Kundenrezension

31 von 35 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Textverständlich und sehr flott, 28. September 2004
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Rezension bezieht sich auf: The Originals - Wagner (Tristan und Isolde) (Audio CD)
Diese Aufnahme zeichnet im Vergleich zu anderen Spitzenaufnahmen des Tristan vor allem zweierlei aus:

Zum einen extreme Wortdeutlichkeit. Die Akustik des Bayreuther Festspielhauses mit dem Deckel über dem Orchester gibt den Sängern dieses auch technisch hervorragenden Live-Mitschnitts von 1966 die Möglichkeit zu singen, ohne schreien zu müssen.

Zum anderen hat der Dirigent Böhm sehr schnelle Tempi gewählt, was ebenfalls die Betonung von der Musik in Richtung des Textes verschiebt. Das kommt insbesondere dem 1. Akt zugute, in dem (bis auf die Liebestrank-Szene am Schluss) weniger die großen Gefühle ausgelebt als vergangene Ereignisse erzählt und Beleidigungen ausgetauscht werden. Selten habe ich diesen Akt so grimmig, dramatisch und energisch erlebt.

Weniger gut bekommen die extremen Tempi allerdings den großen Liebesszenen des 2., den kontemplativen Momenten des 3. Aktes: Wenn einige Kritiker dieser Aufnahme vorwerfen, die Isolde bleibe "ungeminnt", liegt das m. E. nicht zuletzt daran, dass der Dirigent den Sängern teilweise nicht die Luft und Zeit gibt, die Gefühle wirklich auszusingen. Auf der anderen Seite hält er dadurch das Drama sehr stringent zusammen.

Birgit Nilsson ist eine sehr engagierte, dramatische Isolde mit strahlender Höhe, zeigt sich hier aber - mehr als in vielen Studio-Aufnahmen und trotz der schnellen Tempi - auch überraschend sensibel. Die Live-Aufnahme bekommt ihrer Riesenstimme viel besser als die alte Studio-Technik, die sie oft zwang, nur mit halber Stimme zu singen oder sogar einen Meter zurückzutreten, um das Mikrophon nicht zu überfordern. Winzige Ermüdungserscheinungen im 3. Akt lassen sich - nach vier Stunden - in einer Live-Aufnahme überhaupt nicht vermeiden und stören den fabelhaften Gesamteindruck nicht.

Wolfgang Windgassens Tristan kann ich nicht so ungeteilt genießen: Auf der einen Seite singt er - wie immer - sehr textverständlich und unglaublich ausdrucksvoll. Bewundernswert auch die Präzision, mit der er und Nilsson den ersten Auftritt im 2. Akt singen, der sonst häufig in Geschrei oder Sprechgesang ausufert.

Auf der anderen Seite war er nie ein klassischer Heldentenor, seine Stimme klang nicht groß, baritonal, ausladend, sondern hell, schlank und eher leicht, nicht nach Horn, sondern Oboe. Um trotzdem Partien wie Siegfried und Tristan zu singen, musste er besonders in der Höhe die Töne mit viel Druck erzeugen, klang dadurch häufig gepresst, was er oft - besonders als Tannhäuser, seine beste Rolle - als Ausdrucksmittel nutzen konnte. Als Tristan fehlen ihm in dieser Aufnahme (in einem Bayreuth-Mitschnitt von 1957 war das noch anders) die Kraftreserven, um die lyrischen, schwärmerischen Passagen entspannt zu singen, die triumphalen Aufschwünge souverän. Unübertroffen als Tristan bleibt bis heute Lauritz Melchior, danach kommen für mich der herb-melancholische Ludwig Suthaus (unter Furtwängler) und Jon Vickers, und erst dann Windgassen.

Die übrigen Rollen sind in kaum einer Aufnahme so gut besetzt wie in dieser:

Christa Ludwig ist eine Brangäne mit außergewöhnlich schöner Stimme, eine jugendliche Freundin, nicht eine Amme der Isolde. Der mitreißende 1. Akt geht zur Hälfte auf ihr Konto. Besser geht's nicht.

Eberhard Waechters Kurwenal klingt - v. a. im Vergleich zum jungen Fischer-Dieskau (Furtwängler) oder Berry (Karajan) recht rauh, aber engagiert und eindringlich. Außerdem ist die Rolle ja auch ein recht einfacher Charakter, und deshalb gefällt Waechter mir durchaus.

Martti Talvela ist ein großartiger König Marke mit einer riesigen, sehr charakteristischen Stimme und schafft es in bewundernswerter Weise, trotz der extremen Tempi in seinem Monolog im 2. Akt die Enttäuschung und Resignation des Königs anrührend darzustellen. Neben Kurt Moll und Karl Ridderbusch einer der "großen" Markes auf Platte.

Peter Schreier schließlich macht aus dem "Seemann" fast eine Hauptrolle und singt sein Lied zu Beginn des 1. Akts so klar, so weltfern melancholisch, dass man sofort voll in die Stimmung der Oper geworfen wird. Genauso optimal wie die restlichen Sänger.

Insgesamt also ist dies nach wie vor eine der besten Aufnahmen des Tristan, insbesonders eine großartig besetzte. Wegen der doch sehr flotten Tempi und des etwas quetschenden Tristan ziehe ich dennoch insgesamt Furtwänglers technisch und von der Besetzung (bis auf Suthaus und Fischer-Dieskau) lange nicht so perfekte, aber ruhiger atmende Aufnahme vor.
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Kommentare


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1-3 von 3 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 14.08.2009 11:12:25 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 14.08.2009 11:47:42 GMT+02:00
Eine kleine Anmerkung zu dieser Rezension: Verschleißerscheinungen im 3. Akt dürften theoretisch gar nicht auffallen und fallen auch tatsächlich nicht auf, da diese Aufnahme in einem quasi halb Studio-, halb Liveverfahren aufgenommen wurde. Jeder Akt wurde einzeln an verschiedenen Tagen und nur vor ausgesuchtem Publikum eingespielt, sodass der Saal nicht einmal zur Hälfte gefüllt war, als die Aufnahmen stattfanden und jeder Sänger ausreichend Zeit hatte sein Stimme zu schonen, wodurch jeder Akt stimmlich so frisch klingen konnte, als wäre es der Erste. Ein Verfahren übrigens, auf dass sich Karl Böhm und der Produzent mit der Festspielleitung verständigt hatten, um besonders die Stimme Wolfgang Windgassens im dritten Akt in vollster Leistungsfähigkeit einzufangen.
Anschließend noch eine wohlgemeinte Empfehlung: Max Lorenz' bis zum Ende kraftstrotzender euphorischer Tristan in dem Radiomittschnitt von 1944, dürfte in dieser Aufzählung der Spitzenkräfte der Tristan-Interpreten wirklich nicht fehlen. Zwar leidet diese Aufnahme ziemlich unter dem schwachen Dirigat Robert Hegers, dem mehrfach die Zügel entglitten zu sein scheinen, ist jedoch in allen anderen Rollen hervorragend besetzt (Paula Buchner als Isolde, Margarete Klose als Brangäne, sowie Ludwig Hoffmann und Jaro Prohaska) und mit Ausnahme des Auftrittes Isoldes im 3. Akt bis vor den Liebestod, hat diese Aufnahme noch eine herausragende nahezu makellose Aufnahmequalität zu bieten. Diese Aufnahme wäre gewiss eine interessante und lohnenswerte Ergänzung jeder Wagner-Sammlung.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 14.08.2009 23:00:02 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 14.08.2009 23:16:21 GMT+02:00
vully meint:
Ich kenne zu der Entstehung dieser Aufnahme zwei Fassungen:

Diejenige mit den drei einzeln aufgenommenen Akten, und die andere Version, dass sozusagen als Probe noch eine komplette Aufführung mitgeschnitten worden sei, die dann schließlich veröffentlicht worden sei. Welche nun stimmt, vermag ich nicht zu sagen.

Max Lorenz - ein schwieriger Fall. Sicher ein großer Sänger, aber seine harte Stimme mit der extrem offenen Artikulation ist einfach nicht mein Ding und lässt mich kalt. Da kann mich selbst Kollos Tristan (wenn auch nicht in der Kleiber-Einspielung) mehr überzeugen, von Windgassen, v. a. in der Sawallisch-Einspielung von 1958, ganz zu schweigen.

Aber in der ersten Reihe bleiben wie gesagt für mich Melchior, Vickers, Suthaus - und Jacques Urlus hätte ich wahnsinnig gern mal in der Rolle gehört.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 19.05.2010 23:32:20 GMT+02:00
vully meint:
Zum Thema "Live-Aufnahme" ein Zitat aus dem Booklet der CD:

"Nur mit einem solchen Ensemble konnte Karl Böhm einen Live-Mitschnitt wagen. Freilich war dies ein Live-Mitschnitt nicht ohne Netz, denn vor der Aufführung zeichnete Böhm an drei verschiedenen Tagen im mit jeweils 1.000 Zuhörern gefüllten Bayreuther Opernhaus die drei Tristan-Akte getrennt voneinander auf, um die bei diesem schwierigen werk üblichen Ermüdungserscheinungen der Sänger auszuschalten. Doch bei den dann mitgeschnittenen zwei regulären Aufführungen vor dem großen Festspielpublikum war die musikalische Qualität wesentlich höher als bei den einzeln aufgenommenen Akten...."
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