Kundenrezension

73 von 77 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ach, hätten wir bloß mehr von solchen Stammtischökonomen"!, 16. Oktober 2012
Rezension bezieht sich auf: Die Target-Falle: Gefahren für unser Geld und unsere Kinder (Gebundene Ausgabe)
Marktschreierische Titel wie "Rettet unser Geld! Wie der Euro-Betrug unseren Wohlstand gefährdet" oder "Europa braucht den Euro nicht" stoßen mich ein bißchen ab. Wie harmlos mutet da Hans-Werner Sinns "Die Target Falle - Gefahren für unser Geld und unsere Kinder" an. Regelrecht langweilig und um was für ein Ziel (target) geht es da überhaupt?

Nachdem Herr Sinn diesem Thema schon seit über einem Jahr nachspürt, wollte ich es nun genauer wissen.

Viele europäische Länder beneideten Deutschland lange um seine niedrigeren Zinsen, die es seiner Industrie zur Zeit der DMark erlaubten, sich billiger zu finanzieren. Durch die Schaffung des Euro wurde für diese Länder ein Traum wahr. Und wie Ausgehungerte gaben einige Länder sich der Völlerei hin. Nahmen Kredite -die andere ihnen gerne gewährten- auf und konsumierten, bzw. investierten in Immobilien. Auch nutzten die profitierenden Länder das billige Geld um ihre Staatsdiener besser zu bezahlen und dem in Westeuropa vorherrschenden Gehaltsniveau anzunähern.

Weil in diesen Ländern aber leider die Produktivität nicht im gleichen Maße anstieg, verloren deren Wirtschaftssektoren zunehmend an Wettbewerbsfähigkeit. Sinn schätzt, daß die Produktivität von Griechenland und Portugal eher der der Türkei entspricht. Um ihre Waren wieder wettbewerbsfähig anzubieten, müßten diese beiden Länder ihre Währung (sofern sie noch eine eigene hätten) um ca. 40 Prozent abwerten. Nachdem dies aber im Euro-Währungsbund nicht geht, müßten die Preise um diesen Betrag gesenkt werden. Stellen Sie sich vor, Sie müßten von heute auf morgen auf 40 Prozent Ihres letzten Einkommens verzichten!

Ab 2008 hätten die Kreditgeber der nicht mehr wettbewerbsfähigen Länder erkannt, daß es so nicht weitergehen könne und ihre Kredite aus diesen Ländern abgezogen, was sich dann zur Eurokrise auswuchs. Statt sich nun einzuschränken und nach Lösungen zu suchen, seien die reichen Euroländer dazu "überredet" worden, für die ausgefallenen Kreditgeber einzuspringen. Das Leben in Saus und Braus habe weitergehen können. So weit so verständlich für jemanden mit passablen Wirtschaftskenntnissen, der regelmäßig auch einen Blick in den Wirtschaftsteil seiner Zeitung wirft.

Hans-Werner Sinn weist in seinem Buch darauf hin, daß es aber ein noch viel größeres und bisher kaum diskutiertes -weil auch schwer zu erklärendes- Problem gebe: Die Target Falle!

Man stelle sich vor, daß ein Grieche das Fahrzeug eines deutschen Autoherstellers erwirbt. Vom Kunden wandert das Geld über den Händler an die Niederlassung dieses Autoherstellers in Griechenland. Dieser weist seine Bank an, das Geld nach Deutschland zu transferieren. Hierzu erteilt die Hausbank der griechischen Zentralbank (die für Geldtransaktionen ins Ausland zuständig ist) den Auftrag, das Geld an die Bundesbank weiterzuleiten, von der es dann an die Hausbank des Autoherstellers weitergeleitet wird.

Nicht hartes Gold sondern nur elektrische Impulse wandern von der griechischen Zentralbank an die Bundesbank. Die Geldscheine mit denen das Auto in Griechenland bezahlt wurde, verbleiben in Griechenland. Bei der Zentralbank wird eine Schuld gegenüber der Bundesbank vermerkt. Die Bundesbank verbucht eine Forderung gegenüber der griechischen Zentralbank.

Würden in ungefähr gleichem Maße Produkte aus Griechenland in Deutschland gekauft, könnten die Guthaben- und Schuldensalden bei den beiden Zentralbanken miteinander verrechnet werden. Nachdem die griechische Industrie aber nicht wettbewerbsfähig ist, kauft kaum einer Waren von dort und die Schulden gegenüber den Zentralbanken der Länder aus denen die Griechen munter Waren beziehen, steigen immer weiter an. Die Firmen einer Unternehmensgruppe sorgen zum Ende eines Geschäftsjahres dafür, daß die Konten untereinander ausgeglichen (auf Null gestellt) werden. Weil das aufgrund eines Konstruktionsfehlers bei der Schaffung des Euro für Transaktionen zwischen den Zentralbanken der Euroländer nicht vorgesehen sei, geschieht das, was für einen Konzern das Normalste der Welt ist, auf Zentralbankebene leider nicht.

Sinn argumentiert, daß die gigantischen Verbindlichkeiten, die die Krisenländer den Geberländern (und hier insbesondere Deutschland) gegenüber aufgebaut haben, dann ein immenses Problem darstellen, wenn eines der Krisenländer seine Zahlungsunfähigkeit erklärt bzw. aus dem Euro ausscheiden muß. Die Bundesbank müßte die aufgelaufenen griechischen Verbindlichkeiten aus dem Target-System abschreiben. Nachdem die Summe an allen Target-Verbindlichkeiten gegenüber der Bundesbank sich einer Billion Euro nähert, stelle dies eine riesige Gefahr für die Ersparnisse der Deutschen (bei Banken, in Lebens- und Rentenversicherungen etc.) dar. Diese würden vernichtet und bei der Vorsorge für den Lebensabend sehe es dann mau aus.

Die Darstellung von Sinn erscheint mir plausibel. Die Thematik ist sehr komplex und wohl nicht mit sehr einfachen Worten zu erklären, aber der Autor gibt sich redliche Mühe, ein breites Publikum zu erreichen. In der Einleitung weist er darauf hin, daß insbesondere die Kapitel 6,7 und 8 eine hohe Konzentration vom Leser verlangen und empfiehlt im Ernstfall diese Kapitel zu überfliegen. In der Tat ist die Schilderung der Zusammenhänge für den volkswirtschaftlichen Laien schwer zu erfassen und überschauen. Ich möchte jedem Interessierten anraten, durchzuhalten und das Buch bis zur letzten Seite zu lesen. Was Sinn schreibt ist geradezu unerhört und das Phlegma unserer Politiker am ehesten mit deren fachlich-intellektueller Überforderung zu erklären; wieviel VWL wird eigentlich im Jurastudium unterrichtet?

Was mir an Sinns Buch gefällt ist, daß er sich sehr vorsichtig ausdrückt und keineswegs die Abschaffung des Euro oder die ewige Vertreibung der Krisenländer aus dem Eurosystem fordert. Gegen Ende des Buchs empfiehlt er uns Europäern eine Orientierung am US-amerikanischen Zentralbankensystem, das sich über 150 Jahre evolutionär entwickelt habe. Ich bin bestimmt kein Fan amerikanischer Konzepte, aber was Sinn über das US-System schreibt, scheint mir vernünftig.

Natürlich ist an manchen Stellen Kritik an unseren Politikern herauszulesen (Erinnert sich noch jemand an Bundeskanzler Schröder, der einen ständigen Sitz in der UNO für Deutschland forderte?). Und Hans-Werner Sinn ist offensichtlich frustriert über die Zugeständnisse deutscher Politiker an unsere europäischen Partner. Wenn man sich die möglichen Folgen eines Zusammenbruchs des Systems für deutsche Sparer und Renter vor Augen führt, so ist das sehr gut nachzuvollziehen.

Meine Kenntnisse in VWL reichen bei weitem nicht aus, um mir ein Urteil zu erlauben, ob Herr Sinn alles richtig sieht und darstellt. In der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 4. März 2012fand ich folgende Aussage: "Doch ein Hans-Werner Sinn lässt sich nicht abspeisen. Im Gegenteil: Wenn er auf Widerstände stößt, nimmt seine Energie noch zu. Innerhalb seines Forschungsinstituts stellte Sinn vier Hypothesen auf, was hinter den geheimnisvollen Salden stecken könnte: Seine Kollegen bat er, alle Argumente vorzutragen, die eine dieser Hypothesen falsifizieren könnte" Dieses Zitat macht mich glauben, daß Herr Sinn recht hat. Viel zu viele versuchen ihre Hypothesen ausschließlich zu verifizieren und sehen deshalb selten alles; wenn aber eine Hypothese nicht falsifiziert werden kann, dann muß sie stimmen. Charles Darwin, der Entdecker der Evolutionstheorie (siehe meine Bemerkung zur Entwicklung der amerikanischen Zentralbanken), ist übrigens genauso vorgegangen.

Norbert Häring stellte am 11.10.2012 im Handelsblatt die Frage, ob Hans-Werner Sinn ein Stammtischökonom sei und kam zu einem eindeutigen Ja: "Ökonomen müssen ... sich zu den Themen ...zu Wort melden... mit Worten, die der normale Mensch versteht ..."

Genau das beweist Hans-Werner Sinn in der Target Falle. Ich empfehle dieses wichtige Buch uneingeschränkt, sollte Herr Sinn das Gefahrenpotential überschätzt haben, umso besser!
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