Kundenrezension

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Als eins zu eins noch für immer vorbei war, 20. Juli 2012
Rezension bezieht sich auf: Tocotronic (Audio CD)
Wie sehr es dieses Album es verdient hat, nichts als den Bandnamen zu tragen, war zu seinem Erscheinen schon spürbar und ist 10 Jahre später mit Gewissheit sicher: Das Weiße ist das endgültige Tocotronic-Album, es ist eine der ganz ganz wenigen Platten die über 10 Jahre hinweg immer und immer wieder in meinen CD-Player wandern, ohne dass es mir langweilig wird, es ist das Manifest der 2. Generation von Tocotronic-Alben, nachdem mit "K.O.O.K." der Übergang von der schrammelnden Slogan-Maschine in unscharfe postrockige Sphären vollzogen waren. "K.O.O.K.", so groß der Schock für einige 3 Jahre zuvor war, war in seiner Ausrichtung doch noch nicht so ganz konsequent, "Let there be Rock" z.B. erinnert noch stark an den klassischen Tocotronic-Song, die Tracklist ist noch prall gefüllt, auch wenn sich mit Stücken wie "Das Geschenk" oder "17" die neue monströse Weite schon deutlich ankündigte.
Auf "Tocotronic" wurde dieser Weg dann wirklich zu Ende gegangen. Rick McPhail war zwar schon dabei, stand auf der Tour mit auf der Bühne, aber trotzdem ist sein Einfluss auf dem Album noch nicht wirklich zu spüren, statt seiner perlenden Gitarren, die ab "Pure Vernunft..." in den Vordergrund rücken, prägen das weiße Album noch die leicht schrägen Licks, die man schon auf K.O.O.K. zu hören bekam, so z.B. am Anfang von "Führe mich sanft" oder "Wolke der Unwissenheit", und die ich seitdem schmerzlich vermisse. Es ist also sofort als ein Album der Urbesetzung zu verorten, auch wenn die auf dem Vorgänger beschrittenen Elektronik-Pfade hier zur Autobahn planiert wurden. In dieser Kombination liegt großer Reiz: Die elektronische Geräuschkulisse verneigt sich mit Posaunen und Trompeten vor den immer noch recht simplen, aber in ihrer Stoigkeit umso standfesteren Instrumentenparts wie vor Monumenten. Lieder wie "Hi Freaks", ein absolutes Herzstück des Albums, lassen durch ebenso entspanntes wie kompromissloses Fließen und Wiederholen Klangräume entstehen, die den Hörer geradezu aufsaugen. Das ewige, monotone Brummen am Beginn von "Free Hospital" nimmt auf den Punkt genau die einerseits bequeme, tiefe aber dann doch irgendwie leicht beunruhigende Gefangenheit vorweg, die den Erzähler später im Lied umtreiben wird. In "Hier ist der Beweis" experimentiert Dirk von Lowtzow zum ersten Mal mit seiner Stimme, indem er die scharfen "s" am Zeilenende sekundenlang weiterzieht, auch das ist wieder Programmmusik. Es wird auf dem Album eine Atmosphäre der Distanz aufgebaut, mit repetitiven Midtempo-Takten, mit voluminösem Raumklang, mit einer Entfernung von lauten Instrumenten zum Geschehen, die man vielleicht als leises Donnern beschreiben könnte. Was hier in der Theorie nach Sterilität klingt, führt in der Praxis genau zum Gegenteil, es umhüllt den Hörer, lässt ihn nicht mehr los, zieht ihn mit und tief in sich hinein.
Eine Tocotronic-Rezension, die auf zig Zeilen ohne Verweis auf die Texte auskommt? Allein das sollte vielleicht als Beleg für die Großartigkeit dieser Platte ausreichen, aber gut: Während die Musik die Texte einerseits perfekt widerspiegelt, Akzente setzt und interpretiert, nimmt sie ihnen doch einen gewaltigen Teil an Schärfe, was zu interessanten Reibungspunkten führt. Klares Thema dieses Albums ist, so unpräzise es dann doch im eigentlichen Text bleibt, der Aufstand, die Konfrontation mit der Gesellschaft. Manche Stücke sind in dieser Hinsicht kleine Blender, "Alles wird in Flammen stehen" bezieht sich nämlich nicht auf Straßenkampf und Chaostage, sondern ist ein lupenreines Liebeslied. Man sieht, die manchmal recht apokalyptischen Ausdrücke wollen oft nicht 1:1 übersetzt werden (wie es dann ja auch in "Neues vom Trickser" 1:1 ausgesprochen wird). Klarer wird die Marschrichtung an der Kritik an der Gleichschaltung in "Hi Freaks" oder "Führe mich sanft", an dem ebenso offenen wie ungewöhnlichen, weil vollkommen resignierten "Protest-Song" "Die Wolke der Unwissenheit", an der für ganze Post-68er-Generationen geltenden Widersprüchlichkeit von Überzeugungen und letztendlichem Handeln in "Das böse Buch" und "Neues vom Trickser", an der Desillusionierung im Anbahnen und Führen von Liebesbeziehungen in "Näher zu dir" und dem großartigen "Schatten werfen keine Schatten", an der Enge und am Trotz des Andersseins in "Hier kommt der Beweis" und "Dringlichkeit besteht immer". Obwohl das der rote Faden ist, der an fast jeder Stelle des Albums an die Oberfläche dringt, bleibt es doch assoziativ und mehrdeutig, wer könnte sagen, ob der Wohlfühleffekt der Holzadern und der Wanduhr in "Free Hospital" für die wahre Auszeit und Entspannung oder die Internierung auf dem Zauberberg oder doch nur für profanes Eingelulltsein steht? Sie sind herzlich eingeladen, weiterzudenken.
Gibt es einen Hit? Am ehesten kommt dafür "This Boy ist Tocotronic" in Frage, das, wie seit "K.O.O.K." für die erste Single üblich, den größten Pop-Appeal mitbringt, sich aber musikalisch klar vom Rest des Albums absetzt. Trotzdem ist es ein sehr schönes Lied, das sich mit seiner wertungsfreien, gleichzeitig unmittelbaren und isolierenden Beschreibung des absoluten "Jetzt"-Erlebnisses dann doch nahtlos in das Album einzufügen weiß.
Bei für Tocotronic-Verhältnisse bis dato ungewöhnlicher starker Konzeptionierung, bei nur noch 13 statt 16+ Stücken, nur noch 60 statt wie zuletzt auf "K.O.O.K." 80 Minuten Laufzeit und einer trotz der Elektronik-Exzesse immer noch auffälligen Schlichtheit könnte man den Eindruck haben, dass "Tocotronic" enger, begrenzter und "kleiner" wirkt, als "K.O.O.K.". Aber genau das Gegenteil ist der Fall, "Tocotronic" kommt mit einer Weite, einer Gewalt, einer Würde, die einen regelrecht wegbläst. Ich hätte nicht damit gerechnet, dass das "Meisterwerk" "K.O.O.K." noch übertroffen werden könnte und war geplättet, als es "Tocotronic" scheinbar mühelos tat.
Das Weiße ist das beste Tocotronic-Album, besser als '"Pure Vernunft wird niemals siegen" oder "Kapitulation", besser als "Schall und Wahn" sowieso, aber es ist nicht zwangsläufig das Beste "to start with". Wer sich eine Tocotronic-Platte besorgen will, weil er "Die Welt kann mich nicht mehr verstehen" aus der Indie-Disco kennt, sollte unbedingt zu "Digital ist besser" oder "Wir kommen, um uns zu beschweren" greifen, wobei bei Letzterem gewarnt sei, dass es zwar unglaublich schnell ins Ohr geht, aber ähnlich flott auch wieder aus dem Kopf ist. Wer die "neuen" Tocotronic nach dem Wandel 98/99 kennen lernen will, sollte ruhig mit dem Album anfangen, mit dem der Wandel begann, nämlich "K.O.O.K.", welches ebenfalls ein sehr, sehr großartiges Album ist. Aber das Weiße kriegen sie nicht mehr getoppt. Wetten?
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Kommentare

Von 1 Kunden verfolgt

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1-1 von 1 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 15.04.2013 09:59:37 GMT+02:00
stadtkind030 meint:
... dem ist nichts mehr hinzuzufügen. die mit abstand beste rezension die ich je gelesen hab. spricht mir dazu quasi noch voll aus der seele
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