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Kundenrezension

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen "Das Schöne ist das Gute, aber was zieht das Gute an - das Böse" Francisco de Quevedo, 19. März 2012
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Rezension bezieht sich auf: Quecksilber (Taschenbuch)
Amelie Nothomb gehört zu den spektakulärsten Schriftstellern der 90er Jahre und des neuen Jahrtausends. Ihre vielen, meist kurzen Bücher, teilen sich in zwei verschiedene Werkgruppen auf, die die Aspekte ihres eigentlich sehr vielfältigen Prosa-Ceuvres ausmachen.

Das erste sind die autobiographischen Bücher, darunter das bekannte Buch Mit Staunen und Zittern, sowie das geniale Buch Biographie des Hungers und weitere. Sie drehen sich um Nothombs Erlebnisse in Japan oder aus ihrer Kindheit als Diplomatenkind. Was an diesen Büchern auffällt ist die Virtuosität der Bezüge (literarische, blumige, manchmal auch exzentrische Vergleiche; Metaphern und Bilder, die ihre eigene spontane Schönheit und Genialität besitzen), die sprachliche Eleganz und das leichte, unterschwellige Gefühl, eine reale Geschichte zu lesen, die aber aufgrund von Stil und Unverstelltheit, leicht einen Fuß im Phantastischen hat; vielleicht im Phantastischen des Lebens selbst. Die Fröhlichkeit und Leichtigkeit dieser Bücher, ihre Pointenhaftigkeit und ihr Esprit schaffen es die Knappheit und Kürze der Werke aufzuheben, ja sogar folgerichtig erscheinen zu lassen, eben als wäre alles aus dem ja schon etwas mythischen Stoff der Erinnerung gewebt.

All diese Eigenschaften der autobiographischen Werke stehen doch im schon fast krassen Gegensatz zu dem zweiten Teil des Werkes, den rein fiktionalen Texten. Ihre düsteren Szenarien, ihre Dialoglastigkeit und ihr geradezu halsbrecherischer Hang zu provozieren, zu verdrehen und zu plakatieren, lassen selbst bei einer intensiven Lektüre eine merkwürdige Ungewissheit zurück. Die meisten dieser Bücher sind sehr experimentelle, fast schon nicht mehr realistische sondern parabelartige Geschichten. In ihrem Zentrum steht oft der Mensch als Objekt in einer außergewöhnlichen/extremen Existenz- oder Momentsituation, die ein klares Bild von den Gedanken und Vorstellungen der Menschheit und ihrer Eigenschaften an sich geben soll.
Bei den meisten dieser Bücher fällt auf, dass ihre Plots zwar einer gewissen Faszination nicht entbehren, sie aber meist weder vollends ausgereizt (als Ausnahme darf hier der Erstling Die Reinheit des Mörders gelten) noch wirklich überzeugend sind. Man spürt, dass hier eine Autorin mit großem Sprachgefühl und Stil (denn das ist Amelie Nothomb ohne Frage und hier gehört sie zur Spitze ihrer Generation) mit scheinbar drastischen Plots versucht ihre Schwächen in punkto Ausdauer, Langmut und Ausarbeitung einer definitiven und ausgefeilten Geschichte zu kaschieren.

Nimmt man ihr das Übel? (Ich) Nicht wirklich, denn bei all dem kommen zwar keine wirklich guten Romane, aber interessante Gedankenspiele heraus, von denen einige vielleicht irgendwann sogar einen wegweisenden Status erhalten könnten. In Quecksilber zum Beispiel, wo es ja zentral um den Konflikt von Liebe und Anstand/Moral geht und um die Frage wie die beiden sich gegenseitig schaden oder beeinflussen, ist die Geschichte zwar nicht besonders ergiebig - die ihr innewohnende Problematik aber schon. Was macht Liebe aus? Ihre Grenzen oder ihre Bedingungslosigkeit? Ihr Ruf, ihr Name, ihr Recht oder ihre Auswirkungen? Auch wenn diese Fragen in einer etwas simplen Story verschanzt wurden - so präzise und unbequem hat selten jemand die Fragen zu dieser - in der Literatur meist einseitig positionierten, Thematik gestellt - wie Amelie Nothomb in Quecksilber.

Kurz zum Inhalt:
Seit 5 Jahren wird Hazel von dem knapp 50 Jahre älteren ehemaligem Weltmeer-Kapitän Loncours auf einer winzigen Insel vor der frz. Küste behütet festgehalten. Im Haus gibt es keine Spiegel und auch keine Möglichkeit durch Wasser, Metall oder ähnliches eine Art der Spiegelung zu erzeugen. Denn Hazels Gesicht wurde bei einem Bombenangriff, bei dem auch ihre Eltern starben, grob entstellt und das Mädchen, das seine Hässlichkeit vor dem Rest der Welt verbergen will, hat sich bereits, geradezu dankbar, in ihr trauriges Dasein ergeben. Da wird sie krank und schnell lässt der Kapitän, der seine "Ziehtochter" über alles und auf jede erdenkliche Weise liebt, eine Krankenschwester vom nahen Festland kommen. Francoise, die sich zu dem Job bereiterklärt, tritt also als neuer Faktor in Hazels Leben - doch selbst Francoise ist sich nicht ganz sicher: Wird sie als Retterin empfangen, oder ist sie teil eines fragwürdigen Spiels, dass sich an diesem externsten Platz der Welt abspielt...

Ich halte das Buch für lesenwert, allein schon aufgrund des gedanklichen Anreizes und der schnellen, unkomplizierten Lektüre; wer allerdings einen guten und kurzen Roman sucht, sei gut beraten nicht zu diesem Werk zu greifen, auch wenn es dem Augenschein nach ein Roman und kurz ist. Denn eigentlich ist es, um es noch mal zu betonen, ein Experiment, ein Spiel und wegen der vielen Dialoge sogar eigentlich mehr ein (Theater)Stück, denn eine Geschichte.

Ich empfehle des Weiteren noch einmal die autobiographischen Bücher, also die beiden oben genannten, aber auch Metaphysik der Röhren und Der japanische Verlobte. Deren verführerische und schöne Sprachartistik und Freudigkeit hat zumindest mir so manche zauberhafte Lektürestunde beschert.
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1-2 von 2 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 27.03.2012 00:15:45 GMT+02:00
Sophia! meint:
Sehr gut geschriebene Rezension! Vielen Dank für die Empfehlungen!

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 27.03.2012 07:50:02 GMT+02:00
Timo Brandt meint:
Vielen Dank. Falls sie das Buch tatsächlich lesen werden, würde ich mich auch sehr über ihre Meinung freuen!

Einen schönen Tag :)
wünscht
Timo Brandt
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