Schlag, wenn das Herz eines Menschen mit so etwas fertig werden muss! [...] Den Vater zu verlieren heißt den zu verlieren, der dem Leben die Richtung gibt, denjenigen, zu dem man geht, wenn man in Not ist, der einen trägt und erhält, wie ein Stamm die Äste eines Baumes trägt." – Seite 159

Mein Fazit: Ein Buch, das man gelesen haben muss. Emotionale und farbenprächtige, intensive tiefgreifende Lektüre und zurecht ein Weltbestseller! Ein Kunstwerk aus Worten! Klare Leseempfehlung!
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