Kundenrezension

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Wer schützt die Natur vor den Naturschützern?, 6. April 2013
Rezension bezieht sich auf: Naturschutz: Krise und Zukunft (edition unseld) (Taschenbuch)
Das Büchlein hat mich sehr nachdenklich gemacht, denn es trifft den Naturschutzgedanken an seinem Nerv:

Als ich 14 Jahre alt war, wurde mir ein Ausweis als Naturschutzhelfer ausgestellt. Damals (1958) nahm ich an der Jahresversammlung der Naturschutzhelfer in der Kreisstadt im sächsischen Obererzgebirge teil. Den größten Teil der Beratungszeit widmeten die Helfer - im Heimatschutz ergraute Männer - der Frage, wie man das Abschneiden von Wanderstöcken einschränken oder bestrafen könne, da dadurch die Feldhecken geschädigt würden, die das Landschaftsbild prägten. Die stundenlange Diskussion darüber erschien mir eine so weltfremde Zeitverschwendung, daß ich nie wieder an einer derartigen Versammlung von Naturschutzaktivisten teilgenommen habe. Wohl tausendmal habe ich bis zum Abitur zu Fuß, mit dem Fahrrad und im Winter auf Skiern mein Exkursionsgebiet durchstreift, mit Feldstecher und bei jedem Wetter und Unwetter. Es war um 1960 die Zeit des großen Umbruchs in der Landwirtschaft. Handarbeit wurde durch Maschinenarbeit ersetzt, natürlicher Dünger durch Kunstdünger, kleine Flächen wurden zu großen zusammen gelegt. Wenn ich die Augen schließe, kann ich mir aber noch heute detailgenau vorstellen, wie es vor 50 Jahren aussah, vor dem Umbruch.

Aus Anlaß der Goldenenen Konfirmation bin ich 2008 wieder einmal in meine Heimat zurückgekehrt und bin mit einem Schulfreund (auch ein promovierter Biologie) die Route gegangen, die wir beide seit einem halben Jahrhundert kennen. Wie fast überall, so hatten stickstoffliebende Pflanzen an Boden gewonnen. Von dem gut durchdachten Bewässerungssystem, mit dem die Bauern einst das Schmelzwasser auf die Felder verteilten, war nicht einmal die Erinnerung geblieben. Von den Feldhecken, in denen die Dorngrasmücken so häufig waren, hatte man die meisten in großem Stil gerodet, was mir noch einmal bestätigte, wie lächerlich und kleinkariert 1958 die Diskussion der Naturschützer gewesen war. Nicht alles war jedoch einförmiger geworden: Dem Maschineneinsatz entzogen sich schwer bearbeitbare Winkel, in denen sich neuer Wildwuchs breit machte, in der flächenmäßiger Ausdehnung durchaus ein gleichwertiger Ersatz für die verschwundenen Hecken. Das, was ich als ganz junger Mensch bereits geahnt oder begriffen hatte, daß politische und wirtschaftliche Veränderungen für die Natur viel tiefgreifender sind als der aus einer Feldhecke geschnittene Wanderstock, diese Veränderungen haben sich vollzogen.

Naturschutz wird bei uns von der breiten Öffentlichkeit vor allem dadurch wahrgenommen, daß er notwendige Verkehrs- und Bauprojekte verhindert oder wenigstens alles daran setzt, sie zu verzögern und zu verteuern. Das ist nach Reichholfs Meinung ein fatales Fehlverständnis von Natur- und Umweltschutz.

Meine Frau stammt aus einem kleinen Dorf unmittelbar an der früheren innerdeutschen Zonengrenze. Der Kielforst, ein Höhenzug aus Kalkstein, erhebt sich dort rund 200 Meter über das Tal und war vor 1945 ein Mekka der Botaniker. Der Eiserne Vorhang schnitt den Berg in Nord-Süd-Richtung. Das Betreten der Osthälfte war bis 1989 nur noch den Grenzsoldaten erlaubt, so daß er mit dichtem Gestrüpp und Kiefernwald zuwuchs und zahlreiche offene Standorte seltener Pflanzen von der Sukzession verschluckt worden waren. 1985 kündigte sich die Wiedervereinigung mit dem beginnenden Bau der bereits vor 1935 geplanten Ost-West-Autobahn durch den Kielforst an. In den Kalkstein mußte dafür ein tiefer Einschnitt gesprengt werden. Die sehr trockenen Hänge dieses Einschnitts, mitten im brausenden Verkehrslärm, sind heute wieder Standorte sehr seltener Pflanzen und Fundorte seltener Insektenarten.

Diese neu entstandenen Trockenhänge am Kielforst fallen mir stets ein, wenn ich von den Protesten fanatischer Heimat- und Naturschützer gegen Verkehrsbauten höre. Sie ketten sich an alte, zum Sterben verurteilte Bäume an, freuen sich wie Kinder über jeden Monat, den sie irgendeinen Baubeginn verzögern und bei einem Brückenbau sehen sie gar das Weltkulturerbe in Gefahr, so als ob irgendein Menschenwerk ewigen Bestand hätte. Doch jeder Verkehrsbau schafft neue und oft extreme Standorte. Unter großen Brücken zum Beispiel fällt so gut wie kein Regen, und dort können nur Pflanzen aus mittelasiatischen Halbwüsten bestehen.

Als 1990 der Maschinenbaubetrieb schloß, in dem mein Schwager jahrzehntelang gearbeitet hatte, bezahlt man ihn dann für die Leitung einer Arbeitsgruppe, die zur "Umweltverschönerung" beschäftigt wurde. Was ihm dabei auffiel: Die Orchomanen wollten, daß das Unterholz gerodet wird, damit die Orchideen wieder wachsen können. War diese Arbeit getan, kam aus der Kreisstadt ein anderer Experte, der die Hände rang, weil jetzt die Brutplätze der Grasmücken zerstört waren. Und nach der Meinung der Herpetologen und Entomologen, die später kamen, hätte man alles sowieso anders gestalten müssen. Ja, was mögen wohl die Frösche zur Bestandserhaltung der Störche sagen?

Und wer kann in jedem Fall sicher wissen, ob eine Art "von selbst" den Weg zu uns gefunden hat oder absichtlich eingeführt oder eingeschleppt worden ist? Letzteres aus der Sicht einiger Naturschützer ein Grund für ihre ewige Verdammnis. Ob die Art gedeiht oder nicht, das allein sollte ausschlaggebend sein, meint Reichholf, dem das Verständnis für den Stil und die Art der Glaubenskämpfe quasi-religiöser Fanatiker fehlt, die etwas bewahren wollen, was auch ohne sie jeden Tag Schaden nimmt, sich jeden Tag verändert. Wer davon unmittelbar betroffen ist, weil seine Lebensqualität herabgesetzt wird, etwa durch den Neubau eines Flugplatzes in der Nähe seines Wohnhauses, sieht die Dinge sowieso anders als die Allgemeinheit und kämpft für sein Eigeninteresse. Es ist sein gutes Recht. Vielleicht hat Vaclav Klaus mit seiner Meinung recht, siehe Blauer Planet in grünen Fesseln. Was ist bedroht: Klima oder Freiheit?, daß die stärkste Bedrohung der Freiheit heute von den Ökofetischisten ausgeht.
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1-1 von 1 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 18.06.2013 16:22:43 GMT+02:00
Phil meint:
Ist ja kein schlechter Beitrag zur Thematik, aber eine Buchrezension ist es nicht. Für mich jetzt bei der Kaufentscheidung nicht hilfreich...
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