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4.0 von 5 Sternen Gelungener, gebündelter Rückblick auf die Pastoralreisen Papst Benedikts XVI. in den ersten fünf Jahren seines Pontifikates, 16. April 2010
Rezension bezieht sich auf: Benedikt XVI. - Urbi et Orbi: Mit dem Papst unterwegs in Rom und der Welt (Gebundene Ausgabe)
In einer Stunde kann man mit Papst Benedikt XVI. auf Reisen gehen "urbi et orbi", durch Italien und in Länder überall auf dem Erdkreis. So lange braucht man, bis man das zehn Tage vor dem fünfjährigen Jubiläum des Pontifikats Papst Benedikts erschienene Buch durchgelesen hat und die Bilder angesehen hat. Zunächst hatte ich einen Bildband erwartet, "mit dem Papst unterwegs in Rom und in der Welt". Unter einem ähnlichen Titel hatte der Bayerische Rundfunk vor einiger Zeit einen Filmbeitrag von Michael Mandlik ausgestrahlt. Doch damit hat dieses Buch nichts gemein. Schon beim ersten Durchblättern und Betrachten der Fotos, die laut Impressum überwiegend von der Katholischen Nachrichtenagentur (KNA) geschossen wurden, fällt auf, dass sie manchmal nicht besonders spezifisch sind. Häufig finden sich Fotos von Menschenmassen, die zu Messen gekommen sind, und von nett, aber gleichzeitig auch irgendwie verschlossen wirkenden Gläubigen, die so unprägnant ausgewählt sind, dass der Ort der Aufnahme überall gewesen sein könnte. Manchmal hat man gar den Eindruck, dass dem Herausgeber, dem Privatsekretär des Papstes, Georg Gänswein, nur die "zweite Wahl" an Fotos zur Verfügung stand. Immerhin wird dadurch unterstrichen, dass die Gläubigen im Vordergrund stehen sollen. Dies scheint eine neue Doktrin in der Pressearbeit des Vatikans zu sein. Unterstützt wird dieser Eindruck durch das Vorwort eines der Herausgeber. Neben dem Programmleiter des Herder Verlages, Burkhard Menke, der laut Spiegelonline, die Werke Joseph Ratzingers seit Jahren lektoriert hat, zeichnet der Privatsekretär des Papstes, Georg Gänswein verantwortlich für dieses Buch. Erwartet man aber auch nur die geringste persönliche Sichtweise oder Stellungnahme davon, dass ein Mitarbeiter aus dem engsten Umkreis des Papstes dieses Buch veröffentlicht hat, so sieht man sich in seiner Annahme grundlegend fehlgeleitet. Das Buch entbehrt jeglicher persönlicher Sichtweise, die aus dem engsten Umkreis des Papstes kommend, ganz andere und bisher unbekannte Blickwinkel eröffnen können würde. Dieses Buch hätte jeder andere Mitarbeiter oder jede andere Mitarbeiterin des Vatikans ebenso veröffentlichen können. In diesem Ansinnen, mit seiner eigenen Person ganz zurückzutreten, schreibt Prälat Georg Gänswein im Vorwort, dass der Papst eine ähnliche Intention verfolge auf seinen Reisen durch Italien und in die Länder, in die ihn seine Pastoralreisen bisher geführt haben. Hierin unterscheidet sich Papst Benedikt XVI. von seinem Vorgänger, Papst Johannes Paul II., der durchaus mit seiner ganzen Person präsent war in der Begegnung mit Menschen unterschiedlicher Herkunft und Hautfarbe. Prälat Gänswein schreibt, dass jede Pastoralreise Papst Benedikts ein "einfaches, klares Ziel" verfolge, "die Brüder und Schwestern 'im Glauben zu stärken' (vgl. Lk. 22,32)."
In einem Gastbeitrag versucht Kai Diekmann, der Herausgeber und Chefredakteur der Bild-Zeitung, den freudigen Ausruf seines Blattes "Wir sind Papst!" anlässlich des fünfjährigen Jubiläums sprachlich farbig illustriert zu erneuern. Dieser Schub Begeisterung mündet dann in die Werbung für eine siebenfarbige Lithographie des Künstlers Jens Lorenzen, deren Auflage zwar auf 99 Stück begrenzt sein soll, für die man aber praktischerweise gleich eine 0800-Telefonnummer angezeigt bekommt, bei der man sich über diese Lithographie informieren kann. Dem verdutzten Leser und der staunenden Leserin stellt sich die Frage, ob diese Rufnummer in einigen Jahren, wenn das Buch hoffentlich immer noch auf dem Markt sein wird, immer noch erreichbar sein wird. Vielleicht wird sich ja die Auflagenzahl der Lithographie bis dahin erhöht haben. Dieser Werbeeinschub für einen siebenfarbigen Steindruck erscheint außergewöhnlich gut platziert auf der Seite 7.
Die Vorreden von Georg Gänswein und Kai Diekmann wirken auf ihre je eigene Weise durchaus als Appetizer und man ist gespannt, mit Papst Benedikt XVI. nun durch neunzehn Kapitel auf Reisen zu gehen. Die erste Reise führte Papst Benedikt XVI. zum Weltjugendtag nach Köln und man ist erfreut, den Papst gleich auf der ersten Seite im Profil vor dem Kölner Dom zu sehen. Doch schon beim ersten Umblättern steigen Fragen beim Betrachtenden auf. Wieso sieht man auf der linken Seite großformatig (19cm x 25cm) den Papst Hand in Hand mit einem dunkelhäutigen Mann und einer mit Sombrero bedeckten Mexikanerin, während auf der rechten Seite Bundespräsident Horst Köhler sich 7cm x 5cm mit dem Papst teilen muss? Dies hat er mit einem namenlosen Rhabbi in der Kölner Synagoge gemeinsam. Während der damalige EKD-Ratsvorsitzende Bischof Dr. Wolfgang Huber nur 4,5cm x 3cm zusammen mit Papst Benedikt XVI. bekommt und dabei sogar noch das Konterfei von Kurienkardinal Walter Kasper zwischen beiden Platz findet. Der nun noch mehr verdutzte Leser und die noch mehr staunende Leserin ahnen schon, dass er und sie mit solchen Fragen kaum bis zum Ende des Buches kommen werden. Zumal die Frage, warum um das Bild von Papst Benedikt XVI. und Bischof Huber nach oben und seitlich ein je 4cm breiter weißer Rand gelassen wurde, einen gänzlich ratlos werden läßt. Es wäre durchaus genügend Platz gewesen, das Foto mit Bischof Huber in der gleichen Größe zu bringen wie das Foto mit Bundespräsident Köhler. Doch solche und ähnliche Fragen zum Layout werden noch öfters auftauchen. Wieder eine Seite weiter findet sich dann im Großformat ein stimmungsvolles Foto von Jugendlichen, die Kerzen hochhalten. Blättert man weiter zur zweiten Reise Papst Benedikts XVI., die ihn nach Polen führte, so muss man feststellen, dass es Lech Kaczynski nicht anders erging. Er bekam sogar nur 4cm x 2,5 cm, während daneben ein Foto von der Messe auf dem Pilsudski-Platz in Warschau bis auf die polnischen Fahnen Gläubige zeigt, die überall auf der Welt an einer Messe mit dem Papst teilgenommen haben könnten. Dasselbe Muster wiederholt sich Seite für Seite. Das Bild des Papstes, wie er durch das Eingangstor von Ausschwitz schreitet, ist nur halb so groß wie ein Bild in die Menschenmenge bei einer Messe in Krakau.
Dieses Verhältnis versuchen die Texte auszugleichen, die zwischen den Bildern eingestreut sind. Manchmal ist die Aufteilung einspaltig, manchmal muss man zweispaltig lesen. Manchmal ist eine Einführung fett gedruckt, dann wieder nicht. Am Ende der Zitate aus den Reden Papst Benedikts XVI. steht der Anlass, zu dem er gesprochen hat, in Klammern vermerkt. Manchmal wird ein ganzer Text- oder Bildblock leer gelassen. Manchmal klappt ein großformatiges Bild, wie das in der Blauen Moschee in Istanbul noch nach und schmückt dann die linke Seite zu Bildern aus Rom. Gänzlich misslungen erscheint das Layout auf der Seite 44 bei Fotos aus Brasilien und auf der Seite 62, wo der Papst gerade noch nicht vom Buchfalz verschlungen wird. Bei anderen Fotos wiederum wirkt die sich irgendwo am Bildrand verzerrende Perspektive äußerst irritierend auf den Betrachtenden (S.50, S.54, S.63, S.64, S.66, S.85). Ungünstig wirken zudem manche Bilder, weil sie aus einer Perspektive von unten nach oben aufgenommen wurden. Dieses Gewirr in den Perspektiven und in den Fokussierungen läßt das Auge und die Auffassungsgabe beim Betrachten ermüden.
Dass bei der Auswahl der Fotos nicht immer ein glückliches Händchen zugange war, zeigen die Fotos von der Pilgerfahrt Papst Benedikts nach Mariazell und Wien. Gerade während des Papstbesuches in Mariazell schüttete es in Strömen und es war sehr kühl. Dennoch wirkten die Messgewänder der Zelebranten und besonders das äußerst kunstvoll gestaltete Messgewand Papst Benedikts geistlich durchaus inspirierend bei diesem Anlass. Leider ist davon im zehnten Kapitel überhaupt nichts zu sehen. Hätte man nicht statt der häufig gezeigten, nett, aber belanglos lächelnden Jugendlichen die andächtigen und in sich ruhenden Pilgernden von Mariazell zeigen können? Stattdessen sieht man gleich sechs Bilder vor dem Wiener Stephansdom. Auch die Fotos von der Türkeireise und von der Tschechienreise sind zu wenig typisch und geben zu wenig Lokalkolorit wieder. Dafür ist der Patriarch Bartholomaios I. von Istanbul, mit dem sich der Papst bekanntermaßen ökumenisch am Besten versteht, gleich mit drei Bildern vertreten. Damit dürfte er den Rekord unter den ökumenischen Geistlichen und unter den Regierungschefs halten.
Die oft äußerst kunstvoll und mit viel Liebe zum Detail ausgestalteten Messtribünen und Messgewänder, die für jede Papstreise individuell angefertigt werden, werden leider völlig vernachlässigt. Eine stimmungsvolle Atmosphäre würde das Buch nicht nur durch die in Nahaufnahme gezeigten Gläubigen gewinnen, sondern auch durch die ästhetisch sehr gelungenen Ambientes bei den Papstreisen.
Völlig vom Text dominiert werden die Reisen Papst Benedikts durch Italien in den Jahren 2008 und 2009. Es gäbe herrliche Fotos aus Santa Maria di Leuca, Brindisi, Cagliari, Viterbo und Brescia. Nichts davon bekommt man zu sehen. Jeweils ein kleiner Textblock gibt den Anlass dieser Tagesreisen des Papstes wieder. Dafür sieht man, wie Papst Benedikt XVI. einer Hinterbliebenen des Erdbebens von L'Aquila die Hände auf die Schultern legt. Wer je mit dem Papst auf Reisen war, weiss, dass die Wahrscheinlichkeit für eine solche Begegnung mit dem Papst bei 1:1000000 liegt. Sicher war die Reise des Papstes zu den Erdbebenopfern in den Abruzzen von dem originär pastoralen Anliegen getragen, die Menschen vor Ort zu trösten. Hierfür hätten sich jedoch "sprechendere" Bilder gefunden.
Liest man die kurzen Texte und die Zitate, die jeder Pastoralreise Papst Benedikts XVI. beigegeben sind, so kann man durchaus den je eigenen Charakter und die je eigene Intention erkennen. Die Texte sind zwar immer blockweise angeordnet und manchmal sucht man, ob man die richtige Reihenfolge erwischt hat. Dennoch schaffen es die Texte, den Leser und die Leserin mitzunehmen auf die jeweilige Reise, den Anlass für die Reise deutlich werden zu lassen und die "Botschaft" des Papstes charakteristisch nochmals erklingen zu lassen. Wer die Reisen live oder im Fernsehen verfolgt hat, wird die Stimme Papst Benedikts XVI. beim Lesen in seiner Erinnerung nochmals hören. Die Zitate aus den Reden Papst Benedikts XVI. und die Verbindungen innerhalb einer Pastoralreise und zwischen den unterschiedlichen Pastoralreisen sind außergewöhnlich präzise und aussagekräftig ausgewählt. Obwohl die Passagen der Originalzitate sehr knapp gehalten sind, vermitteln sie einen nachhaltigen Eindruck dessen, was Papst Benedikt XVI. mit der jeweiligen Pastoralreise intendiert hat. Diesbezüglich sind diese 91 Seiten die beste bisher erschienene Zusammenfassung der Pastoralreisen Papst Benedikts XVI.
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