ARRAY(0xbba798b8)
 
Kundenrezension

102 von 117 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Umfassende Halbbildung, 5. Januar 2010
Rezension bezieht sich auf: Das Buch des Wandels: Wie Menschen Zukunft gestalten (Gebundene Ausgabe)
Matthias Horx, Das Buch des Wandels.

Wenn Sie dieses Buch so flüchtig lesen, wie es geschrieben wurde, dann werden Sie überrascht sein von der Fülle des erzählten Materials. Ich empfehle mit S. 302, das kreative Manifest, zu beginnen.
Geht man in Details, wird es ärgerlich. Auf S. 9, auf die Wiener Hofburg verweisen schreibt er: ... wurde Jahrhunderte lang das größte europäische Imperium, Österreich-Ungarn regiert.' Österreich-Ungarn gab es gerade einmal von 1867 bis 1918. Wahrscheinlich dachte er an Karl V, der auch König von Spanien war, welches allerdings niemals von Wien aus regiert wurde.

S. 33: 'Das römische Imperium überdauerte mehr als 500 Jahre (mehr als 10 mal so lang wie das amerikanische in der Neuzeit), bevor es sich in Ost-Rom neu gründete und nochmals einige hundert Jahre Bestand hatte.' Die USA bestehen als Imperium also seit weniger als 50 Jahren ' Ups! ' und Ostrom überdauerte Westrom um 1000 Jahre.

S. 113: 'Beim 560 Meter hohen Wüstenwahnsinnsturm The Burj...'; er ist allerdings 824 m hoch.

Auf S. 100 schreibt er: 'Frech schlägt Römer ... der kubanischen Regierung vor, aus dem verlassenen Guantanamo ein neues Singapur zu machen'. Im Zitierhinweis heißt es richtig: 'Could Guantanamo Bay become the next Hongkong?' Singapur oder Hongkong? Egal, beides prosperierende britische Exkolonien wo fleißige Chinesen wohnen. Romer, der den Vorschlag nicht der kubanischen Regierung machte, sondern als Gedankenspiel vortrug, hat aber intelligenterweise an Hongkong gedacht, das zu China gehört, während der souveräne Staat Singapur sich aus der malaysischen Föderation herausgelöst und selbstständig gemacht hat.

Auf S. 110: 'Finanzkrisen folgen dem Impuls der 'animal spirits', wie Keynes diesen Trieb der opportunistischen Vermehrung genannt hat: animalische Leidenschaften'. Falsch geraten. Für Keynes ist dies so viel wie Vertrauen ' confidence ' ein naiver Optimismus, das man wörtlich als Lebensgeister übertragen könnte. Animal im Englischen übersetzt man besser mit Lebewesen als mit Tier.

Zum Ausführlichen Keyneszitat auf S. 92, das aus dem Aufsatz 'Economic possibilities for our grandchildren', 1930, stammt: es ist keine Elegie auf die Langsamkeit des Fortschritts, sondern die Konstatierung, dass von etwa 2000 vor Christus bis zur industriellen Revolution sich die Lebensbedingungen des Durchschnittsmenschen gegeben habe. Man beachte zwei Abweichungen zum Text von Keynes: bei Horx heißt es, 'Seit den frühesten Zeiten bis etwa zum 19. Jahrhundert',bei Keynes: 'From the earliest times...say the 2000 years before Christ down to the beginning of the 18th century', 'no progressive violent change', was bei Horx zu 'keinen tiefgreifenden fortschrittlichen Wandel' wird. Keynes, so dürfen wir unterstellen, war sich bewusst, dass die neolithische Revolution vor 10 000 Jahren ein revolutionärer Umbruch war. Er dürfte auch zustimmen, dass die Erfindung des Rads und der Hochseeschifffahrt, die zur Entdeckung Amerikas und dem Entstehen des Welthandels führte, bedeutend waren, aber eben nicht zu einer umstürzenden Veränderung des Lebensstandards des Durchschnittsmenschen führten. Diese Veränderungen setzen im 18. Jahrhundert ein.

Auf S. 173 führt Horx Piaget an und behauptet, er habe sich 'vor allem mit den frühesten Entwicklungsstufen des Menschen, der Säuglings- und Kleinkindphase beschäftigt.' Weit gefehlt. Piaget hat die genetische Epistemologie entwickelt. Er untersucht vor allem die Ontogenese der kognitiven Fähigkeiten, mit andern Worten er ist Evolutionstheoretiker. Es gibt keinen Grund, Piaget zu erwähnen, aber wetten, dass Horx niemals ein Buch von Piaget in der Hand hatte, geschweige denn etwas von oder über ihn gelesen hat.

Was er auf Seite 230 über die Rechtsform der Allmende schreibt ist kompletter Unsinn. Er verwechselt die Verhältnisse in seiner studentischen Kommune mit den Problemen der 'commons', zitiert einen Artikel den, falls er ihn gelesen haben sollte, nicht versteht und referiert daraus die Zahlenspiele eines Mathematikers aus dem 19. Jahrhundert, die die Spieltheorie angeregt haben, das 'commons dilemma' zu behandeln. Als Zeitungsleser hätte ihm jedoch auffallen müssen, dass im Jahr 2009 Elinor Ostrom den Nobelpreis für Wirtschaft erhalten hat, wegen ihrer Analyse dieser Rechtsform.

Seine Erzählung auf S.53 ff über die Maya ist eine Märchenstunde, die eine seiner Kernaussagen belegen soll. Sie ist angeregt durch Mel Gibsons Film Apocalypto. So ersetzt Kunst historisches Wissen. Horx zitiert als Quelle seines Wissens Stephens, Bartsch. Bartsch ist der Herausgeber der deutschen Übersetzung des Reiseberichts von Stephens(1805-1852). Dieser besuchte als Sonderbotschafter des amerikanischen Präsidenten Hamilton Mittelamerika. Dieser Bericht erweckte großes Interesse für die Kultur der Maya in den USA. Er inspirierte schon Edgar Allan Poe. Die verschwundene Stadt Tikal hat er nie besucht, aber von Einheimischen hörte er über deren Existenz, was die Expedition, die zu ihrer Entdeckung führte, auslöste. Seine andere zitierte Autorität ist Diego de Landa (1524-1579). Der Franziskaner war der erste Bischof von Yukatan, der dort die Inquisition durchführte, die Schriften der Maya vernichtete und die Religion der Maya für Teufelswerk hielt. Die Ergebnisses der Mayaforschung erwähnt Horx nicht, aber er weiß, eine seiner zentralen Thesen, dass dies eine Kultur der Angst gewesen sei.

Angesichts der zahlreichen Fehler und Verdrehungen, verdienen auch die Ausführungen zu andern Themenbereichen, z.B. der Psychologie wenig Vertrauen. Das Buch von Horx ist ein Beispiel für umfassende Halbbildung.

Angetan ist er vom kreativen Wien der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert. Er listet mehrere bedeutende Persönlichkeiten, die damals in Wien wirkten und dachten. Zwei hat er vergessen. Im damaligen Wien brodelte auch der Antisemitismus. Dies veranlasste Theodor Herzl die Forderung nach einem Judenstaat zu erheben und den Zionismus zu begründen. In einem Männerwohnheim malte derweilen Adolf Hitler Postkarten und brütete über seinem Hass auf die Juden und deren Vernichtung. Die Wiener Gesellschaft und Regierung tanzte (Horx will die tanzende Politik) und taumelte dem ersten Weltkrieg und dem Ende des österreichisch-ungarischen Imperiums entgegen. Bei aller Wertschätzung der Kreativität, sie ist nicht ausreichend, gesellschaftliche Probleme zu lösen, insbesondere jene nicht, die sie selbst hervorbringt.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein

[Kommentar hinzufügen]
Kommentar posten
Verwenden Sie zum Einfügen eines Produktlinks dieses Format: [[ASIN:ASIN Produkt-Name]] (Was ist das?)
Amazon wird diesen Namen mit allen Ihren Beiträgen, einschließlich Rezensionen und Diskussion-Postings, anzeigen. (Weitere Informationen)
Name:
Badge:
Dieses Abzeichen wird Ihnen zugeordnet und erscheint zusammen mit Ihrem Namen.
There was an error. Please try again.
">Hier finden Sie die kompletten Richtlinien.

Offizieller Kommentar

Als Vertreter dieses Produkt können Sie einen offiziellen Kommentar zu dieser Rezension veröffentlichen. Er wird unmittelbar unterhalb der Rezension angezeigt, wo immer diese angezeigt wird.   Weitere Informationen
Der folgende Name und das Abzeichen werden mit diesem Kommentar angezeigt:
Nach dem Anklicken der Schaltfläche "Übermitteln" werden Sie aufgefordert, Ihren öffentlichen Namen zu erstellen, der mit allen Ihren Beiträgen angezeigt wird.

Ist dies Ihr Produkt?

Wenn Sie der Autor, Künstler, Hersteller oder ein offizieller Vertreter dieses Produktes sind, können Sie einen offiziellen Kommentar zu dieser Rezension veröffentlichen. Er wird unmittelbar unterhalb der Rezension angezeigt, wo immer diese angezeigt wird.  Weitere Informationen
Ansonsten können Sie immer noch einen regulären Kommentar zu dieser Rezension veröffentlichen.

Ist dies Ihr Produkt?

Wenn Sie der Autor, Künstler, Hersteller oder ein offizieller Vertreter dieses Produktes sind, können Sie einen offiziellen Kommentar zu dieser Rezension veröffentlichen. Er wird unmittelbar unterhalb der Rezension angezeigt, wo immer diese angezeigt wird.   Weitere Informationen
 
Timeout des Systems

Wir waren konnten nicht überprüfen, ob Sie ein Repräsentant des Produkts sind. Bitte versuchen Sie es später erneut, oder versuchen Sie es jetzt erneut. Ansonsten können Sie einen regulären Kommentar veröffentlichen.

Da Sie zuvor einen offiziellen Kommentar veröffentlicht haben, wird dieser Kommentar im nachstehenden Kommentarbereich angezeigt. Sie haben auch die Möglichkeit, Ihren offiziellen Kommentar zu bearbeiten.   Weitere Informationen
Die maximale Anzahl offizieller Kommentare wurde veröffentlicht. Dieser Kommentar wird im nachstehenden Kommentarbereich angezeigt.   Weitere Informationen
Eingabe des Log-ins
 

Kommentare

Von 1 Kunden verfolgt

Sortieren: Ältester zuerst | Neuester zuerst
1-1 von 1 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 09.07.2010 23:05:30 GMT+02:00
Harald Lehner meint:
Danke für die Rezension. Sie sprechen mir aus der Seele und hätten Sie nicht auf all die Unzulänglichkeiten hingewiesen - dann hätte ich es getan.
Umfassende Halbbildung und gefährliches Halbwissen, das ist die Zukunftsforschung von Horx!
‹ Zurück 1 Weiter ›

Details

Artikel

3.4 von 5 Sternen (13 Kundenrezensionen)
5 Sterne:
 (7)
4 Sterne:    (0)
3 Sterne:    (0)
2 Sterne:
 (3)
1 Sterne:
 (3)
 
 
 
EUR 22,95
In den Einkaufswagen Auf meinen Wunschzettel
Rezensentin / Rezensent


Ort: Immenstadt/Allgäu

Top-Rezensenten Rang: 287.863