Kundenrezension

18 von 22 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Sawallischs Meistersinger - super Sound und himmlischer Stolzing, 18. März 2013
Rezension bezieht sich auf: Wagner: Die Meistersinger von Nürnberg (Audio CD)
Ein Zufall nur, doch wie von des Meisters Hand gesteuert: Das Wiedererscheinen der "Meistersinger" aus dem Jahre 1993 von Wolfgang Sawallisch - nur einige Wochen nach dessen Tod, zum 200. Geburtstag Richard Wagners.
Diese Besonderheit macht vielleicht die Kaufentscheidung neben dem Preis und der hervorragenden Gesamtqualität noch einmal zwingender.

1993 versammelte Sawallisch eine illustre Sängerschar in München, um mit "seinem" Chor und Orchester der Bayerischen Staatsoper München eine Neuaufnahme der Meistersinger, quasi als Abschiedsgeschenk und Zeugnis seiner jahrzehntelangen Beschäftigung im Theater mit diesem Werk, einzuspielen.
Herausgekommen ist eine orchestral perfekte Aufführung, welche durchaus dem Motto Sawallischs, Deutlichkeit und Partiturtreue, entspricht. Sawallisch zelebriert mit "seinem" Staatsorchester keine vor Pathos berstende, sondern eine ungemein detailgetreue, fließende, transparente, doch dabei klangstarke, Wiedergabe. Das vielleicht beste Opernorchester Deutschlands, welches schon die Uraufführung spielte, ist ein prächtiger und mit Sawallisch über Jahrzehnte vertrauter Klangkörper, dem zuzuhören eine wahre Freude ist. Die Abstimmung zwischen den Instrumentengruppen ist perfekt, vor allem Blech und Holzbläser sind hervorzuheben. Zusammen mit den Sängern/Innen entstand eine moderne Aufführung, mit sehr kantablen Parlandopassagen, lyrischen Steigerungen und von zarten zu vollen Klangstärken wundervoll ausbalancierten Arbeit. Komik, Ernsthaftigkeit und Lyrismus halten sich die Waage. Dies ist die richtige Aufnahme mit moderner Klangtechnik, um das Werk kennenzulernen, ohne von individueller Interpretation geleitet zu werden.

Sawallischs Lesart ist geprägt von seiner unendlichen Erfahrung, was man besonders an dem Duktus des permanenten Flusses der Musik erleben mag. Eine ungemein präzise sowie in der Balance einmalige Deutung. Wenn etwas zu "beckmessern" wäre, dann nur, dass er den lyrischen Passagen oder zB besonders dem Vorspiel zum 3. Akt nicht noch mehr Raum und Poesie bzw. Tiefe gibt. Dies haben Abendroth, Kempe und Karajan sensibler, elegischer und sinnlicher musiziert. So sehr er sich im besten Sinne des Wortes als Kapellmeister geriert, dem es obliegt, die Partitur lebendig werden zu lassen und nicht seine persönliche Sichtweise, im Quintett zB wünschte ich mir einen ähnlichen Thrill, wie ihn Karajan 1951 in Bayreuth zaubert. Oder bei den Aufschwüngen des Preisliedes: Ein wenig mehr Agogik, Temporückungen und diese Aufnahme wäre perfekt UND einmalig, was wiederum am Sänger des Walther liegt.
Womit ich zu den Gesangsleistungen komme:
Den Lorbeer des besten Sängers ersingt sich triumphal Ben Heppner: Vom Klang seines leuchtenden (in der Mittellage ein wenig dunkel grundiert, zur Höhe strahlend hell) Tenors echt lyrisch, verfügt er über eine große Kraft und Tragfähigkeit, welche aus der obertonreichen Kopfklangbeimischung sowie seinem Stimmsitz in der Maske resultiert. Artikulation, Rhythmus, Legato und eine Tophöhe, die mit nie versiegender Kraft und Sicherheit erklingt, gepaart mit einer phänomenalen Mühelosigkeit, sind die herausragenden Merkmale dieses Tenors. Eine ideale Interpretation, frisch, ungestüm, leidenschaftlich (sogar mit bombensicherem hohen C), aber auch mit verhaltenen Momenten, zB wenn er und Eva sich verstecken bzw. im Quintett. In der Aufnahmegeschichte neben Peter Seiffert der beste Sänger dieser Rolle. Chapeau!
Bernd Weikl gestaltet den Sachs als einen kraftvollen Mann in den besten Jahren, jovial, mit Witz und Ironie ausgestattet, eher diesseitig und erdverbunden. Dank Sawallischs Begleitung kann er den vielen Parlandopassagen seiner sehr langen Partie einen runden Gesangston geben, um in den Monologen und ariosen Stellen mit saftig-vollem Ton zu überzeugen. Sein ehemals lyrischer Bariton hat an Kraft und Fülle, vor allem in der Tiefe, gewonnen, an Geschmeidigkeit und Leichtigkeit in der Höhe etwas eingebüßt. Dies steht der Partie allerdings insgesamt sehr gut an. Besonders sein Schusterlied (Jerum...) ist prachtvoll, wirkt durch seine "wie nebenbei" gesungenen Art überzeugend. Seine Textbehandlung ist durch seine jahrelange Erfahrung mit der Partie vorbildlich, seine Szenen mit Eva und Beckmesser sind überzeugend gestaltet, ohne in Übertreibungen zu verfallen. Die Monologe haben zwar nicht die große Ruhe und Autorität, ja Weisheit wie bei Hotter oder Schöffler, klingen dafür natürlich und selbstbewusst. Ein Mehr an klanglicher Differenzierung gerade im Wechsel zwischen Forte und Piano (nicht mehr so leicht und duftig wie früher, man höre "Johannistag") wäre noch besser. Aber das liegt wohl auch an seiner Rollenanlage, wie gesagt, eher diesseitig. Um eine jenseitige Gestaltung zu hören, möchte ich auf Schöffler und Hotter verweisen, zB wie sie die einleitenden Worte der Szene vor dem Wahnmonolog allein durch den Klang erhellen, das ist dann doch etwas anderes. Trotzdem, Weikl ist ein glaubhafter, männlicher Sachs, eine durchaus andere Gestaltung als die seiner Vorgänger.
Beeindruckend gelungen in der liedhaften Anlage seiner Partie, der seriösen Interpretation ohne jede Anwandlung von übertriebener Komik: Der Beckmesser des Siegfried Lorenz. Sein Bariton kontrastiert hervorragend zum saftigen Ton Weikls. Lorenz singt mit viel Legato und variabler Stimmführung. Die schwierigen Koloraturen seines Liedes gelingen souverän, mit weicher Tongebung gerade in der Höhenlage. Nahezu keine störenden "H's" sind zu hören. "Beckmesserisch" sei anzumerken, dass bei ihm das komische Element etwas auf der Strecke bleibt, die tragische Fallhöhe wird dadurch entschärft.
Die Eva der Cheryl Studer ist insgesamt sicher und tonschön gesungen. Sie gebietet über einen hellen, teilweise durch schnelles Vibrato geprägten Sopran, ein gutes Legato, eine saubere Artikulation und eine an den Höhepunkten aufblühende Stimme, welche der Partie absolut gerecht wird. Allein, die spezielle Innigkeit und der Jubelton einer Grümmer, die Gestaltungsakkuratesse einer Schwarzkopf (1951, vor allem das Quintett live!) wollen ihr nicht gelingen. Sie bleibt in gewisser Weise an der Oberfläche, schade angesichts der stimmlichen Möglichkeiten. Und ganz "beckmesserisch" sei am Ende des Quintetts das hohe B erwähnt, welches erst ganz zum Schluss die wirkliche Tonhöhe erklimmt. Dennoch eine insgesamt souveräne Leistung.
Dem David gibt Deon van der Walt mit seinem schlanken, sehr hellen Tenor viel Selbstbewusstsein. Seine sehr gute Artikulation, Höhensicherheit, sein Legato weisen ihn als trefflichen Sänger aus. Manche recht offen gesungenen Töne, vor allem auf dem Vokal "A", sind sicherlich Geschmackssache. Insgesamt überzeugt er als jungenhafter Lehrling, dem alles devote Gehabe gegenüber Sachs abgeht. Auch bei ihm hätte ich mir noch mehr Differenzierung in den Lautstärkegraden gewünscht.
Kurt Moll als Pogner gebietet kraft seines wundervollen Basses über die nötige Autorität, er ist ein Meistersänger und macht seine Auftritte zu Höhepunkten. Seine Stimme klingt weich, rund, voll und besonders die hohen Töne machen ihm hier keine Schwierigkeiten, ein rundum hervorragendes Portrait.
Cornelia Kallisch singt eine sehr souveräne Magdalene, sie wirkt kraft ihres Timbres glaubhaft älter als David.
Purer Luxus ist die Besetzung des Nachtwächters mit René Pape.
Und natürlich darf der Chor der Staatsoper hier endlich mal wieder seine Fähigkeiten unter Beweis stellen: Kraftvoller, ausgeglichener Sound, präzises artikulieren und musizieren, rhythmische Klarheit, breite Palette an dynamischen Abstufungen, all das bieten diese Sänger/Innen. Eine bessere Leistung ist nicht denkbar, klasse!
Alles in allem ist diese Aufnahme in digitalem Sound eine modern-klassische Version der "Meistersinger". Mit dem Kauf macht man alles richtig: Zu einem sensationellen Preis erhält man eine perfekt gespielte Gesamtaufnahme mit einem phänomenalen Walther, einem sehr guten, ausgewogenen Ensemble unter der meisterhaften Leitung eines wahren Kapellmeisters!
Wer noch andere Interpretationsansätze suchen und hören möchte, sei auf die bereits o.g. alternativen Aufnahmen verwiesen (ich nenne sie unten noch einmal), die gleichwohl neben ihren Stärken auch ihre Schwächen haben. Aber liegt nicht in dem Erkennen und Schätzen von Stärken statt stumpfer Bewunderung, ohne die Schwächen zu vergessen, das Ziel eines jeden ehrlichen und musikalischen "Beckmessers"?
Viel Vergnügen mit diesen "Meistersingern" und danke Wolfgang Sawallisch für das ehrbare Künstlertum.
Alternative Aufnahmen, entsprechend meiner subjektiven Sichtweise:
Hermann Abendroth, Bayreuth 1943, mit Schöffler, Suthaus, Scheppan, Kunz
Herbert von Karajan, Bayreuth 1951, mit Edelmann, Hopf, Schwarzkopf, Kunz
Rudolf Kempe, Berlin 1956, mit Frantz, Schock, Grümmer, Kusche
Herbert von Karajan, Dresden 1970, mit Adam, Kollo, Donath, Evans
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Von 1 Kunden verfolgt

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1-5 von 5 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 14.10.2013 11:25:12 GMT+02:00
Orsino meint:
Warum wird eine Hymne auf eine Aufnahme mit Wolfgang Sawallisch bei einer GA mit Herrn von Karajan veröffentlicht? Wo ist da der Nutzen, außer, dass der potientielle Käufer auf die andere Aufnahme umschwenkt? Eigentlich möchte man doch eine Rezension über die angebotene Aufnahme lesen, statt über eine völlig andere!!!

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 14.10.2013 13:33:30 GMT+02:00
Matt meint:
Verehrter Orsino,
Ihren Ärger kann ich verstehen, doch was glauben Sie, habe ich mit diesem Unsinn zu tun? Als Verfasser der Rezension scheine ich plötzlich das Lesen verlernt und den Text an die falsche Oper gesetzt zu haben? Denkbar, doch unzutreffend! Wenn Sie sich die Mühe machen wollen, verweise ich auf den Kommentarverlauf zu meiner Rezension der Oper "Capriccio" unter Sawallisch. Da hat Amazon mir schon einmal diesen "Ärger" verschafft, und innerhalb von 2 Tagen den Fehler korrigiert. Ich habe bereits Kontakt zu Amazon aufgenommen. Falls Sie mir aus diesem Grund eine negative Bewertung geschenkt haben, bin ich darob doppelt sauer. Vielleicht, und das wäre dann mein Wunsch für die Zukunft, schreiben Sie erst einen Kommentar und bewerten danach. So bin ich der Gefoppte, obgleich der Fehler im System liegt. Einen schönen Tag vom angesäuerten Matt.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 14.10.2013 14:13:42 GMT+02:00
Orsino meint:
Ich habe mir schon gedacht, dass AMAZON dahinter steckt und Ihre Bewertung ist übrigens so gut, dass ich die dazugehörige Aufnahme gesucht, gefunden und gekauft habe, also läge es mir fern, Ihre Ausführungen negativ zu bewerten. Ich finde es auch bedauerlich, dass diebezüglich bei AMAZON einiges schief läuft, was aber leider Nicht-Rezensenten nicht nachvollziehen können und daher dem Autor die Schuld geben. Vor meiner Seite ein herzliches "Danke!" für die ausführliche und hilfreiche Bewertung und leiten Sie mein Missfallen gern an AMAZON weiter. Ich wünsche Ihnen ebenfalls einen schönen Tag!!!

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 10.11.2013 17:09:45 GMT+01:00
Sagittarius meint:
Amazon ignoriert das Problem und schreibt dazu:"
Wie bereits mitgeteilt, ist es aufgrund der großen Anzahl der im Katalog angebotenen Artikel leider nicht immer möglich, alle Katalogeinträge fehlerfrei zu halten.
Wir möchten Ihnen einen effizienten und zufrieden stellenden Service bieten. Bitte entschuldigen Sie, dass wir Ihre Erwartungen kürzlich nicht erfüllen konnten.Weiterhin versichere ich Ihnen, dass wir Ihr Feedback zum Anlass nehmen, interne Prozesse zu überprüfen und zu optimieren.Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass wir uns nicht mehr zu diesem Thema äußern."

Kurz nachdem ich diese mail bekam, war ich wieder auf einer Seite, die von Fehlern nur so strotzte.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 24.09.2014 23:11:54 GMT+02:00
vully meint:
Ich habe dieses Problem der falsch zugeordneten Kritiken bisher nur bei klassischer Musik festgestellt.

Das scheint bei diesem Unternehmen - vorsichtig ausgedrückt - nicht unbedingt höchste Priorität zu haben.

Ich habe den Eindruck, dass irgendein Praktikant daran gesetzt wird, Kritiken zusammen zu suchen ("Carmen? Da habe ich doch schon mal was gesehen...").

Immer wieder doof, auch für potentielle Kunden, die immer wieder genau schauen müssen, ob die Kritik jeweils zum Produkt passt.
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