Kundenrezension

107 von 120 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Physikalisch gut, philosophisch schwach, 25. Juli 2005
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Rezension bezieht sich auf: Einsteins Schleier: Die neue Welt der Quantenphysik (Taschenbuch)
Wer bei dem Titel „Einsteins Schleier" erwartet, ein Buch über den berühmten Nobelpreisträger oder seine Relativitätstheorien in die Hand zu nehmen, wird sich getäuscht sehen. Anton Zeilingers neueste Veröffentlichung handelt ausschließlich von der Quantentheorie, jener physikalischen Disziplin, zu deren Entstehung Einstein zwar wichtige Anstöße gab, deren reife Gestalt er aber nie akzeptieren konnte und bis zu seinem Tode bekämpfte.

Zeiliger geht es offenbar darum, den Lesern neben einer gemeinverständlichen Erläuterung der Quantentheorie auch seine eigenen Vorstellungen zur Auflösung ihrer Paradoxien nahe zu bringen. Er stellt sich also, nachdem er die grundlegenden Experimente der Mikrophysik präsentiert hat, auch der entscheidenden Frage: Was bedeutet das alles und was ergibt sich daraus für unser Weltbild? Dabei nimmt er es in Kauf, mit seiner Antwort die Grenzen der Physik zu überschreiten und sich auf philosophisches Gebiet zu begeben.

So hat es der Leser mit einem uneinheitlichen Buch zu tun. Zunächst wird er in einem lesbaren, wenn auch manchmal etwas umständlichen Stil mit der Geschichte der Quantentheorie vertraut gemacht. Er erfährt einiges über ihre Begründer Planck, Bohr, Heisenberg und Schrödinger, sowie über die Experimente, die der Theorie zugrunde liegen (Doppelspaltexperiment, Polarisationsversuch von Aspect usw.). Es folgen Ausführungen über künftige Möglichkeiten zur technischen Anwendung der Theorie. Abschließend geht es dann um die Interpretationsprobleme und um Zeilingers eigenen Deutungsversuch - gewissermaßen seine „Quantenphilosophie".

Der erste Teil ist informativ und auch für Laien ohne physikalische Vorkenntnisse verständlich. Die Ausführungen des zweiten Teils über Quantenkryptographie und Teleportation wirken dagegen reichlich zäh und erwecken den Anschein, als habe der Autor, in der Furcht, man könne ihn für einen weltfremden Elfenbeinturmbewohner halten, alle Hebel in Bewegung gesetzt, um sich durch Ausbreitung der praktischen Nutzeffekte seiner Forschung vor den Lesern zu rechtfertigen. Das Ergebnis ist eher ernüchternd. Nicht nur wird deutlich, daß die vorgestellten Versuche von einer technischen Umsetzung noch weit entfernt sind, sondern vor allem, daß sie unter falschem Namen figurieren. Von wirklicher Teleportation oder „Beamen" kann gar nicht die Rede sein. Es handelt sich lediglich darum, ein Elementarteilchen unter Ausnutzung quantenmechanischer Effekte in den gleichen Zustand zu versetzen, in dem sich ein anderes Teilchen befindet. Zum Verständnis der Quantentheorie trägt die Beschreibung dieser Experimente nichts bei.

Als Höhepunkt des Buches ist offenbar der dritte Teil gedacht. Der bis hierher in Spannung gehaltene Leser hofft nun endlich auf eine Auflösung der Rätsel der Quantentheorie. Im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen dabei vier zentrale, von Zeilinger herausgehobene Themen: Der objektive Zufall, die Komplementarität, die Verschränkung und die Superposition.

Am gelungensten erscheint Zeilingers Behandlung der Superposition, jenem quantentheoretischen Konzept, das auch dem berühmten Gedankenexperiment von Schrödingers Katze zugrunde liegt. Mit überzeugenden Argumenten plädiert Zeilinger dafür, daß es sich bei der Superposition nur um ein mathematisches Konstrukt handele, das man nicht anschaulich deuten und auf die Realität übertragen dürfe.

Weniger klar ist dagegen Zeilingers Darstellung der Komplemetarität und der „Kopenhagener Interpretation" (Niels Bohr) der Quantentheorie. Seine Ausführungen sind viel zu knapp, um den komplexen erkenntnistheoretischen und metaphysischen Gedankengängen Bohrs gerecht zu werden. Außerdem stellt Zeilinger immer wieder Behauptungen auf, ohne sie zu begründen. Ein Beispiel: „Ohne Auswahl des Experiments macht es aber nicht einmal in Gedanken Sinn, einem Teilchen irgendwelche wohldefinierten Eigenschaften zuzuweisen." (S. 167) Die meisten Leser werden dies anders sehen. Warum sie sich Zeilingers Auffassung anschließen sollten, erfahren sie leider nicht.

Vollends unverständlich wird schließlich Zeilingers eigene, auf Bohrs Überlegungen aufbauende Deutung der Mikrowelt, die in der Behauptung gipfelt: „Wirklichkeit und Information sind dasselbe." Auch mit dieser Aussage wird der Leser ohne ausreichende Begründung konfrontiert, so daß er in Zeilingers Argumentation nur noch einen geistigen Salto Mortale erblicken kann.

Seine Verblüffung ist so groß, daß er eine Zeitlang braucht, um zu erkennen, daß der Autor ihm die Erklärung des objektiven Zufalls und der Verschränkung - jener zwei anderen Grundthemen der Quantentheorie - schuldig geblieben ist. Beide Phänomene werden im Buch lediglich beschrieben.

Ohne Zweifel ist Zeilinger ein verdienstvoller Experimentalphysiker. Wenn er als Autor dieses Buches dennoch eine unglückliche Figur macht, so liegt dies offenbar daran, daß er sich zuviel zugemutet hat. Wer die Quantentheorie deuten möchte, muß dreierlei leisten: Er hat zuerst die unausgesprochenen Voraussetzungen unseres natürlichen Weltverständnisses zu rekonstruieren, dann in einem zweiten Schritt zu zeigen, warum diese von der Quantentheorie widerlegt werden, und drittens metaphysische und erkenntnistheoretische Prinzipien zu benennen, die mit ihr vereinbar sein könnten.

Die erste wie die dritte Aufgabe sind philosophischer Natur und stellen Physiker vor besondere Herausforderungen. Es dürfte kein Zufall sein, daß die interessantesten Deutungsversuche der Quantentheorie von Physikern mit philosophischen Kenntnissen und Neigungen, wie Bohr, Heisenberg, von Weizsäcker und d'Espagnat stammen. Wer Zeilingers Buch gelesen hat, kann keinen Zweifel daran haben, daß sein Autor nicht in diese Kategorie gehört. Über die philosophischen Aspekte der Quantentheorie hat er statt systematischer Überlegungen nur Behauptungen oder unklare Andeutungen zu bieten.

Man muß bedauern, daß Zeilinger seine Darstellung nicht ganz auf die experimentelle Seite der Quantentheorie beschränkt hat. Sein Buch wäre in diesem Falle bescheidener und kürzer, aber auch besser ausgefallen.
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1-2 von 2 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 22.01.2009 23:11:34 GMT+01:00
Zuletzt vom Autor geändert am 22.01.2009 23:33:35 GMT+01:00
Tom_N meint:
Die von diesem Rezensenten geforderten dreierlei Leistungen zu erbringen, verlangt einiges nicht nur an physikalischen, sondern auch an philosophischen und, wie sich dann unweigerlich herausstellt, an theologischen Kenntnissen. Küng z.B. hat das versucht, und nicht als erster. Man denke an Thomas von Aquin und Meister Eckhardt. Von den neuzeitlichen Philosophen zu schweigen. Die Quintessenz mühevoller Studienarbeit eines Autors soll dann auch noch so dargelegt werden, daß der Leser das Werk locker lesen kann wie einen Roman und auch noch "wissenschaftlich korrekt" sein. Ich fürchte nach jahrelanger Lektüre, daß der Grund dafür, dem Autoren das Manko vorzuwerfen, eine vom Rezensenten erwartete philosophische Antwort schuldig geblieben zu sein, erstens in der Natur der Sache liegt und zweitens in der nicht erfüllten subjektiven Erwartungshaltung des Rezensenten - was seinerseits verständlich ist. Aus persönlicher Erfahrung als erstmaliger Autor auf dem Gebiet darf ich anmerken, daß unter Physikern keine Einigkeit über weltanschauliche Erklärungsmöglichkeiten der Quantentheorie herrscht, und damit schon gar über die korrespondierende Philosophie und Metaphysik. Mit letzterer meine ich die nach Kant - über die religiösen Schlußfolgerungen wollen wir noch gar nicht reden, und genau um diese geht es in letzter Konsequenz für das denkende Subjekt. Und darauf einzugehen, ist für einen etablierten Wissenschaftler doch recht riskant, wenn er nicht im Strom mitschwimmt wie z.B. Dawkins, nicht? Der hat es als aggressiver Atheist erschreckend einfach und macht sein Geld damit. Ich finde Zeilingers Bücher anregend und nehme sie, wie sie geworden sind: für mich in Ordnung, solange ich keine Metaphysik erwarte. Ihre Aussagen müssen mit weiteren Büchern und vor allem eigenen Überlegungen verknüpft werden; auf diesem Gebiet gibt es noch kein in sich entgültig abgeschlossenes Ergebnis. Dennoch: die Rezension ist für mich ebenso nützlich wie das Buch selbst, weil sie auch eine gute Analyse darstellt. Also: mit modifizierter Erwartung an das Buch das Buch aus dem Reich der Physik dennoch zu kaufen, scheint nicht verkehrt, kommt doch vor der Metaphysik erst einmal die Physik...

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 09.11.2012 15:40:04 GMT+01:00
supernovae meint:
Der Rezensent unterstellt dem Autor gar nicht, eine Antwort, oder gar eine von ihm, also dem Rezensenten erwartete Antwort schuldig geblieben zu sein. Der Rezensent vertritt lediglich die Auffassung, dass derjenige, der die Quantenphysik erschöpfend deuten möchte, in der Lage sein sollte, im Mindesten jene metaphysischen und erkenntnistheoretischen Prinzipien zu benennen, die mit der Quantenphysik vereinbar sein _könnten_. Das für eine tiefgründigere Betrachtung und Interpretation der Quantentheorie neben physikalische auch philosophische Aspekte von Relevanz sind kann ich gut nachvollziehen. Aber aus welchen Aspekten stellt sich "unweigerlich" die Notwendigkeit theologischer Kenntnisse, d.h. die Existenzhypothese eines übernatürlichen Wesen, zur Erbringung der vom Rezensenten geforderten dreierlei Leistungen?
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