Kundenrezension

57 von 66 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Für das Unerträgliche gibt es kein Wort (247), 10. März 2014
Rezension bezieht sich auf: Vielleicht Esther (Gebundene Ausgabe)
Katja Petrowskaja hatte schon im letzten Herbst durch Ihren Gewinn des Ingeborg-Bachmann-Preises durch ihren Text "Vielleicht Esther", dem gleichnamigen Titel dieses Buches, aufmerksam gemacht, eine Hommage an ihre Babuschka (Ur-Grossmutter) während des 2. Weltkriegs. Auch wenn es kein Roman geworden ist, wie ich ursprünglich angenommen hatte, sind es doch Texte der biographischen Aufarbeitung, eine Art Synthese zwischen Fiktion und Wirklichkeit, ja sind Erinnerungen, Phantasien, Träume, Geschichte und literarische Verarbeitung, wie vor allem die eigenen Ur- und Grosseltern den Krieg erlebt haben. Eine Spurensuche, die in Kiew ihre Wurzeln hat und ihre Suche ausdehnt nach Polen (Warschau), nach Auschwitz, nach Österreich (Mauthausen). Manchmal klingt es wie eine Reportage, manchmal wie ein Tagebuchstil, dann wieder fast wie ein Roman...

Petrowskaja versucht hier Menschen, oder besser die Vorfahren der eigenen Familie zu porträtieren, indem sie Archive aufsucht (Berlin,Wien, Moskau, Kiew, Warschau) Menschen aufsucht, ja sich mit anderen gemeinsam jene Orte annähert, wo eigene frühere Familienmitglieder dem Leid des Krieges nur schwer entkommen konnten. Sehr intensiv wird etwa der Werdegang des eigenen Grossvaters erzählt, der nach 40 (!) Jahren wieder zurückkehrt. Auch die Schilderung wie die eigenen Ur-Grossmutter erschossen wurde, wird im Titeltext sehr berührend geschildert. (Sie folgte jenem Aufruf zur Besammlung zum Abtransport, obwohl sie hätte flüchten können, wie jemand der in sein Schicksal einwilligt, ohne wirklich zu wissen, in was er einwilligt) Eine Nachkriegsverarbeitung, die der Vergangenheit nachspürt und betroffen macht, weil die Autorin so nah wie möglich an die Einzelschicksale geht, als ob sie genauestens nachspüren wollte, wie es jenen Menschen damals wohl ergangen sein muss. Ein besonderes Kapitel: Babij Jar, ursprünglich eine Schlucht bei Kiew, liegt heute mitten in der Stadt. 10 Tage nach Einmarsch der Deutschen in Kiew, wurden im September 1941 eines der grössten Massaker der Nazis verübt, innert 2 Tagen wurden hier über 33'000 Juden getötet, eine Gesamtzahl ist schwierig einzuschätzen und liegt zwischen 100'000 und 200'000 Juden die gesamthaft in Kiew umgebracht wurden. Auch dem Grossonkel Judas Stern, der am 5. März 1932 ein Attentat auf den Botschaftsrat Fritz von Twardowsky machte, ist ein grösseres Kapitel gewidmet.

Somit wirft dieses Buch einen Blick auf die Regionen Polen und Ukraine während der 30er und 40er Jahren (und davor bis ins 19. Jhd.), vor allem aber der Kriegszeit und gibt einen guten Einblick wie dort die Auswirkungen des Krieges erlebt wurden. Petrowkajas Buch ist eine Geschichtsaufarbeitung und Würdigung, an die Menschen, die das damalige Leid im Krieg erlebt haben, oft - wenn gar immer von völlig unschuldiger Seite her. Auch wenn die Autorin die Tendenz hat sich literarisch in Vorstellungen fallen zu lassen (ohne manieriert zu wirken) , wo der Leser nicht mehr weiss ob es noch Wirklichkeit oder Traum ist, ist es eine wertvolle Porträtierung jener Zeit in jenen Regionen. Manchmal etwas trocken, manchmal phantastisch zu lesen. Hier geht wirklich eine Autorin an ihre russischen Wurzeln. Die Förderung von Taubstummen früherer Vorfahren, die Schaffung von Schulen ist von besonderer Kennzeichnung: "Sie unterrichteten taubstumme Kinder, sie gründeten Schulen und Waisenhäuser und lebten mit diesen Kindern unter einem Dach, sie teilten alles mit ihnen, sie kannten keinen Spalt zwischen Beruf und Leben. (..) Er (Schimon Heller) brachte Kindern das Sprechen bei, damit sie gehört wurden, sonst galten sie bei seinen Glaubensbrüdern als geisteskrank..)

'Vielleicht Esther' ist eine Forschungsarbeit in Sachen Kriegsaufarbeitung der eigenen Familie. Als ob sich Geschichte und Literatur die Hand geben würden. Der Hang jedoch ins Hypothetische zu schreiben, kann begeistern wie verunsichern. (Vielleicht Esther?) Eine Auslotung dessen was das Böse damals vollbrachte (die Deutschen) und wie sehr die Menschen um ihre Existenz und ihrem Leben rangen. Wer sie hört, wird die fühlen, die stille Wut die hier anwesend ist, die sich gegen damalige Macht und Ohnmacht und jene unglücklichen Geschichten richtet, die sich auch gegen das Vergessen von Wissen zumutet. Der Titeltext ist mit Sicherheit einer der Stärksten in diesem Buch. (Der auch auf der website des Ingeborg-Bachmann-Preises ausdruckbar ist, für diejenigen die vielleicht nicht das ganze Buch lesen wollen, oder sich in den Text einlesen wollen) Eine literarische Annäherung an das damals Unerträgliche, für das es eigentlich gar keine Worte mehr gibt. Auch wenn mich nicht alles hier überzeugt hat, kann sich das Debüt der Autorin sehen lassen, weil der Einblick in ihre Aufarbeitung, noch einmal einen ganz anderen Blick wirft, als den, den wir vielleicht schon kennen.

Eine Lektüre die berühren kann und gleichzeitig macht sie betroffen im gleichen Augenblick. Angesichts der Thematik ist es nicht ganz zu leugnen, dass während des Lesens eine gewisse Schwere aufkommen mag, was bei einer Kriegsaufarbeitung nicht verwundern mag. Es ist schon etwas Besonderes, wenn eine ursprünglich in Kiew geborene Autorin ihre dortige Geschichte aufarbeitet, dazu in einer Sprache, (die Autorin musste ja deutsch lernen und schreibt in einer ihr fremden Sprache) die die dortige Familie nicht einmal versteht. Fast so als ob jemand die Seiten gewechselt hätte und sich in die Ursprüngliche wieder einfühlen will, wunderbar.

Nachtrag vom 8.4.2014

Nicht einmal die ihre eigenen Eltern verstehen deutsch und können ihr Buch nicht lesen. Es wäre also interessant, von ihnen zu hören, wie es ihnen damit geht, denn z.Zt. wird ihr Buch auch auf ukrainisch übersetzt.

Zitat: (212)

"Hier folgte jeder seinem eigenen Atem."

Nachtrag vom 13.5.2014

Elke Heidenreich im Literaturclub vom 13.5.2014: "Dieses Buch ist ein Meisterwerk".
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1-5 von 5 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 21.03.2014 13:01:28 GMT+01:00
Ulf Ulfkotte meint:
Literatur ist es nicht. Es bekommt indes durch die gegenwärtigen Ereignisse und dadurch, dass die Autorin Ukrainerin ist, einen gewissen drive. Warum die Autorin nicht in ihrer Muttersprache schreibt, verwundert. Russisch ist eine wunderbar klingende Sprache, in der besonders die Schwermut, die einen Gutteil des Buches ausmacht, besser zu vermitteln gewesen wäre. Warum also in Deutsch, in der Sprache der Täter? Glaubt die Autorin hier besser verstanden oder besser "honoriert" zu werden. Mich hat das Buch, trotz aller Melodramatik, nicht angesprochen, und zwar, weil es weder "Fisch" noch "Fleisch" ist, kein Roman, keine Reportage, keine Autobiografie - wahrscheinlich weiß es die Autorin selber nicht. Es ist eben nur ein Text. Verstehe nicht die Preise und den Furor, den die Autorin erzeugt. Wahrscheinlich sind es doch die politischen Ereignisse, die das jetzt bewirken. Doch, das ist sehr kurzlebig...

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 21.03.2014 15:20:06 GMT+01:00
Zuletzt vom Autor geändert am 20.05.2014 10:36:24 GMT+02:00
A. Zanker meint:
@ S.Bosel

Ich erinnere mich, wie Sie schon beim Deutschen Buchpreis 2013 gewettert haben und die Kompetenz der Preisträgerin in Frage gestellt haben, mit dem Endresultat, dass Sie alle ihre Kommentare wieder gelöscht haben, nach dem Sie so einigen Widerstand geerntet haben. Sie kommen mir vor, wie jemand, der die ganze Zeit von etwas kostet, was er im Grunde gar nicht mag. Ihre Beurteilung fällt dabei nicht selten relativ undifferenziert aus. Immer wenn Leute ins Rampenlicht geraten, und es Ihnen aus welchen Gründen auch immer nicht passt, gehören Sie anscheinend zu jener Kategorie, die dem dazu auch noch den entsprechenden Ausdruck geben muss, immer mit dem Grundtonus, den Schriftsteller und sein Werk in Frage zu stellen.

Ich muss Ihnen ganz ehrlich sagen, dass ich den Text der Autorin schon im Oktober klasse gefunden habe, und da war meines Wissens die Eskalation in der Ukraine, wie wir sie heute vorfinden bei Weitem noch nicht in diesem Stadium. Und ich kann Ihnen garantieren, dass ich dieses Buch überhaupt nicht im Zusammenhang mit den dortigen Entwicklungen gelesen habe, auch wenn man jetzt vielleicht eine Aktualität dazu herstellen will oder mag. Und dieses Buch hat im Grunde so gut wie nichts mit der der heutigen aktuellen politischen Situation zu tun, auch wenn die Autorin wie gestern bei Illner eingeladen war. Selten hat mich eine Schriftstellerin wie Petrowskaja in einer Fernsehsendung überzeugt wie der Gestrigen. Normalerweise bin ich vorsichtig mit den Werken von Debütanten, doch möchte ich Ihnen sagen: Selten hat mich eine angehende Schriftstellerin so überzeugt, berührt und innerlich angesprochen. Selbst dass es keiner klaren Kategorie zugewiesen werden kann, finde ich nicht schlimm. Muss immer alles was Schriftsteller machen, zuordbar sein?

Lesen Sie doch Literatur die Ihnen entspricht und geniessen Sie das. Und hören Sie endlich damit auf, neuen Erscheinungen Ihren negativen Stempel aufzudrücken. Und wenn Sie schon ein Problem mit Preisvergaben haben, dann differenzieren Sie wenigstens so, das Leser davon etwas verstehen können, ansonsten lassen Sie es. Doch jedem Schriftsteller gleich eine negative Wertung zu verpassen, nur weil sie ein Problem damit haben, dass er im Rampenlicht steht - auch welchen Gründen auch immer, lässt natürlich die Frage aufkommen, warum Leute wie Sie immer wieder ins gleiche Horn blasen müssen. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie sehr ich diese Autorin schätze, auch wenn mir vielleicht nicht alles gefällt. Doch die Absicht, die Intension, die Haltung, die hinter die schriftstellerischen Arbeit wahrnehme, halte ich für etwas vom Besten, was man in der Gegenwartsliteratur derzeit finden kann. Petrowskaja hat für mich die Literatur reicher gemacht, für mich ein wesentlicher Indikator, zu Recht ihr Anerkennung zu zollen. Bleibt offen, ob Sie vielleicht generell ein Problem mit Leuten haben, die von woanders her kommen und in deutsch schreiben...denn bei Mora wie auch bei dieser Autorin dürfte das so sein. Und da fällt mir ein, den Leipziger Buchpreis wurde ja von einem auslän...ach lassen wir das. Sie wissen, was ich meine.

Nachtrag vom 5.5.2014

Ob Abonji, Mora, Stanisic oder Petrowskaja, S. Bosel verbreitet hier eigentlich überall (das heisst auch bei anderen Rezensenten und Büchern) abwertende und ausländerfeindliche Aussagen, mit dem Ergebnis, dass Leser die Kommentare "Nicht Hilfreich" quotieren und das als Missbrauch an amazon melden,die z.T. dann diese auch löschen. Ich persönlich habe für diese Kommentare weder Verständnis noch eine ausreichende Toleranz. Interessant ist dabei, dass zunehmend immigrierte Autoren in letzter Zeit bei Preisen berücksichtigt wurden. Bleibt zu hoffen, dass amazon auf solche Hinweise hört und auch künftig solche aussagelosen und würdelosen Kommentare (die es nicht wert sind) vom Netz nimmt. Diese Autoren haben nun wirklich Besseres verdient. In grösster und ausdrücklicher Wertschätzung immigrierter Autoren und Autorinnen gegenüber...

Übrigens: Der Kommentar hier unten stammt von S.Bosel und wurde von Amazon gelöscht..

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 22.03.2014 15:00:33 GMT+01:00
[Von Amazon gelöscht am 29.03.2014 15:22:24 GMT+01:00]

Veröffentlicht am 01.06.2014 10:34:04 GMT+02:00
Ohrwurm meint:
Der Hinweis auf das Urteil von Elke Heidenreich schadet dem Buch mehr als er nützt. Leider muss man bei dieser sich selbst als Literaturkritikerin ausweisenden Dame davon ausgehen, dass sie das Buch möglicherweise gar nicht gelesen hat.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 02.06.2014 00:18:47 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 02.06.2014 10:40:56 GMT+02:00
A. Zanker meint:
Warum sollte das schaden, das schadet nur bei Leuten wie Ihnen, die aus welchen Gründen auch immer, ihre Vorbehalte und abwertende Urteile haben, ob das nun EH oder sonst wer ist, ist dabei vielleicht gar nicht mehr so von Bedeutung. Woher wollen Sie beurteilen können, dass Elke Heidenreich das Buch nicht gelesen hat? Wer andern Leuten Dinge unterstellt, sollte mehr bringen, als nur Vorurteile...und das meine ich nicht nur auf Buchrezensionen bezogen. Ausserdem habe ich dieses Buch ganz etwas Besonderes gefunden, lange bevor EH ihren Kommentar abgegeben hat, sie hat mir im Grunde nur bestätigt, was ich schon längst so in mir empfunden hatte...
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