Kundenrezension

34 von 39 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Trotz Titel, Cover, Klappentext: Ein richtig gutes Buch!, 10. Januar 2003
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt (Taschenbuch)
Normalerweise hätte ich das Buch mit dem sperrigen Titel, dem seltsamen Klappentext und dem scheußlichen Cover nicht angefaßt - wäre es mir nicht empfohlen worden. Außerdem: Zeitgenössische Belletristik von Japanern? Japan, das ist Sony, Suhi, Sumo, Sado-Maso, Großkonzerne als Familienbetriebe mit tausenden von Geschwistern, Game-Shows, bei denen die Teilnehmer an den Füßen aufgehängt lebende Frösche essen müssen, Wohnungen in Sarggröße, null Individualität, alle fahren die gleichen Kleinwagen. Oder so.
"Hard-boiled Wonderland" ist allerdings so un-klischeemäßig-japanisch, wie man sich das nur vorstellen kann, der Vergleich mit zeitgnenössischer amerikanischer Literatur liegt weitaus näher, als derjenige mit Haiku und Stäbchenessen. Tatsächlich sind Murakamis Vorbilder hauptsächlich auf dem nordamerikanischen Kontinent zu suchen, einige von ihnen - Updike etwa - hat er selbst übersetzt. Dem Buch ist das deutlich anzumerken. Nicht zuletzt deshalb zählt der Autor zu den maßgeblichsten der "jüngeren" Szene Japans.
Ein - wie alle anderen Figuren auch - namenloser Mittdreißiger in der "nicht allzu fernen Gegenwart" Tokyos arbeitet als Kalkulator für "Das System", der zentralen Einrichtung für den Schutz von Daten-Copyrights. Kalkulatoren verfügen über außerordentliche kognitive Fähigkeiten, sind dazu in der Lage, im Dialog zwischen beiden Gehirnhälften große Zahlenkolonnen zu "waschen" oder, wie unser Protagonist, gar zu "shuffeln", ein Verfahren, das neu, komplex, geheim und - eigentlich - verboten ist. Wäre da nicht der skurrile Professor mit seinem hochgeheimen Laborkomplex, irgendwo in den Niederungen der Hauptstadt, der unseren Helden für einen Auftrag anwirbt. Eine Kette von seltsamen Ereignissen sucht den eigenbrötlerischen, whiskeytrinkenden und alte Hollywoodfilme verehrenden Protagonisten heim, von denen der Besuch durch die "Firma", der Gegenorganisation zum "System", noch zu den harmloseren gehört - trotz Folter und Zerstörung der Wohnungseinrichtung.
In einer Jetztzeit-Parallelhandlung erzählt Murakami von einem Menschen, der in eine seltsame, gefängnisartige Stadt kommt, am Tor gar seinen Schatten abgeben muß, in ein stoisches, aber konflikt-, ereignis- und wunschfreies, zielloses Leben gestoßen wird, sich damit aber - in Gegensatz zu den anderen Bewohnern - nicht so recht abfinden will. Diese sehr metaphorisch anmutende Nebenhandlung am "Ende der Welt" steht in direkter Verbindung mit dem Hauptgeschehen ("Hard-boiled Wonderland"), aber mehr zu erzählen würde zu viel vorwegnehmen. Gutes.
Murakami schreibt lakonisch, fast unterkühlt, enorm witzig, bild- und einfallsreich, und obwohl es sich anhört, als ginge es hier um einen Science-Fiction-Roman, ist "Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt" eine Hommage an das Individuum, ein Manifest gegen die Seelenlosigkeit des Alltags, ein Hilfeschrei gegen Ent-Individualisierung, ein Dokument gegen all jene Werte, die (nicht nur) die japanische Gesellschaft zu prägen scheinen - losgelöst von dem unaufdringlichen SF-Kontext, der die Story lediglich trägt. Das Buch liest sich eigenartig, aber leicht, verwirrt mit originellen Gedankenspielen, verwöhnt mit ungewöhnlichen Metaphern, wärmt mit ehrlichen Liebeserklärungen, beeindruckt mit kreativen Gedankenspielen - und ist einfach gut geschrieben.
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Kommentare


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1-5 von 5 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 21.06.2010 08:35:35 GMT+02:00
SM meint:
Selten so eine diskriminierende und Klischeebehaftete Einleitung gelesen. Japan ist wesentlich mehr als das, was sie beschreiben.

Herzliche Grüße, kopfschüttelnd
Sascha M.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 21.06.2010 10:03:22 GMT+02:00
Thomas Liehr meint:
Tja. Ironie muss man auch erkennen können. ;)

Herzlich,
Tom Liehr

Veröffentlicht am 31.10.2010 13:42:55 GMT+01:00
Rochen meint:
Ich habe das Buch zuerst auf Englisch gelesen und es mir später dann auf Deutsch ausgeliehen. Obwohl es sicherlich generell schwierig ist, eine nicht-europäische Sprache in eine europäische zu übersetzen, hätte ich das Buch wahrscheinlich beim Lesen der deutschen Ausgabe nach 2 Seiten wieder abgegeben. Murakami ist für sein enorm musikalisch-dynamischen Schreibstil bekannt. Sein Sprachrhythmus ähnelt dem eines kernigen Jazz-Grooves(>Jay Rubin - H.M. and the music of words). Nicht nur, dass die Übersetzung per se holprig ist und sich offensichtlich eher an der englischen Version zu orientieren scheint, negiert sie völlig den Sprachduktus des Protagonisten im zweiten Erzählstrang. In der englischen Version (wie im übrigen auch in der französischen Version) ließt sich die Geschichte dort wie lyrische Prosa - verschwunden ist alles lakonische,witzige und schelmische des ersten Erzählstrangs. (Im übrigen kennt das Japanische drei verschieden Formen des Ichs.) Ich denke, man sollte von Verlegerseite ein wenig mehr investieren und sich dem Ganzen mehr widmen.

P.S.: Das o.g. Buch von Jay Rubin (einer der engl. Übersetzer v. Murakami) ist sehr aufschlussreich und interessant für Leser, die weiter in Murakamis Welt eintauchen möchten. Es ist unter dem Titel "H.M. und die Melodie des Lebens erschienen -(ebenfalls eine Übersetzung, welche am Thema vorbei geht).

Veröffentlicht am 23.01.2011 17:40:12 GMT+01:00
Hendrik meint:
Hab das Buch selbst grad zur Hälfte durch - wirklich klasse!
Tolle Rezension, die es wirklich gut trifft.

Veröffentlicht am 27.06.2011 21:52:12 GMT+02:00
Zen-Cola meint:
@Rochen:
Inwieweit das Buch stilistisch vom Original abweicht, kann ich leider nicht beurteilen. Sie selbst scheinen diese Infos aber in erster Linie (?) aus Rubins Buch über Murakami zu haben. Wenn Sie dieses gelesen haben, müsste Ihnen aber doch bewusst sein, dass sehr wohl einiges unternommen wurde, um die sprachlichen Unterschiede der beiden Erzählstränge ins Deutsche bzw. Englische zu übertragen. Richtig, im Japanischen gibt es verschiedene Möglichkeiten, "Ich" auszudrücken. Eben dies tut Murakami (wenn man Rubin Glauben schenkt) im Original. Das "Ich" aus Hard-boiled Wonderland wird mit "watashi" bezeichnet, das vom Ende der Welt als "boku". Murakami schrieb beide Geschichten in der Vergangenheit. Im Deutschen gibt es nunmal nur eine "Ich"-Form, somit wurde Das Ende der Welt ins Präsens übertragen, um die Unterschiede deutlich zu machen. Gut, das ist nicht dasselbe ... aber es sollte erwähnt werden.

Bestes
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Rezensentin / Rezensent

Thomas Liehr
(TOP 1000 REZENSENT)    (REAL NAME)   

Ort: Berlin

Top-Rezensenten Rang: 981