Kundenrezension

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3.0 von 5 Sternen Anregend und oft unterhaltsam, 28. April 2014
Rezension bezieht sich auf: Imagine!: Wie das kreative Gehirn funktioniert (Taschenbuch)
„I'm a writer.“ Mehr erfährt man nicht über Jonah Lehrer, wenn man auf seiner Website „about“ anklickt. Für einen Autor, der Neurowissenschaften an der Columbia University und bei Nobelpreisträger Eric Kandel studierte, ist dies doch erstaunlich. Aber diese Selbstbeschreibung weist auch auf die Schwäche dieses Buches hin. Denn obwohl es laut Klappentext einen wissenschaftlichen Anspruch erhebt, ist es eher eine bunte Sammlung von Anekdoten, Mutmaßungen und sich oft widersprechenden Behauptungen. Und Jonah Lehrers Versprechen, mit den Mythen von Musen, höheren Kräften und Genies aufzuräumen, wird nur bedingt eingelöst.

Als mich die Mischung aus Geschichten und wissenschaftlichen Ausflügen zu faszinieren begann, wollte ich trotzdem mehr über den Autor wissen. Und nachdem ich den Eintrag bei Wikipedia gelesen hatte, war ich doch ziemlich überrascht. Denn offenbar wurde die Originalausgabe von diesem Buch vom Verlag zurückgezogen, nachdem sich der Autor mit Plagiatsvorwürfen und ungenauen Quellenangaben konfrontiert sah. Das erklärt auch, weshalb im Impressum steht, dass die Rechte nun beim Autor liegen und die deutsche Ausgabe gründlich durchgesehen und überarbeitet wurde.

Im ersten Kapitel will der Autor Bob Dylans Mysterium enthüllen, was mich als bekennender Dylan-Fan selbstverständlich brennend interessierte. Doch Lehrers Ausführungen über Bob Dylans Tour von 1965 dient nur als Aufhänger und enden deshalb in einer Sachgasse. An deren Ende steht dann der junge Wissenschaftler Mark Beeman, der in den 1990er Jahren Patienten mit einer Schädigung der rechten Gehirnhälfte untersuchte. Ich weiss nicht, ob Eric Kandel die folgenden Thesen von Jonah Lehrer und Mark Beeman kennt, zweifle aber, ob er ihnen zustimmen würde. Denn aus der Entstehungsgeschichte von Dylans „Like a Rolling Stone“ abzuleiten, wie das Gehirn kreative Blockaden auflöst, ist doch ziemlich verwegen.

Um die Bedeutung und Funktionen der Alphawellen zu veranschaulichen, umrahmt Jonah Lehrer seine Erläuterungen mit der Geschichte von der Kleberolle. Das ist nun tatsächlich nicht neu, wird doch das amerikanische Unternehmen 3M in den meisten Kreativitätsbüchern erwähnt. Aber immerhin versteht es Jonah Lehrer, Altbekanntes spannender zu formulieren und mit Erkenntnissen neuer Wissenschaftsdisziplinen zu verbinden. Doch aus welchen Quellen Lehrer schöpft, bleibt oft im Dunkeln, was sich auch im Umfang des Anhangs widerspiegelt.

Beim Thema „Kreativität und Drogen“ kommt W.H. Auden zu einem Auftritt, da er zu den vielen Literaten gehört, die ihrer Kreativität mit Amphetaminen nachhalfen. Und Lehrers differenzierte Erläuterungen über den präfrontalen Cortex und das Arbeitsgedächtnis sind es wert, gelesen zu werden, auch wenn die Ausflüge in die Werbewelt eher fantastischen Charakter haben.

Was Träume bewirken und auf welchen neurologischen Vorgängen sie beruhen, wird im Kapitel „Sich gehenlassen“ abgehandelt. Das Rezept für die Erhaltung seiner Kreativität lautet: Den Blick des Außenstehenden bewahren, wofür Jonah Lehrer wiederum zahlreiche Gewährspersonen aufführt.

Während die ersten fünf Kapitel unter der Überschrift „Allein“ stehen, lautet die Klammer der letzten drei Kapitel „Gemeinsam“. Allen, die noch nie etwas vom „Q-Faktor“ hörten, hilft Jonah Lehrer auf die Sprünge. Denn ein gewisser Brian Uzzi bezeichnet damit die Dichte des sozialen Netzwerkes. Und da diese für Kreativität heutzutage schon beinahe spielentscheidend ist, sucht Jonah Lehrer diesen Faktor in zahlreichen Erfolgsgeschichten sowie selbstverständlich auch im menschlichen Gehirn.

Die geografische Lage des Q-Faktors verortet Jonah Lehrers in Großstädten, weshalb er ihnen ein eigenes Kapitel widmet. Und den Geniekult relativiert Lehrer im letzten Kapitel „Das Shakespeare-Paradox“.

Mein Fazit: Die Bewertung eines Buches hat selbstverständlich immer eine subjektive Komponente. In diesem Falle habe ich mich für drei Sterne entschieden, weil der Leser mit so vielen Widersprüchen und Gemeinplätzen konfrontiert wird, dass ihm das Ziehen von allgemein gültigen Schlüssen schwer fällt. Das ist vielleicht auch der Grund, weshalb der Kritiker der New York Times zu folgendem Schluss kam: „Der beste Weg, Imagine zu lesen, ist das Buch als Sammlung interessanter Geschichten und Studien zu betrachten, die zum Nachdenken und zu weiteren Forschung anregen. Benutzen Sie das Buch als Quelle der Inspiration und fällen Sie Ihr eigenes Urteil...“
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