Fashion Sale Hier klicken Jetzt informieren reduziertemalbuecher Cloud Drive Photos Learn More saison yuneec Hier klicken Fire Shop Kindle PrimeMusic Autorip Summer Sale 16
Kundenrezension

10 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Ode an den Menschen, 29. Dezember 2007
Rezension bezieht sich auf: Against the Day (Taschenbuch)
Am 20. November 2006 hat das schreibende Mysterium namens Thomas Pynchon seinen neuen Roman "Against the Day" veröffentlicht. Dies ist erst der sechste Roman des Autors, der vor gut 40 Jahren die literarische Weltbühne betrat. Verwirrend, chaotisch, unverständlich; Pynchon sprengte und sprengt alle Maßstäbe. Konsequent verweigert er sich den Konventionen des hergebrachten Erzählens und katapultiert den willigen Leser in eine Welt bestehend aus unzähligen Charakteren samt deren Schicksalen, die mal mehr, meist aber weniger miteinander verknüpft sind, verwirrt mit seitenlangen Diskussionen diverser mathematischer Problematiken auf Doktorandenniveau sowie drogengeschwängerten Gesprächen über die Möglichkeiten einer vierten Dimension samt deren Auswirkungen auf unsere als natürlich empfundene Raum-Zeit-Struktur. Mit 1085 Seiten ist "Against the Day" Pynchons bisher längster Roman, deren Inhalt und Charakter kaum im Rahmen einer Rezension adäquat repräsentiert werden kann. Kein Grund natürlich, es nicht trotzdem zu versuchen.

Es gibt sogar so etwas wie einen Plot, der viele der im Roman auftauchenden Figuren, sei es auch noch so periphär, miteinander verbindet. Im Auftrag des grundbösen Großkapitalisten Scarsdale Vibe wird der Anarchist Webb Traverse von den beiden Auftragskillern Deuce Kindred und Sloat Fresno ermordet. Webbs Söhne schwören Rache, was sie im Laufe der Handlung aus unterschiedlichsten Gründen in alle Ecken der Welt und darüber hinaus verschlägt. Kit studiert, auf Kosten von Scarsdale Vibe, Mathematik in Göttingen, bis Vibe sich eines besseren besinnt und Kit auf seine persönliche Abschussliste setzt. Reef gerät auf vielen Wegen und über seinen Bruder Kit in die Gesellschaft der schönen Mathematikerin Yashmeen Halfcourt sowie des Strichers Cyprian Latewood und bereist im Auftrag der geheimen TWIT Organisation die halbe Welt. Zur Entspannung zelebrieren die drei die wildesten Sexorgien. Frank, dem dritten Bruder, gelingt es recht schnell, einen der beiden Killer zu töten, muss dann aber selbst um sein Leben fürchten. Lake, Webbs einzige Tochter, heiratet einen der beiden Mörder ihres Vaters und wird deren beider Sexsklavin.

Das Rachemotiv kommt auch im Titel des Romans zum Ausdruck. Im fünften Buch Mose heißt es: "Is not this preserved in my treausury, Against the day of vengeance and requital, against the time they lose their footing. Close at is the day of their disaster and their fate is rushing upon them" (Deut. 32, 34-5). Doch die Rachestory ist, wie gesagt, nur eines von vielen Thematiken des Romans. Daneben bilden Zeit und unserer Sinn für Geschichte weitere Schwerpunkte: "Your whole history has been one religious war, secret crusades, disguised under false names" belehrt der Engländer Prance den Amerikaner Kit. "You tried to exterminate African shamanism by kidnapping half the continent into slavery, giving them Christian names, and shoving your particular version of the Bible down their throats, and look what happened" (777).

Da sich der Roman zwischen den Jahren 1893 und der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg abspielt, spielt sie "Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts", so die Bezeichnung des Historikers George Kennan, die Rolle des unfassbaren, unabwendbaren Unglücks im Leben der Charaktere. Nur einige Zeitreisende, die den Horror bereits erlebt haben, wissen ob der Zukunft und fungieren als Propheten des Untergangs der Welt, so wie sie im Roman noch ist: "This world you take to be 'the' world will die, and descend into Hell, and all history after that will belong properly to the history of Hell [...] Flanders will be the mass grave of History" (554). Und auch Cyprian wird auf dem Balkan eines besseren belehrt, was den Sinn der Geschichte angeht: "What North Europe thinks of as its history is actually quite provincial and of limited interest. Different sorts of Christian killing each other, and that's about it. The northern powers are more like administrators, who manipulate other people's history but produce none of their own [...] Lives as they are lived, deaths as they are died, all that is made of flesh, blood, semen, bone, fire, pain, shit, madness, intoxication, visions, everything that has been passing down here forever, is real history" (828). Doch was hat das alles nun zu bedeuten? Vielleicht, dass der einzelne Mensch mit seinem eigenen Leben, von denen es im Roman so viele gibt, hilflos ist gegenüber den großen historischen Entwicklungen, die aber wiederum vom Menschen erst möglich gemacht wurden. So ist der Erste Weltkrieg ohne den menschgemachten technischen Fortschritt nicht zu erklären.

Es bedarf schon einiges, sich auf diesen Roman einzulassen. Bei einigen Kapiteln wusste ich weder, wo und zu welchem Zeitpunkt die Handlung spielt und wer eigentlich die Beteiligten sind. Und irgendwann taucht dann ein Name auf, der vor hunderten von Seiten schon einmal in einem Nebensatz erwähnt wurde. Und wenn plötzlich Hunde anfangen, in alten slavischen Sprachen zu sprechen (vgl. S.784) oder Romane von Henry James zu lesen (vgl. S.5), muss man das auch zuerst einmal sacken lassen. Zentrum der Handlung ist eben nicht der Plot, sondern die Lebensgeschichten der einzelnen Menschen mit ihren Schicksalen, Tragödien, Ängsten, Obsessionen, Sehnsüchten, Mordgelüsten, Geldgier usw. Sie befinden sich in einer Welt, in der Geschichte und Zeit sich dermaßen beschleunigt haben, dass der Einzelne die Kontrolle über sein persönliches Schicksal nicht mehr in den eigenen Händen hält. Die Katastrophe, der Krieg, lauert am zeitlichen Horizont und im Angesicht des industrialisierten Massenmordes erscheint es zunehmend seltsam, was allein der Tod eines einzelnen Menschen, Webb Traverse, für Entwicklungen auslöst. Mehr als 1000 Seiten für einen Toten. Was für ein Buch wäre denn dann zu schreiben, um die Schicksale der Millionen Toten des 20. Jahrhunderts darzustellen? So ein Buch kann es gar nicht geben! Vielleicht liegt allein dieser genuin humanistischer Gedanke dem Roman zu Grunde.

"On this island [...] no one ever speaks plainly [...] - all English, spoken or written, is looked down on as no more than strings of text cleverly encrypted. Nothing beyond. Any who may come to feel betrayed by them, insulted, even hurt, even grievously, are simply 'taking it too seriously'" (224). Es ist, als ob Thomas Pynchon höchst selbst hier auf die Reaktionen auf seine Romane in den vergangenen vierzig Jahren reagiert und der Welt zuruft: "Grämt euch nicht, erfreut euch einfach an meiner Sprache, meinen Charakteren und deren aberwitzigen Abenteuer. Spart euch eure geradezu krankhafte Sinnsuche in jedem Nebensatz." Und in der Tat bietet "Against the Day" zahllose Einzelepisoden, die das gesamte Spektrum menschlicher Erfahrungsmöglichkeiten abdecken. Was bleibt ist ein Leseerlebnis der besonderen Art, auch wenn man "den Sinn" nicht zu entdecken vermag. Einen Stern Abzug gibt es, weil Pynchon sein Meisterwerk "Gravity's Rainbow" von 1974 nicht überbieten kann und nun wohl damit leben muss, immer daran gemessen zu werden. Trotzdem natürlich ist auch "Against the Day" nichts weniger als ein magnus opum der englischsprachigen Literatur.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein

[Kommentar hinzufügen]
Kommentar posten
Verwenden Sie zum Einfügen eines Produktlinks dieses Format: [[ASIN:ASIN Produkt-Name]] (Was ist das?)
Amazon wird diesen Namen mit allen Ihren Beiträgen, einschließlich Rezensionen und Diskussion-Postings, anzeigen. (Weitere Informationen)
Name:
Badge:
Dieses Abzeichen wird Ihnen zugeordnet und erscheint zusammen mit Ihrem Namen.
There was an error. Please try again.
">Hier finden Sie die kompletten Richtlinien.

Offizieller Kommentar

Als Vertreter dieses Produkt können Sie einen offiziellen Kommentar zu dieser Rezension veröffentlichen. Er wird unmittelbar unterhalb der Rezension angezeigt, wo immer diese angezeigt wird.   Weitere Informationen
Der folgende Name und das Abzeichen werden mit diesem Kommentar angezeigt:
Nach dem Anklicken der Schaltfläche "Übermitteln" werden Sie aufgefordert, Ihren öffentlichen Namen zu erstellen, der mit allen Ihren Beiträgen angezeigt wird.

Ist dies Ihr Produkt?

Wenn Sie der Autor, Künstler, Hersteller oder ein offizieller Vertreter dieses Produktes sind, können Sie einen offiziellen Kommentar zu dieser Rezension veröffentlichen. Er wird unmittelbar unterhalb der Rezension angezeigt, wo immer diese angezeigt wird.  Weitere Informationen
Ansonsten können Sie immer noch einen regulären Kommentar zu dieser Rezension veröffentlichen.

Ist dies Ihr Produkt?

Wenn Sie der Autor, Künstler, Hersteller oder ein offizieller Vertreter dieses Produktes sind, können Sie einen offiziellen Kommentar zu dieser Rezension veröffentlichen. Er wird unmittelbar unterhalb der Rezension angezeigt, wo immer diese angezeigt wird.   Weitere Informationen
 
Timeout des Systems

Wir waren konnten nicht überprüfen, ob Sie ein Repräsentant des Produkts sind. Bitte versuchen Sie es später erneut, oder versuchen Sie es jetzt erneut. Ansonsten können Sie einen regulären Kommentar veröffentlichen.

Da Sie zuvor einen offiziellen Kommentar veröffentlicht haben, wird dieser Kommentar im nachstehenden Kommentarbereich angezeigt. Sie haben auch die Möglichkeit, Ihren offiziellen Kommentar zu bearbeiten.   Weitere Informationen
Die maximale Anzahl offizieller Kommentare wurde veröffentlicht. Dieser Kommentar wird im nachstehenden Kommentarbereich angezeigt.   Weitere Informationen
Eingabe des Log-ins
  [Abbrechen]

Kommentare

Kommentare per E-Mail verfolgen

Sortieren: Ältester zuerst | Neuester zuerst
1-1 von 1 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 12.02.2014 17:30:40 GMT+01:00
Danke für die Zusammenfassung. Ich bin beim Lesen des Romans in der ersten Hälfte steckengeblieben. An der Rez. überzeugt mich nur die Begründung für den Sternabzug nicht. Grundsätzlich schreibt Pynchon, so deute ich den Tenor der Besprechung, eine Liga für sich. Dem würde ich zustimmen. Wenn man nun aber außergewöhnlichen Schülern oder Studierenden, nur weil sie in einzelnen Arbeiten ihr eigenes Niveau nicht mehr ganz erreichen, keine 1 mehr geben würde, wäre das kaum mehr aussagekräftig. Aber Sie nennen ja auch andere Gründe (schräge und unglaubwürdige, vielleicht spinnerte Stellen), die den Abzug ja auch rechtfertigen können. Habe ich Sie damit richtig verstanden?
‹ Zurück 1 Weiter ›

Details

Artikel

Rezensentin / Rezensent


Ort: Bochum

Top-Rezensenten Rang: 161