Kundenrezension

23 von 29 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Betroffenheitsliteratur, die die Welt nicht braucht, 13. Dezember 2009
Rezension bezieht sich auf: Glister: Roman (Gebundene Ausgabe)
John Burnsides Glister" läßt sich nur schwerlich einem Genre zuordnen, angesiedelt in der Schnittmenge zwischen Kriminalroman und Gesellschaftskritik. Letzteres hatte der Autor sicherlich im Auge, beides hat er grandios verfehlt.

Ein verstörend ehrliches Buch über Einsamkeit und moralische Verwahrlosung" (Klappentext). Genau dieser Klappentext hatte mein Interesse geweckt. Leider stellte sich Glister" als ein verstörend schlechtes Gemisch aus Betroffenheitsliteratur, Pseudogesellschaftskritik und Esoterik heraus. Meine Empfehlung daher: Finger weg von diesem Buch!

Vordergründig geht es um Jungen, die aus einem Ort namens Innertown verschwinden und verstümmelt aufgefunden werden. Innertown ist der Inbegriff des postindustriellen Sodom und Gomorrha. Der Ort wird dominiert von einer verkommenen Chemiefabrik. Die Bewohner des Orts erkranken an seltsamen Leiden, die irgendwie mit dem, was in der Chemiefabrik zu früherer Zeit produziert wurde, in Zusammenhang zu stehen scheinen. Die Jugendlichen der Stadt zieht es in die Ruinen der Chemiefabrik, wo sie auf Jagd nach Kleingetier gehen und ihre sadistischen Phantasien ausleben. Der Ortspolizist leidet unter Schuldgefühlen, da er geholfen hat die Ermordung der Jungen zu vertuschen, um so ein nicht weiter beschriebenes Stadtentwicklungsprojekt für Innertown zu ermöglichen. Die Eltern der verschwundenen Jungen sind entweder Alkoholiker oder krank oder haben sich vor Jahren aus dem Staub gemacht. Sind die Eltern der Kinder vor allem durch totale Apathie charakterisiert, zeichnen sich die Jugendlichen durch den totalen Verlust von Empathie und Moral aus. Kleintiere werden mit Haarnadeln aufgespießt und menschliche Nähe bedeutet für die Jugendlichen Sex. Soweit der gesellschaftliche" Rahmen der Geschehnisse.

Der eigentliche Protagonist des Romans ist der 15jährige (!!) Leonard. Wenn er nicht gerade mit seiner Freundin Elspeth ausgiebig "vögelt" (oder mit der etwas zurückgebliebenen Eddie gleiches tut), seinen kranken Vater versorgt, in der Ruine umherwandert oder seinen Freund den Mottenmann" trifft, verbringt Leonard seine Zeit lesend. So besteht das erwähnenswerte erste Aufeinandertreffen von Elspeth und Leonard in der Ortsbibliothek darin, dass Elspeth Leonard nach wenigen Sätzen einen Blow job anbietet, dieser dankend annimmt und die beiden hinter dem Haus zur Tat schreiten. Leonard hat (natürlich) einschlägige Erfahrung, schließlich hat er sich schon mal für 10 Pfund von einer wildfremden alten Frau" in gleicher Weise verwöhnen lassen. So kann Leonard nun fachkundig dem Leser mitteilen, dass Elspeth durchaus Talent hat: Und sie macht es gut, wirklich gut, nicht wie die alte Frau." Elspeth ist eine Person mit einem ganz persönlichen Tiefgang in Burnsides Roman: Eigentlich will Elspeth auch keine Klassiker. Was sie mag (...) sind Pornohefte. (...) Ihr Problem ist , dass sie einen verdammt guten Fick nötig hat." Dieses besondere Interesse Elspeths ermöglicht es dem Leser im weiteren noch einige Details zu einem Sexspiel zu erfahren, welches "französische Jugendliche so miteinander treiben".

Ansonsten ist Leonard eine Kenner von Proust und hat ein besonderes Herz für die Brüder Karamasow. Dies führt dann dazu, dass uns dieser von Testosteron strotzende 15jährige zwischen seinen zahlreichen Samenergüssen mit den Gedanken der französischen und russischen Weltliteratur vertraut macht und gegen Ende des Buches noch die biblischen Ausmaße dessen, was um ihn herum geschieht, realisiert. Die Person Leonards ist einer der Punkte, an denen ich mich gefragt habe, ob Burnside nicht auch irgendwann Zweifel gekommen sein müssen, ob er seinen Roman zu sehr mit Klischees überlädt. Vielleicht hätte es geholfen, wenn er Leonard wenigstens ein paar Jahre älter gemacht hätte, so dass diese für den Roman elementare Figur etwas weniger unrealistisch wirken würde.

Der Inhalt der Erzählung bleibt nebulös und lebt im Wesentlichen davon, dass der Leser sich aus den zahllosen Anfängen roter Fäden und Andeutungen, seine eigenen Schlussfolgerungen zusammenstellen kann. Erst auf den letzten 30 Seiten versucht Burnside noch seine Philosophie an den Leser zu bringen (allerdings auf Kosten eines wirklichen Romanendes). Kostprobe gefällig? ... ... dass die Seele feucht und dunkel ist, eine Kreatur, die dem menschlichen Körper wie ein Parasit anhaftet und sich von ihm ernährt, eine Kreatur, die nach Erfahrung und Macht hungert, die besessen ist von einer schier unmenschlichen Freude, die sich einen Dreck um ihren Wirt kümmert ..." oder Ich sage ja nicht, dass wir den Menschen in Somalia wirklich helfen oder der Vernichtung des Regenwalds Einhalt gebieten können, nur empfinden wir eben nichts als ein leichtes Gefühl des Unbehagens oder der Verlegenheit ... und es ist unverzeihlich, dass wir unsere Leben einfach weiterführen, wenn doch irgendwo auf der Welt derlei geschieht.". Hier spricht John Burnside direkt zu seinem Leser. Als Leser hätte ich mir gewünscht, dass der Autor sich seine flach moralisierende Betroffenheit für einen Zeitungsartikel aufgehoben hätte, und uns die 280 Seiten einer haarsträubend unsinnigen und oberflächlichen Erzählung erspart hätte.
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