Kundenrezension

78 von 87 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Da wäre mehr drin gewesen, 12. Oktober 2009
Rezension bezieht sich auf: Hiobs Brüder: Historischer Roman (Gebundene Ausgabe)
Eins vorne weg: Als echter Fan von Rebecca Gablés historischen Romanen sehe ich dieses Buch im Vergleich zu seinen Vorgängern. Trotz einigen Kritikpunkten gehört es für mich deshalb immer noch mit zu den lesenswertesten Vertretern seines Genres.

Merkwürdig, wie schnell 900 Seiten vorbei sein können. Diese Erkenntnis kam für mich als Kenner einiger anderer Romane der Autorin natürlich nicht überraschend- überrascht hat mich allerdings das Gefühl, das "Beste" verpasst zu haben, das sich nach der Lektüre einstellte. Trotz der unbestreitbaren Länge des Romans scheint die Autorin sich diesmal weder für die historischen Persönlichkeiten, noch für die Entwicklung der fiktiven Charaktere besonders viel Zeit genommen zu haben. Das liegt wohl teilweise am Aufbau der Geschichte, der diesmal vom bewährten Schema abweicht. Hiobs Brüder beginnt nicht mit einem jungen Protagonisten in der überschaubaren Welt seiner Kindheit, der dann auszieht, um Erfahrungen zu machen und den bedeutenden Persönlichkeiten der Weltgeschichte zu begegnen, sondern mit einem Mann, der nach dem Verlust seines Gedächtnisses und seiner Stellung zu den Ausgestoßenen der Gesellschaft gehört. Die verwirrten und verlorenen Hauptpersonen passen gut zur Darstellung einer Epoche, die als die Anarchy bekannt ist. (Leser von Ken Follett dürften mit dieser Zeit übrigens schon vertraut sein. Da Die Säulen der Erde sich aber nur am Rand mit politischen Entwicklungen beschäftigt und über weite Strecken eher eine Art literarischer Kostümporno ist, hält sich die Wiedererkennung in Grenzen.)
Das erste Drittel des Romans, in dem der Leser mit der chaotischen Situation im Land vertraut gemacht wird, ist eindeutig der eindrucksvollste Teil. Es hat seelische Abgründe, skurrile Figuren und ein spannendes Geheimnis zu bieten. Nachdem der Protagonist Losian/Alan sich erwartungsgemäß als wichtiger Mann herausgestellt hat, weist die Geschichte allerdings doch einige Schwächen auf. Die romantischen Verwicklungen, die zu Alans Geburt geführt haben, wirken in der Nacherzählung ziemlich unglaubwürdig und weit hergeholt. Auch der Konflikt mit seinem Cousin und seiner Frau macht einen merkwürdig lieblosen Eindruck. Überhaupt werden die weiblichen Figuren diesmal hastig abgehandelt. Eleonore von Aquitanien, dem "It-Girl" ihrer Zeit, wird ebenso wie der streitbaren Kaiserin Maud nur ein sehr kurzer Auftritt zugestanden, für die Charakterisierung von Alans Frauen bleibt so wenig Raum, dass der Leser sich auf dessen persönliche Einschätzung verlassen muss: Miriam ist äußerlich gelassen, aber klug und lebhaft, Susanna dagegen dumm und niederträchtig (Was man offenbar schon daraus schließen sollte, dass sie wie ihre Vorfahrin Beatrice Baynard aus Das zweite Königreich aussieht). Auch Alan ist als Protagonist weit weniger interessant, nachdem sich herausgestellt hat, dass sein dunkles Geheimnis darin besteht, Zeuge eines Verbrechens geworden zu sein.
Überhaupt fehlt der Geschichte in den beiden letzten Teilen ein grundlegender Konflikt, wie etwa in Das Lächeln der Fortuna Robins Kampf um Waringham, oder Caedmons Kampf um Aliesa in Das zweite Königreich, oder Julians Interessenskonflikt zwischen Sympathie für Edward und Loyalität zu den Lancasters. Für jedes Problem wird diesmal gleich eine Lösung gefunden, und auch mit Schicksalsschlägen hält die Autorin sich zurück. Sterben müssen nur die Bösen; kann sich jemand nicht entscheiden, wird ihm das auch durch das Schicksal abgenommen. Irgendwie läuft hier alles immer ein bisschen zu glatt und geht zu schnell. Das liegt wohl auch daran, dass der Zeitrahmen diesmal wesentlich enger gesteckt ist als sonst.
Natürlich ist es Geschmackssache, ob man sich von einem historischen Roman die Darstellung einer längerfristigen Entwicklung oder die genaue Schilderung gesellschaftlicher Verhältnisse zu einem Zeitpunkt in der Geschichte wünscht. Meiner persönlichen Meinung nach führt die Beschränkung hier dazu, dass Gablé einen ihrer größten Pluspunkte, nämlich ihr historisches Fachwissen, weniger zur Geltung bringen kann als in den vorangegangenen Büchern. Ich hoffe, diese Entscheidung hängt nicht damit zusammen, dass der Trend in der historischen Literatur zur Zeit zu Krimis geht, oder damit, dass ihr jemand nahe gelegt hat, sich kürzer zu fassen. Simon, Godic und Wulfric, King Edmund, Henry Plantagenet und Aliénor hätten mich auch noch über weitere zweihundert Seiten gefesselt. Für Fans langer und gut recherchierter historischer Romane führt an Rebecca Gablé zur Zeit kein Weg vorbei. Hoffentlich lernt sie auch in Zukunft nicht, sich kurz zu fassen.
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Kommentare

Von 1 Kunden verfolgt

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1-5 von 5 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 19.10.2009 12:46:53 GMT+02:00
Has meint:
Sehr treffend.

Veröffentlicht am 29.04.2010 12:05:32 GMT+02:00
munichangel meint:
Dem kann ich nur zustimmen. Ich bin als Fan von R.G. ziemlich enttäuscht, von Ihrer aktuellsten Geschichte.

Veröffentlicht am 09.11.2011 22:28:35 GMT+01:00
K. Klink meint:
Ich kann dem Kommentar nur zustimmen - wobei ich einen Kritikpunkt nicht teilen möchte: es geht dieses Mal tatsächlich alles sehr glatt, die ständigen Schicksalsschläge bleiben aus, es gibt schnell Lösungen.
Das ist anders als in den anderen Romanen, daher empfand ich es aber auch als eher "erfrischend"...

Veröffentlicht am 21.01.2012 12:19:54 GMT+01:00
R. Steiner meint:
Mir ging es nach der Lektüre des Buches exakt genauso. Und auch ich war - freilich auf hohem Niveau, wenn man die derzeitige Schwemme an historischen Romanen betrachtet - von diesem Gablé enttäuscht.

Veröffentlicht am 26.10.2012 21:57:32 GMT+02:00
Chris meint:
Hallo,
wenn Ihnen dieser Roman von R.G. nicht so richtig gefallen hat, dann könnte mein zweiter Roman Sie vielleicht interessieren. Schauen Sie ihn doch einmal an.
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