Kundenrezension

13 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein großartiges Meisterwerk! Mickey Rourke IST Randy "The Ram", 11. Juli 2013
Rezension bezieht sich auf: The Wrestler [Blu-ray] (Blu-ray)
(Mehr ein Essay als eine Rezension)

Als bekennender Wrestling-Fan und Kenner der Szene, seit nun mehr als über 25 Jahren, ist es mir immer wieder ein Anliegen gewesen, dass der „Wrestling-Sport“ in der breiten Öffentlichkeit in respektabler Art und Weise dargestellt wird.
Regisseur Darren Aronofsky und Hauptdarsteller Mickey Rourke (der mit seiner atemberaubenden Performance auftrumpft) haben es geschafft einen authentischen und vor allem würdevollen Film über das Schicksal eines professionellen Wrestlers zu zeigen. Mit einem dreimal ausverkauften Gartenbaukino und stehenden Ovationen der Zuschauer ist der Film honoriert worden und avancierte dadurch zum großen Highlight der Viennale 2008, bei dem ich den Film zum allerersten Mal begutachten konnte und mit voller Begeisterung über diesen tollen Film, den Kinosaal verließ.

Mein besonderes Augenmerk möchte ich auf die Darstellung von Mickey Rourke als Randy „The Ram“ Robinson legen und dabei versuchen einige Fragen argumentativ zu untermauern. Inwiefern entsprechen die gezeigten Szenen im Film der Realität?
Hierbei werde ich versuchen chronologisch vorzugehen und theoretische Fakten mit Beispielen aus dem Film in einem Kontext zu stellen bzw. mit empirischen Beispielen zu veranschaulichen, sodass die einzelne Fragen, die der Film offensichtlich aufwirft, gänzlich beantwortet werden können. Wie viel vom Schauspieler Mickey Rourke steckt tatsächlich in der Figur des Randy „The Ram“ Robinson? Anhand welcher Kriterien ist zu erkennen, dass der Film versucht möglichst authentische Momente einzufangen?

Erläuterungen einiger Szenen aus dem Film The Wrestler (2008)
Die erste interessante Szene auf die ich eingehe, findet in der zwölften Minute des Filmes statt. Randy „The Ram“ Robinson ist in der Umkleidekabine und bereitet sich auf seinen Kampf vor, der unmittelbar bevorsteht. Wir sehen ihn, wie er eine Rasierklinge nimmt und sie mit Hilfe eines Tapes geschickt unter sein Handgelenk „versteckt“. Was hat es mit dieser Szene auf sich? Um die Dramatik in einem Wrestling-Match zu steigern, wird oft „gebladet“, so der korrekte Terminus im professionellen Wrestling. Ist ein Match bereits eine gewisse Zeit im Gange, kommt es (wenn es bereits vorher abgesprochen worden ist) zum „Blading“. Hierbei zückt der Wrestler, der gerade von einem zB: schweren Stuhlschlag getroffen oder auch, wie es im Film der Fall ist, auf einer entblößten Ringecke (bei der die Polsterung vom Gegner entfernt worden ist) mit dem Kopf aufkommt, in einem passenden Moment, in dem auch der Kameramann gezielt auf seinen Kontrahenten oder auch in die Menge filmt, seine versteckte Rasierklinge und ritzt sich ein wenig die Stirn auf. Da die Stirn eine gut durchblutete Stelle und der Wrestler ständig in Bewegung ist und dabei schwitzt, vermehrt sich das Blut recht schnell und dies beschleunigt den dramatischen Effekt, gleichzeitig assoziiert der Zuschauer die Blutung des Wrestlers mit der „unfairen“ Aktion, die kurz zuvor stattgefunden hat.
Es dauert nicht lange bis es zum Ende des Kampfes kommt. Unmittelbar nach dem Matchende wird der Wrestler dann vom Arzt im Backstage-Bereich erstversorgt. Diese besagte Szene ist glänzend von Darren Aronofsky inszeniert worden, genauso wie die zuvor besprochenen Matchausgänge mit den Wrestlern.
Im Backstage-Bereich besprechen die einzelnen Wrestler den Matchverlauf ihres Kampfes und erläutern dem Gegner welche Moves sie dabei einsetzen bzw. wie sie den Kampf aufbauen wollen. Die Protagonisten fungieren dabei als Regisseure und Drehbuchautoren, die in der Lage sind, den ganzen Ablauf des Kampfes bereits im Kopf zu entwickeln, noch bevor der eigentliche Kampf überhaupt stattgefunden hat.
Wrestler sind Sportler, Schauspieler und Stuntmänner in einer Person und haben es als Aufgabe, diese Komponenten gut zu vereinen.
Wrestling ist „Sports Entertainment“ und auf diesen Ausdruck beharren alle Wrestling-Organisationen auf der Welt. Eine Art „Soap Opera“ im sportlichen Sinne. Aronofskys The Wrestler ist in vielerlei Hinsicht eine Hommage an das Wrestling und versucht es nicht zu belächeln, sondern verschafft vielmehr einen tiefen Einblick in die Materie.
So auch die Szene im Stripklub, bei der die Stripperin Cassidy (gespielt Marissa Tomei) die Platzwunde an Randys Stirn bemerkt und sagt: „They say Wrestling is fake“ und Randy darauf erwidert: „I’ll show you fake!“ und ihr seine sichtbaren Narben zeigt, die er im Laufe seiner langen Karriere durch unzählige Verletzungen im Ring erlitten hat. Mit diesem Satz geht Randy in die Offensive spricht somit jedem einzelnen Wrestler bzw. Wrestling-Fan aus der Seele. Natürlich sind Matches besprochen und geplant und sicherlich steht der Gewinner des Kampfes bereits vorher fest. Doch wer verliert oder gewinnt ist im Wrestling-Sport zweitrangig. Die oberste Priorität ist es, den Zuschauer mit tollen Moves und Manövern im Ring zu fesseln und zu unterhalten. Dabei wird im engen Körperkontakt „gearbeitet“ und darauf geachtet seinen Kollegen nicht ernsthaft zu verletzen. (Doch wie in jeder anderen Sportart sind Verletzungen nicht ausgeschlossen.) Diese Aufgabe erfüllen die Wrestler mit großer Bravur und zum großen Teil ohne Rücksicht auf ihre eigene Gesundheit. Auch wenn es so einfach aussieht: Landen Sie doch beinahe täglich mehrere Male mit dem Rücken auf der harten Ringmatte auf oder krachen durch Holztische und fallen von einer vier Meter hohen Leiter. Spätestens dann werden Sie merken, dass diese Männer in der Tat große Opfer vollbringen, nur um ihre Fans zu unterhalten.
Und genau dies und nichts anderes versucht Randy „The Ram“ dem Laien in dieser Szene zu vermitteln.
In den folgenden Szenen versucht Aronofsky den Lifestyle eines Wrestlers dem Zuschauer näher zu bringen. Solarienbesuche sowie tägliches Training, sowie ein gepflegtes Äußeres gehören dabei zum Alltag. Für Zündstoff sorgt der Regisseur beim Tabuthema ‚Steroide’. Es ist offensichtlich, dass auch im professionellen Wrestling, wie in jedem anderen Profisport auch, ein Großteil der Wrestler mit Steroiden arbeitet. Doch die Steroide alleine bringen diese Menschen nicht zu Fall.
Es ist der „Crazy Lifestyle“, den sie nachgehen. Alkohol, Steroide, diverse Designerdrogen, Partys, sowie die Abhängigkeit von verschiedenen Schmerzmitteln und das ständige „on the road“ sein, (manchmal sogar bis zu 300 Tage im Jahr) tragen gemeinsam dazu bei, dass viele Wrestler leider kein hohes Alter erreichen und sehr viele, bereits in ihren Dreißigern und Vierzigern viel zu früh verstorben bzw. sehr früh körperliche Schäden davongetragen haben und im Rollstuhl gefesselt sind. Dies wird dem Zuschauer in der Szene bewusst, in der Randy bei einem sehr mäßig besuchten „Legends Signing“ teilnimmt und seine in die Jahre gekommenen Kollegen wieder sieht. Der eine trägt eine Beinprothese, der andere braucht seine Krücken und ein weiterer sitzt im Rollstuhl und ist inkontinent. Selbst Randy ist keine Ausnahme. Er trägt ein Hörgerät, braucht seine Lesebrille, sein Körper ist mit unzähligen Narben übersäht und er hat gerade eine schwere Bypass-Operation hinter sich. Ein körperliches Wrack, im wahrsten Sinne des Wortes.
Auch das Thema ‚Familie’ greift der Regisseur auf. Da sehr viele Wrestler eine sehr lange Zeit „on the road“ sind und in verschiedenen Städten rund um den Globus auftreten, sind es die eigenen Kinder und die Ehefrau, die darunter zu leiden haben. Im Film sehen wir in einer ergreifenden Szene, wie Randy versucht sich bei seiner Tochter für die verlorene Zeit zu entschuldigen und zugibt seine väterlichen Pflichten vernachlässigt zu haben.
Dieses Thema ist auch eng mit dem Thema der ‚Einsamkeit’ verknüpft. Ein zerrüttetes Familienleben führt sehr oft zur Trennung, Scheidung und Abkapselung. Und diese Einsamkeit ist ein großer Wegbegleiter von Randy im Film. Wie zu Beginn des Filmes zu sehen ist, haust er alleine in einem Wohnwagen und hat kaum Geld die Platzmiete zu bezahlen und ist gezwungen Gelegenheitsjobs in einem Supermarkt anzunehmen um sich über Wasser halten zu können. Hier versucht Aronofsky wieder gegen ein Vorurteil anzukämpfen. Oft wird fälschlicherweise angenommen, dass sich viele Wrestler nach ihrer aktiven Karriere mit einem schönen Sümmchen zur Ruhe setzen können. Jedoch sieht die bittere Realität anders aus. Ein Bruchteil der Wrestler schafft es, alleine vom Wrestling-Sport leben zu können. Vielen Menschen ist nicht bewusst, dass mehr als die Hälfte aller Wrestler, selber für Fahrten und Hotelaufenthalte aufkommen müssen und weil viele keine ausreichende Ausbildung nachweisen können, sind sie gezwungen bis ins hohe Wrestlingalter in den Ring zu steigen.
Es gibt sehr wenige Ausnahmen und Randy ist keine davon. Dies wirft unweigerlich die Frage auf, weshalb man überhaupt den Beruf eines Wrestlers ergreifen möchte?
Die Antwort, die Ihnen jeder Wrestler geben würde ist folgende:
Es ist die Liebe zu den Fans und die Anerkennung, die sie für ihre Aufopferung von ihnen erhalten. Und dies beruht auf absoluter Gegenseitigkeit. Wrestler setzen ihren Körper beinahe täglich aufs Spiel nur um ihre Fans zu unterhalten.
Der Adrenalinkick, den sie dabei verspüren, wenn sie vor einem Live-Publikum auftreten gibt ihnen ein unbeschreibliches Gefühl. Allein die Tatsache, dass die Fans ihr hart verdientes Geld für eine Wrestling-Show ausgeben, anstatt für einen „echten“ Wettkampfsport zeigt, dass sich doch etwas mehr als nur „Show“ dahinter verbirgt. Einen solch’ gegenseitiger Respekt zwischen Fans und den Akteuren im Ring sehen wir nur selten bei anderen Sportarten.
Dies liefert uns Regisseur Darren Aronofsky in der stärksten Szene des Filmes, der Schlussszene und der damit verbundene Monolog von Randy im Ring, adressiert an seine Fans:

"I just want to say to you all tonight I’m very grateful to be here. A lot of people told me that I’d never wrestle again and that’s all I do. You know, if you live hard and you play hard and you burn the candle at both ends, you pay the price for it. You know in this life you can lose everything you love, everything that loves you. Now I don’t hear as good as I used to and I forget stuff and I ain’t as pretty as I used to be, but goddamn, I’m still standing here and I’m The Ram. As time goes by, they say ‚'he’s washed up', 'he’s finished', 'he’s a loser', 'he’s all through'. You know what? The only one who’s going to tell me when I’m through doing my thing is you people here. You’re my family."

Dieses Statement ist wahrlich eine Liebeserklärung und eine Hommage an alle Fans, denn sie sind in der Tat die wahre Familie eines Wrestlers und lassen ihn niemals im Stich. In Randys Fall wird dies ganz klar. Am Ende hat er alles verloren. Seine Tochter, seine Arbeit, seine Freundin, doch die Liebe seiner Fans hält ewig, denn nur im Ring fühlt er sich wirklich zu Hause und geborgen und wird nicht ständig von der Außenwelt verletzt. Seinen letzter Satz, den er im Backstage-Bereich an Pam richtet, verdeutlicht dies sehr gut: „ The only place I get hurt is out there. The world don’t give a s*** about me. [...] You hear them? This is where I belong.“

Mickey Rourke vs Randy „The Ram“ Robinson
Mickey Rourke schafft es mit seiner eindringlichen Darstellung ein ganzes Kinopublikum zu lähmen. Schauspieler und Figur verschmelzen ineinander. Rourke, der einst gefallene Hollywoodheld der 80er Jahre, versuchte sich in den 90er Jahren als Boxer. Doch die große Boxkarriere blieb aus und ein tiefer Abgrund ins Nichts folgte. Die psychischen sowie physischen Wunden sind heute deutlich erkennbar.
Die Rolle des Wrestlers ist Rourke auf dem Leib geschrieben, spiegelt in großen Teilen sein eigenes Leben wider. Seine Aufopferung, Ehrlichkeit und Hingabe für die Figur kennt keine Grenzen. Dieser Tatsache war sich auch Regisseur Aronofsky stets bewusst, als er den einstigen Hollywoodbeau für diese Rolle unbedingt verpflichten wollte.
14 Jahre ist Rourke von der Bildfläche verschwunden gewesen. Der Verlust des Ruhmes, des Geldes, der Freunde und der Familie haben diesen schwer zugesetzt. Auseinandersetzungen mit Autoritätspersonen sowie seine Aggressionen und Wutausbrüche sind kaum zu bändigen gewesen, bis er letztendlich auf Darren Aronofsky trifft und ihm die Rolle seines Lebens verspricht unter der Bedingung, dass er alles tue was der Regisseur von ihm verlangen würde und ihn dabei niemals in Frage stellen bzw. vor Cast und Crew seine Autorität untergraben würde.
Weiters erhielt der Hauptdarsteller die Möglichkeit, Teile des Drehbuches umzuschreiben um seine Dialoge mit eigenen Erfahrungen aus der Vergangenheit Ausdruck zu verleihen. Dies ist besonders im zuvor erwähnten Schluss-Monolog des Filmes, sowie auch im aufklärenden Gespräch mit seiner Tochter Stephanie, als er sie um Verzeihung bittet, der Fall. Diese Szenen sind komplett von Mickey Rourke improvisiert worden.

Was macht The Wrestler zu einem herausragenden Film?
Aronofsky bleibt mit der Kamera dicht bei seinem Hauptprotagonisten.
Der komplette Film ist mit der Handkamera gedreht worden, um einen dokumentarischen Stil zu erzeugen. Rourke verkörpert den Wrestler so gekonnt, sodass der Zuschauer das Gefühl bekommt, er sehe gerade ein Biopic eines echtes Wrestlers, denn seine Haltung, seine Gestik, seine Mimik sowie sein gesamtes Auftreten und Erscheinungsbild sind bestens aufeinander abgestimmt. Hinzu kommt, dass der Film an Originalschauplätzen spielt und dabei eine authentische Wrestling-Kulisse mit einem echten Ring und echten Wrestling Fans zeigt, denn die Aufnahmen im Ring sind unmittelbar nach einer echten Wrestling-Veranstaltung entstanden.
Weiterhin wurden für diesen Film zahlreiche Profi-Wrestler gewonnen. Mit dem ehemaligen Wrestler und heutigen Wrestling-Trainer Afa Anoa’i, der Mickey Rourke für den Film glänzend vorbereitet hat, konnte ein weiterer Star und Berater aus der Wrestling-Szene engagiert werden.
Eine große Anerkennung gebührt dem Regisseur, der diesmal auf aufwendige Montagearbeiten verzichtet hat ("Requiem for a Dream") und versucht mit "The Wrestler" eine geradlinige Story zu erzählen und die Kunst des Wrestlings, durch Blicke hinter die Kulissen, in den Vordergrund zu stellen. Der Zuschauer bekommt somit eine ausführliche Einführung in die Welt des Wrestlings.
Der Film ist ein bewegendes Portrait eines gefallenen Helden, der einfach erzählt ist und es durchaus verdient hat, bei einem breiten Publikum Gehör zu finden.
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1-3 von 3 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 03.06.2014 15:49:44 GMT+02:00
Ralf Wegmann meint:
Dem ist nichts hinzuzufügen. Danke für soviel Arbeit.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 03.06.2014 21:17:55 GMT+02:00
Vielen Dank und gern geschehen! Ich habe lange darauf gewartet über so einen Film eine solche Kritik schreiben zu können. :)

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 20.06.2014 21:29:04 GMT+02:00
Alux meint:
Eine wirklich super Rezension! Man sieht eindeutig das sich hier jemand mit der Materie auskennt und dazu noch sehr objektiv beschrieben hat. Danke!
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