Kundenrezension

20 von 27 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Bedrückend weil akribisch, 1. Juni 2014
Rezension bezieht sich auf: Heimatschutz: Der Staat und die Mordserie des NSU (Gebundene Ausgabe)
Einigen Negativ-Rezensenten scheint schon ein Detail auszureichen, Austs Buch zu verreißen und nur einen gelben Stern zu vergeben: Die vollkommen überbewertete Ost-Band "Böhse Onkelz" wird im vorliegenden Band offenbar fälschlich als "Rechtsrock-Band" bezeichnet. Manche Rezensenten sagen, dies sei inkorrekt, da sich die Band ja längst vom Rechtsdrill losgesagt habe. Das trägt allerdings kaum etwas zur historisch-paradigmatischen Sicht auf diese Musikantentruppe zu - und läßt ihre Anfänge im Dunkel. Leute wie Zschäpe allerdings hörten gern solch tiefergelegte Mucke. Ein Streit um des Kaisers Bart. Daher nun aber zum eigentlichen Thema, dem Buch:

Beate Zschäpe wird verhaftet. Schon zwei Stunden später beginnt man beim Verfassungsschutz mit dem Schreddern von V-Mann-Akten, um allzu Brisantes über deren staatliche Förderung zu vernichten. Am Ende der Affäre werden um die 800 Akten zerstört sein, eine Größe, die ungefähr der Seitenzahl des Bandes entspricht...

Austs Analyse ist eine ausbalancierte, kaum anklagende aber allein durch ihren Detailreichtum bedrückende und gut gelungene Darstellung der strukturell-institutionellen Begünstigung rechtsextremen, mörderischen Terrors in Form des NSU und seiner Helfershelfer in den Institutionen. Der Leser, der schon im Fall Yozgat aus Kassel an der offiziellen Darstellung verzweifelte, einem Mordanschlag in Anwesenheit eines V-Mannes vom Verfassungsschutz, der, obwohl frisch verheiratet, in Foren mit jungen Damen chattete, im Gegensatz zu den anderen Café-Besuchern und vom Mord angeblich gar nichts mitbekam, dieser skeptische Leser nun wird mit noch mehr Material zum Zweifeln versorgt. Der gleiche, hochgewachsene V-Mann nämlich, der sogar kurz zuvor noch mit einem Mann aus der rechtsextremen Szene telefoniert, sitzt im Internetcafé, legt das Geld auf den Tresen hinter dem die Leiche schon liegt - und verläßt das Lokal. Er meldet sich trotz Fahndung zwei Wochen lang nicht, bis ihm die Polizei auf die Schliche kommt, deren Ermittlungen dann vom Landesamt für Verfassungsschutz hintertrieben werden.

Der Terror nahm seinen Lauf im Osten. Dem Skeptiker wird mit diesem Werk auch noch das klar, was vielleicht nur DDR-Insider wußten und allen im Halse stecken bleiben sollte: Schon zu Zeiten der ostdeutschen Republik wurde die rechte Szene gepäppelt, um sie als Reservearmee gegen die eigentlichen Staatsfeine, die Bürgerrechtler einzusetzen. In der gesetzlosen Zeit nach der Perestrojka nahm die Anarchie des Mobs überhand und gipfelte in Hoyerswerda und anderswo. Verdanken wir, ketzerisch gefragt, das neue Nazitum eigentlich dem Sozialismus? In der wiedervereinigten Folgeetwicklung aber weiß man auch nicht mehr, wo in den fließenden Übergängen der Staat aufhört und der Nazi anfängt. Denn man hat sich hier etwas wachsen lassen um es zu beherrschen, hat die Kontrolle aber längst verloren. Daher kehrt man unters Parkett. Man schreddert und mauert, was das Zeug hält, erteilt weder Aussagegenehmigungen von V-Leuten noch gewährt man Einsicht in alle relevanten Akten (Andreas T. in Hessen, Corelli in Hamburg). Nicht umsonst bezeichnet der erfahrene Journalist Aust des NSU-Skandal als die größte Katastrophe seit Bestehen der Bundesrepublik. Alles passt systemisch auch zum Fall des Anschlages auf das Oktoberfest in den 80ern. Auch da tat man alles, um den rechten Hintergrund unter dem Teppich zu verstecken. Die Beschreibungen gipfeln in der Aussage eines V-Mannes, der sich beim Verfassungsschutz über seine Gewichtszunahme beschweren will, eine Behörde, die ihn bei all den opulenten Restaurantbesuchen so richtig gemästet hat... Kann sich jemand so etwas bei den RAF-Fahndungen der Siebziger vorstellen?
Eine Anekdote, die so typisch ist für das Versagen der Behörden (Versagen, oder vielleicht auch Nicht-ermitteln-wollen?): Zschäpe will sich stellen und ruft den Jenaer Polizeinotruf an. Dort kennen sie nicht mal den Namen Zschäpe! Oder der Tatort im Fall Kiesewetter wird als Treffpunkt für Polzeieinheiten ausgemacht, was in sich schon sehr ungewöhnlich ist. Mit dem Resultat, daß hunderte von Polizisten die wenigen Spuren zertrampeln. Nicht nur das: Kiesewetter tat Dienst in einer Einheit, in der zwei Beamte zeitweise Mitglieder des Ku-Klux-Klan Deutschland waren. Und Kiesewetter stammte aus Thüringen. Ihre Verwandschaft an einigen Stellen mit Berührungspunkten zur tätowierten Türsteher/Security-Szene. Eine thüringer Beamtin, verheiratet mit einem Onkel, der im Security-Geschäft ist, zieht aus Polizeicomputern tausende Dateien über Nazi-Ermittlungen und wird nur zeitweise suspendiert. Die Beamten aus dem Ku-Klux-Klan werden überhaupt nicht suspendiert: Man habe ja nicht gewußt, daß der Klan rassistische Ziele verfolge. Aust schreibt, daß sein Buch nur ein Anfang ist. Den ganzen Sumpf kann niemand aufarbeiten. Denn es wird weiterhin gemauert, was das Zeug hält.

Aust schreibt hoch spannend. Man kann den 800-seitigen Klotz kaum weglegen.
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1-5 von 5 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 30.08.2014 00:05:49 GMT+02:00
[Von Amazon gelöscht am 04.09.2014 08:40:50 GMT+02:00]

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 30.08.2014 09:39:23 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 30.08.2014 09:39:35 GMT+02:00
Das amazon-Rezensionsforum ist kein Dampfventil für die Enttäuschungen Abgehängter.

Veröffentlicht am 02.09.2014 16:26:18 GMT+02:00
N. Dogan meint:
@xxx
Es geht hier um ein Buch, nicht um Vorurteile.
@amazon
Solche Kommentare sollten gelöscht werden.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 03.09.2014 09:18:45 GMT+02:00
amazon löscht ihn nicht

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 04.09.2014 22:55:02 GMT+02:00
N. Dogan meint:
Amazon hat das doch gelöscht. (Wurde auch Zeit)
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