Kundenrezension

34 von 37 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Apokalypse now, 24. März 2003
Rezension bezieht sich auf: Herr der Fliegen (Sondereinband)
Inselgeschichten. Robinson Crusoe lässt grüßen. Aber nur auf den ersten Blick. Während Defoes Held jahrzehntelang unbeirrbar den entlegensten Außenposten der europäischen Zivilisation verkörpert und seine Weltanschauung dem geretteten Freitag erfolgreich überstülpt, entgleitet die dünne Kruste zivilisatorischer Verhaltensmuster und Wertvorstellungen den hier Gestrandeten schneller, als die äußeren Zeichen der Verwahrlosung erkennen lassen.
Dabei haben sie doch gerade noch mal Glück gehabt, als sie sich nach einem Flugzeugabsturz unverletzt auf einer allerdings unbewohnten Insel wiederfinden. Eine paradiesische Insel in strahlendem Sonnenschein, mit frischem Wasser und Früchten und Kokosnüssen im Überfluß. Sogar Wildschweine zum Jagen gibt es. Zwar finden sich unter den Überlebenden keine Erwachsenen, aber die 6 - 12jährigen Schuljungen erkennen auch so, was zu tun ist: Ein Signalfeuer an der höchsten Stelle der Insel unterhalten, Schutzhütten bauen und auf Rettung warten. Zu essen gibt's ja genug.
Bei der Wahl eines Anführers kommt es zur Kampfabstimmung. Erste Spannungen in der Gruppe werden sichtbar. Aber der gewählte Anführer versteht es, die Situation zu entschärfen, indem er dem Unterlegenen eine verantwortungsvolle Aufgabe überträgt: Die Leitung der Jagd. Wie hätte er auch ahnen können, daß er mit diesem versöhnlichen Entgegenkommen die Büchse der Pandora geöffnet hat?
Zunächst läuft alles recht gut, wenn sich auch fast unmerklich kleine Nachlässigkeiten einschleichen. Aber wozu soll man Hemd und Hose tragen, wenn es heiß ist und einen ohnehin kein Erwachsener sieht? Und warum sich mit dem anstrengenden Hüttenbau abmühen, wo doch schwimmen gehen viel mehr Spaß macht? Schwerwiegender ist da schon der Zwischenfall mit dem durch Unachtsamkeit außer Kontrolle geratenen Feuer, der ein Todesopfer fordert und im aufmerksamen Leser düstere Vorahnungen aufkeimen lässt. Eine Warnung, die nicht beachtet wird.
Zunehmend verzweifelt versucht der gewählte Anführer mit einigen Gleichgesinnten den fortschreitenden Zerfall der beschlossenen Ordnung aufzuhalten. Jedoch versteht es der Führer der Jäger, diese Bemühungen wirkungsvoll zu hintertreiben. Immer häufiger und immer heftiger geraten die beiden Konkurrenten aneinander, was den Rest der Gruppe destabilisiert und verunsichert.
Und dann ist da noch - die Nacht. Nachts zeigt die Insel ihr anderes Gesicht. Die Kinder hören unerklärliche Geräusche; einige sehen bedrohliche Schatten. Gibt es da etwas Unbekanntes auf der tagsüber so vertrauten Insel? Ein wildes Tier, ein Gespenst, ein Ungeheuer? Natürlich sind das alles Hirngespinste, aber kann man da wirklich sicher sein? Wie schützt man sich vor dieser unheimlichen, unsichtbaren Gefahr?
Mit fortschreitendem Realitätsverlust schwindet auch der Einfluß der durch den Anführer und seine wenigen Getreuen repräsentierten Vernunft auf das Geschehen. Sinnbildlich verlagert sich die Handlung vom sonnigen, übersichtlichen und hellen Strand ins bewaldete, diffuse Dunkel des Inselinneren. Die durch Jagderfolg gestärkte Gegenpartei bekämpft die irrationalen Ängste der Jungen mit archaischen Ritualen. Hier regiert die hemmungslose Jagdlust und bald nur noch einer, der Führer der Jagd, der sich zum Häuptling aufschwingt und bedingungslosen Gehorsam fordert. Der durch die Jagd entfachte Blutrausch eskaliert zu exzessiver Gewalt, die vor Mord nicht zurückschreckt und schließlich auch die eigene Lebensgrundlage zerstört.
Ungläubig blickt man am Ende auf den gigantischen Scherbenhaufen, dem diese in einfachen Worten erzählte Geschichte mit einer erschreckenden Selbstverständlichkeit zustrebt. Die schleichende Verwandlung ganz normaler Kinder in blutrünstige Bestien hinterlässt ein beklemmendes Gefühl. Ob sie am Ende doch noch gerettet werden? Das wird an dieser Stelle natürlich nicht verraten. Aber was heißt schon Rettung. Sicher ist letztendlich nur eines: Die Gänsehaut der Leser.
P.S.: Und was hat es mit dem ‚Herrn der Fliegen' auf sich? In Goethes Faust ist ‚Fliegengott' eine Bezeichnung für den Teufel, das personifizierte Böse. Golding's Roman kommt ohne eine Teufelfigur aus. Hier trägt jeder etwas dämonisches in sich. Für den Herrn der Fliegen hat er ein ausdrucksstarkes Bild gefunden.
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1-1 von 1 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 08.12.2009 02:08:33 GMT+01:00
Ophely meint:
Großartige Rezension!
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