Kundenrezension

22 von 37 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Soziologie, 29. August 2004
Rezension bezieht sich auf: Soziologie: Allgemeine Grundlagen (Taschenbuch)
Nimmt man den Titel dieses Buches für bare Münze, dann hat Esser eindeutig das Thema verfehlt. Mitnichten handelt es sich hier um eine Einführung in die allgemeinen Grundlagen der Soziologie. Esser - latente oder manifeste? - Absicht, die nicht nur zwischen den Zeilen zu erahnen ist, sondern aus jedem einzelnen Absatz hervor geht, ist die Verengung der soziologischen Theorie auf ein einfaches, utilitaristisches und rationalistisches Modell. Man muss hier wirklich von „Absicht" sprechen. Esser liefert stellenweise eine leicht zu durchschauende und dazu noch: lächerliche Polemik - vor allem gegen Niklas Luhmann und Talcott Parsons - ab, die jedem „toleranten" Soziologie-Theoretiker die Haare zu Berge stehen lassen. Die gesamte struktur-funktionalistische (und umgekehrt) als auch die systemtheoretische Spielart der soziologischen Theorie wird in diesem Buch in der Art von „Wie kann man nur?!" als unbedeutend und noch viel krasser: als falsch zurückgewiesen. Statt einer fundierten Einführung in die soziologische Theorie, von der ich persönlich erwarte, ALLE vorhandenen Richtungen, zumindest unter dem ANSPRUCH wissenschaftlicher Objektivität dargestellt zu bekommen, ergeht sich Esser in einem individualistischen Reduktionismus, der einfach nur ärgerlich ist. Dazu gesellt sich noch theoretische Inkonsistenz. So stellt er zum Beispiel Gesellschaft EINZIG als das Ergebnis der Aggregation individuellen Handelns dar, bestreitet dagegen die Möglichkeit der Rückwirkung von Makrophänomenen auf das Handeln von Individuen. Und dass, obwohl er selbst im ersten Kapitel Michels ehernes Gesetz der Oligarchie darlegt, welches nur ein Beispiel für den Einfluss makrosozialer „Strukturphänomene" auf das individuelle Handeln ist. Es wäre nichts dagegen einzuwenden, schilderte Esser kritisch die von einigen (vielen?) Soziologen aufgestellte Behauptung von kollektiven Institutionen als „Wesen sui generis". Allein, er bestreitet dies, entfernt sich also mthin vom eigenen Anspruch einer „objektievn" Darstellung und ergreift im Gegensatz dazu Partei für ein eigenes (?), individualistisches Programm. Soziologie scheint für Esser vor allem Statistik und dabei Gesellschaft über 4-Felder-Matrizen erklärbar. So hält er etwa das Verhalten eines Mückenschwarms mit dem einer menschlichen Gesellschaft für vergleichbar. Das ist einfach nur lächerlich. Jedes individuelle Handeln ist laut Esser rational, ob intendiert oder nicht. Was Esser nicht berücksichtigt sind so basale soziologische „Kategorien" wie Kultur, Institution, Organisation, Sozialisation etc. Diese werden entweder als unbedeutend beiseite geschoben oder aber der für Esser wichtigsten Kategorie zur Erklärung von Gesellschaft, der Rationalität, untergeordnet. Das damit nur eine der vier Weberschen Arten des Handelns, des zweckrationalen nämlich „gehuldigt" wird, scheint ihn nicht zu stören. Weiteres Beispiel: auf der einen Seite ist ihm der radikale Konstruktivismus eine „Modeerscheinung", andererseits hält er Berger/Luckmanns „Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit" für das grundlegende soziologische Einführungsbuch usw. usf. Wer sich als junge Soziologie-StudentIn über alle Richtungen soziologischer Theorie informieren möchte oder muss, dem empfehle ich z.B. die Einführungsbücher von Morel, Kiss oder Kaesler. Gemessen an seinem Anspruch (Siehe Titel): Ein schwaches Buch!
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Von 1 Kunden verfolgt

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1-5 von 5 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 27.01.2008 11:21:29 GMT+01:00
Don Redhorse meint:
Vielleicht nur ein schwaches Buch, aber wissenschaftspolitisch bedenklich, wenn man bedenkt worauf Esser zielt: Er fordert für die Soziologie einen "Methodenmonismus" und darüberhinaus auch gleich noch die "Einheit der Sozialwissenschaften" (s. Bericht über eine Tagung zu Essers Theorie im Rahmen der Sektion soziologische Theorie in: Soziologie 1/2008, S. 78-84). Worauf läuft das denn hinaus?

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 27.01.2008 20:46:13 GMT+01:00
Zuletzt vom Autor geändert am 27.01.2008 23:23:10 GMT+01:00
ageispolis meint:
Danke für den Kommentar! Ich habe die Behandlung von Essers "Gesamtwerk" mit der Lektüre der "Allgemeinen Grundlagen" bereits abgeschlossen. Mehr lohnt nicht. Zeitverschwendung. Ich hoffe, Wissenschaftler seines Schlages bekommen nicht allzuviel Aufmerksamkeit in der öffentlichen Diskussion...

Veröffentlicht am 22.02.2009 20:59:58 GMT+01:00
Ich zitiere ageispolis: "Dazu gesellt sich noch theoretische Inkonsistenz. So stellt er zum Beispiel Gesellschaft EINZIG als das Ergebnis der Aggregation individuellen Handelns dar, bestreitet dagegen die Möglichkeit der Rückwirkung von Makrophänomenen auf das Handeln von Individuen." Falsch! Selbstverständlich ist die Rückwirkung vom Makrostrukturen/-phänomenen auf das Handeln von Individuen ein Teil von Essers Programm. Gut zu sehen und nachzulesen ist das in Kapitel 6.3., im Speziellen in Abb. 6.5. auf Seite 113. Zitat aus Fußnote 12 (S.113): "Das Modell schneidet der Einfachheit und der Übersicht halber hier nur einen punktuellen Ausschnitt aus einem fortlaufenden Prozeß heraus: Die Gesellschaft, das soziale Gebilde und die Akteure prozessieren BEREITS VORHER und tun dies auch DANACH WEITER in einer genetischen Sequenz der wechselseitigen Konstitution. [...]" Mit anderen Worten: Es geht um aufeinanderfolgende Essersche "Badewannen" (oder Colemansche "Boats"). Darüber hinaus empfiehlt sich ein Blick in "Soziologie. Spezielle Grundlagen. Band 2: Die Konstruktion der Gesellschaft.", insbesondere in Kapitel 7 "Sozialer Wandel".

Ich zitiere erneut den Rezensenten ageispolis: "Was Esser nicht berücksichtigt sind so basale soziologische „Kategorien" wie Kultur, Institution, Organisation, Sozialisation etc." Hmmm... Die Begriffe "Institution", "Institutionalisierung", "institutionelle Regeln" und "institutionelle Struktur" haben zusammen 44 Einträge im Index des hier besprochenen Buches. Außerdem hat Esser zu "Institutionen" und "Sinn und Kultur" je ein eigenes Buch geschrieben, darin Kapitel zu "Sozialisation", "Lernen", "Organisation", usw. -- viel mehr Aufmerksamkeit kann man wohl nicht erwarten. (Ein Zugeständnis meinerseits: Man muss mehr als das hier besprochene Buch lesen.)

An dieser Stelle beende ich diese Replik, man erlaube mir jedoch darauf hinzuweisen, dass die meisten vom Rezensenten angemahnten Punkte und Themen tatsächlich in Essers Gesamtprogramm behandelt werden. Dass man mit Esser verschiedener Meinung in der Auslegung und Bewertung der verschiedenen Strömungen und soziologischen Theorieprogramme sein kann, versteht sich von selbst. Ach ja: Esser ist schon lange kein "einfacher" oder "reiner" RC-Vertreter, ich sage nur "Frame Selektionstheorie".

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 06.06.2009 19:45:08 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 02.09.2009 23:01:16 GMT+02:00
ageispolis meint:
Hallo Herr Wenz,

erstaunlich, dass Sie kalten Kaffee wie meine Rezension der "Allgemeinen Grundlagen" Essers nach so langer Zeit noch kommentieren. Das sei Ihnen natürlich vergönnt, nur - meine grundlegende Kritik entkräften Sie keineswegs. Esser mag Ihr Idol soziologischer Theoriebildung sein: Wenn er in einem Einführungswerk die allgemeinen Grundlagen dergestalt darlegt, wie er es tut - nämlich wertend und schlimmer noch, abwertend (Parsons und Luhmann), dann bleibe ich nach kurzer Reflexion bei meiner 1-Sterne-Bewertung. "44 Einträge..." zählen Sie zu den Begriffen Institutionalisierung, etc. Nun gut, reines Quantifizieren sagt noch nichts über die Qualität oder den kontextuellen Zusammenhang aus. Letzterer ist nach meiner Erinnerung zumeist negativ. Da können diese Begriffe dann von mir aus mehrere hundert Male im Index auftauchen und ändern doch nichts an der qualitativen Aussage. Diese bleibt meiner Ansicht nach unzutreffend, subjektiv, selektiv, theorieverengend, etc. Weiteres in meiner obigen Rezension - oder in der des Kollegen "piet" noch präziser - nachzulesen, zu der ich auch nach knapp fünf Jahren noch stehe.

MfG
ageispolis

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 19.08.2011 20:59:19 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 21.08.2011 15:40:04 GMT+02:00
S. Pflaum meint:
Esser schreibt amüsant, prägnant und mit ironischer Würze. Diese Mischung tut einer Einführung in eine Disziplin sehr gut und macht Lust auf mehr. Was Sie als abwertend beschreiben, nenne ich gelungene Ironie und mit der spart Esser auch nicht gegenüber seiner eigenen RC-Schule. Insgesamt nenne ich dies eine reflektierte Betrachtung der eigenen Disziplin. Weiter schreiben Sie in Ihrer Kritik, Esser behaupte, es gäbe keine Rückwirkung kollektiver Phänomene auf die individuelle Ebene. Ich lese das ganz anders, zumal Esser sein Modell der soziologischen Erklärung auf Colemans Erklärungsmodell stützt, die ja genau diese Rückwirkung erklärt. In den weiteren Werken Essers kommen die von Ihnen als "abgewertet" bezeichneten Theoretiker, insbesondere Parsons, Schütz und auch Luhmann doch sehr gut weg und nehmen den Rang wichtiger Wegbereiter ein. RC insgesamt als roten Faden, als Referenzpunkt zu wählen ist doch mehr als legitim. Vielen anderen theoretischen soziologischen Arbeiten fehlt ein solcher rote Faden leider
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