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4.0 von 5 Sternen Guldas Beethoven: Mutig!, 8. Dezember 2010
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Rezension bezieht sich auf: Gulda spielt Beethoven: Klaviersonaten 1-32 + Klavierkonzerte 1 - 5 (Audio CD)
Von Ludwig van Beethovens Klaviersonaten, dem "Neuen Testament der Klavierliteratur", gibt es zahlreiche Einspielungen. Beinahe jeder Pianist unserer Zeit macht sich früher oder später daran, die 32 Sonaten einzuspielen. Manche Interpreten wie etwa Wilhelm Kempff legten im Laufe ihrer Karriere sogar mehrere Gesamteinspielungen vor. Der österreichische Pianist Friedrich Gulda entschied sich verhältnismäßig früh, nämlich Ende der 60er Jahre im Alter von noch nicht einmal vierzig Jahren, die Beethoven Sonaten aufzunehmen. Was dabei herauskam, ist eine der bis heute umstrittensten Deutungen dieses unermesslichen Zyklus'. Fünf Jahre später, 1973, zeichnete Gulda dann noch zusammen mit den Wiener Philharmonikern unter Horst Stein sämtliche Klavierkonzerte des Vollenders der Wiener Klassik auf. Sowohl die Sonaten als auch die Konzerte sind hier eingespielt und erfreuen sich trotz ihres hohen Alters bester Tonqualität. Als kleine Zugabe gibt's eine Einspielung der 23. und der 24. Klaviersonate aus dem Jahre 1973. Leider muss der geneigte Hörer auf ein umfangreiches Booklet verzichten.

Guldas Beethoven: Was ist das? Der österreichische Pianist verfolgt eine radikal andere Herangehensweise als seine Zeitgenossen. Stilbrüche sind keine Seltenheit und wie kein anderer betont er die Ecken und Kanten des beethovenschen Sonatenkosmos'. Das zeigt sich sogleich bei seiner kraftvollen, dynamischen Deutung der drei Sonaten aus op. 2. Selten hat es ein Pianist gewagt, das Prestissimo der f moll Sonate wirklich als solches zu spielen. Selten habe ich das wundervolle Allegro con brio der C Dur Sonate packender und mitreißender gehört.
Sein flottes Tempo gereicht ihm immer wieder zu glanzvollen Momenten. Doch mitunter gerät ihm die Partitur gehörig aus den Fingern. Sein Spiel verliert sich in ein untransparentes und undifferenziertes Geklimper. Was ihm innert op. 2 noch so gut gelang, missglückt ihm in den folgenden vier Sonaten opp. 7 und 10 gänzlich. Das weihevolle Largo der D Dur Sonate wirkt oberflächlich. Mit dem Lüften altehrwürdiger Perücken hat das nicht mehr viel zu tun. Auch die weiteren Sonaten überzeugen nicht wirklich, obschon ihm mit seiner interessanten Interpretation der "Pathétique" oder der "Mondscheinsonate" durchaus ein Coup gelingt. Großes Lob verdient auch die Darbietung der "Pastoralsonate", die Referenzcharakter besitzt.
Radikale Andersartigkeit um jeden Preis? Nicht, wenn solch herrliche Sonaten wie die aus op. 30 jedweden Zusammenhang verlieren. Auch die vermeintlichen "Sonate facile" wirken uninspiriert und leidenschaftslos. Wo ist der Esprit hingegangen, der beispielsweise Guldas Mozart Einspielungen so schmückt? Freilich können auch hier wieder nicht alle Sonaten über einen Kamm geschoren werden, Guldas Interpretation der "Waldstein Sonate" ist durchaus gelungen und auch die "Appassionata" kann man sich anhören. Doch das Gros seiner Auslegung fällt weit hinter andere Pianisten ab.
Ob Gulda zu jung war, um die philosophischen Selbstgespräche Beethovens innerhalb seiner letzten, unerreichten Sonaten zu durchdringen, halte ich für unwahrscheinlich. Es liegt jedoch auf der Hand, dass er es über weite Strecken nicht vermag, die letzten Winkel dieser sublimen Kompositionen auszuleuchten. Während das majestätische Allegro der berühmt berüchtigten "Hammerklaviersonate" noch wohlgeordnet und erhebend dargeboten wird, entgleitet Gulda das wundervolle Adagio komplett aus den Händen. Die fein gewobenen, motivischen Linien innerhalb dieses Satzes bleiben unverbunden. Was macht Gulda nur aus der grandiosen Schlussfuge von op. 110? Eine Referenzeinspielung hingegen legt er mit seiner herausragenden Deutung von op. 111 vor, besonders der himmlischen Arietta. Als passionierter Jazzpianist erfasst er die jazzartigen Ausbrüche im Zentrum dieses Satzes haargenau und prickelnd wie kein anderer.

Als herausragender Konzertpianist nimmt es nicht Wunder, dass Gulda die fünf wunderbaren Klavierkonzerte Beethovens mit Bravour meistert. Ihm zur Seite stehen die brillant aufgelegten Wiener Philharmoniker unter der Leitung des weniger bekannten Horst Stein. Den jugendlichen Charme und Esprit der beiden frühen, virtuosen Konzerte erfassen die Akteure punktgenau. Noch nie zum Beispiel habe ich das recht unspektakuläre zweite Konzert fesselnder und zwingender erlebt. Das kraftvolle, rhythmische Dirigat Steins, seine farbenfrohe und kontrastreiche Nuancierung und Phrasierung sowie seine detailverliebten Akzente machen das dritte Konzert trotz des recht mäßigen Tempos, das er wählt, spannend und brillant.
Den hohen Anforderungen an den Pianisten ist Gulda freilich gewachsen. Durch seinen lyrischen und zugleich zupackenden Anschlag verschafft er sich genügend Freiraum, um die beiden letzten Konzerte zu seinen eigenen zu machen. Es gibt praktisch keine kraftvollere, dynamischere Darbietung des berühmten "Kaiserkonzertes".

Was bleibt? Eine durchwachsene, unreife Darbietung der Klaviersonaten mit einigen glanzvollen Ausnahmen, aber eine hervorragende, kongeniale und beseelte Aufnahme der Konzerte. Freilich wird diese Einspielung umstritten bleiben, bemerkenswert und mutig ist sie allemal...
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